Algorithmus

Instagram zu nutzen kann lustig sein, oder sehr nervig. Je nachdem….

Was immer gleich bleibt sind die Nutzer, die nicht verstanden haben, wie das Prinzip dahinter funktioniert. Das sind die, die unter Videos kommentieren, wie sch… sie das alles finden und warum ihnen dieser Mist ständig angezeigt wird, sie wollen das doch gar nicht sehen. Und immer darunter die unermüdlichen, die erklären wie das kommt: der Algorithmus funktioniert nun mal genau so. Er merkt sich, womit man interagiert hat und zeigt einem mehr davon. Wenn man das Video bis zum Ende anschaut, wenn man dann auch noch kommentiert – und das mit möglichst vielen Worten – dann schließt der Algorithmus daraus, dass er mit ähnlichen Beiträgen dafür sorgen kann, dass man noch mehr Zeit auf Instagram verbringt. So einfach ist das.

Und neulich fiel mir zum ersten Mal auf, dass Pferde auch so einen Algorithmus haben. Es geht nicht unbedingt darum, ob mir als Mensch ein Verhalten gefällt. Es geht oft nur darum, ob ich mit diesem Verhalten irgendwie interagiere. Und es wird noch verrückter: es geht noch nicht mal unbedingt darum, dass das Pferd sich mit meiner Reaktion wohler fühlt als vorher. Hauptsache es passiert was. Negative Aufmerksamkeit ist auch Aufmerksamkeit, sagt man. Und selbst wenn das Pferd sich nach der negativen Aufmerksamkeit schlechter fühlt als zuvor, gibt es doch irgendeinen Grund, das Verhalten zu wiederholen. Das geht nicht nur Pferden so, sondern auch uns Menschen. Das Problem dabei ist, dass es sich unserer Logik so sehr entzieht. Wir denken auf der logischen Ebene, wir könnten ein Verhalten abstellen, wenn wir es bestrafen. Kann man auch, aber dafür muss die Strafe oft sehr viel härter ausfallen, als wir Pferdefrauen uns das überhaupt vorstellen mögen. Mein E-Zaun braucht mindestens 2000Volt, besser 4000, um Duncan davon abzuhalten, hindurch zu marschieren und da ist mein Duncan noch absolut harmlos gegen andere Ponys. Und diese 2000 Volt halten ihn keineswegs davon ab, wieder und wieder das Risiko einzugehen, mit dem Zaun in Kontakt zu kommen. Das heißt ein Verhalten, dass mich nervt, könnte ich damit nicht wirklich abstellen. Und ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich fasse keinen Zaun an, von dem ich weiß, dass da 2000 Volt drauf sind…. Also bestrafen, wirklich effektiv bestrafen, ist für die meisten von uns (zum Glück) keine Option (außer natürlich in absoluten Ausnahmefällen in denen Leben oder Gesundheit von Pferd und Mensch akut auf dem Spiel stehen).

Was tun wir nun also, wenn wir ein Verhalten nicht mehr wollen? Immer mal wieder werde ich gefragt, ob es helfen würde, dieses oder jenes Verhalten einfach zu ignorieren. Ja würde es bestimmt, das Problem ist nur, dass wir das in aller Regel gar nicht können. Es hat mich etwas Zeit gekostet, das zu verstehen, aber wirkliches, echtes ignorieren ist uns fast gar nicht möglich. Und da Pferde so fein unsere Körpersprache lesen, sehen sie unsere Reaktion eben doch. Und die meisten wissen auch, wie sie Verhalten dann so steigern können, dass wir es nicht mehr ignorieren. Im Freedom Based Training, im Clickertraining und auch wenn wir anderweitig im Paddock mit den Pferden beisammen sind, können wir sozusagen aktiv ignorieren indem wir einfach weggehen – und zwar komplett, also hinter den Zaun, unantastbar sein. Es kostet etwas Umdenken, kommentarlos wegzugehen, wenn man ein Verhalten nicht mag, aber es ist sehr wirksam. In jedem anderen Training wird das so nicht gut funktionieren – wenn ich mit Duncan auf dem Reitplatz bin und einfach weggehe, wird er sich dem Gras am Rand widmen und hat eine gute Zeit.

Es braucht also stattdessen mehr positive Aufmerksamkeit. Verhalten, das mir nicht gefällt, versuche ich möglichst nicht zu „korrigieren“, sondern mit einem Verhalten, das mir gefällt, zu überspielen und zu ersetzen. Wie bei Instagram, wo ich nicht sage „ich möchte das nicht sehen“, sondern einfach jene Beiträge mehr like, mehr anschaue und mehr kommentiere, von denen ich mehr sehen möchte. Zur Not nehme ich da auch harmloses Zeug, was mich gar nicht so brennend interessiert, Hauptsache ich seh nicht mehr den Mist, den ich gar nicht will. Salopp gesagt lieber das 238561094. Katzenvideo als frauenfeindlicher Müll. Zumal Instagram vom Katzenvideo vielleicht eher zu etwas findet, was mich wirklich interessiert. Aber ich wollte ja über Pferde schreiben.

Eine Übung, die nicht gelungen ist, kann man einfach wiederholen, in den meisten Fällen muss man da gar nicht viel kommentieren. Bei Wiederholung kommt irgendwann eine bessere Version der Übung und der kann man dann die volle Aufmerksamkeit geben.

Aber am wichtigsten finde ich, sich das „nein“, „lass das doch mal“ und ähnliches abzugewöhnen. Denn das nützt überhaupt nichts. Jedes Verhalten, das ein Pferd zeigt, ist eine Botschaft an uns. Die gilt es zu hören und zu verstehen. Wenn ich mich selbst höre, wie ich schimpfe, weiß ich, dass ich einen besseren Plan brauche. Denn das Problem ist: mein Pferd kennt wahrscheinlich keinen besseren Plan. Sonst würde es sich nämlich so verhalten, dass es positive Aufmerksamkeit bekommt anstatt negativer. So einfach ist das – und so schwer. Weil die meisten von uns anders aufgewachsen sind und anders erzogen wurden. Den meisten von uns wurde immer wieder weisgemacht, man würde durch Kritik am meisten lernen. Ich bin keine Hirnforscherin und keine Expertin auf dem Gebiet, aber aus Erfahrung mit Pferden und mit meinen besten Lehrerinnen kann ich sagen: stimmt halt nicht. Man lernt am besten durch Lob und es ist meine Aufgabe, das Pferd in Situationen zu bringen, in denen ich positive Aufmerksamkeit geben kann. Für den Algorithmus.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 1. September 2025

Na das war mal ein Sonntagsausflug, der sich gewaschen hatte! Während Diego noch ein Nickerchen gemacht hat, hab ich schonmal den Heutank befüllt. Und dann ging es los mit der Wackelkiste.

Hm, war ich hier schon mal? Kommt mir wage bekannt vor irgendwie. Mein Mädchen meinte, wir wären an diesem Platz letztes Jahr einmal vorbeigeritten, aber geparkt hatten wir da noch nie. Naja, alsbald ging es auf Wege, die ich schon mal gesehen hatte, ist aber lange her. Und es war eine Menge los, viele Spaziergänger waren da. Zum Glück sind wir fix abgebogen auf einen Weg wo weniger los war. Der Mann hat vor uns eine Gruppe Spaziergänger gesehen, die Fotos gemacht haben. „Ihr müsst da doch alle zusammen drauf!“ hat er gesagt und sich das Handy geben lassen. Schön von Diegos hohem Rücken herab fotografiert. Zum Dank haben die Spaziergänger dann uns fotografiert. Und nach unseren Namen gefragt. „Sir Duncan“ sagt mein Mädchen und der Mann ergänzt „schottischer Hochadel“. Aber bevor ich mich noch im Lichte dieser Beschreibung sonnen kann, schaut mein Mädchen so auf den großen Diego neben mir uns sagt „naja, ob 1,40m Hochadel ist? Vielleicht eher Kleinadel…“ So mein Mädchen und jetzt kannst du mal wirklich froh sein, dass ich so ein verdammt netter Kerl bin! Für den Spruch hättest du es wirklich verdient, mal im Dreck zu landen, damit du mal schnallst, wie hoch 1,40m ist! Aber ihr kennt mich: ich habe diese Beleidigung ritterlich weggesteckt. Pah! Warum bin ich bloß so duldsam?

Nachdem das erledigt war, ging es dann richtig los. Auf dem Sandweg durch die Heidelandschaft, dann ein Stück Plattenweg, ein erster kleiner Trab. Und dann auf den schönen Grasweg. Keine Spaziergänger in Sicht, also im Trab voran, Diego vorneweg. Und da zahlt sich das mit dem Kutsche fahren jetzt aus: er kann jetzt ganz fein gleichmäßig durchtraben! Das passte mir und meinem Mädchen sehr gut in den Kram.

Später kamen wir dann an die fiese Schotterstrecke. Mein Mädchen hatte vergessen wie fies der Schotter ist, und mir keine Schuhe angezogen. Aber sie hatte die Schuhe vorsichtshalber mitgenommen und also konnte sie mir die schnell anziehen. Sehr gut, sonst wäre das doch arg unbequem geworden muss ich sagen. Ein Stück weiter haben die Menschen leckere Brombeeren entdeckt, die sie von unseren Rücken aus pflücken konnten. Mein Mädchen hat mir auch eine gegeben, aber ich hab eher Blätter genascht.

Und so ging es immer weiter, viel Schritt, gelegentlich etwas Trab, noch ein kleiner Galopp. Weiter und weiter und weiter. Mir wurde schon ganz hungrig zumute als der Mann endlich meinte, es sei Zeit für eine schöne Graspause. Oh ja bitte! Da hatten wir schon 12km auf der Uhr. Die Graspause war natürlich zu kurz. Diego war fit wie ein Turnschuh – dieses verdammte Kutschentraining fällt mir doch noch auf die Füße! – und wollte weiter. Noch 5km bis zur Wackelkiste. Mein Mädchen wollte noch Achterbahn fahren. Da ist nämlich so eine Wellenstrecke, die wollte sie gerne galoppieren. Das geht immer zwei Galoppsprünge rauf, zwei Galoppsprünge runter. Rauf, runter, rauf, runter.

Sie wollte mitten durch diese Lunken, ich hab aber lieber den rechten Rand genommen wo es nicht so viel rauf und runter geht. Und sie hat mir freundlicherweise die Wahl gelassen und sich Mühe gegeben, mich nicht zu stören. Ich war schon etwas ermattet, diesen Sommer ging es mit unserem Training nicht so recht voran und das zeigt sich jetzt! Trotzdem bin ich natürlich durchgaloppiert und am Ende haben wir auf Diego gewartet. Gegen Ende war ich ziemlich kopfmüde, muss ich gestehen. Wollte einfach nur noch hinter Diego her laufen und nicht mehr denken, bitte. Als mein Mädchen für die letzten Meter abgestiegen ist, durfte ich mich hinter ihr einparken und die Verantwortung komplett an sie abgeben. Schließlich hatte ich sie kilometerweit getragen, da hat sie eingesehen, dass ich mir Ruhe verdient hatte.

Nach 17km in 3 Stunden waren wir wieder an der Wackelkiste. Uff. Aber schön war das trotzdem! Mein Mädchen möchte diese Runde nochmal anders anlegen, so dass wir hoffentlich weniger Schotter haben. Eventuell machen wir da alsbald nochmal einen Testritt, sagt sie, mit Weg-Erkundung.

Zu hause haben wir uns noch eine Dusche gegönnt und eine anschließende Panade für den Wohlfühlfaktor, dann natürlich eine schöne große Portion Futter für alle.

Meine neuen Schuhe haben schon wieder den Galopp gut ausgehalten, das lässt doch hoffen. Natürlich gibt es da auch wie immer noch Verbesserungswünsche, aber erstmal sieht es doch ganz vielversprechend aus.

Heute habe ich frei, Montagsausflug fällt aus. Also verbummel ich den Tag und suche nach ersten Eicheln, da fallen doch wirklich schon welche runter (was mein Mädchen schon wieder leicht nervös macht).

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Energieniveau

Vieles an dem, was Pferde tun, fasziniert mich. Eins erstaunt mich in letzter Zeit immer wieder ganz besonders:

Wir erwarten ständig, dass die Pferde ein von uns gewünschtes Energieniveau haben. Sie sollen ruhig und entspannt sein, während wir sie putzen und satteln, aber schon 20 Minuten später sollen sie munter vorwärts galoppieren. Sie sollen fröhlich voran marschieren während wir bequem im Sattel sitzen, aber wenn ein Kind oder Anfänger reitet, sollen sie langsam machen und lieber stehenbleiben anstatt zu viel vorwärts anzubieten. Im Anhänger sollen sie ruhig sein, egal was draußen passiert, aber kurz danach sollen sie einen Sprung anziehen und ohne zögern überwinden. Und das alles völlig unabhängig davon, wie sie ihren eigenen Tag hätten gestalten wollen, ob sie gut geschlafen haben, gerade lieber fressen oder verdauen würden oder ob es Streit in der Herde gab.  

Es ist in meinen Augen höchst erstaunlich, dass das überhaupt klappt. Ein wichtiger Faktor dabei sind sogenannte Anker. Das Gehirn verknüpft Situationen mit bestimmten Stimmungen. Viele Menschen kennen zum Beispiel das Gefühl, dass sie müde werden, sobald sie sich aufs Sofa gesetzt haben. Egal wie viel Energie vorher noch da war, das Gehirn hat gelernt: Sofa= Entspannung. Umgekehrt kann man sich noch so müde zum Sport schleppen, an irgendeinem Punkt merkt das Gehirn: geht los! Und stellt doch nochmal etwas Energie zur Verfügung.

Mit einem meiner Kundenpferde, der teilweise so gestresst war, dass man ihn kaum noch zum Reitplatz führen konnte, habe ich einzige und allein daran gearbeitet, den Reitplatz als Ort der Entspannung wahrzunehmen. Als dann durch eine Eingliederung in der Herde viel Stress war, konnten wir mit ihm auf den Reitplatz gehen, wo er sofort entspannte und zur Ruhe kam.

Und langsam merke ich, dass auch Duncan das inzwischen so kann: Am Putzplatz angebunden stehen heißt dösen, es gibt nichts zu tun. Im Gelände Schritt reiten heißt ruhig unterwegs zu sein. Aber sobald es in den Trab geht, ist alle Energie da. Das ist manchmal irritierend für mich, denn er kann im Schritt fast schläfrig und desinteressiert wirken, besonders dann, wenn ich absteige und zu Fuß gehe. Also stelle ich mich auf eine ruhige Tour ein, aber sobald wir traben und der „Dieselmotor“ warmgelaufen ist, steht fast unbegrenzt Energie zur Verfügung – bis zur nächsten Schrittpause. Nur bei reinen Schrittausritten steigert er die Energie irgendwann – ich vermute, weil er es unverschämt findet, wenn wir nur Schritt reiten. Das macht in seinen Augen nämlich keinen Sinn.

Und wehe wir verankern Dinge aus Versehen falsch: Stoppelfeld = wilder Galopp. Oder Schritt = alle Körperspannung loslassen. Longe = ausbuckeln. Alles keine klugen Assoziationen.

Es gilt also, gut zu beobachten, was womit verknüpft wird.

Aber auch im Verlauf der Jahreszeiten erwarten wir oft, dass unser Pferd sich bitte an das anpassen soll, was WIR möchten. So wollen wir häufig die Sommersaison nutzen für größere Events, ob es nun Kurse, Distanz- oder Wanderritte, Turniere oder gemeinsame Urlaube sind.

Viele Pferde – ganz besonders die Nordtypen wie wir sie haben – halten aber eher sowas wie „Sommerschlaf“. Sie finden es oft zu warm und wollen eigentlich zwischen fressen und verdauen gar nicht sooo viel unternehmen. Wenn es aber wieder kalt und windig wird, dann haben sie endlos Energie. Mein Merlin war immer ab 5° abwärts am besten zu reiten, da wurde er richtig wach und hatte Lust. Und darüber, was Duncan sich so als Winterprogramm vorstellt, möchte ich lieber gar nicht nachdenken…

Wir können das oft nicht ändern. Aber wir können es mal wahrnehmen und anerkennen. Und dann so weit wie möglich verbessern. Vorhersehbar zu werden, kann schon viel helfen. Wenn unsere Pferde schon an der Ausrüstung oder unserer Stimmung ablesen können, wie viel Energie gleich gefragt ist, können sie sich leichter anpassen. Und wenn sie es nicht können, brauchen wir vielleicht mal Plan B und müssen uns an sie anpassen – so herum oder anders herum.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 26. August 2025

Montagsausflug!

Diesmal sind wir direkt beim Ausreitkumpel gestartet, ohne gemeinsame Wackelkistenfahrt. Bei ihm ist so ein Hofplatz, wo mein Mädchen mich sattelt. Und ich sage euch: jedes Mal liegt da was leckeres zu Essen auf dem Boden! Mal ein Blatt, mal ein Hälmchen Gras und gestern ein paar früh abgestürzte Eicheln. Da schaltet sich direkt mein Futtersuch-Gen ein und ich MUSS das einfach essen. Warum versteht mein Mädchen das denn nicht? Ich bin Schotte und es geht auf den Winter zu, da muss jede Kalorie gefunden und gespeichert werden! Angeblich füttert sie uns ja den ganzen Winter, aber man muss doch für Notzeiten vorsorgen! Nein, war wieder nicht erlaubt. Menno.

Als wir fertig waren mit satteln, ging es los. Die Wege dort kennen wir ja alle gut. Erst zu Fuß das Stückchen durch den Ort, dann aufsteigen und antraben. Ich war ohne Hufschuhe unterwegs und musste also immer auf dem Grünstreifen am Rand laufen – zumindest möchte mein Mädchen das so. Ich wäre an einigen Stellen lieber über den Asphalt geschreddert, der ist so schön eben. Aber sie findet das blöd und dann diskutieren wir ein bisschen rum. Naja, die meiste Zeit ist der Grünstreifen eh sehr bequem und ich laufe sowieso dort.

Nach einer kleinen Weile kamen wir an die Bahnschienen. Hier war ich lange nicht! Die sehen ja schon etwas komisch aus, diese Dinger! Ganz geheuer war mir das ja nicht. Aber ich bin trotzdem mutig rüber marschiert. Dann kamen die schönen Wege. Aber erst kam ein Stoppelfeld! Und das wurde nun unser allererstes Stoppelfeld auf dem wir je geritten sind, mein Mädchen und ich. Ist aber auch nicht anders als auf den Wegen, weil ich trotzdem zuhören muss. Der Ausreitkumpel vorneweg und dann haben wir geübt, mein Mädchen und ich: ich darf erst angaloppieren wenn sie es erlaubt (sie erlaubt es immer zu spät!), ich darf nur so schnell galoppieren wie sie erlaubt (sie erlaubt es nie schnell genug, aber dazu gleich noch mehr) und ich muss durchparieren wenn sie es sagt, selbst wenn der Ausreitkumpel noch im Galopp ist (DAS ist eine Unverschämtheit!). Ich bin ja jetzt 7 Jahre alt und wohne seit 6 Jahren bei meinem Mädchen. Und wenn ich eins kapiert habe, dann ist es das: wenn ich auf das höre was mein Mädchen sagt, kann ich mir gaaaaaaanz langsam mit unendlicher Geduld das eine oder andere klitzekleine Privileg erarbeiten und kriege bei seltenen Gelegenheiten auch mal meinen Willen. Wenn ich NICHT tue was sie sagt…. Ach lassen wir das. Also hab ich mitgespielt. Manchmal unter Protest, aber ich hab es gemacht.

Als wir vom Stoppelfeld runter waren, kam der schöne Grasweg, da durfte ich vorneweg galoppieren. Mein Mädchen arbeitet jetzt an der Geschwindigkeit meines Galopps. An beiden Enden. Schnell galoppieren kann ich ja schon, da übt sie, sich das zu trauen und es mir zu erlauben. Allerdings nie so schnell wie ich will und könnte, sondern eben nur so schnell wie SIE sich das traut. Und wir wissen alle: sie traut sich nicht viel. Aber immerhin, sie gibt sich Mühe. Wenn ich dann Gas gegeben habe, dann sagt sie „laaaaangsam“ und setzt sich bisschen rein. Dann soll ich langsamer werden und da lässt sie mir auch keinen Diskussionspielraum. Sie sagt, ich darf nur dann schnell machen, wenn die Bremse bedingungslos funktioniert. Ach Mädchen! Wer bremst, verliert! Aber das kennen wir ja schon.

Nach ein paar solchen Wechseln war der Weg zu Ende und wir haben erstmal auf den Ausreitkumpel gewartet. Der hatte seine Zeit wohl mit Diskutieren verplempert. Aber sein Mädchen wollte auch voll das komplizierte Zeug von ihm, hat er gesagt.

Dann ging es auf den Rückweg und als wir wieder auf dem Stoppelfeld waren, durfte ich sogar ganz gesittet den Ausreitkumpel überholen und nochmal schneller werden. Dann natürlich wieder die Bremse! Und nochmal schneller. Die App hat nachher gesagt, meine Höchstgeschwindigkeit wäre 31,5km/h gewesen. Beim letzten Ausritt waren es 28,5 km/h. Mein Mädchen weiß nicht, wie genau das ist, aber sie sagt, es könnte gut sein und auf jeden Fall hat sie sich schneller getraut als letztes Mal. Ich könnte ja noch ein bisschen mehr…. Naja, noch weitere Jahre der Geduld, vielleicht darf ich dann mal zeigen, was in mir steckt.

Schwupps, schon waren wir wieder am Bahnübergang. Mutig rauf auf die komischen Schienen, plötzlich macht es „pong….pong….pong“ und die Mädchen haben sich so doll erschreckt! Haben uns gesagt, JETZT wäre die Zeit, ein bisschen schneller zu machen! Haben wir dann auch. Schnell rüber über die Schienen. Keks! Und schon ging auch die Schranke runter. Als der Zug kam, hab ich mich kurz erschreckt, ich bin ein bisschen aus der Übung mit all diesen Sachen. Aber mein Mädchen war schon abgestiegen und hat mir einen Keks serviert, dann ging es schon. Zum Glück war es einer von den ganz kurzen Zügen, nicht einer von diesen elendig langen, die nie wieder aufhören.

Auf dem Rückweg noch eine letzte Übung: der Ausreitkumpel trabt vor, ich soll im Schritt bleiben. Warum denn? Weil der Ausreitkumpel noch einen kleinen Abstecher gemacht hat. Da ist so ein Hügel im Wald, da sollte er für sein Po-Training zweimal rauf und runter turnen. Ich hatte aber am Sonntag genug Po-Training, fand mein Mädchen, deswegen haben wir da nicht mitgemacht. So haben wir ihn entspannt im Schritt eingeholt.

Ab nach hause! Mein Abhörgerät war zwischendurch ausgefallen aber dann wieder angegangen (als ich genug geschwitzt hatte) und zeigte bei der Rückkehr einen Puls von 46. Da wusste mein Mädchen, dass ich die 9,9km in 1Std20 nicht als Anstrengung verbuche. Langsam dämmert ihr diesbezüglich etwas…..

Euer fitter Sir Duncan Dhu of Nakel der gerne mal wirklich schnell galoppieren würde!

P.S. kein Foto wegen Geschwindigkeit und so

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 25. August 2025

Geburtstaaaaaag! Gestern bin ich stolze 7 Jahre alt geworden! Und wie versprochen haben wir einen tollen Geburtstagsausflug gemacht!

Rein in die Wackelkiste und eine ganze Zeit lang wackeln (und währenddessen den Heutank befüllen, man weiß ja nie!)

Raus kamen wir auf einem Waldparkplatz wo wir noch nie waren. Erstmal umschauen! Dann an die Wackelkiste anbinden.

Radfahrer! Und satteln. Radfahrer! Und Decke rauf. Oh, was kommt denn da? Eine winzige Kutsche vor der ein winziges Pony lief und nebendran lief noch ein zweites winziges Pony am Strick mit! Das war faszinierend. Aber ich hab trotzdem stillgestanden, das fand mein Mädchen gut. Die Frau auf der Kutsche sah mein Mädchen mit der Zebradecke hantieren und sagte „keine Fliegen heute!“ Oh das klingt gut. Radfahrer! Und weiter ging es im Text mit trensen – Radfahrer! – und dann noch Handschuhe suchen – Radfahrer! – Helm aufsetzen – oh, Reiter! Die grüßten mit „kaum Fliegen heute!“, ist das wohl der neue Reitergruß? – noch schnell alles einpacken – noch mehr Reiter!  Also da war vielleicht was los! Ich war etwas aufgekratzt (habe mich aber natürlich trotzdem tadellos benommen, was mein Mädchen auch sehr gelobt hat).

Dann zu Fuß los. In welche Richtung müssen wir denn eigentlich? Oh, in die andere. Na dann gleich mal umdrehen. Radfahrer! Einen schönen Weg entlang an Pferdekoppeln vorbei – Radfahrer!. Erstmal pieschen. Spaziergänger mit Hund! Also wirklich, hier kommt man ja gar nicht zur Ruhe. Aber mein Mädchen war guter Dinge, dass sich das noch ändern wird.

Schließlich sind die Menschen aufgestiegen. Der Weg ging wunderschön am See entlang und nach weiteren 23857023 Radfahrern – die ALLE nett waren und gegrüßt haben – und 2387 Hunden, die auch alle nett waren und gewartet haben während wir vorbei gegangen sind wurde es dann wirklich ruhiger. Nur ein Radfahrer, der hat mein Mädchen von den Socken gehauen. Als ich in meiner Vollverkleidung mit Zebradecke und Fliegenmaske an ihm vorbeimarschierte sagte er nämlich „schottisches Highlandpony?“ Da waren wir baff. Woher weiß er das? Tja, er hat selbst eins, eine ältere Dame namens Tessa. Sieh mal an, sowas ist uns ja noch nie passiert!

Schließlich sind wir noch an ein paar Häusern vorbeigekommen und dann in den Wald abgebogen und da war niemand mehr. Nur eine Kombi aus allem dreien ist uns noch begegnet: eine Reiterin in Begleitung von einem Mann auf einem Fahrrad der einen Hund an der Leine hatte!

Aber dann waren wir unter uns und sind munter losgetrabt. Diego tut das Training vor der Kutsche wirklich gut, der hat jetzt mehr Durchhaltevermögen und hat sich nicht lumpen lassen. Der Weg ging immer bisschen rauf und bisschen runter, das war lustig und mein Mädchen meinte, das gibt einen schönen Po. Bitte? Wir haben doch schön so schöne Pos, Diego und ich! Aber vielleicht meinte sie ihren eigenen?

So ein schöner Wald!

Wenn Diego vorn war und ordentlich Tempo vorgelegt hat, war mir nach Galopp. Nun kenne ich ja diese Diskussion. Habe mir dann was Neues ausgedacht und so einen Schneckengalopp angeboten. Eher so einen Mix aus Trab und Galopp. So konnte ich etwas Boden gutmachen, ohne Ärger von oben zu bekommen. Mein Mädchen fand diese Lösung recht smart. Aber als es dann mal ein paar Meter wirklich bergab ging und Diego noch schneller wurde, da war ich doch der Meinung, ich könnte mich hier kurz einfach „runterrollen“ lassen. So machen wir das zu hause auf unserem Rundlauf schließlich auch! Mädchen! Geh von der Bremse! Aber da war nicht zu verhandeln. Trab sollte es sein und auch bleiben. Schade! Noch ein kurzer, aber steiler Anstieg, da durften wir dann mal ordentlich galoppieren und Diego hat gezeigt, was ihn ihm steckt (ich hab trotzdem überholt und wenn mein Mädchen von der Bremse gegangen wäre, hätte das auch ganz anders ausgesehen!) und dann fand sich oben eine schöne Stelle für eine Graspause. Da wuchsen leckere Brombeeren, da hab ich mich an den Blättern ordentlich bedient, das fand ich fast leckerer als das Gras.

Lecker Brombeerblätter

Die Menschen sind dann ein Stück zu Fuß gegangen als Pause für uns, nachdem wir schon so fleißig gewesen waren.

Nach einer Weile sind sie wieder aufgestiegen und wir hatten noch gute 3km vor uns, das sollte ja ein Kinderspiel sein. Also sagen wir, es wäre eins gewesen, wenn man nicht einige Wege gesperrt hätte und einige andere neu aufgeschüttet, so dass die gar nicht schön waren. Also haben die Menschen eine Alternativroute gesucht und es fand sich ein wunderschöner Grasweg. Der wurde allerdings immer schmaler und schmaler, bis es nur noch ein klitzekleiner Trampelpfad war und dann hörte er einfach auf. Aber das Handy von meinem Mädchen hat immerzu gesagt, dass der Weg, den wir suchen, ganz nah vor uns ist und so haben wir uns einfach so den Berg hochgearbeitet, ganz vorsichtig durch Holz und Büsche. Mein Mädchen war begeistert, wie umsichtig ich das gemacht habe, ganz konzentriert und in Ruhe. Kann ich doch! Und während sie noch gebetet hat, dass wir das nicht wieder runter klettern müssen, war da plötzlich unser Weg! Und dann waren wir auch schon fast wieder an der Wackelkiste. Noch eine schöne Graspause, weil das da so lecker aussah und dann ging es wieder nach hause.

Ach, das war ein toller Ausflug! Aber zwei Anmerkungen habe ich zu machen: 1. 11,9km sind nicht mehr so weit wie sie mal waren, auch nicht bergauf, bergab durch fremdes Gelände. 2. Es war zu wenig Galopp. Da wäre schon noch was gegangen, finde ich! Aber meine Vorschläge wurden alle abgelehnt. Pah! Naja, jetzt habe ich gute Vorsätze fürs neue Lebensjahr, denn das muss ich mit meinem Mädchen klären! Sie meinte ja, mit 7 Jahren könnte ich doch wohl mal vernünftig werden, aber ich bin doch schon total vernünftig. Und auf der Bremse stehen, wenn man grad so schön in Schwung ist, ist nicht vernünftig, also frage ich mich, ob nicht eher SIE es ist, die Vernunft annehmen sollte! Na, das diskutieren wir noch.

Heute geht es mit dem Ausreitkumpel los, da sollte mehr Galopp drin sein, hoffe ich.

Gestern abend kam dann noch unsere Haus- und Hof-Schneiderin vorbei, die hatte was Schönes für Diegos Geschirr geschneidert. Und mir hat sie Geburtstagsmöhren vorbeigebracht! Die habe ich natürlich mit Begeisterung weggeknabbert.

Eine Party für meine Freunde machen wir heute wohl noch, gestern war einfach zu viel anderes. Man kann so einen Geburtstag ruhig auf 2 Tage verteilen!

Euer 7 Jahre alter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 22. August 2025

Nach unserem schönen, flotten Ausritt am Montag hatte ich erstmal frei. Mein Mädchen war viel unterwegs und hatte keine Energie mehr übrig für mich.

Am Donnerstag kam dann meine winzig kleine Freundin wieder mal, die hab ich ein paar Wochen nicht gesehen. Sie hat immer noch ein bisschen Angst vor mir – obwohl ich doch so ein Guter bin! – also hatte mein Mädchen sich ein Spiel überlegt. Meine kleine Freundin steht auf einem Hocker in der Mitte vom Reitplatz und mein Mädchen longiert mich um sie herum. Auf dem Boden lagen bunte Hütchenkreise in verschiedenen Abständen und meine winzige Freundin hat immer angesagt, welche Kreisfarbe ich laufen soll. Als das im Schritt gut geklappt hat, hat mein Mädchen einen kleinen Trab vorgeschlagen. Meine winzige Freundin hat mich genau beobachtet. Sie wusste immer, wann ich trabe und wann ich Schritt gehe, aber woher sie das weiß, konnte sie nicht sagen. Mein Mädchen hat ihr dann erklärt, dass das an der Art liegt, wie ich meine Beine sortiere. Ich als Pony darf da nicht zu viel drüber nachdenken, sonst geht es mir nachher wie dem Tausendfüßler, der plötzlich nicht mehr tanzen konnte, weil er darüber nachgedacht hat, wie er seine tausend Füße sortieren muss! Nein nein das ist nicht gut. Aber meine winzige Freundin hat konzentriert auf meine Beine gestarrt. Dann hat mein Mädchen mich galoppieren lassen – einmal links herum und einmal rechts herum. Ob meine winzige Freundin wohl etwas bemerkt hat? Nein, hatte sie nicht. Da hatte mein Mädchen eine Idee und hat mir ihr eigenes Halstuch um mein rechtes Vorderbein gewickelt. So sehen meine Beine unterschiedlich aus. Dann hat sie mich wieder galoppieren lassen, einmal links herum und einmal rechts herum. Und da hat meine winzige Freundin herausgefunden, dass mein rechtes Vorderbein weiter vor geht, wenn ich rechts herum galoppiere. Und wenn ich linksherum galoppiere, geht mein linkes Vorderbein weiter vor. Das fand sie sehr interessant. Ich hab mich erinnert, dass ich das auch erst lernen musste, als ich noch kleiner war. Da hab ich manchmal doch den anderen Galopp erwischt, aber damit ist die Kurvenlage halt echt schwierig. Rechts galoppieren und dabei links um die Kurve haut echt nicht gut hin.

Rechts sieht jetzt anders aus als links
Meine winzige Freundin hat genau hingeschaut

Schließlich, als sie meine Beine genug bestaunt hatte, wollte meine winzige Freundin noch aufsteigen. Hat sie sich auch getraut! Mein Mädchen hat mich geführt, meine winzige Freundin saß auf meinem Rücken und durfte das Tempo bestimmen. Langsamer Schritt oder mittlerer Schritt. Mal so, mal so.

Als die Reitstunde zu Ende war, hat meine winzige Freundin mir netterweise eine Schafgarbe gepflückt. Die ist so lang, dass ich sie vorsichtig mit meinen Lippen greifen kann, während sie das andere Ende hält. Und ich esse sehr gern Schafgarbe. Danke, winzige Freundin!

Aber damit war der Tag noch nicht zu Ende. Abends kam noch Besuch! Nämlich das Mädchen von Herrn Fjord. Die gibt auch Unterricht – so wie mein Mädchen – und die beiden haben beschlossen, sich mal auszutauschen über die Reiterei. Mein Mädchen ist mich geritten und das Mädchen von Herrn Fjord hat uns Unterricht gegeben. Die macht ein paar Sachen ein bisschen anders, aber sehr viel anders ist es nicht. Ich bin schön gelaufen und mein Mädchen war hoch zufrieden mit mir. Jetzt haben wir ein paar neue Ideen, was wir mal so ein bisschen anders ausprobieren können.

Am Sonntag habe ich Geburtstag und werde 7 Jahre alt, da hat mein Mädchen einen schönen Ausflug geplant, sagt sie. Bin schon sehr gespannt was wir wohl unternehmen werden! 

Euer Sir Duncan dhu of Nakel mit den 4 gut sortierten Beinen

Seine Wahl, meine Wahl, unsere Wahl

Mein Pony hat selten die Wahl. Er lebt, wenn wir es ehrlich betrachten, bei mir in Gefangenschaft. Jeder Mensch, der sich ein Tier hält, sollte sich das mal eingestehen und sich überlegen, ob das ok ist, was er da tut.

Ich bin für mich persönlich (!) zu dem Schluss gekommen, dass das unter bestimmten Umständen ok ist und ich meinem Pony im Gegenzug eine Menge zu bieten habe (nämlich vor allem ein Luxus-Leben mit immer genug Futter und Wasser, tierärztlicher Versorgung und Heucob-„Rente“, die bedeutet, dass er deutlich länger Leben kann als die Zähne es zulassen würden).

Aber zu einem Leben in Gefangenschaft gehört auch immer Beschäftigung in irgendeiner Form. Unser Paddock mag schön sein, aber er ist viel zu langweilig, um sein Leben darin zu fristen. Und hier kommt die Wahlfreiheit ins Spiel. Traditionell sind die meisten von uns damit aufgewachsen, dass wir mit dem Pferd machen, was WIR wollen. Wir haben einen Plan, gehen damit zum Pferd und stülpen den Plan übers Pferd. In meiner Lebensrealität ist das auch oft nicht so einfach zu ändern. Bin ich zum ausreiten verabredet, dann steht da eine Uhrzeit im Kalender. Habe ich noch andere Termine und nur JETZT Zeit zum Reiten, dann steht für mich das Fitness-Training meines Ponys oft über seinem persönlichen Zeitplan. Duncan akzeptiert das in der Regel so und macht mit, was ich ansage. Wenn ich mit dem Halfter komme, bewegt er sich eigentlich immer auf mich zu.

Aber neulich sagte mein Pony plötzlich „nein“. Sieht mich mit dem Halfter kommen, schaut mich an, dreht sich um und geht weg. Da bin ich dann schon mal erschüttert und besorgt – und ich lasse ihn in Ruhe. Eine Stunde später kam er wieder ganz normal. Da er nach einer Stunde am Heunetz wieder ansprechbar war, denke ich, er hatte einfach Hunger. Ich hatte an diesem Tag die Möglichkeit, ihm die Wahl zu lassen und also habe ich sein Nein akzeptiert. Wenn sich meine Hunger-Theorie bestätigt, kann ich das nein in Zukunft leicht vermeiden indem ich dafür sorge, dass er vorher Heu hat.

An anderen Stellen ist es ganz leicht, mit seinem Nein umzugehen. Ich habe das für mich zum Beispiel beim abspritzen beschlossen. Wenn es medizinisch notwendig sein sollte (z.B. als er Fieber hatte und wir ihn kühlen sollten), dann wird er abgespritzt, egal ob er da gerade Lust drauf hat (Keksrate muss halt stimmen). Aber wenn es nur darum geht, ihm eine Erfrischung nach dem Sport zu gönnen, dann soll es ja etwas Angenehmes sein. Wenn er dann also einen Schritt zur Seite geht, dem Wasserstrahl ausweicht, dann höre ich auf. Und das kommt vor, wenn ihm dann anscheinend nicht heiß genug ist für eine kalte Dusche. Es ist ja nicht mein Körper, was weiß ich, wie er sich fühlt?  Oft möchte er auch nur Rumpf und Beine gekühlt haben, findet Hals aber blöd. Oder er findet es unter der Mähne blöd. Und dann sehe ich keinen Grund, meinen Plan durchzusetzen. Ich weiß, dass ich zur Not, wenn es wirklich wichtig ist, ihn dazu bewegen kann, mitzumachen. Das reicht, der Rest ist Wellness.

Auch beim Einsprühen hat Duncan ein Wörtchen mitzureden. Er ist – wie ich – wählerisch bei den Gerüchen. Wenn ein Mähnen- oder Fliegenspray ihn offensichtlich anwidert, nehme ich eben etwas anderes.

Und damals, als zum ersten Mal seine kleine Freundin kam, da hatte er auch eine Wahl. Ich hatte damals gesagt, wir machen nur dann Kinder-Unterricht, wenn er einverstanden ist. Nach dem ersten Treffen wusste er ja, was da auf ihn zu kommt und so war ich sehr gespannt auf den zweiten Termin. Das Mädchen ging in den Stall und stand gedankenversunken mit dem Halfter in der Hand – sie überlegte, wie das Halfter aufs Pony gehört. Da ging Duncan zu ihr hin und schob seine Nase ins Halfter. Und ich wusste: obwohl es sehr anstrengend für ihn gewesen war, findet er Kinder-Unterricht völlig ok.

Einmal keine Lust haben darf natürlich jeder. Ein einmaliges Verhalten lässt mich zwar aufhorchen, aber noch keine Entscheidung treffen. Erst wenn ich ein Muster sehe, versuche ich, Lösungen zu finden.

Neulich beim Montagsausflug habe ich mal wieder meinen kleinen Ausreit-Test gestartet. Wir waren eine lange Strecke geradeaus, dann einen kleinen Kringel geritten und wollten jetzt rechtsherum auf demselben Weg wieder zurückreiten. Duncan ist diese Runde bereits zweimal gelaufen, er kennt den Weg mit Sicherheit, zumal er das Gelände dort auch gut kennt. Als wir im Trab am langen Zügel an die Kreuzung kamen, habe ich ihn mal machen lassen. Anstatt rechts Richtung Anhänger trabte er zielsicher linksherum (ich habe ihn dann gewendet, aber bei nächster Gelegenheit wollen wir dann den Kringel einfach nochmal reiten). Dieses Verhalten kenne ich von ihm, er wollte schon öfter nicht nach hause. Aber es gibt auch die anderen Tage, an denen er durchaus nach hause will. Vielleicht kann ich irgendwann vorhersagen, was für ein Tag heute ist, im Moment weiß ich das nicht.

An einer anderen Stelle konnte ich ihm am Montag mehr Wahl lassen: bei der Gangart. Wenn er so freundlich und kommunikativ ist und nicht einfach irgendwas macht, bin ich ja gern bereit, ihm entgegenzukommen. Dann kann er auch nach Herzenslust galoppieren und wenn er meint es reicht jetzt, darf er auch aufhören. Damit ich trotzdem weiter etablieren kann, dass er zuhören soll, erwarte ich, dass er seine Übergänge anfragt und dann auf meine Hilfe wartet. Wenn er nett fragt, erfülle ich seine Wünsche nach wenigen Sekunden. Wenn er unhöflich ist, warte ich etwas länger mit der Wunscherfüllung oder verweigere sie auch mal. So kann ich mir ein höfliches Pferd ausbilden und ihm trotzdem eine Wahl lassen. Setzt natürlich voraus, dass ich seine Fragen „höre“ (also fühle).

Auf manche Privilegien besteht Duncan mit Nachdruck. Unterwegs zu förstern ist für ihn ein must-have. Ja, sicher könnte ich ihm das komplett abgewöhnen, wenn ich furchtbar viel Arbeit und Aufmerksamkeit investieren würde. Stattdessen haben wir einen für uns guten Kompromiss gefunden: nicht anhalten zum fressen und wenn ich sage, dass DIESE Pflanze nicht angerührt wird, dann wird darum auch nicht diskutiert. Soll heißen: wenn ich die Zügel annehme, wird nicht dagegen gezogen. Ist der Zügel aber lang, darf er sich mal einen Happen nehmen. Ich finde das in Ordnung so, für uns (!) funktioniert das gut.

Oft fragt Duncan im Gelände auch, ob wir nicht mal diesen oder jenen Weg anschauen könnten. Bisher habe ich nach einem Blick auf die Karte immer nein gesagt, aber selbst wenn es sich um Sackgassen handelt, könnte man da ja mal rein reiten, das werde ich mal machen. Neulich haben Arnulf und ich an einer Stelle die Ponys gefragt, wo sie lang wollen. Sie standen und haben keinen Huf bewegt, aber beide nach links (Richtung Anhänger) geschaut, was wir dann als klares Votum genommen haben.

Das meiste bestimme aber eben immer noch ich. Ich wüsste auch nicht, wie ich Duncan vorab fragen soll, in welches Ausreitgelände wir fahren wollen oder wann es ihm heute passt für eine Platz-Einheit.

Im Freedom Based Training wendet sich das Blatt dann ins Gegenteil und das ist einer der Gründe, weshalb ich es so wichtig finde für unsere Beziehung. Hier bestimmt er alles. Ich bin nur da und mache mit, was er machen möchte. Oder, wenn es mir gar nicht gefällt, mache ich kurz mal nicht mit, aber ohne ihn direkt zu beeinflussen. Die meiste Zeit sind wir einfach zusammen bei dem, was er gerade so tut. Ein- oder zweimal hat er schon gezielt mit mir darüber kommuniziert, ob ich wohl mitkomme, wenn er jetzt auf den Rundlauf geht. Und ein- oder zweimal hat er auch schon Vorschläge von mir angenommen. Und genauso oft hat er meine Vorschläge ignoriert und ich habe mich stattdessen ihm angepasst. Es gibt mir ein gutes Gefühl, dass wir auch mal diese Zeit miteinander verbringen und ich bin sicher, dass er das auch zu schätzen weiß.

Insgesamt habe ich da ja einen sehr pflegeleichten Charakter erwischt, denn Duncan findet an fast allem Freude, was man so gemeinsam unternehmen kann. Vor allem, wenn es genug Abwechslung gibt. Und da passen wir zum Glück auch gut zusammen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 19.8.2025

Na endlich! Ein richtig schöner, gepflegter Montagsausflug wie es sich gehört! Hufschuhe an, rein in die Wackelkiste, Ausreitkumpel abholen. Dann ins gut bekannte Gelände, dort an der Wackelkiste anbinden und satteln. Aber da wurde mir ungeduldig und der Ausreitkumpel hat ganz falsch geguckt. Zack! Bin ich auf ihn los und hab ihn in die Nase gezwickt. Oha, da waren beide Mädchen sauer mit mir! Hab dann einfach zur Seite weggeschaut und so getan als wäre ich quasi gar nicht da. Was guckt der auch so falsch, kann ich ja nix für! Mein Mädchen hat sich gefragt, ob ich eine verkappte Stute bin. Papperlapapp, der hat falsch geguckt! Naja, mein Ausreitkumpel ist ja ein sehr geduldiger und verträglicher Typ, dem war das alles recht egal.

Dann ging es los, die Mädchen zu Fuß. Nach einer Weile aufsteigen und los im Trab. Aber nach 20 Metern stellten sie fest, dass ich nur einen Hufschuh an hab! Umdrehen, Hufschuh einsammeln. Der war kaputt (also nicht wirklich kaputt aber zwei Schrauben weg und also auseinandergefallen). Mein Mädchen war genervt. Hufschuhe aus und in die Tasche, also dann ohne, das geht in dem Gelände zum Glück auch gut. Jetzt aber los, ja? Angetrabt und ich musste erst wieder meinen Dieselmotor warm kriegen, das dauert immer einen Moment. Als ich warmgetrabt war, hab ich ganz lieb nach oben gefunkt. Ob wir wohl einen kleinen Galopp….? Und mein Mädchen hat gesagt, wenn ich so nett frage, darf ich natürlich auch. Huiiiii und los ging es! Ich hab ein schönes Tempo gefunden und mein Mädchen und ich sind selig vor uns hin galoppiert. Dann kurze Pause, zwei Radfahrer vorbeilassen und weiter ging es. Hoppi galoppi so viel das Ritter-Herz begehrt! Der Weg dort ist so schön geradeaus, da kann man einfach laufen. Und wie ich so galoppiert bin, wurde meine Laune immer besser.

Als wir Richtung Gruselhof kamen, haben wir ein Schrittpäuschen eingelegt, aber so gruselig fanden wir den Hof jetzt nicht mehr. Wir waren jetzt das 3. Mal da und uns fiel auf, dass es eigentlich nicht mehr so bedrohlich wirkt wie am Anfang. Dann nochmal Trab, diesmal wollte mein Mädchen, dass ich mich anstrenge und versuche, genauso schnell zu traben wie mein Ausreitkumpel. Der ist zwar auch nicht größer als ich, aber etwas windschnittiger gebaut oder so, jedenfalls kann der elendig schnell traben. Aber ich hab mich angestrengt. Und weil ich so artig war, durfte ich auch das eine oder andere Mal kurz angaloppieren, wenn der Abstand doch allzu groß war. Habe auch kein Wettrennen gestartet und immer brav auf Stimmkommando wieder durchpariert. Mein Mädchen meinte, ich sei ja vom Pubertier direkt wieder zum Gentleman geworden! Sie sagt, wenn ich irgendwann fertig bin mit der Pubertät und dann immer so ein feiner Gentleman bin, dann hat sie das perfekte Pony. Pah! Ich BIN das perfekte Pony und wenn sie das bis jetzt noch nicht geschnallt hat, ist ihr wirklich gar nicht zu helfen. Ich krieg halt nur manchmal schlechte Laune, wenn wir nicht genug ausreiten gehen oder ständig nur im Schritt rumlaufen. So ein Ausritt soll doch auch was hermachen, finde ich.

Nachher sind wir nochmal vorneweg galoppiert und mein Mädchen hat mit mir geübt, dass ich „hoch“ und dann wieder „nach vorne“ galoppieren soll. Noch ist der Unterschied sehr, sehr klein, aber ich habe eine leise Idee davon, wie das gehen könnte.

Schritt sind wir nicht viel gegangen, weil da so miese kleine Fliegviecher waren, die trotz Vollverkleidung über uns hergefallen sind, sobald sie die Möglichkeit hatten. Also noch im Trab bis zum Ortsschild und dann sind die Mädchen abgestiegen.

Als wir mit 10,2 km auf dem Tacho wieder an der Wackelkiste waren, durfte mein Ausreitkumpel zuerst einsteigen. Der hatte nämlich in letzter Zeit immer so komische Marotten auf dem Heimweg, dass er nicht gleich einsteigen wollte. Deswegen hat sein Mädchen ihm ein Schüsselchen Hafer mitgenommen, den er dann in der Wackelkiste verschmausen durfte, während ich noch bisschen am Wegesrand gemäht habe. Mein Mädchen hat derweil meinen Puls gemessen und zufrieden genickt, 68 fand sie hoch anständig, weil das bedeutet, dass ich mal was getan hab für meine Kondition (und sie für ihre!). Außerdem hat sie festgestellt, dass ich nach solchen Runden ja immer am besten gelaunt bin. Ich mag das, mich ordentlich auszupowern. Das Abhörgerät hatte sie diesmal nicht mit, was sie im Nachhinein etwas bereut hat, weil sie doch gern auch gewusst hätte, was im Galopp so vor sich ging. Aber das machen wir nächste Woche, wenn es hoffentlich wieder los geht. Zu hause angekommen hat sie nachgemessen, da war mein Puls bei 44 und damit ging es dann direkt auf die Weide.

Euer ausgetobter Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. keine Fotos, dafür waren wir wieder mal zu schnell unterwegs!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 18. August 2025

Montagsausflug: ausgefallen. Weil das Mädchen vom Ausreitkumpel noch nicht so ganz wieder fit war, hat sie lieber ihre andere Funktion erfüllt und war nochmal die gestrenge Fahrlehrmeisterin. Diego hat also noch eine Kutschtour gemacht (er meinte, Samstag Kutsche, Sonntag Ausritt und Montag Kutsche wäre dann aber auch mal genug der Arbeit!). Er hat das großartig gemacht (hätte ich bestimmt auch gekonnt! Aber mein Mädchen traut mir ja nix zu!).

Am Dienstag kam eine meiner kleinen Freundinnen und hat reiten geübt. Das geht schon richtig gut mit uns zwei und inzwischen kann sie auch meinen Galopp viel besser sitzen. Damit sie mal bisschen mehr auf ihren 4 Buchstaben sitzen bleibt, hat mein Mädchen mich immer vom Galopp in den Schritt durchparieren lassen – zum Glück kann ich das ja auf Stimmkommando. So konnte meine kleine Freundin ihr Gleichgewicht schulen und das ging richtig gut!

Am Donnerstag war dann ein schöner Ausflug versprochen – juhuuu! Diego sollte nämlich noch ein bisschen Equipment bekommen und dazu zu einem Laden gewackelt werden. Und wenn man schon mal irgendwo mit der Wackelkiste hinfährt, kann man da ja auch gleich einen schönen Ausritt machen, findet mein Mädchen. Aber dann wurde es heiß. Und noch heißer. Und also hat mein Mädchen gesagt, der Ausflug fällt aus, weil wir alle keine Lust haben, bei 30° in der Mittagshitze ausreiten zu gehen. Und da hatte sie ganz recht. Diego ist also ohne mich zum shoppen gefahren. Als er wieder kam, hatte er die Faxen auch dicke, so ein Getüddel! Er musste lange rumstehen und Fahrzäume anprobieren, dann noch Gebisse testen und in der Wackelkiste warten, bis der Mann sich für eine Peitsche und neue Leinen entschieden hatte. Ich hatte Mitleid mit ihm, ich weiß ja genau, wie so ein Getüddel nervt.

Aber am Samstag haben die Menschen dann Diego wieder vor die Kutsche gespannt – diesmal ohne gestrenge Fahrlehrmeisterin – und da war Diego froh um seinen neuen Fahrzaum und sein neues Gebiss. Jetzt sitzt alles gut und er kommt viel besser klar damit. Ich hatte derweil frei und hab eine ruhige Kugel geschoben.

Und dann kam endlich der Sonntag, mit schönstem, nicht allzu heißem Wetter. Ab in den Wald!

13,2 km in gemütlich gut zwei Stunden haben wir gemacht. Viel Schritt, aber wir haben auch einen schönen kleinen Galopp hingelegt und mein Mädchen hat beschlossen, sich diese Strecke als optimale Galoppstrecke zu merken. Das ist so eine Art großer Kreis, breit und übersichtlich aber nicht ganz eben, so dass man schon ein bisschen auf seine Füße aufpassen und das Gleichgewicht halten muss, das macht es interessanter. Später sind wir noch auf einem Plattenweg galoppiert, da hab ich seit längerer Zeit mal wieder den Rechtsgalopp gefunden.

Am Ende wurde es dann nochmal lustig, weil Diego vorneweg noch einen munteren Trab anstimmte an Stellen an denen es auch mal ein Stück bergab geht. Und sein Trab war so munter, dass mein Mädchen mir Galopp erlaubt hat – ha! Da rutschte ihr aber das Herz in die Hose als ich beschlossen hab, dass diese bergauf-bergab-Kombi perfekt ist, um Schwung zu holen! Da kann ich doch mal schnell an Diego vorbeiflitzen! Oh, das fand sie aber nicht so richtig witzig. Und als ich dann langsam wurde – weil ich ja überholt und somit mein Ziel erreicht hatte – meinte sie, ich könnte ruhig weiter galoppieren! Aber diese Diskussion hatte sich dann schnell erledigt, weil zwei Spaziergänger auftauchten und wir flugs durchparieren mussten.

Während des Ausritts haben wir gleich zwei Neuerungen getestet, mein Mädchen hat schon wieder am Equipment rumgeschraubt! Zum einen habe ich mal wieder andere Hufschuhe bekommen. Und bisher haben sie den ultimativen Galopptest prima bestanden! Das kann jetzt ein bisschen Zufall sein, weil ich ja an manchen Tagen besser laufe als an anderen und mir dann nicht so doll hinten rein trete im Galopp. Oder aber diese Schuhe sitzen besser. Die Zeit wird das zeigen! Ein bisschen dran herumverbessern will mein Mädchen aber trotzdem noch.

Neue Hufschuhe testen

Und als zweites hat sie jetzt ein Abhörgerät! Jetzt kann ich kein Geheimnis mehr bewahren. Wo bleibt denn hier bitte der Datenschutz?! Sie hat mir so einen Gurt umgeschnallt, der ihr verrät, was mein Puls so tut. Aber vielleicht sollte sie lieber mal selbst ihren Puls messen – SIE hat nämlich auch ganz schön geschnauft, als ICH galoppiert bin….

Das Abhörgerät!

Insgesamt war das ein schöner Ausflug und heute geht es hoffentlich endlich mal wieder mit dem Ausreitkumpel los. Mein Mädchen meint, so ein halbes Stündchen oder etwas länger durchtraben würde meinem Gemüt sicherlich ganz gut tun. Angeblich hab ich nämlich schon wieder Pubertät. Pah! So ein Blödsinn.

Euer gut gelaunter Sir Duncan Dhu of Nakel

Erfolgserlebnisse

Mit Pferden gibt es immer was zu lernen. Das ist eins der tollen Dinge daran, finde ich. Man kann sich endlos in Details verlieren oder immer mal wieder etwas ganz neues anfangen – oder beides.

Ich hatte jetzt kürzlich ein Wippencoaching bei Nina Steigerwald. Als jemand, der sich nur am Rande mit positiver Verstärkung (Clickertraining) beschäftigt bin ich immer wieder aufs Neue erstaunt, wie viele kleine Details es dabei zu beachten gibt.

Aber wahrscheinlich ist jemand, der sich nicht auskennt, auch bei allen anderen Dingen erstaunt, was es alles zu beachten gibt.

Ich finde, das wichtigste sind Erfolgserlebnisse. Egal, wie ein Pferd trainiert und ausgebildet wird, es geht letztlich immer darum, dass das Pferd stolz sein kann. Wenn das Pferd Erfolg hat, wird es fröhlicher, selbstbewusster und letztlich stärker und besser. Wenn die Erfolgserlebnisse aber ausbleiben, wird die Situation mindestens stagnieren, sich vielleicht sogar verschlechtern.

Ich bin als Mensch dafür verantwortlich, dem Pferd Aufgaben zu stellen, die es lösen kann. Stelle ich fest, die Aufgabe war zu schwer und ist noch nicht lösbar, muss ich sie so lange kleiner machen, bis sie lösbar ist. Pferde, die die Erfahrung machen, dass das so passiert, haben keinen Stress mit neuen Aufgaben. Sie wissen, dass sie nicht allein gelassen werden. Sie wissen, dass es nicht doof wird, wenn es nicht klappt, sondern dass der Mensch da ist, um zu helfen. Klar haben die auch mal bisschen Stress, aber sie lernen, diesen Stress so zu kommunizieren, dass der Mensch versteht: das Pferd braucht Hilfe.

Meine Freundin – die gestrenge Fahrlehrmeisterin – sagt immer, eine Kutsche zu ziehen sei für die Pferde selbsterklärend. Denn sobald das Pferd das richtige tut – nämlich anziehen – wird die Kutsche leichter. Der Erfolg stellt sich also sofort ein (wenn es nicht gerade bergauf geht). Diese Erklärung hat sich mir eingebrannt. Ich muss mich also als Mensch genauso verhalten wie die Kutsche, das Leben meines Pferdes muss SOFORT leichter werden, wenn es die gewünschte Verhaltensweise zeigt. Was das genau bedeutet, ist natürlich situationsabhängig. Ich erinnere mich an eine Schülerin, die zu mir kam mit einem sehr bewegungsunfreudigen Pferd. Sie erzählte: ich mache es so wie ich es beim Horsemanship gelernt habe: sobald sie flotter wird, halte ich sie an und gebe ihr eine Pause. Aber es wird einfach nicht besser!

In diesem Fall war das Missverständnis, dass der Mensch glaubte, das Anhalten würde dem Pferd das Leben leichter machen. Das Pferd hingegen war total genervt, weil es jedes Mal, wenn es seine Masse endlich in Schwung gebracht hatte, wieder stoppen sollte, was ein viel höherer Energieaufwand ist als „auszurollen“. So wurde das Pferd aus seiner Sicht eigentlich ständig bestraft, während die Besitzerin glaubte, es zu belohnen!

Wenn wir uns nicht sicher sind, ob ein Pferd etwas als Belohnung empfindet, können wir uns eine einfache Frage stellen: wird das gewünschte Verhalten öfter gezeigt? Wenn ja, liegen wir wohl nicht ganz falsch mit unserer Taktik.

Allerdings spielen natürlich auch andere Faktoren eine Rolle: habe ich dem Pferd eine Aufgabe gestellt, für die es sich interessiert? Dann kann die Lösung der Aufgabe an sich schon ein großes Erfolgserlebnis sein, unabhängig von meiner Meinung als Mensch. Gerade Ponys entscheiden sowieso oft selbst, wann sie etwas toll gemacht haben. Sie fordern dann auch gern mal die entsprechende Belohnung ein und den dazugehörigen Blick versteht wohl jeder. Finlay war da recht extrem, er hat die meiste Zeit selbst entschieden, was richtig ist und was nicht. Als Mensch steht man dann vor der Herausforderung, Situationen so zu erschaffen, dass das Pferd dasselbe als richtig empfindet wie der Mensch.

Manchmal sind Erfolgserlebnisse auch einfach nicht drin. Als wir mit Diego heute auf Shopping-Tour waren, musste er geduldig warten, verschieden Fahrzäume anprobieren und einfach aushalten. Erfolg? Fehlanzeige. Der einzige Erfolg war der keksbringende Flirt mit einer Dame, die vorbeikam.

Und am Ende der Veranstaltung merkte man Diego deutlich an, was er von der Gesamtsituation hielt, nämlich gar nichts. Der Erfolg, nämlich passendes Equipment, das ihm und uns das Leben in Zukunft erleichtert, ist für ihn schließlich nicht greifbar und verständlich. Aber wenn er dann wieder vor der Kutsche läuft und den Berg geschafft hat, dann wird er wieder dieses Erfolgsgefühl haben und stolz sein können auf sich selbst – und so mag ich Pferde am liebsten.