Spieglein Spieglein

Ich war mit meiner Schülerin ein zweites Mal im Dorf um Autos zu üben. Diesmal war ich besser gewappnet und nicht bereit, die Autos im 20cm Abstand am Pferd vorbei sausen zu lassen. Ich hatte also meine Warnweste an und habe meinen üblichen Trick angewandt: das Pferd geht auf dem Bürgersteig (jaja, verboten, ich weiß) und ich gehe auf der Straße – ja, auch verboten, ganz bestimmt. Aber das ist mir echt egal, wenn es für uns alle sicherer ist. Und das ist es, denn die Erfahrung zeigt, dass die Autos für einen Menschen sehr viel eher bremsen und Abstand halten als für ein Pferd (und auch für einen Menschen auf einem Pferd, weil der irgendwie kein Mensch mehr zu sein scheint). Ich sorge dann für viel Platz zwischen mir und dem Pferd, so dass ich nicht von einem kleinen Satz direkt vors Auto geschubst werde. Ok, trotzdem hält niemand 1,5m Abstand, aber immerhin fahren die Autos doch langsamer und die Fahrer*innen passen besser auf (Achtung böses Gendersternchen!). Das Bild in meinem Kopf ist: ich beschütze die anderen Verkehrsteilnehmer vor dem Pferd. Dieses Bild macht eine bessere Ausstrahlung als „halt gefälligst Abstand du (hier beliebiges Schimpfwort einfügen)“. Und ich mache Platz, wo immer sich eine Möglichkeit bietet, aber eben auch nur da.

Ich habe gut zu tun, denn das Pony das ich am Strick habe, möchte irgendwo hin glotzen, neben mir ist Autoverkehr und dann kommt noch eine Brücke, zwei Gullideckel, ein Trecker und zwei Aldi-LKW. Das Pony ist artig, aber eben nur, weil ich ihn manage, seine Aufmerksamkeit immer wieder umlenke, damit er ALLES wahrnimmt und nicht nur das, woran er sich festglotzt. Nebenbei plane ich noch unseren Weg voraus: hier können wir dem Trecker ausweichen, hier können wir einmal abbiegen und Pause machen, hier müssen wir Gullis und die Brücke üben, sobald mal kein Auto mehr kommt. Es läuft gut, die Besitzerin ist selig.

Tags darauf schickt sie mir eine Nachricht, dass es bei ihr wieder nicht geklappt hat, das Pony hatte beim Ausreiten einen kleinen Ausraster wegen EINES Autos (im Dorf ist sie alleine nicht unterwegs). Stellt sich raus: sie hatte den Eindruck gewonnen, ihr Pony hätte gar kein Problem, sondern nur sie selbst. Weil ich so gelassen und entspannt gewirkt habe, meinte sie nun, wenn sie selbst entspannt bleibt, ist ihr Pony völlig unproblematisch.

Äh…. nein.

Ich erzähle Arnulf davon und plötzlich fällt mir auf: Das ist ja eine prima Geschäfts-Masche. Wenn ich den Leuten also erzähle, es läge ja nur an ihnen, dann kann ich die Menschen coachen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag und ihnen immer die Schuld dafür geben, dass es nicht besser wird, anstatt Arbeit in die Ausbildung des Pferdes zu stecken. Wenn ich den Menschen nicht verrate, wie ich das hingekriegt habe, kann ich mich selbst als „Guru“ hinstellen und behaupten, es läge an meiner Atemtechnik und inneren Einstellung. Das hat dann einen schönen Hauch von geheimnisvoll und ist gut für mein Image.

Abends möchte ich mir ein Webinar anschauen. Und plötzlich kommt direkt am Anfang schon dieser Satz „die Pferde spiegeln euch“ (jein) „und wenn ihr selbst gelassen und entspannt seid, wird euer Pferd euch auch vertrauen und überall hin folgen“. Ich klappe den Laptop zu – nein danke. Unsere Herde hier zu hause hat mich diesbezüglich eines Besseren belehrt. Pferde sind Individuen mit einer eigenen Persönlichkeit und eigener Lebenserfahrung. Im Gegensatz zu einem handelsüblichen Spiegel haben sie außerdem das dringende Bedürfnis, zu überleben. Und sie legen ihr Leben nicht einfach in die Hände eines anderen Lebewesens und sagen „passt schon“. Ich meine: wer tut sowas? Selbst wir Menschen tun das unter den extrem kontrollierten Bedingungen einer modernen OP nur sehr ungern. Warum sollte ein Beutetier so etwas tun? Und genau das ist auch meine Beobachtung hier in unserer Herde. Egal, wie gelassen Diego reagiert, die anderen regen sich gelegentlich trotzdem auf. Ja, er gibt Halt und Sicherheit, aber er entscheidet nicht allein, ob etwas gefährlich ist. Gefahren werden von jedem einzelnen Individuum unterschiedlich eingeschätzt, so ist das nunmal. Und vielleicht können wir aufhören, unsere Pferde als seelenlose Spiegel unserer selbst zu sehen, das ist ein dermaßen egozentrisches Weltbild, da graut mir. Wenn ich nur perfekt reite, perfekt sitze, perfekt atme, dann ist mein Pferd auch gleich perfekt.

Ich bleibe dabei: ich bilde lieber die Pferde so gut und solide aus, dass der Mensch nicht perfekt sein muss, denn das wird er – genau wie das Pferd – nie sein. Und ich bilde den Menschen so aus, dass er sein Pferd lesen und verstehen kann, um es dann hilfreich unterstützen zu können. Im Idealfall gelingt es mir, den Menschen so auszubilden, dass der sein Pferd selbst ausbilden kann. Ich wünsche mir einen Menschen, der sein Pferd so sehen kann wie es gerade ist, anstatt jede Regung des Pferdes auf sich selbst zu beziehen. Klar: je gelassener und angstfreier dieser Mensch ist, desto besser wird alles gelingen. Und ein sehr ängstlicher Mensch kann natürlich keine Entscheidungen mehr treffen und keine Führung übernehmen. Also ja, lasst euch coachen, therapieren oder sonstwie unterstützen. Aber lasst euch nicht erzählen, dass das ein angemessener Ersatz für die Ausbildung eures Pferdes ist und dass alles gut sein wird sobald ihr perfekt seid (das wäre ja dann nie). Man kann auch in Situationen, die einem etwas (nicht zu viel) Angst einflößen, noch Verantwortung übernehmen und handlungsfähig bleiben. Auch unter Stress kann man noch den Weg planen, die Umwelt im Blick behalten, klare Signale geben und Prioritäten setzen. Ich bin selten wirklich so gelassen wie ich aussehe, und es hilft mir und meinem Pferd, wenn ich dann ein bisschen so tue als ob. Mein Pferd wird nach und nach die Erfahrung machen, dass es Sinn macht, mit mir in Kommunikation zu bleiben, selbst wenn wir beide Angst haben. Dass ich gute Ideen habe um das Problem zu lösen und nicht so tue als gäbe es kein Problem. Und Gelegentlich wird der Mensch sich vor etwas fürchten, was das Pferd völlig harmlos findet. Vielleicht denkt das Pferd dann „naja, so ein Mensch ist eben auch nur ein Pferd“.

Wenn ihr unbedingt einen Spiegel haben wollt, dann fragt ihn was intelligentes, zum Beispiel „Spieglein Spieglein an der Wand, wie geht es dem Pferd an meiner Hand?“ Mit der Antwort kann man dann wenigstens was sinnvolles anfangen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 559

Juhuu, Ausfluuuuug! Huch, hier waren wir ja noch nie? Wo sind wir? Egal, lass mal losmarschieren, dann werden wir es schon heraus finden! Ach so erst noch checken, ob das Auto abgeschlossen ist. Ok jetzt aber, ja?

Auto abgeschlossen? Können wir endlich los?

Da war ein schöner Weg, der lag voller nasser, rutschiger Blätter und als es ein Stück steil bergab ging, wurde meinem Mädchen schon wieder ganz komisch zumute. Ob ich wohl rutschen könnte? Ob sie wohl besser absteigen sollte? Der Mann meinte, sie solle mal auf mich vertrauen, ich kann das. Und da hat er natürlich recht. Hab schließlich Allhuf-Antrieb! Und mit rutschigem Boden kenne ich mich von klein auf gut aus. Dann ging es wieder bergauf, nochmal bergab, nochmal bergauf. Nach 1,7km waren wir schon am Ziel: ein See! Der war richtig groß und ganz still.

Mein Mädchen wollte bisschen Wasser mit mir üben und auch üben, dass sie mich von oben durch Dinge steuern kann die ich gruselig finde. Diego und der Mann haben sich also im Hintergrund gehalten, während ich mich Schritt für Schritt ins Wasser gewagt habe. Das war nicht schwer und es gab Apfelstücke dafür. Bisschen geplanscht hab ich auch, aber ich mag das nicht so wenn es spritzt. Bisschen rein und raus geritten, dann ist der Mann kurz auf Diegos Rücken geklettert (weil er keine nassen Füße kriegen wollte) und ist auch nochmal rein geritten.

Und dann war es das auch schon und wir sind zur Wackelkiste zurück. Was denn, jetzt schon? Schade. Mein Mädchen sagt, wir sind nächste Woche zu einem besonderen Ausritt verabredet, bis dahin muss ich mich gedulden, aber sie versucht, mich bei Laune zu halten. Ja bitte! Ich hab nämlich schon wieder dezenten Energieüberschuss. Diego war indes sehr warm, der muss dringend wieder unter den Entpelzer. Bei mir war mein Mädchen ja schon dran, aber bei ihm ist alles entpelzte schon wieder nachgewachsen. Nur muss man ja trocken sein zum Entpelzen und das war die letzten Tage …. schwierig.

Kaum waren wir zu hause, klingelte das Telefon von meinem Mädchen. Da hat Diego aber dumm aus der Wäsche geguckt, er sollte nämlich sofort nochmal in die Wackelkiste rein, aus der er ja nun erst vor kurzem ausgestiegen war! Er sollte nämlich nochmal zum Tierarzt und Blut abgeben. Und eigentlich hätten die beiden Sachen – See und Tierarzt – zusammengehört. Wurde aber nix, wegen Terminverpeilung. Jetzt musste Diego also nochmal los, der war ganz grummelig, aber er ist ja so artig. Die Tierärztin hat auch nochmal sein Bein abgetastet und gesagt, Diego soll unbedingt wieder richtig anfangen zu trainieren. Keine Ausreden mehr! Und das Blutbild dient nur der Beruhigung strapazierter Menschen-Nerven.

Abends hat mein Mädchen mich dann nochmal geholt – wegen dem Energieüberschuss. Ich durfte in der Halle noch über hochgelegte Stangen gehen und schnellen Schritt üben. Sie hat mich so gefeiert, weil ich so ein toller Kerl bin und wieder alles richtig gemacht habe! Ich wäre danach gerne noch ne Runde wippen gegangen, aber mein Mädchen meinte, es reicht (ihr) jetzt.

Euer Seepferdchen Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 558

Sonntagsausflug ist mal wieder ausgefallen. Menno. Dafür war aber die Pferdewaage da. Mein Mädchen hat mich vorher extra nochmal etwas entpelzt, damit ich ein bisschen leichter bin, was für ein schlauer Trick! (Sie hat gesagt, sie macht das, damit mir nicht immer so warm ist. Na klar…. )

Jedes Gramm zählt…

Sie hat gedacht, ich würde 420kg wiegen, aber als dann vor mir schon Diego und Gatsby auf der Waage standen und beide sehr schlank waren, hat sie gedacht, es sind vielleicht doch nur 410kg. Naja, die Wahrheit lag dann ziemlich genau in der Mitte: 416kg wiege ich. Mein Mädchen sagt, das ist ok, vor allem wenn man bedenkt, dass ich den ganzen Sommer jede Nacht auf die Weide durfte. Ein paar Kg weniger würde sie besser finden, aber kein Grund, sich aufzuregen. Alle anderen hingegen – besonders Merlin und Diego – findet sie so schlank, dass die Rationen jetzt erhöht werden. Das sollte mir mal passieren….

Jedesmal wenn einer von uns auf die Waage marschiert ist (wie die Vollprofis können wir das ja), mussten die Menschen schätzen, was wir wiegen. Und bei Caruso, der als letzter dran war, war es dann so weit: mein Mädchen hat ihn aufs Kilo genau richtig geschätzt! Exakt 150kg wiegt er (genau wie beim letzten Termin). Und weil sie so gut geschätzt hat, musste sie für ihn dann tatsächlich auch nur die Hälfte bezahlen! Das war ja nett.

Exakt geschätzt!

Danach mussten die Menschen was arbeiten, deswegen war keine Zeit für einen Ausflug. Aber abends kam mein Mädchen noch zum wippen und war ganz begeistert, wie toll ich das kann! Demnächst wollen wir das ja mal filmen, weil sie sich noch einen Profi-Rat holen möchte ob das alles wohl so richtig ist, wie wir das machen.

Spätestens für morgen hat sie einen Ausflug versprochen, bin gespannt!

Euer frisch abgewogener Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 557

Jetzt ist die schönste Zeit zum ausreiten, findet mein Mädchen. Nur dass wir leider nicht ausreiten gehen. Erst hat sie keine Zeit, dann keinen Ausreitkumpel. Aber es gibt doch welche, die auch finden, dass eine schöne Zeit zum reiten ist: die Feen! Die knoten wieder fleißig meine Mähne, damit sie Halt darin finden und dann flitzen wir heimlich gemeinsam durch die Gegend wenn keiner guckt. Mein Mädchen weiß, dass man die Knoten nicht gleich raus machen soll, weil die Feen sonst sauer werden, aber als es immer doller wurde mit meiner Mähne, hat sie sie doch raus gemacht. Die Feen hat das nicht beeindruckt, die haben einfach gleich wieder geknotet. Mein Mädchen hat das wieder raus gemacht, die Feen wieder geknotet. Dann wurde es meinem Mädchen zu bunt und sie hat mir einen Zopf geflochten. Sie findet, da können die Feen sich doch auch guten Halt finden. Ich habe dann rausgefunden, wofür so ein Zopf noch gut ist: Isolation! Und zwar gegen den Stromzaun. Das habe ich dann in der Nacht auch gleich mal ausgenutzt. Wir dürfen ja immer noch nachts auf die Weide, aber uns wird immer nur ein kleines Stück neu zugesteckt. Das war mir jetzt echt zu wenig und ich habe mir überlegt, dass ich das mal etwas erweitern könnte. Habe den Zaun kurzerhand beiseite geräumt und meine Kumpel auf ein Festmal eingeladen. Als der Mann morgens im Dunkeln kam um uns rein zu holen, musste er uns erst mal suchen gehen…. Mein Mädchen hat sich natürlich gleich wieder Sorgen gemacht, dass ich jetzt Bauchweh kriegen könnte von so viel Futter. Klar, Gras bin ich ja den ganzen Sommer gewöhnt, aber sie meinte, es könnte einfach von der Menge her zu viel gewesen sein. Da sie arbeiten musste, hat sie den Mann beauftragt, mich stramm im Auge zu behalten und das hat der dann auch getan.

Der Mann bekommt immer eine To-Do-Liste an diesen Samstagen, weil er uns dann versorgen muss, während mein Mädchen Geld verdient. Ich habe ja auch immer meine eigene To-Do-Liste. Beim Mann steht dann „Ponys füttern“, bei mir entsprechend „zweites Frühstück einnehmen“.

2. Frühstück

Beim Mann stand „Eicheln harken“ bei mir stand „nach übersehenen Eicheln suchen“.

Auf zur Eichelsuche

Beim Mann stand „Äppel sammeln“ bei mir stand „Aufsicht über die Reinigungsarbeiten“. Und ich habe mir dann gleich noch ein paar Kekse geben lassen, damit ich ihn nicht wegen Schludrigkeit verpfeife (er macht das wirklich ordentlich, aber so eine schöne Möglichkeit kann ich mir doch nicht entgehen lassen!).

Keks! Sonst behaupte ich, du hättest geschludert!

Ich habe dann auch noch nach runtergefallenen Äpfeln gesucht und ein Nickerchen in der Sonne eingelegt. Ratzfatz ist so ein Tag dann auch schon wieder rum!

Abends hat mein Mädchen dann den Weidezaun inspiziert und festgestellt, dass es gar nicht an meinem Zopf lag, sondern am Zaun. Der ist nämlich ein einer Stelle schon ziemlich alt und leitet da einfach gar nicht mehr, so dass gar kein Strom drauf war. Leider konnte sie das Problem beheben, so dass jetzt wieder Schluss ist mit Weide selbst weiterstecken. Schade aber auch!

Euer Sir Duncan Dhu mit der vollen To-Do-Liste

Gedanken einer Reitlehrerin

Der Unterrichtstag beginnt mit einem Pferd, das eine kleine Schwellung am Bein hat und deswegen nur Schritt gehen soll. Wir üben also Handarbeit und gehen dort noch einmal zurück zur Basis: Gebisshilfen erklären. Gutes Timing ist gefragt und meine Schülerin hat schnell erste Erfolge. Dann fragt sie mich zu einem anderen Pferd um Rat und schon habe ich 5 Minuten Verspätung, weil wir noch kurz über das dortige Problem sprechen (auch hier liegt die Lösung in Basis-Arbeit).

Die zweite Schülerin wartet derweil schon auf dem Reitplatz. Ihr älterer Warmblutwallach ist etwas abgestumpft gegenüber treibenden Hilfen, alles ist sehr zäh. Wir arbeiten daran, dass er mit dem inneren Hinterbein auf eine einseitige Schenkelhilfe etwas übertritt, nach einer Weile klappt das dann auch ganz gut, aber es fühlt sich für mich etwas mühsam an. Wir arbeiten erst das dritte Mal zusammen und es gibt so viele Dinge, die ich für die beiden gern verbessern möchte! Dann neige ich dazu, zu viele Anweisungen zu geben, was leider immer wieder dazu führt, dass die Reiterinnen überfordert sind und bis zum nächsten Mal die Hälfte wieder vergessen (verstehe ich gut, geht mir ganz genauso!). Ich erinnere mich selbst also immer wieder daran: weniger ist mehr, arbeite nur an einem Thema zur Zeit. Schlechte Gewohnheiten abzulegen ist harte Arbeit und erfordet häufige Wiederholung, da sind Reiter eben auch nur Menschen.

Schülerin Nummer drei ist heute selbst nicht da, ich arbeite allein mit ihrem Pferd. Der Wallach hat leider ein paar körperliche Probleme, von denen noch nicht wirklich klar ist, wo sie eigentlich her kommen. In letzter Zeit war er sehr steif, daher entschließe ich mich, auch mit ihm vorsichtige, lösende Handarbeit zu machen und fange auch bei ihm an der Basis an: Gebisshilfen erklären. Der Wallach bemüht sich sichtlich, aber ich kann auch merken, wie schwer ihm zur Zeit alles fällt. Es macht mich traurig, den netten Kerl so zu sehen und ich wünschte, ich könnte ihm helfen. Seine Besitzerin wird das natürlich tun, sie ist schon auf der Suche nach dem richtigen Profi, aber ich fühle mich machtlos. Das ist sicher der Moment, in dem viele Reitlehrerinnen anfangen, Fortbildungen zu buchen und ihr Repertoire zu erweitern in Richtung Gesundheit. Ich denke kurz darüber nach, aber ich weiß: das Grundproblem wird bleiben. Denn mein Grundproblem ist, dass ich niemals alle Probleme werde lösen können, die die Pferde in meinem Kundenkreis haben. Selbst wenn ich Tierärztin, Sattlerin, Hufschmiedin, Physiotherapeutin, Fütterungsberaterin und Geistheilerin werden würde – abgesehen davon, dass ich dann nichts davon jemals richtig gut können würde, liegt es immer in den Händen der Besitzerin, welche Behandlung ein Pferd bekommt und selbst bei der besten Behandlung ist nicht jedes Problem vollständig lösbar. Oft sind die Probleme ja auch der Haltung geschuldet und den perfekten Stall gibt es eben auch nicht so wahnsinnig oft. Ich entscheide mich also, meinen Job so gut wie möglich zu machen, anstatt mich im Dschungel der Möglichkeiten zu verlaufen.

Die nächste Schülerin hat ein besonderes Problem: Ihr Wallach kommt mit einer neuen Stute in seiner Herde nicht klar. Die Pferde sind im Moment getrennt, sie möchte mit mir Möglichkeiten besprechen und Ideen aushecken. Wir wandern, jede ein Pferd am Strick, durch Paddock und Offenstall, damit die beiden Streithähne etwas friedliche Zeit miteinander verbringen. Dann, an der Heuraufe, schlage ich vor, ob die Heuraufe nicht von beiden Seiten genutzt werden könnte, so dass die Pferde zwar getrennt bleiben, aber gemeinsam fressen.

Als nächstes sehe ich wieder das Pferd, das heute nur Schritt gehen darf, diesmal mit seiner zweiten Reitbeteiligung. Mit ihr erarbeite ich beim Reiten, was ich mit der anderen vom Boden angefangen habe. Meine Schülerin zeigt mir, wie gut das Pferd mit dem Gebiss klar kommt, solange sie selbst mental total offen und entspannt ist. Das sensible Tier geht gegen die Hilfe, sobald die Reiterin nicht ganz in ihrer Mitte ruht. Ich finde das genauso faszinierend wie sie, merke aber an, dass sie eventuell auch mal nicht ganz zentriert sein wird, wenn gerade der Trecker von vorne kommt und ich es deswegen angemessen finde, dem Pferd beizubringen, dass auch eine etwas mechanische (trotzdem ja feine!) Hilfe akzeptabel ist. Sie stimmt mir zu und wir üben das gemeinsam. Im Anschluss darf ihre Tochter noch kurz aufs Pferd, sie übt 10 Minuten lenken, während ich viel Strecke rückwärts über die unebene Wiese vor dem Pferd her gehe (nein, das ist fast gar nicht anstrengend….)

Dann fahre ich weiter zu meiner letzten Schülerin für heute. Wir machen eine gute Unterrichtsstunde, in der sie ihre erste Galopp-Traversale schafft (nicht elegant, aber immerhin einen Ansatz, mit dem sie selbst gar nicht gerechnet hätte). Ich komme seit vielen Jahren hier her, das ursprüngliche Problem war, dass das Pferd im Galopp buckelte. Daran erinnere ich mich gern, wenn ich das Gefühl habe, nichts bewirken zu können, denn diese beiden sind inzwischen ganz schön weit gekommen. Es ist eben ein langsamer Prozess, aber wenn alle Beteiligten dran bleiben, dann können schon tolle Dinge entstehen, auch – wie in diesem Fall – auf der Wiese hinterm Haus! Im Anschluss machen wir eine zweite Einheit, in der wir mit ihren beiden Ponys ins Dorf wandern, um ein Auto-Problem zu lösen. Als wir mit den zwei Ponys an der Dorfstraße stehen, haben wir Glück: es kommen so ziemlich alle Fahrzeuge, denen man so begegnen kann. Der Linienbus fährt freundlich langsam, der Reisebus hingegen zischt an uns vorbei. Auch fast alle Autos fahren ungebremst und ohne Abstand an uns vorüber, selbst als ich schon mit meinen Füßen auf der Straße stehe, fährt man so dicht an mir vorbei, dass ich mit ausgestrecktem Arm den Außenspiegel wegklappen könnte. Sogar der Motorradfahrer, von dem man meinen möchte, dass er auch mal kurz an seine eigene Sicherheit denkt, kommt nicht auf die Idee, einen kleinen Schlenker zu fahren oder gar das Tempo zu drosseln. Ich bin – wie immer – fassungslos und traurig. Meine Schülerin sagt sehr treffend „die Leute sagen, wenn du mit dem Pferd an der Straße unterwegs sein willst, muss er halt straßensicher sein. Aber wie soll er denn straßensicher WERDEN?“ Recht hat sie, unter den heutigen Bedingungen ist das nicht so einfach. Und auch das straßensicherste Pferd kann sich vor etwas anderem erschrecken und einen Satz zur Seite machen, deswegen sollten Verkehrsteilnehmer ja eigentlich mindestens 1,5m Abstand halten und das Tempo deutlich drosseln…. aber das bleibt auch heute wieder reine Theorie. Selbst der Rettungswagen geht nicht vom Gas. Die gute Nachricht ist: ihr Pony hat gar keine Angst vor Fahrzeugen. Er hat ein anderes Problem, er glotzt sich an Sachen fest, steigert sich rein und erschreckt dann vor einer Kleinigkeit, die ihn normalerweise gar nicht gestört hätte. Wir besprechen ihre Übungsmöglichkeiten.

Ich steige ins Auto und fühle mich ausgepowert. Ich brauche dringend eine große Tasse Tee und etwas Ruhe. Obwohl der Tag nicht schlecht lief, fühle ich mich irgendwie immer noch so machtlos: ich kann die gesundheitlichen Probleme der Pferde nicht lösen, ich kann nicht bewirken, dass jedes Pferd eine stabile Herde mit guten Freunden hat, ich kann nicht ändern, dass die Welt außerhalb des Stalls so unglaublich pferdeunfreundlich ist und Menschen meinen, dass ihnen die Straße allein gehört.

Zu hause, in meinem kleinen Paradies, begrüßt mich mein Pony an der Stalltür und zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. Wir haben großes Glück, hier so wohnen zu dürfen, ich fühle mich extrem privilegiert. Ich trinke Tee und gehe dann mit Duncan auf die Wippe. Er macht das wunderbar, ist sehr mit mir in Kontakt und erinnert sich an alles, was wir die letzten Male geübt haben. Jetzt geht es mir besser. Als ich wieder rein komme, finde ich eine Nachricht auf meinem Handy: die Heuraufe ist jetzt abgezäunt, alle Pferde fressen gemeinsam friedlich daraus, jeder auf seiner Seite des Zauns. Die Schülerin bedankt sich für den guten Tipp, sie hat jetzt Hoffnung, dass das dazu führt, dass die Pferde sich anfreunden können. Ich freue mich und denke, dass ich doch vielleicht hier und da etwas bewirken kann. Am nächsten Tag schreibt mir die andere Schülerin: sie hat „Anti-Glotz-Training“ gemacht und fühlt sich jetzt schon sehr viel sicherer mit ihrem Pony, weil sie endlich einen Ansatzpunkt hat. Der Wallach mit den körperlichen Problemen hat demnächst einen Tierarzt-Termin, bei dem die Möglichkeiten besprochen werden, was zu untersuchen ist.

Die Arbeit müssen sie alle selbst tun, das kann ich niemandem abnehmen. Aber wenn ich immer mal einen kleinen Anstoß geben kann, bewirkt das eben doch etwas. Jetzt bin ich wieder versöhnlich gestimmt und stürze mich guten Mutes auf die nächsten Fragen und Probleme, die an mich heran getragen werden.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 556

Gestern haben wir den letzten richtigen Montagsausflug für dieses Jahr gemacht. Weil ihr Menschen am Wochenende wieder die Uhr verstellt und es dann so früh dunkel wird, können wir nicht mehr mit der Wackelkiste wegfahren. Stattdessen werden wir manchmal Freitags mit dem Ausreitkumpel losziehen, aber dann nur von ihm zu hause aus.

Mein Mädchen hatte eine schöne Tour geplant, aber erstmal hat der Wettergott mit Regen gedroht. Warm war es aber trotzdem so dass die Mädchen gerätselt haben, was sie eigentlich anziehen sollen. Uns Ponys stellt sich diese Frage ja in der Regel nicht, wir haben halt unser Fell. Mein Winterfell ist allerdings schon wieder teilweise dem Entpelzer zum Opfer gefallen – und das ist gut so, denn so ein Wintermantel ist bei 17 Grad wirklich zu warm, vor allem beim Sport!

So nun hat mein Mädchen so eine Art magische Fähigkeit  – sie sagt, das hat sie von ihrer Mutter geerbt: wenn sie einen Ausflug macht, ist eigentlich nie schlechtes Wetter! Und so auch gestern  – obwohl viel Regen angesagt war, ist kein einziger Tropfen vom Himmel gefallen (zumindest nicht dort, wo wir unterwegs waren). Und so hatten die Mädchen ihre Jacken alsbald ausgezogen und wir konnten fröhlich loslegen.

Wir haben nochmal knapp 16km in 2 Stunden gemacht, vorbei an der Genießerbank (mein Ausreitkumpel war sich sicher, dass da „Geisterbank“ steht!) und vor allem an den gruseligsten Kühen der Welt! Relativ klein, sehr flauschig und ganz komisch gezeichnet. Eine schwarz und eine braun, beide mit so einem breiten weißen Streifen um den Bauch. Und dann haben die auch noch direkt am Zaun gestanden und so komisch geguckt! Das war uns gar nicht geheuer. Aber mein Ausreitkumpel hat schließlich wagemutig ein paar Schritte vorwärts gemacht, dann bin ich mitgekommen und wir haben das gemeinsam geschafft. Da waren die Mädchen sehr stolz auf uns!

Mein Ausreitkumpel hat ja diese Jahr hart trainiert und er ist ja auch zwei Jahre älter als ich – was der jetzt schön traben kann! Mein Mädchen war hin und weg als sie das gesehen hat. Ich hingegen konnte nicht so schön traben. Ich habe mir wohl am Freitag, als es so doll gekribbelt hat und wir ein bisschen Streit darüber hatten, wie man sich an der Doppellonge benimmt, ein paar Muskeln verzogen und war ganz schön schief. Mir ist das letztlich egal, aber ich kann dann nicht so schön von hinten schieben und komme deswegen nicht so gut voran. Nachdem mein Mädchen das verstanden hatte, hat sie versucht, nebenbei ein paar Lockerungsübungen zu machen und schließlich kam noch ein schönes Stück Strecke zum galoppieren, das macht ja auch so schön locker. Ein schnurgerader Weg und ich bin dann mal losgaloppiert. Und als ich mal in Schwung war, konnte ich ganz leise dieses Kribbeln wieder fühlen. Aber bevor ich dazu kam, dem Gefühl nachzugeben, stand mein Mädchen schon hart auf der Bremse. Menno. Durchparieren, neu angaloppieren. Da fühle ich es aber noch, es kribbelt! Nein nein, anständig sollte ich bleiben. Na gut, ausnahmsweise.

Alsbald danach waren wir dann auch schon wieder auf dem Rückweg und sind noch Richtung Wackelkiste getrabt. Bevor es ans Einsteigen ging, durften wir noch etwas grasen. Dann meinte das Mädchen vom Ausreitkumpel, er könne doch mal zuerst einsteigen. Oh das fand er aber gar nicht lustig! Er kann das prima, aber er fand, wenn ICH noch grasen darf, darf ER das auch und es kommt überhaupt nicht in Frage, dass er schon einsteigt und ich weiterschmause! Da gab es doch noch eine kleine Diskussion, aber schließlich hat er eingesehen, dass er wohl den kürzeren zieht, ist brav eingestiegen und ich dann natürlich auch. Ab nach hause!

Nach dem Ritt kurz was naschen bevor es in die Wackelkiste geht

Ich möchte festhalten: 16km sind für mich nicht mehr viel. Das schaffe ich jetzt – wie der Mann zu sagen pflegt – „auf einer Arschbacke“. Neue Ziele braucht das Pony! Und mein Mädchen hat meine Botschaft gehört: wenn es kribbelt, muss das raus, überleg dir was dafür – sonst überleg ich mir was!

Euer fitter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 555

Jetzt haben wir in letzter Zeit ja oft geübt, alleine auszureiten ohne alleine auszureiten. Heute haben wir das dann etwas gesteigert, wir waren ausreiten MIT alleine ausreiten! Also das ging so:

Mein Mädchen kam und hat mich gerufen und ich hatte richtig Lust was zu unternehmen. In den letzten Wochen hatte ich ja wegen der Eicheln nicht so viel Zeit für sie aber so langsam geht die Eichelsaison zu Ende (uns wurde ja eh nicht viel gegönnt) und ich habe auch wieder Zeit für andere Dinge. Außerdem fand ich das am Freitag wirklich lustig auf der Hangbahn und hab immer noch gute Laune von der Gaudi.

Naja, mein Mädchen hat mich gesattelt und mir Hufschuhe angezogen. Dann ist sie aufgestiegen und hat gesagt, dass wir vom Hof gehen. Super! Habe gleich angemeldet, dass ich links gehen möchte und tatsächlich: es ging links herum! Mein Mädchen meinte, wenn ich heute wieder dieses Kribbeln fühle, wäre es toll wenn ich das irgendwie managen könnte ohne zu rennen und zu bocken. Pah! Als ob ich jemals ungestüm gewesen wäre, wenn ich sie trage! Bin schließlich Gentleman.

Ich bin losmarschiert – nicht schnell, denn ganz so sicher bin ich mir alleine doch noch nicht, aber stetig voran. Nach einer Weile gab es einen Keks und mein Mädchen war hoch erfreut, dass ich auch nach dem Keks einfach unaufgefordert weiter gegangen bin – früher, als wir mit dem allein ausreiten angefangen haben, wollte ich nach einem Keks manchmal umdrehen. Als wir an den Baum kamen, wollte ich natürlich gern grasen, da hatten wir eine klitzekleine Diskussion, aber ich habe mich überreden lassen, weiter zu gehen. Dann nach einer Weile hat mein Mädchen einen Trab vorgeschlagen und ich bin in aller Ruhe losgetrabt. An der großen Eiche rechts auf den Grasweg, der inzwischen nicht mehr so durchgepflügt aussieht, sondern wieder schön plan ist. Die Rinder sind schon wieder im Winterquartier, also können wir da schön entspannt entlangtr…

Hä? Was ist das? Ich hab kurz gestutzt, aber mein Mädchen hat gesagt, ich könnte einfach weiter traben, das wäre schon ok. Die haben den Wald eingezäunt! Aber zu spät, denn abgehauen ist er ihnen vorher schon…. also es war so: in den letzten Jahren sind da immer mehr Bäume gestorben. Und dieses Jahr haben sie da viele Bäume raus geholt aus dem Wald, so dass fast nichts mehr übrig war, was man als Wald bezeichnen könnte. Mein Mädchen war äußerst betrübt darüber. Als sie heute den Zaun gesehen hat, fand sie es zwar nicht toll, dass ein Zaun da steht, aber sie hofft, dass das bedeutet dass der Wald wieder aufgeforstet wird und man diesmal geeignetere Bäume dort pflanzt.

Ein neuer Zaun!

Weiter im Trab bis wir vor uns eine Spaziergängerin mit Hund hatten. Schritt! Die nette Dame hat angehalten und uns vorbei gelassen. Dankeschön! Weiter im Trab bis zum Dornröschenweg. Auch dort stehen jetzt zum Glück keine Rinder mehr! Die sind wahrscheinlich ins Dorf umgezogen. Gut für uns, wo wir Rinder ja immer nur so halb geheuer finden. Gegen eventuell aufkommende Nervosität hat mein Mädchen wieder ihr ABC-Spiel gespielt. Mit wenig Erfolg, denn sowohl bei Gemüsesorten als auch bei Ausrüstungsgegenständen mit denen wir beide gerade unterwegs sind, hat ihr Hirn ziemlich blockiert, aber immerhin hält sie das Spiel davon ab, sich blöde Horrorszenarien auszumalen und so konnte sie den Ausritt schön genießen. Ich hab es auch genossen, vor allem als wir dann an einer Stelle angehalten haben und ich schön was grasen durfte! Derweil hat mein Mädchen den Mann angerufen und ihn gefragt ob er weiß wo wir sind. Ja! Weil die beiden jetzt endlich eine App gefunden haben, die wirklich den richtigen Standort anzeigt und nicht irgendeinen von vor 2 Stunden (Outdooractive, Buddy Beacon).

Dann ist sie wieder aufgestiegen und weiter geritten bis zum Nachbarn vom Nachbarn. Dort ist sie dann auch schon wieder abgestiegen und ich durfte NOCHMAL grasen! Mein Mädchen hat natürlich wieder darauf bestanden, dass ich auch mal über meine Umwelt nachdenke und nicht nur über das Gras. Naaaaaa gut. Dann plötzlich… Huch! Da ist ja Diego und der Mann! Die kamen von der anderen Seite, den kurzen Weg zu Nachbars Nachbarn. Und dann ging es gemeinsam weiter, noch die übliche Runde hinterm Dorf herum. Ich hab mir erst kurz eine mentale Auszeit genommen und bin so hinter Diego her getrottet, bis mein Mädchen dann meinte, es sei Zeit, wieder vorneweg zu gehen.

Drei Äppelhaufen später (zwei von mir, einer von Diego) waren wir wieder raus aus dem Dorf und sind an den gruseligen Rindern vorbei gegangen (die waren heute aber ganz entspannt drauf) und kurz danach durfte ich dann ein drittes Mal grasen, während Diego und der Mann schon mal nach Hause marschiert sind. Nach den üblichen 10 Minuten ist mein Mädchen wieder aufgestiegen und wir sind allein nach hause geritten.

So und jetzt ratet, wer sooooooo stolz ist und mich großartig und wunderbar findet und viele, viele Herzchen in den Augen hat! (Mein Mädchen natürlich)

Euer allein ausreitender Sir Duncan Dhu of Nakel (leicht kopfmüde)

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 554

Spezialtraining war ja versprochen. Mein Mädchen hatte nämlich so versonnen über die Weiden geschaut und dann war ihr aufgefallen, dass die eine Weide nicht nur abgefressen ist, sondern auch einen schönen Hang hat. Und der Boden ist trocken. Und so dachte sie sich: Zeit für etwas Hangbahntraining! An der Doppellonge. Berg rauf, Berg runter, Berg rauf, Berg runter, Berg rauf, Berg runter … ihr wisst schon.

Berg rauf….
Berg runter

Gut, es ging also los im Schritt. Berg rauf, Berg runter. Langsam wurde ich warm. Das Mädchen von Gatsby war gerade am saubermachen und wurde prompt für ein paar Fotos engagiert. Und da dachte ich mir: im Trab seh ich doch gleich sportlicher aus. Mein Mädchen war einverstanden. Dann ein Handwechsel im Trab und da hab ich was gemerkt:

mein Wachstumsschub ist vorbei, ich hatte diesen Montag keinen zünftigen Ausritt, ich hatte schon länger keine lange Tour mehr mit Diego und mein Mädchen hat meine Fütterung optimiert. Und das alles zusammen mit dem guten Training über den Sommer machte mir so ein kribbeliges Gefühl! Das musste jetzt mal raus. Ehrlich! Ich kann da nichts dafür! Hopp und hopp und igitt jetzt ist das Selett verrutscht! Also gut, ich halte kurz an. Mein Mädchen hat gelacht und gefragt, ob es dann jetzt gehen würde. Nein! Es kribbelt mich immer noch! Hopp und Hopp und hopp! Naja. Drei mal hat mein Mädchen mich festhalten können. Beim vierten Mal musste sie loslassen. Und das finde ich ja dann immer so richtig übel, wenn die Doppellonge hinter mir herrennt! Also bin ich erstmal gerannt.

Da war so ein Kribbeln in mir drin….

Nach einer Weile hab ich angehalten und mein Mädchen hat mich eingesammelt. Hat alles so weit abgebaut und auf einfache Longe umgestellt. Und dann hat sie gesagt, dass ich jetzt das Kribbeln los werde, aber so wie sie das sagt, mit etwas mehr Würde und Anstand. Ja, ich darf hüpfen, aber losreißen ist halt nicht erlaubt. Und los ging es. Trab, Galopp, Trab, dann an den Berg und im Trab den Berg rauf und runter, dann im Galopp den Berg rauf und im Trab wieder runter, Handwechsel und alles nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Zwischendurch ein Keks und die Frage, ob es mir jetzt besser ginge? Ja, aber bisschen kribbelt es noch. Also weiter. Dann irgendwann – als ich schon ordentlich geschwitzt hatte – hat sie Puls gemessen. 88. Zwei Minuten Schritt, war er runter auf 68. Da hat mein Mädchen mich angeschaut und gesagt, es wäre ja wohl nicht zu fassen, wie fit ich bin! Aber weil ich schon etwas stolperig war, fand sie, ich hätte trotzdem genug getan und wir müssten es ja nicht gleich übertreiben am Berg. Ich war ganz zufrieden, aber ich hätte schon auch noch weiter gemacht. Stattdessen gab es noch 5 min Schritt, dann eine schöne Dusche, damit ich runterkühlen kann, weil es ordentlich warm war heute. Das war wirklich ein spezielles Spezialtraining!

Und jetzt denkt mein Mädchen darüber nach, wie sie es im Winter mit mir aushalten kann. Wo soll das Kribbeln hin, wenn wir nicht mehr kilometerweise mit dem Ausreitkumpel rennen gehen können? Sie braucht jetzt mehr denn je einen richtig guten Winterplan, sagt sie. Na ich lass mich überraschen!

So lange es trocken bleibt, wird der Hang jetzt öfter unsere Spielwiese sein – aber nicht mehr an der Doppellonge, so viel steht fest!

Euer kribbeliger Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 553

Pläne sind das eine, das Wetter das andere. Eigentlich war für Mittwoch wieder vorgesehen, dass wir alleine ausreiten ohne alleine auszureiten. Aber dann kam ziemlich viel Wind und mein Mädchen hat der Mut verlassen. Deswegen sind wir dann auf den Reitplatz gegangen und haben uns dort den Huchmampfs in der Ecke gewidmet.

Diego und der Mann hatten derweil spontan beschlossen, einmal die Hausrunde zu wandern. Und so hat mein Mädchen mal wieder eine kleine Gelegenheit gewittert und direkt genutzt. Als wir fertig waren mit reiten ist sie abgestiegen und wir sind links vom Hof gegangen bis zum Baum. Ich hab mich doll gefreut, endlich mal wieder links! Am Baum haben wir dann auf Diego und den Mann gewartet. Die kamen schneller als geplant, aber Diego durfte dann auch noch was grasen

Weil mein Mädchen ein Foto von uns beiden und DEM Baum wollte, mussten wir wenden, während der Mann die Kamera gezückt hat. Das war nicht so einfach, weil wir Ponys nunmal keinerlei Notwendigkeit gesehen haben, die Nasen aus dem Gras zu nehmen. Aber letztlich hat es dann doch geklappt.

Dann sind wir alle zusammen nach hause gelaufen und Diego durfte noch etwas wippen. Ich nicht – menno.

Am Donnerstag waren mein Mädchen und ich dann nochmal zu Fuß rechts vom Hof und am Nachbarn vorbei. Das gefällt mir immer besser! Nur über die Grasstellen möchte ich verhandeln. Anstatt einfach immer an der besten Stelle zu futtern, möchte mein Mädchen ja unbedingt immer abwechseln. Als ob ich davon vergessen würde, wo es das beste Gras gibt! Aber ich soll ja zuhören und nicht einfach da hin laufen wo ich meine. Jaja, ich kann ja zuhören, sobald ich dieses leckere Gras…. und überhaupt: warum hört SIE nicht mal zu? Ich kenne mich mit Gras schließlich viel besser aus als sie!

Naja, sie ist eben auch noch nicht fertig ausgebildet, genau wie ich. Heute steht Spezialtraining auf dem Programm, hat sie gesagt. Na da bin ich mal gespannt, was sie sich jetzt wieder ausgedacht hat!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel (Gras-Auskenner)

Aufräumen

Vielleicht ist Euch aufgefallen, dass ich lange keine Videos mehr gepostet habe. Das hat einen einfachen Grund: der Speicherplatz, den WordPress mir zur Verfügung steht, ist voll. Ich habe bereits in mühsamer Kleinarbeit Bilder und Videos durch kleinere Versionen ersetzt, aber das bringt nicht so wahnsinnig viel. Daher habe ich mich entschlossen, den Blog mal aufzuräumen und neu aufzusetzen.

5 Jahre ist Duncan nun hier, Finlay ist über 5 Jahre tot. Da kann ich schon auch mal eine neue Startseite kreieren und neue Leser besser abholen. Das steht also auf meiner To-Do-Liste für die Tage, an denen ich doch lieber nicht so viel rausgehen möchte, also vermutlich Januar/Februar, wenn draußen der Regen waagerecht fällt. Dann werde ich mir die Zeit nehmen, hier durchzuputzen. Wer also die alten Beiträge nochmal lesen möchte: noch ist die Gelegenheit dazu.

Vorher ist erstmal Herbst und das Aufräumen findet eher draußen statt – und ein bisschen auch schon in meinem Kopf. Die „Saison“ ist so gut wie zu Ende und auch wenn ich neulich ein bisschen gejammert habe über all das, was wieder NICHT stattgefunden hat, kann ich doch auch zurückschauen auf viele Dinge die stattgefunden haben. Und ich sehe vor allem wie sehr Duncan und unsere Beziehung sich entwickelt haben über die vergangenen Monate. Plötzlich hat sich ganz viel im Freedom Based Training getan, wo ich vorher das Gefühl hatte, ich komme keinen Schritt voran, habe keinen richtigen Plan, keine Idee, was ich da eigentlich tue. Jetzt habe ich das Gefühl, dass es mein Pony plötzlich doch interessiert, was ich tue, und ich dadurch einen besseren Plan entwickeln kann. Es ist ihm jetzt wichtig geworden, ob ich mit ihm in Harmonie bin oder nicht. Und er hat verstanden, dass er das beeinflussen kann. Plötzlich ändern sich Dinge, das hat schon etwas magisches. Und das hängt auch mit dem allein ausreiten zusammen, denn mir fällt auf, dass wir beide – Duncan und ich – uns immer zu sehr auf unsere Begleitungen verlassen haben. Sicher, das hat uns schnell vorangebracht, gerade am Anfang konnten wir viele Dinge überhaupt nur deswegen tun, weil Diego mit dabei war. Aber wir beide haben eben die Verantwortung an Diego abgegeben (das ist zugegebenermaßen extrem leicht). Duncan war zu klein für Verantwortung und ich war zu traumatisiert, zu verängstig, zu sehr aus meiner Mitte gerissen durch Finalys Unfall-Tod. Jetzt gilt es, erwachsen zu werden. Duncan und ich müssen jetzt die Verantwortung für uns selbst übernehmen, und sobald wir das tun, können wir auch allein ausreiten, dessen bin ich mir sicher. Wie genau der Prozess ist, um dorthin zu kommen, weiß ich noch nicht, aber es hilft mir, das Problem jetzt klarer benennen zu können und zu wissen wo mein Anteil ist. Ich muss Entscheidungen treffen, wie ich mit Verhaltensweisen meines Ponys umgehen möchte. Wenn er stehenbleibt und schaut, was möchte ich ich dann tun? Heutzutage gibt es nicht mehr die eine Lehre, die uns sagt, was man uns früher zugebrüllt hat „setz dich durch!“. Es gibt viele Optionen, viele mögliche Verhaltensweisen, die mehr oder weniger schnell zum Ziel führen (wobei das Ziel dann eben jeweils auch unterschiedlich ist). Ich werde ein bisschen herumprobieren (müssen) um unseren persönlichen Weg zu finden. Einen Fehler habe ich ja schon gemacht, den brauche ich nicht zu wiederholen. Vor einigen Wochen, als ich Duncan habe grasen lassen und er die Welt um sich herum so ausgeblendet hat, dass er dann, als er den Kopf wieder hochnahm, furchtbar erschreckt war und sich losgerissen hat. Deswegen: Grasen ohne die Umwelt im Blick zu behalten ist tabu. Das habe ich schonmal kapiert. Jetzt muss ich noch rausfinden, wie lange ich Duncan gucken lassen kann und wann ich eingreifen muss, weil er sich festglotzt. Und wie ich am besten eingreifen kann.

Gestern, als der Wind mir einen Strich durch meinen ursprünglichen Ausreit-Plan gemacht hat und Duncan und ich stattdessen auf dem Reitplatz waren, haben sich noch mehr Übungsmöglichkeiten eröffnet: Die Gruselecke auf dem Reitplatz eignet sich prima, um das Reiten im Gelände zu simulieren, habe ich festgestellt. Und der schmale Weg vom Reitplatz auf den Hof ist eigentlich ja auch ein super Übungsplatz, den ich dringend nutzen sollte, um voranzukommen. Und obwohl mir letztes Jahr schon aufgefallen war, dass unser „Sommerreitplatz“ (den ich diesen Sommer kein einziges Mal genutzt habe) ein gutes Übungsfeld wäre, habe ich das irgendwie vergessen oder verdrängt. Ich merke, wie ich immer hundert Gründe habe, Dinge nicht zu tun (heute habe ich nicht genug Zeit, heute würde ich es nicht packen, wenn es schiefgeht, heute braucht er gute Gymnastik, das kriegen wir da oben nicht hin…..). Es liegt an mir, diese wunderbaren Übungsgelegenheiten mehr zu nutzen, das ist mir jetzt nochmal ganz klar geworden. Auszubrechen aus meinem Trott und Dinge anders zu machen, damit wir vorwärts kommen. Und das gute ist: das kann ich auch jetzt im Herbst und Winter tun, ganz ohne den Hof zu verlassen.

Ich freue mich darauf, all die alten Geschichten noch einmal zu lesen, bevor sie im Archiv verschwinden. Ich bin sicher, das wird mir Mut geben, die Dinge anzupacken, weil ich sehen kann, welche Hindernisse wir in 5 Jahren überwunden haben und wie weit wir schon gekommen sind. Man sagt, die meisten Menschen überschätzen was sie in einem Jahr schaffen können und unterschätzen was sie in 10 Jahren schaffen können. Von diesen 10 Jahren sind noch 5 übrig, da können wir noch eine Menge schaffen.