Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 564

Das Leben hat so gewisse Gesetzmäßigkeiten. Zum Beispiel die: eigentlich waren wir heute mit dem schönen Spanier zum Ausreiten verabredet. Aber die Wettervorhersage war mies. Das Mädchen vom schönen Spanier hat also beschlossen, dass sie lieber nicht kommt. Und dazu gesagt „wenn ich jetzt absage, wird bestimmt allerschönstes Wetter sein am Sonntag“. Darauf hat mein Mädchen sich dann verlassen. Und tatsächlich schien heute morgen die Sonne wunderschön!

Bevor es los ging, sollte Diego amtlich frühstücken können. Der kriegt ja jetzt auch immer 2 Schüsseln am Tag und darf dazwischen stundenlang in seinem Häuschen am Heu mümmeln. Frech finde ich das! Nun sollte er also Zeit bekommen um Heu zu tanken. Ich habe diese Zeit anderweitig genutzt und eine Runde mit Gatsby gespielt. Mein Mädchen stand am Fenster und hat sich gefreut. Dann hat sie die Kamera raus geholt. Und hier kommen wir zu Gesetzmäßigkeit Nummer 2: wenn die Kamera draußen ist, hören wir auf mit Spielen. Oder wir flitzen um die Ecke. Oder wir bewegen uns so schnell, dass die Fotos unscharf werden.

Wir haben dann nachher auch noch Frühstück bekommen und danach ging es los. Mein Mädchen hat etwas gegrummelt, denn in der Nacht hatte es viel geregnet und ich hatte mir danach ein schönes Schläfchen gegönnt und war somit dezent paniert. Aber zum Glück bin ich ja nicht empfindlich, also einfach das Gröbste abbürsten und dann trotzdem den Sattel drauf. Und die Schuhe an. Weil es Beschwerden gab wegen der weißen Tennissocken, die ich letztes Mal an hatte, hat mein Mädchen jetzt ein paar von ihren Ringelsocken genommen, die vorne ein Loch haben und deswegen für sie nicht mehr taugen, weil ihr sonst der große Zeh friert.

Heute Ringelsocken

Nachdem endlich alle alles angetüddelt hatten, ging es los. Diego heute mit Sattel, weil der Mann ganz langsam wieder anfangen will zu reiten. Erst ist er aber zu Fuß los. Bis zum Dorf, über die Dorfstraße bis zur Bank, dort ist der Mann dann aufgestiegen. Und dann ging es rechts! Oje, wir Ponys waren nicht begeistert. Denn wenn man an der Stelle rechts abbiegt, geht es zum Berg. Aber es nützte nix. Wie wir so Richtung Berg tingeln, passierte etwas ganz kurioses: uns kam eine Reiterin entgegen! Nanu? Sowas passiert doch sonst nicht. Die rief uns zu, sie hofft, dass wir regenfest sind, denn von da hinten kommt es gleich! Mein Mädchen hat sich geärgert über diesen dummen Spruch. Als ob wir nicht selbst wüssten, was eine schwarze Wolke am Himmel so mit sich bringt. Mit dem schönen Sonnenschein ging es nämlich langsam zu Ende, die schwarze Wolke zog unaufhaltsam in unsere Richtung. Aber wir wollten uns unseren Sonntagsausritt nicht vermiesen lassen.

Noch scheint die Sonne aber auf der anderen Seite des Sees ist der Himmel dunkel…

Kurze Zeit später wurde es noch erstaunlicher: noch eine Reiterin! Hä? Wo kommen die denn heute alle her? Weiter ging es in den Wald hinein zum steilsten Stück vom Berg. Der Mann ist wieder abgestiegen, aber mein Mädchen hat mich herausgefordert und gemeint, ich könnte ja mal sehen ob ich sie da hoch getragen kriege. Uff! Das war ein hartes Stück Arbeit, sage ich euch! Aber oben gab es einen wohlverdienten Keks. Inzwischen fing es an zu regnen. Dann weiter den schmalen Weg entlang. Bis wir an eine Stelle kamen, an der es meinem Mädchen doch zu rutschig wurde. Dort ist sie abgestiegen und wir sind ein ganzes Stück hintereinander her durch den Wald geschlittert und gerutscht. Das Wetter hat derweil ordentlich losgelegt mit Wind und Regen, so dass wir ziemlich nass wurden. Schließlich hatten wir den schmalen Weg hinter uns und waren wieder auf dem breiten Weg. Doch was war das? Da kamen uns doch noch zwei Reiter entgegen! Verrückte Welt. Und kurze Zeit später kamen noch drei! Da war wohl irgendwo ein Nest.

Mein Mädchen ist dann wieder aufgestiegen und ich hab sie wie so ein Gentleman durch den Wald getragen. Am steilen Stück Berg (nicht ganz so steil wie der auf dem Hinweg) hat sie kurz gezögert und dann den Mann gefragt, ob ich das schaffe bei dem rutschigen Boden. Der Mann hat sofort gesagt „schafft er“ und so hab ich die Arschbacken zusammengekniffen und mein Mädchen vorsichtig den Berg runter getragen. Das war anstrengend! Da musste ich mich voll konzentrieren, weil da so rutschiges Laub lag. Aber ich kann das! Zack – Mädchen stolz!

Als wir dann aus dem Wald kamen, hatte der Regen aufgehört und das Wetter hat einen auf unschuldig gemacht. Der Mann ist noch ein kleines Stück geritten und dann wieder abgestiegen. Und wie wir der Heimat so langsam näher kommen, da hat das Wetter gemeint, es müsste nochmal eine kalte Dusche spendieren. Igitt! Also die Gesetzmäßigkeit, dass das Wetter schön wird, wenn der schöne Spanier absagt, hat nicht so gut funktioniert. Aber es scheint eine weitere Gesetzmäßigkeit zu geben: anscheinend begegnet man den meisten Reitern, wenn das Wetter am schlechtesten ist. Mein Mädchen kam da gar nicht drüber weg: all die Male, die wir bei Sonnenschein unterwegs sind, treffen wir nie jemanden! Insgesamt treffen wir vielleicht 5 Reiter im ganzen Jahr und jetzt waren es 7 an einem Tag! Das ist äußerst verwunderlich.

Herbststimmung

So, jetzt ist alles gründlich nass und mein Mädchen und der Mann haben die Sättel mit in ihre Wohnung genommen zum trocknen. Wir Ponys dürfen da nicht mit, aber das wollten wir auch gar nicht – zu warm. Wir trocknen uns lieber von innen schön durch und gut is.

Euer nassgeregneter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 563

Gestern war meine kleine Freundin wieder da. Die hab ich länger nicht gesehen und mich gefreut als sie kam, ich mag die. Früher hatte mein Mädchen mich immer im Stall extra gestellt, damit meine kleine Freundin mich in aller Ruhe aufhalftern kann. Jetzt nicht mehr, weil mein Mädchen findet, meine kleine Freundin kann da noch was lernen. Diego stand am Stalltor und hat gedrängelt und ich wusste ja, dass ich dran bin und Merlin und Caruso finden eh immer dass es Zeit für einen Eimer ist und sie deswegen da raus dürfen. Macht 4 Ponys direkt am Tor. Da war meine kleine Freundin etwas überfordert. Mein Mädchen hat dann gesagt, dass sie mich einfach so ohne Halfter raus laufen lassen kann. Ich durfte also raus, dann sagt mein Mädchen „hoooo“ und hofft, dass es klappt. Aber ich bin ja so ein Guter, natürlich bleibe ich dann stehen. Keks! Dann in Ruhe aufhalftern.

Dann kommt die Putzorgie. Während meine kleine Freundin mich sorgfältig gebürstet hat (ich hatte mittags ein ausgiebiges Nickerchen gemacht und deswegen etwas Dreck im Pelz) hat mein Mädchen meinen Zopf wieder aufgemacht, der ja nun schon etwas länger drin war und auch schon ein bisschen auseinander fiel.

Oje, der Zopf war zu lange drin…

Außerdem brauchte sie meine Mähne offen, damit wir mein neues Equipment ausprobieren können! Speziell für Reiterinnen, die sich nicht so sicher sind und gern einen Griff zum festhalten hätten. Da war nämlich die Haus- und Hof-Schneiderin mal wieder fleißig am Werk und hat mir etwas passend auf den Leib geschneidert! Sie hatte mich zwischendurch mal besucht, sich über meine vielen weißen Haare gefreut (sie mag weiße Pferde) und mit fachmännischem Blick, Stecknadeln und kleinen Klemmen alles genau passend abgemessen. Dann hat sie es genäht und jetzt seht nur her! Mein Mädchen findet, es sieht ein bisschen aus wie eine Krawatte. Unten hat es ein dekoratives Herz, oben einen Griff für die Reiterin und einen kleinen Schlitz, durch den mein Mädchen ein paar meiner Mähnenhaare ziehen kann. Damit kann sie den Kragen festflechten, so dass er nicht nach unten rutscht wenn ich den Kopf runter nehme. Und weil das Teil so schön breit ist und den Druck gut verteilt, kann meine Reiterin sich herzhaft festhalten ohne dass es mich stört. Patent, oder?

Henkel-Krawatte in Entstehung
Bequem für alle Beteiligten!

Meine kleine Freundin fand das richtig super. Sie reitet mich ja jetzt ohne Reitpad, weil sie dann besser fühlt, wo sie in der Mitte sitzt und besser im Gleichgewicht bleibt. Und mit dem Extra Haltegriff hat sie sich so sicher gefühlt, dass sie nachher sogar ihren ersten kleinen Galopp gewagt hat! Aber vorher haben wir traben geübt. Mein Mädchen hatte mich an der Longe, aber meine kleine Freundin gibt die meisten Kommandos – ich habe ja „voice control“. Und ich passe soooooo gut auf sie auf. Sobald sie ein bisschen Angst bekommt, halte ich an.

Während wir so am üben waren, ist mir was aufgefallen: wenn ich trabe und dann ein bisschen mehr Schwung in die Sache gebe, dann wird sie ein bisschen unsicher, dann pariere ich freundlich durch und weil ich so ein Guter bin, bekomme ich dafür einen Keks. Aha! So kommt man an die Kekse! Aber was soll ich euch sagen: mein Mädchen hat das fix durchschaut. Sie hat meiner kleinen Freundin erklärt, was da vor sich geht und die hat sofort gesagt, dass ich dann wohl keinen Keks bekomme. Also habe ich das wieder gelassen und bin vorsichtiger getrabt. Schade war das trotzdem, der Trick war sooooo gut! Blöde, dass mein Mädchen so viel mit Ponys zu tun hat und mich so schnell durchschaut. Jetzt muss ich mir neue Tricks ausdenken um an die Kekse zu kommen.

Zum krönenden Abschluss haben wir dann die ersten Galoppsprünge gewagt, meine kleine Freundin und ich. Da war meine kleine Freundin sehr stolz auf sich – und das völlig zu Recht! Anschließend die übliche Möhrenparty und jetzt freuen wir uns aufs nächsten Mal.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit der schicken Henkel-Krawatte

Privilegien

Duncan ist ziemlich erwachsen geworden in den letzten Wochen. Schwer zu beschreiben, aber er ist viel stabiler in sich und es kommt mir so vor als würde er sich nicht mehr so oft selbst im Weg stehen. Seine Laune ist besser, er wirkt vernünftiger. Klar, es kann immer alles am Wetter liegen und ich habe auch wieder an der Fütterung herumgeschraubt – also wer weiß? Aber ich sehe eben wie er sich verhält und dann heißt das, dass ich mein Verhalten an seines anpasse. Und dazu gehört, dass ich ihm mal wieder ein paar Privilegien gebe. Das wichtigste Privileg ist, dass er frei über den Hof laufen darf. Dafür gibt es verschiedene Gelegenheiten, zum Beispiel wenn alle Ponys ihre Schüsseln bekommen. Denn ein Pony – das von unserer Mieterin – bekommt von mir keine Schüssel. Er bekommt dann in der Zeit Heu, aber wenn er die anderen mit ihren Schüsseln sieht, will er da natürlich hin. Ich habe es also am einfachsten, wenn die Ponys mit ihren Schüsseln außer Sicht- oder außer Reichweite stehen. Und das wiederum geht am einfachsten, wenn Duncan über den Hof in einen anderen Stallteil gehen kann. Bisher war ich aber nicht sicher, ob ihm nicht auf dem Weg allerhand „wichtige“ Dinge einfallen, die er tun muss und die plötzlich wichtiger sind als ich (und ja, teilweise auch wichtiger als die Schüssel). In den letzten Wochen – vielleicht auch durch das Freedom Based Training das wir gemacht haben – ist er besser in der Lage, mich und meine Wünsche als Priorität wahrzunehmen und vorrangig zu erfüllen. Während es vorher ziemlich egal war, ob ich geschimpft habe wie ein Rohrspatz, ist durch ruhiges, körpersprachliches „Kommentieren“ seiner Verhaltensweisen jetzt eine viel schönere Art der Kommunikation entstanden. Aber ich glaube nicht, dass das ein reiner Trainings-Erfolg ist, denn auch in der Herde verhält Duncan sich deutlich erwachsener, übernimmt mehr Verantwortung, ist nicht mehr so launenhaft wie vorher.

Wir waren schon einmal an dem Punkt, an dem Duncan auch frei auf dem Hof stehen durfte. Dann kam aber eine Zeit, in der er das ein paar mal ausgenutzt hat und ich entschied, dass es dieses Privileg dann eben nicht mehr gibt. Wer nicht wartet, wenn ich das sage, der wird eben ans Halfter gelegt und auch angebunden, damit ich in Ruhe tun kann, was eben gerade zu tun ist.

Ob die Pferde verstehen, dass das freie Stehen – auch ohne Halfter – ein Privileg ist, dass man sich verdient? Dass man es selbst auch wieder verspielen kann? Ich weiß es nicht. Aber es schadet in diesem Fall nicht, davon auszugehen, dass sie das verstehen. Wenn sie es nicht verstehen, hat es keinerlei negative Konsequenzen. Wenn sie es aber verstehen, können sie lernen, mit kleinen Freiheiten gut umzugehen. Wenn Duncan ohne Halfter auf dem Hof steht und ich ihn rufe, damit er in den Stall kommt, finde ich es völlig ok, wenn er auf dem Weg noch schnell einmal in all die leeren Schüsseln schaut, die da stehen oder noch eine kleine Förster-Einheit an der Stallwand einlegt, wo wieder mal ein Löwenzahn durch die Ritze am Boden wächst. Nur von seinem Weg abweichen soll er eben nicht.

Mein älteren Ponys dürfen auch mal auf dem Hof grasen. Sie wissen ganz genau: wenn sie die Grundstücksgrenze überschreiten, hole ich sie sofort in den Stall und der Schmaus ist beendet. Das führt dazu, dass ich manchmal nur kurz meine Stimme warnend erhebe und die Ponys ihre grase-Richtung dezent ändern. So weit ist Duncan mit Sicherheit noch nicht, aber das kommt irgendwann auch noch. Und nebenbei erleichtert es MEIN Leben ungemein. Nicht immer erst ein Halfter anziehen zu müssen, sondern ein Pferd auch mal eben aus der Stalltür raus lassen zu können, ist für MICH ein Privileg.

Mal sehen, welche Privilegien sich noch ergeben. Im Gelände bleibt es schwierig, denn auch wenn Duncan gern den Weg aussuchen würde und ich grundsätzlich nichts dagegen hätte, wählt er eben doch keinen Weg (es gibt auf unsere Hausrunde einfach nur zwei Stellen wo das möglich wäre), sondern möchte lieber aufs Feld (vorzugsweise auf jedes das grün aussieht). Aber wer weiß, eines Tages. Und auch die Wahl der Gangart werde ich ihm vielleicht eines Tages öfter überlassen (können), was allerdings von mir gelegentlich mehr Mut erfordern wird (und mehr Zutrauen in seine Fähigkeiten, dann im Zweifel schnell wieder hinzuhören). Und vielleicht gibt es noch andere Stellen, die ich finden kann, um ihm mehr Freiheiten zu geben – mit dem gleichzeitigen Auftrag, mehr Verantwortung zu übernehmen.

Erstmal bin ich jetzt gespannt, ob er erwachsen bleibt (bei Finlay war das so, der war mit 6 Jahren erwachsen und blieb es auch) oder ob noch ein, zwei oder mehr Pubertätsschübe kommen. Dann kann es sein, dass ich Privilegien zeitweise wieder abschaffe. Vorerst freuen wir uns wohl beide darüber, dass es gerade so fein läuft.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 562

Es gab wieder keinen Sonntagsausflug diese Woche – das wird hier langsam zur schlechten Gewohnheit! Mein Mädchen war etwas matt und wollte deswegen nur auf dem Platz reiten. Naaaaaa gut. Sie hat aber versprochen, so bald wie möglich einen kleinen Ausritt ins Programm einzubauen. Montag war das Wetter mies und die Zeit zu knapp, da haben wir Schritt-Stangen in der Halle gemacht. Dienstag war die Zeit auch knapp und außerdem niemand zu hause, also waren wir nochmal auf dem Platz reiten. Aber heute war es so weit! Wir sind mal wieder ganz allein losgezogen und haben unsere Hausrunde gedreht!

Aber bevor es los geht ist ja immer allerhand zu tun. Hufschuhe anziehen, weil es da doch ein Stück weit sehr steinig zugeht. Weil mein Mädchen nicht ganz zufrieden ist mit dem Sitz der Schuhe wollte sie die kleine Runde nutzen um was neues zu testen: Socken! So ein paar olle Tennissocken von ihr mussten herhalten. Die hat sie über meine Füße gezogen (das ging gerade so ganz knapp) und dann die Hufschuhe drüber. Sieht bisschen peinlich aus, aber wenn es funktioniert, kann ich ja vielleicht noch Ringelsocken bekommen, dann geht das wohl. Oder was in orange oder apfelgrün – na sehen wir mal. Beim Hufschuhe anziehen machen wir immer gleich noch eine kleine Dehnübung. Dann nimmt mein Mädchen mein Hinterbein und führt es vorsichtig nach hinten bis das Bein lang gestreckt ist. Aaaaaah das entspannt schön.

Socken und Dehnübung

Dann satteln und so. Mein Mädchen muss sich ja auch immer allerhand antüdeln, Helm, Schutzweste, Handschuhe, dann das Handy an die Leine legen und die App starten damit der Mann sehen kann wo wir uns herumtreiben. Dann noch das Leitseil vom Bosal in den Gürtel stopfen und das alles mit Winterklamotten, das dauert, sage ich euch. Ich lass mir dann immer zwischendurch ein Stück Apfel geben, das hilft beim geduldig sein. Dann endlich aufsteigen und los! Ich habe schon direkt klar und deutlich angesagt, dass ich LINKS vom Hof möchte. Mein Mädchen meinte, so wie ich abbiege, hängt sie am Baum und das will sie nicht. Bitte den Bogen etwas größer, ich darf ja nach links. Na gut. Ich bin gleich losmarschiert – naja, marschieren ist das noch nicht. Ich bin am Anfang immer seeeeeehr langsam weil mein Kopf so viel zu tun hat. Aber mein Mädchen findet, es ist schon besser geworden, flüssiger und mutiger. Und ich will auf jeden Fall los, auch wenn ich (genau wie mein Mädchen) meinen Mut zusammenkratzen muss! Auf dem Nachbaracker wurden Zuckerrüben geerntet. Mein Mädchen meint, in den 20 Jahren die sie hier wohnt, kann sie sich nicht erinnern, dass mal Zuckerrüben in unserer Nähe angepflanzt waren, deswegen kennt sie auch den Ablauf der Ernte nicht. Da war ein großer Trecker mit Anhänger unterwegs und so eine Art „Spezial-Trecker“ der die Zuckerrüben aus dem Boden geholt hat. Und wie das Schicksal es wollte, waren die gerade da am Feldrand unterwegs als wir da hin kamen. Ich fand das jetzt nicht soooo dramatisch, aber mein Mädchen ist dann doch lieber abgestiegen. Vorteil für mich, denn es gab Apfelstückchen! Obwohl ich mich ehrlich gesagt nicht wirklich gefürchtet habe. Das sind doch auch nur Trecker – laut und groß und immer für ein komisches Geräusch gut, aber harmlos.

Als das geschafft war, ist mein Mädchen an der großen Eiche wieder aufgestiegen. Hier beginnt unsere traditionelle Trabstrecke. Da der Grasweg immer etwas bergauf und bergab geht, muss man da bei diesem feuchten Wetter gut auf seine Füße aufpassen, aber ich hab das drauf. Schnell war ich nicht, aber mein Mädchen war zufrieden. Dann den Dornröschenweg, den können wir jetzt auch schon entspannter meistern. Meinem Mädchen ist aufgefallen, dass ich wohl mehr innere Ruhe habe, weil ich nicht mehr ständig nach dem Gras haschen muss (das ist so eine kleine Marotte von mir, wenn ich nervös bin, brauche ich unbedingt was zu futtern….). Als wir an den steilen Berg kamen, ist mein Mädchen abgestiegen, denn da kann es wirklich rutschig werden. Ich durfte dann noch schön was grasen und sie hat ein Foto an den Mann geschickt und sich gefreut, wie toll wir das alles können. Beim Grasen sollte ich wieder meine Umwelt im Blick behalten und mein Mädchen findet, dass ich darin auch schon viel besser geworden bin.

Dann wieder rauf – da war ein Fasan im Gebüsch, der hat erst rumgeraschelt und dann sein typisches Geschrei gemacht und ich bin NICHT zusammengezuckt! Da war mein Mädchen sehr stolz und hat sogar noch ein Apfelstückchen springen lassen. Diese kleinen Momente zeigen ihr, dass ich doch schon deutlich entspannter alleine unterwegs bin. Dann noch ein kleines bisschen Trab, im Schritt an all den Pferden vorbei, die bei Nachbars Nachbarn wohnen und auf den letzten Metern haben wir noch ein bisschen Schenkelweichen geübt, bevor wir dann gemeinsam die Mülltonne mit rein genommen haben.

Mädchen wieder stolz wie Oskar und ich bin auch sehr zufrieden mit diesem feinen kleinen Ausflug und fühle mich seeeeeeehr erwachsen.

Euer allein ausreitender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 561

Hallo Mädchen, was steht denn heute auf dem Programm? Ich hatte diese Woche zwei Tage frei und noch gar keinen Ausritt, mir ist bisschen langweilig…. Mein Mädchen hat sich erstmal gefreut, dass ich so hochmotiviert angekommen bin. Ich durfte dann auch prompt meine Schüssel mit Schmatzofatz leeren (derzeit wieder besonders klebrig weil ich nach der ganzen Eichelsucherei wieder Flohsamen kriege, falls ich Sand mit gefuttert habe).

Dann Hufschuhe an und satteln. Oh, das sieht ja nach Ausritt aus, jetzt bin ich gespannt! Niemand sonst hier, gehen wir alleine raus? Plötzlich kommt da ein Pferd um die Ecke – auf unseren Hof rauf! Hm. Aber ich bin ja ein Guter, habe mich konzentriert und brav gewartet bis mein Mädchen aufgestiegen war und nachgegurtet hatte. Und dann sind wir mit dem fremden Pferd ausreiten gegangen! Jetzt war ich aber baff. Sowas ist mir ja noch nie untergekommen! Da war ich mir nun gar nicht so sicher, was ich davon halten soll. Mein Mädchen meinte, sie hätte doch eher damit gerechnet, dass ich aufgeregt und deswegen flott unterwegs bin, aber ich hatte Denkblockade. Ich war so mit dem fremden Pferd und der neuen Situation beschäftigt, dass keine Hirn-Kapazitäten mehr fürs Laufen frei waren. Mein Mädchen war maulig, weil sie meinte ich sei so klemmig, aber sie dachte sich schon, dass das ein Kopf-Problem ist. Es hat ein paar Kilometer gedauert, bis ich mich ein bisschen eingekriegt hatte, nachher ging es dann.

Der Fremde ist ein Araber und ein Vollprofi. Der ist neulich 110km Distanzritt gelaufen! Holla die Waldfee! Trotzdem voll die coole Socke. Eilig hatte der das nicht. Schien ihm auch nichts auszumachen, sich einfach an mein Tempo anzupassen. Apropos Tempo: Im Nachbardorf stand ein komisches Dings an der Straße, da hat mein Mädchen gemeint, wir dürfen nicht zu schnell daran vorbei! Aber „nicht zu schnell“ heißt in dem Fall wohl nur „nicht im vollen Renngalopp“. Und der war ja nun eh nicht angesagt. Stattdessen waren wir die meiste Zeit im Schritt unterwegs, mit kleinen Trabeinlagen zwischendurch, da wo mal schöne Wegabschnitte waren. Die sind leider eher rar gesät bei uns in der Umgebung. Aber Schritt reiten ist ja voll gut für die Grundkondition, sagt mein Mädchen. Nicht für ihre, aber für meine – ich bin eh der einzige von uns der fit ist.

Gut, dass wir gerade im Schritt unterwegs waren!

Mir war ziemlich warm, ich habe in den letzten Tagen noch ein bisschen mehr Pelz produziert, falls es doch noch einen schottischen Winter geben sollte. Mein Mädchen meint, ich übertreibe maßlos und sie überlegt, ob sie mich nicht lieber noch etwas entpelzen sollte. Aber wer weiß schon, was das Wetter bringt? Schwierige Frage. Der Vollprofi-Araber hingegen trug schon ein Nierendeckchen, damit er sich ja nicht sein zartes Popöchen verkühlt. Tssssss…. Mimose. In Schottland wäre der ganz schnell weg vom Fenster. Ok, dafür werde ich wohl nie 110km an einem Tag laufen, fairer Ausgleich.

16km in 2,5 Stunden haben wir gemacht. Also mein Mädchen und ich. Der Vollprofi ist vorher schon 5km bis zu uns gelaufen und nachher wieder nach hause. Aber er ist ja Vollprofi, dem machen die 10km extra nichts aus. An der letzten Kreuzung haben wir uns getrennt, er hat sich rechts auf den Heimweg gemacht, wir sind links abgebogen. Mein Mädchen war nicht sicher, wie ich das finde, aber wisst ihr was? Mir ist das einerlei. Wir waren ja eh nur noch 650m von zu hause weg, die hab ich einfach in Ruhe abgebummelt.

Mein Mädchen ist wieder mächtig stolz auf mich, weil ich das sooooo toll gemacht habe. Ja ok, ich hab ein bisschen geklemmt und nachher ein bisschen öfter geäppelt als normal, weil ich halt doch nicht soooooo tiefenentspannt war, aber mein Mädchen weiß es zu schätzen, dass ich mich nur innerlich aufrege und sich das nicht in Rennen, Buckeln oder ähnlich dummem Zeug äußert. Auch wenn sie es anstrengend findet, wenn ich so klemmig laufe, ist ihr das natürlich lieber als alles andere. Und sie meint, der Rest ist Übungssache.

Das Mädchen vom Vollprofi-Ausreitkumpel war hingerissen von mir (was sonst?) weil ich in meinen jungen Jahren so fein gelassen und artig bin. Sie meinte, ich würde bestimmt gut schlafen nach diesem feinen Abenteuer. Pah, da kennt sie mich aber schlecht! Als Diego abends noch wippen durfte, hätte ich gern auch nochmal mitgemacht. Aber leider muss mein Mädchen ja auch mal andere Sachen machen als mit uns Spaß zu haben – schade.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit dem neuen Ausreitkumpel

Leistung

Meine Workshop-Teilnehmer der 2. Generation (die den wesentlich besseren Workshop genießen konnten) haben sich ein neues Thema bestellt und das geistert durch meinen Kopf. Und ich glaube, ein großer Teil dieses Themas besteht in der Frage, was wir von unseren Pferden verlangen dürfen. Eine Schülerin hat das, was viele von uns insgeheim empfinden mal so schön auf den Punkt gebracht. Ihre Formulierung war ungefähr „er soll das machen was ich möchte, aber er soll es freiwillig und gern tun“. Da muss ich spontan an die Frauen denken, die sich wünschen, dass ihr Mann ihnen Blumen mitbringt, ihm das aber nie sagen, weil er es sonst ja nur tun würde, weil sie es ihm gesagt haben. Und dann ist es nicht freiwillig. Und überhaupt: wenn er mich wirklich lieben würde, wüsste er doch, dass ich Blumen möchte. Ja, so schwer kann man sich das Leben gegenseitig machen und ich höre das soll gar nicht so selten sein. Ich bin ja, wie man heutzutage so schön sagt, „socially awkward“ an der Stelle. Wenn ich gefragt werde, was ich will, sage ich, was ich will. Und oft genug sage ich das auch dann, wenn ich nicht gefragt werde. Gleichzeitig erwarte ich das selbe von meinem Gegenüber. Spuck´s halt aus und sag nicht lauter unwahres Zeug, von dem du denkst dass ich es hören will.

Vielleicht mag ich deswegen die Highlandponys so gern (und die meisten anderen Ponyrassen), weil die meist genauso geraderaus sind. Die haben keinen übermäßigen Respekt vor irgendwem, die möchten nicht um jeden Preis gefallen, die verbiegen sich nicht endlos für jemand anderen. Die kooperieren oder sie tun es eben nicht. Insofern ist ein gewisses Maß an „Freiwilligkeit“ bei diesen Rassen immer gegeben, denn wenn die etwas nicht wollen, dann sagen sie das. Man kann da nicht aus Versehen drüber hinweg gehen ohne es zu merken und zu wollen. Die teilen einem auch mit, wenn sie etwas blöd finden. Man kann trotzdem natürlich mit beliebig viel Druck über so ziemlich alles hinwegbügeln, was sich einem als Widerstand bietet, aber ich hoffe sehr, dass die Leserinnen meines Blogs nicht zu den Leuten gehören, die das tun.

Wirkliche Freiwilligkeit sehe ich bisher nur bei Elsa Sinclair. Sie hat gezeigt, dass die Pferde wirklich bereit sind, aus freien Stücken mit uns zu arbeiten, wenn wir genug Zeit und Wissen investieren. Warum arbeite ich trotzdem nicht ausschließlich nach ihrer Methode? Weil mein Pony – genetisch bedingt ein sehr guter Futterverwerter – sonst noch weniger essen dürfte, weil der Sport fehlen würde. Und weil ich mit ihm vereinbart habe, dass wir gemeinsam Abenteuer erleben wollen. Jedes einzelne Mal, wenn er von selbst in den Anhänger einsteigt, bestätigt er mich darin. Jedes einzelne Mal, wenn er drängelnd am Zaun steht und dringend etwas tun möchte, bestätigt er mich darin. Er kennt die Zusammenhänge, er weiß, was passiert, wenn er mit mir auf den Reitplatz geht oder den Hof verlässt. Und wenn er mir deutlich signalisiert, dass er Lust darauf hat, dann ist das zwar alles nicht ganz freiwillig (er trägt ein Zaumzeug, ich bestimme Gangart und Richtung), aber Spaß macht es ihm trotzdem. Deswegen glaube ich nicht, dass nur die reine Freiwilligkeit Pferde glücklich macht. Bei uns Menschen ist das übrigens nicht anders, wenn man es mal kritisch beleuchtet. Viele Dinge tun wir durchaus nicht ganz freiwillig – Spaß machen können sie trotzdem.

Als ich hier eine tolle Doku über den Tevis-Cup, das härteste Distanzrennen der Welt, gesehen habe, habe ich genau die beiden Seiten sehen können. An einer Stelle habe ich zu Arnulf gesagt: „ich möchte nicht, dass mein Pferd so müde aussieht“. Hier wäre für mich die Grenze, über die ich mein Pferd nicht hinweg treiben wollen würde. Andererseits: diese Pferde sind bereits viele Distanzritte gelaufen. Sie wissen, was sie erwartet. Einige sind auch schon mehrfach beim Tevis Cup gestartet, natürlich wissen sie, wo sie sind. Trotzdem starten sie hochmotiviert, sie haben Lust, sie geben Gas und müssen am Start vielfach noch ausgebremst werden. Ich denke, gute Distanzpferde haben – so wie menschliche Hochleistungssportler – auch Spaß daran, ihre eigenen Grenzen auszuloten. Ganz abgesehen vom menschlichem Ehrgeiz wissen wir hoffentlich alle, wie gut es sich anfühlen kann, etwas geschafft und geleistet zu haben. Da sind einfach Hormone im Spiel, die sicherlich auch die Tiere haben, auch wenn die kein Interesse an einem Pokal oder einer Preisverleihung haben.

Wie viel Leistung darf ich also verlangen von meinem Freizeit-Pony? Ich glaube, der Knackpunkt an dieser Frage ist, dass die Antwort sich jeden Tag ändert. Wie ist das Wetter, die Fitness, der Trainingszustand, die Laune? Je trainierter ein Pferd ist, desto mehr möchte es tun. Diese Lektion hat Duncan mir neulich ja auch mal wieder erteilt, als er dieses innere Kribbeln spürte.

Ich möchte alle Freizeitreiterinnen ermutigen, ihre Pferde mal ein bisschen mehr zu fordern. Viele bleiben weit unter ihren Möglichkeiten und ich persönlich glaube, dass das einen Beitrag zu den vielen körperlichen Problemen leistet, die unsere Pferde haben. 20 Minuten Galopp jede Woche, so sagt man, braucht eine Pferdelunge um gut belüftet zu werden. Und auf Kilometerzahlen von 10-30km am Tag kommt auch kaum ein Pferd. Leider kann keine Kopfarbeit der Welt ersetzen, dass unsere Pferde – seit vielen Generationen auf Bewegung spezialisiert – einfach laufen müssen um gesund zu bleiben und das auch auf der Weide und im allerschönsten Offenstall nicht genügen tun.

Die allerwenigsten Reiterinnen werden den Ehrgeiz haben, den Tevis Cup zu reiten (ich persönlich bin – ganz abgesehen vom Pferd – weit davon entfernt mir selbst so etwas antun zu wollen), aber ein bisschen mehr Sport wäre nicht nur für uns Menschen, sondern eben auch für unsere Pferde eine feine Sache. Und wenn wir es dann schaffen, das so zu gestalten, dass unsere Pferde Lust darauf haben und dass sie ein gewisses Mitspracherecht haben, dass sie auch mal „nein“ sagen dürfen oder einen Gegenvorschlag machen, dann können wir schon auch mal Leistung verlangen und am Ende sehen, wie stolz ein Pferd sein kann, wenn es etwas geschafft hat.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 560

Gestern waren wir wieder „ausreiten mit alleine ausreiten“. Diesmal in einer neuen Version: Alle zusammen rechts vom Hof, dann Richtung Nachbardorf. Wieder rechts, an den Rindern vorbei. Sobald wir die abgecheckt hatten, sind mein Mädchen und ich mal munter voran getrabt. Der Mann war mit Diego zu Fuß unterwegs, die sind also im Schritt geblieben (unsere Menschen könne ja nicht gut traben und galoppieren, obwohl ich gehört habe, dass es Menschen geben soll, die das können!).

Als wir einen schönen Vorsprung hatten (so nach 1km Trab) ist mein Mädchen abgestiegen und ich durfte grasen, bis die beiden uns eingeholt hatten. Weiter ging es gemeinsam ins Dorf, die Dorfstraße entlang. An einer Stelle sind wir rechts abgebogen und mein Mädchen meinte, wir könnten doch nochmal traben. Hmmmmm bist du sicher? Ja, sie meinte das klappt. Alsbald waren Diego und der Mann wieder außer Sichtweite. Ich bin zwar getrabt, aber so richtig sicher war ich mir nicht. Plötzlich, als wir auf einem sehr schönen Stück Weg waren höre ich plötzlich von oben „Aaaachtung… und hopp!“ Echt jetzt? Ich soll galoppieren? Hab das mal zaghaft angedeutet. Keks! Hm. Nochmal: „Aaaachtung… und hopp!“ Galopp. Aber nach drei Sprüngen hat mich der Mut verlassen. So ging es ein bisschen, bis ich schließlich gedacht hab „was soll´s, sie will galoppieren, ich kann das“. Bin gemütlich losgaloppiert, mein Mädchen hat sich gefreut. Kurze Zeit später mussten wir aber auch schon wieder durchparieren, weil wir abbiegen und an einer weiteren Rinderkoppel vorbei mussten. Und wie ich dann so im Schritt weitergehe, sehe ich von weitem Diego vor uns! Hä? „Ick bün all hier“ scheint er zu sagen. Ich konnte aber nicht weiter grübeln, weil ich sehr beschäftigt war mit all den Dingen um mich herum: links war ein Mann auf einem großen Silo-Haufen, der dort ein Netz ausgelegt und mit Reifen beschwert hat, rechts waren Kinder auf einem Spielplatz und ein Stück weiter kam dann links ein Hof mit Rindern und allerhand Zeug was da so rumliegt. Da habe ich Diego ins Visier genommen und gedacht „zur Not renne ich ein Stück bis zu ihm, der scheint sich ja sicher zu sein“. Aber ich musste nicht rennen, ich konnte ganz gesittet an all den gruseligen Dingen vorbei gehen.

Dann wieder zusammen – links auf die Dorfstraße und den Heimweg angetreten. Als mein Mädchen und ich uns von unserer Extra-Tour erholt hatten, sind wir nochmal munter vorweg getrabt und dann alleine im Schritt weiter. Bisschen Schenkelweichen üben, lauschen ob Diego schon hinterher kommt, ja kam er. Weiter im Schritt. Komisch, die holen uns ja gar nicht ein? Na dann kann ich ja hier nochmal schön was grasen, das passt mir doch ganz gut. Da kommen sie ja! Aber was ist das? Der Mann war sockfuß unterwegs! Den drückten die Schuhe irgendwie. Mein Mädchen hatte Mitleid mit ihm und meinte, Diego könnte ihn doch das Stück nach hause tragen, die Tierärztin hat ja eh gesagt, er soll wieder ins Training kommen. Also ist der Mann auf Diegos Rücken geklettert und hat sich nach hause tragen lassen.

Sockfuß nach hause

Als wir am Hof ankamen, stand da noch die Papiermülltonne, die war schon geleert und sollte jetzt wieder in die Scheune. Da dachte mein Mädchen sich, eh sie jetzt wieder absteigt und die Tonne neben mir her zieht wie sonst, kann sie sie ja auch mal von oben ziehen. War ein bisschen sportlich, weil sie sich ganz schön runterbeugen musste, dann noch die Tonne ziehen und stabil halten und mich lenken. Der Mann hat ihr dann mit einem Seil ausgeholfen, so ging es etwas leichter. Aber das Beste kommt noch: Der Mann war beeindruckt von mir! Und das ist wirklich richtig selten. Der ist nicht leicht zu beeindrucken. Aber die Nummer mit der Mülltonne fand er spektakulär.

Ich bin also wieder der beste, größte, schönste und erwachsenste Schotte unter der Sonne (und mein Mädchen fürchtet sich schon davor, dass mein Selbstbewusstsein leicht gestiegen sein könnte).

Euer großartiger Sir Duncan Dhu of Nakel

Spieglein Spieglein

Ich war mit meiner Schülerin ein zweites Mal im Dorf um Autos zu üben. Diesmal war ich besser gewappnet und nicht bereit, die Autos im 20cm Abstand am Pferd vorbei sausen zu lassen. Ich hatte also meine Warnweste an und habe meinen üblichen Trick angewandt: das Pferd geht auf dem Bürgersteig (jaja, verboten, ich weiß) und ich gehe auf der Straße – ja, auch verboten, ganz bestimmt. Aber das ist mir echt egal, wenn es für uns alle sicherer ist. Und das ist es, denn die Erfahrung zeigt, dass die Autos für einen Menschen sehr viel eher bremsen und Abstand halten als für ein Pferd (und auch für einen Menschen auf einem Pferd, weil der irgendwie kein Mensch mehr zu sein scheint). Ich sorge dann für viel Platz zwischen mir und dem Pferd, so dass ich nicht von einem kleinen Satz direkt vors Auto geschubst werde. Ok, trotzdem hält niemand 1,5m Abstand, aber immerhin fahren die Autos doch langsamer und die Fahrer*innen passen besser auf (Achtung böses Gendersternchen!). Das Bild in meinem Kopf ist: ich beschütze die anderen Verkehrsteilnehmer vor dem Pferd. Dieses Bild macht eine bessere Ausstrahlung als „halt gefälligst Abstand du (hier beliebiges Schimpfwort einfügen)“. Und ich mache Platz, wo immer sich eine Möglichkeit bietet, aber eben auch nur da.

Ich habe gut zu tun, denn das Pony das ich am Strick habe, möchte irgendwo hin glotzen, neben mir ist Autoverkehr und dann kommt noch eine Brücke, zwei Gullideckel, ein Trecker und zwei Aldi-LKW. Das Pony ist artig, aber eben nur, weil ich ihn manage, seine Aufmerksamkeit immer wieder umlenke, damit er ALLES wahrnimmt und nicht nur das, woran er sich festglotzt. Nebenbei plane ich noch unseren Weg voraus: hier können wir dem Trecker ausweichen, hier können wir einmal abbiegen und Pause machen, hier müssen wir Gullis und die Brücke üben, sobald mal kein Auto mehr kommt. Es läuft gut, die Besitzerin ist selig.

Tags darauf schickt sie mir eine Nachricht, dass es bei ihr wieder nicht geklappt hat, das Pony hatte beim Ausreiten einen kleinen Ausraster wegen EINES Autos (im Dorf ist sie alleine nicht unterwegs). Stellt sich raus: sie hatte den Eindruck gewonnen, ihr Pony hätte gar kein Problem, sondern nur sie selbst. Weil ich so gelassen und entspannt gewirkt habe, meinte sie nun, wenn sie selbst entspannt bleibt, ist ihr Pony völlig unproblematisch.

Äh…. nein.

Ich erzähle Arnulf davon und plötzlich fällt mir auf: Das ist ja eine prima Geschäfts-Masche. Wenn ich den Leuten also erzähle, es läge ja nur an ihnen, dann kann ich die Menschen coachen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag und ihnen immer die Schuld dafür geben, dass es nicht besser wird, anstatt Arbeit in die Ausbildung des Pferdes zu stecken. Wenn ich den Menschen nicht verrate, wie ich das hingekriegt habe, kann ich mich selbst als „Guru“ hinstellen und behaupten, es läge an meiner Atemtechnik und inneren Einstellung. Das hat dann einen schönen Hauch von geheimnisvoll und ist gut für mein Image.

Abends möchte ich mir ein Webinar anschauen. Und plötzlich kommt direkt am Anfang schon dieser Satz „die Pferde spiegeln euch“ (jein) „und wenn ihr selbst gelassen und entspannt seid, wird euer Pferd euch auch vertrauen und überall hin folgen“. Ich klappe den Laptop zu – nein danke. Unsere Herde hier zu hause hat mich diesbezüglich eines Besseren belehrt. Pferde sind Individuen mit einer eigenen Persönlichkeit und eigener Lebenserfahrung. Im Gegensatz zu einem handelsüblichen Spiegel haben sie außerdem das dringende Bedürfnis, zu überleben. Und sie legen ihr Leben nicht einfach in die Hände eines anderen Lebewesens und sagen „passt schon“. Ich meine: wer tut sowas? Selbst wir Menschen tun das unter den extrem kontrollierten Bedingungen einer modernen OP nur sehr ungern. Warum sollte ein Beutetier so etwas tun? Und genau das ist auch meine Beobachtung hier in unserer Herde. Egal, wie gelassen Diego reagiert, die anderen regen sich gelegentlich trotzdem auf. Ja, er gibt Halt und Sicherheit, aber er entscheidet nicht allein, ob etwas gefährlich ist. Gefahren werden von jedem einzelnen Individuum unterschiedlich eingeschätzt, so ist das nunmal. Und vielleicht können wir aufhören, unsere Pferde als seelenlose Spiegel unserer selbst zu sehen, das ist ein dermaßen egozentrisches Weltbild, da graut mir. Wenn ich nur perfekt reite, perfekt sitze, perfekt atme, dann ist mein Pferd auch gleich perfekt.

Ich bleibe dabei: ich bilde lieber die Pferde so gut und solide aus, dass der Mensch nicht perfekt sein muss, denn das wird er – genau wie das Pferd – nie sein. Und ich bilde den Menschen so aus, dass er sein Pferd lesen und verstehen kann, um es dann hilfreich unterstützen zu können. Im Idealfall gelingt es mir, den Menschen so auszubilden, dass der sein Pferd selbst ausbilden kann. Ich wünsche mir einen Menschen, der sein Pferd so sehen kann wie es gerade ist, anstatt jede Regung des Pferdes auf sich selbst zu beziehen. Klar: je gelassener und angstfreier dieser Mensch ist, desto besser wird alles gelingen. Und ein sehr ängstlicher Mensch kann natürlich keine Entscheidungen mehr treffen und keine Führung übernehmen. Also ja, lasst euch coachen, therapieren oder sonstwie unterstützen. Aber lasst euch nicht erzählen, dass das ein angemessener Ersatz für die Ausbildung eures Pferdes ist und dass alles gut sein wird sobald ihr perfekt seid (das wäre ja dann nie). Man kann auch in Situationen, die einem etwas (nicht zu viel) Angst einflößen, noch Verantwortung übernehmen und handlungsfähig bleiben. Auch unter Stress kann man noch den Weg planen, die Umwelt im Blick behalten, klare Signale geben und Prioritäten setzen. Ich bin selten wirklich so gelassen wie ich aussehe, und es hilft mir und meinem Pferd, wenn ich dann ein bisschen so tue als ob. Mein Pferd wird nach und nach die Erfahrung machen, dass es Sinn macht, mit mir in Kommunikation zu bleiben, selbst wenn wir beide Angst haben. Dass ich gute Ideen habe um das Problem zu lösen und nicht so tue als gäbe es kein Problem. Und Gelegentlich wird der Mensch sich vor etwas fürchten, was das Pferd völlig harmlos findet. Vielleicht denkt das Pferd dann „naja, so ein Mensch ist eben auch nur ein Pferd“.

Wenn ihr unbedingt einen Spiegel haben wollt, dann fragt ihn was intelligentes, zum Beispiel „Spieglein Spieglein an der Wand, wie geht es dem Pferd an meiner Hand?“ Mit der Antwort kann man dann wenigstens was sinnvolles anfangen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 559

Juhuu, Ausfluuuuug! Huch, hier waren wir ja noch nie? Wo sind wir? Egal, lass mal losmarschieren, dann werden wir es schon heraus finden! Ach so erst noch checken, ob das Auto abgeschlossen ist. Ok jetzt aber, ja?

Auto abgeschlossen? Können wir endlich los?

Da war ein schöner Weg, der lag voller nasser, rutschiger Blätter und als es ein Stück steil bergab ging, wurde meinem Mädchen schon wieder ganz komisch zumute. Ob ich wohl rutschen könnte? Ob sie wohl besser absteigen sollte? Der Mann meinte, sie solle mal auf mich vertrauen, ich kann das. Und da hat er natürlich recht. Hab schließlich Allhuf-Antrieb! Und mit rutschigem Boden kenne ich mich von klein auf gut aus. Dann ging es wieder bergauf, nochmal bergab, nochmal bergauf. Nach 1,7km waren wir schon am Ziel: ein See! Der war richtig groß und ganz still.

Mein Mädchen wollte bisschen Wasser mit mir üben und auch üben, dass sie mich von oben durch Dinge steuern kann die ich gruselig finde. Diego und der Mann haben sich also im Hintergrund gehalten, während ich mich Schritt für Schritt ins Wasser gewagt habe. Das war nicht schwer und es gab Apfelstücke dafür. Bisschen geplanscht hab ich auch, aber ich mag das nicht so wenn es spritzt. Bisschen rein und raus geritten, dann ist der Mann kurz auf Diegos Rücken geklettert (weil er keine nassen Füße kriegen wollte) und ist auch nochmal rein geritten.

Und dann war es das auch schon und wir sind zur Wackelkiste zurück. Was denn, jetzt schon? Schade. Mein Mädchen sagt, wir sind nächste Woche zu einem besonderen Ausritt verabredet, bis dahin muss ich mich gedulden, aber sie versucht, mich bei Laune zu halten. Ja bitte! Ich hab nämlich schon wieder dezenten Energieüberschuss. Diego war indes sehr warm, der muss dringend wieder unter den Entpelzer. Bei mir war mein Mädchen ja schon dran, aber bei ihm ist alles entpelzte schon wieder nachgewachsen. Nur muss man ja trocken sein zum Entpelzen und das war die letzten Tage …. schwierig.

Kaum waren wir zu hause, klingelte das Telefon von meinem Mädchen. Da hat Diego aber dumm aus der Wäsche geguckt, er sollte nämlich sofort nochmal in die Wackelkiste rein, aus der er ja nun erst vor kurzem ausgestiegen war! Er sollte nämlich nochmal zum Tierarzt und Blut abgeben. Und eigentlich hätten die beiden Sachen – See und Tierarzt – zusammengehört. Wurde aber nix, wegen Terminverpeilung. Jetzt musste Diego also nochmal los, der war ganz grummelig, aber er ist ja so artig. Die Tierärztin hat auch nochmal sein Bein abgetastet und gesagt, Diego soll unbedingt wieder richtig anfangen zu trainieren. Keine Ausreden mehr! Und das Blutbild dient nur der Beruhigung strapazierter Menschen-Nerven.

Abends hat mein Mädchen mich dann nochmal geholt – wegen dem Energieüberschuss. Ich durfte in der Halle noch über hochgelegte Stangen gehen und schnellen Schritt üben. Sie hat mich so gefeiert, weil ich so ein toller Kerl bin und wieder alles richtig gemacht habe! Ich wäre danach gerne noch ne Runde wippen gegangen, aber mein Mädchen meinte, es reicht (ihr) jetzt.

Euer Seepferdchen Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 558

Sonntagsausflug ist mal wieder ausgefallen. Menno. Dafür war aber die Pferdewaage da. Mein Mädchen hat mich vorher extra nochmal etwas entpelzt, damit ich ein bisschen leichter bin, was für ein schlauer Trick! (Sie hat gesagt, sie macht das, damit mir nicht immer so warm ist. Na klar…. )

Jedes Gramm zählt…

Sie hat gedacht, ich würde 420kg wiegen, aber als dann vor mir schon Diego und Gatsby auf der Waage standen und beide sehr schlank waren, hat sie gedacht, es sind vielleicht doch nur 410kg. Naja, die Wahrheit lag dann ziemlich genau in der Mitte: 416kg wiege ich. Mein Mädchen sagt, das ist ok, vor allem wenn man bedenkt, dass ich den ganzen Sommer jede Nacht auf die Weide durfte. Ein paar Kg weniger würde sie besser finden, aber kein Grund, sich aufzuregen. Alle anderen hingegen – besonders Merlin und Diego – findet sie so schlank, dass die Rationen jetzt erhöht werden. Das sollte mir mal passieren….

Jedesmal wenn einer von uns auf die Waage marschiert ist (wie die Vollprofis können wir das ja), mussten die Menschen schätzen, was wir wiegen. Und bei Caruso, der als letzter dran war, war es dann so weit: mein Mädchen hat ihn aufs Kilo genau richtig geschätzt! Exakt 150kg wiegt er (genau wie beim letzten Termin). Und weil sie so gut geschätzt hat, musste sie für ihn dann tatsächlich auch nur die Hälfte bezahlen! Das war ja nett.

Exakt geschätzt!

Danach mussten die Menschen was arbeiten, deswegen war keine Zeit für einen Ausflug. Aber abends kam mein Mädchen noch zum wippen und war ganz begeistert, wie toll ich das kann! Demnächst wollen wir das ja mal filmen, weil sie sich noch einen Profi-Rat holen möchte ob das alles wohl so richtig ist, wie wir das machen.

Spätestens für morgen hat sie einen Ausflug versprochen, bin gespannt!

Euer frisch abgewogener Sir Duncan Dhu of Nakel