Chaos und tanzende Sterne

Von Nietzsche gibt es das Zitat „man muss noch Chaos in sich haben um einen tanzenden Stern gebären zu können“. Was auch immer er damit genau gemeint haben mag, ich kenne Nietzsche weiter nicht. Aber ich kann den Satz ja zum Glück so verwenden wie ich mag – ungeachtet dessen was Nietzsche gedacht hat. Vielleicht wird er sich im Grabe umdrehen, aber es interessiert mich ehrlich gesagt nicht – dann liegt er eben nachher andersrum…. .

Das berühmte Zitat hing lange als Poster im Zimmer meiner Schwester. Und das fand ich immer etwas merkwürdig, denn meine super organisierte, wahnsinnig ordentliche Schwester ist für mich immer der Inbegriff des Nicht-Chaos. Chaos, dafür bin ich zuständig. Schon immer gewesen. Liegt wohl in meiner Natur. Aus dem Chaos tanzende Sterne zu kreieren kommt mir daher viel mehr wie mein Job vor als wie der meiner Schwester. Chaos zu erzeugen gilt in unserer Gesellschaft meist als Schwäche. Aber ich habe eine Stärke darin entdeckt. Denn tatsächlich erlebe ich, dass sich oft „tanzende Sterne“ im Chaos bilden.

Und so mache ich das inzwischen auch in der Pferdeausbildung. Ich traue mich, etwas Chaos zu erzeugen. Ich traue mich, Pferd und Mensch vor unlösbare Probleme zu stellen und dann herumzuspielen mit möglichen Lösungswegen. Oft kommt dabei etwas tolles raus, ein schöner Ansatz, eine gute Idee. Ich brauche keinen Trainingsplan, ich brauche kreative Freiheit. Und Duncan ist zum Glück damit einverstanden. Es gibt ja auch Pferde, die das nicht sind. Ich kenne ein paar, die vertragen das nicht. Die brauchen immer gleiche Abläufe, ganz regelmäßige Übungsschemata und vorhersehbares Verhalten. Wenn ich Menschen mit solchen Pferden unterrichte bin ich insgeheim froh, dass das nicht mein Pferd ist. Es würde mich sehr anstrengen.

Ich hatte also wieder mal Glück mit meinem kleinen Ritter. Denn der kann das, was ich so faszinierend finde: aus dem Chaos etwas tolles entwickeln. Mitten im Chaos, wenn ich denke, wir haben uns gerade total verzettelt, fällt bei ihm plötzlich der Groschen. Oder er fällt am nächsten Tag. Er sucht nach den kleinen Augenblicken in all dem Hin und Her, in denen es passt. Und wenn er sie gefunden hat, markiert er sie auf seinem kleinen Klemmbrett und am nächsten Tag sagt er: „schau, so war das doch, oder?“ Ja, so war das, mein wunderbares, kluges Pony.

Am Steg haben wir geübt, rauf und runter zu treten. Er sollte eigentlich mit den Vorderhufen auf dem Steg bleiben und mit den Hinterhufen rauf und runter gehen und zwar gerade. Aber das wusste er natürlich anfangs nicht. Ich hab ihn einfach machen lassen. Da wurde gedreht und mit den Vorderhufen gehampelt und nach vorn und zurück geschossen ohne Rücksicht auf Verluste. Und als wir fertig waren, dachte ich „oh, das war aber SEHR chaotisch. Das werden wir noch üben müssen“. Nö. Denn beim nächsten Mal konnte er es. Er wusste, welches von den 2893649 Angeboten die er mir gemacht hat, das war, was ich wollte. Trotz völliger Überdrehtheit war ihm klar geworden, was mein Ziel war. Und das beruhigt mich doppelt, denn es bedeutet auch, dass sein Stresslevel noch niedrig genug war, um zu lernen.

Chaos bedeutet für mich eine große Auswahl an Möglichkeiten. Ein offenes Spielfeld, die Freiheit, auszuprobieren. Fast ohne Regeln, einfach mal drauf los und schauen was passiert. Finlay hat das auch gern so gemacht und ich habe von ihm gelernt, da noch mutiger zu sein. Dem Pferd zuzumuten, dass alles durcheinander purzelt. Ein Pferd, das den entsprechenden Charakter und eine gute Lebensgeschichte hat, kann dann in dem Chaos ausprobieren und es kann sich selbst zeigen. Was sind seine Präferenzen, wenn man es mal machen lässt? Was fällt ihm leicht, auf welche Idee kommt es zuerst und auf welche vielleicht nie? Danach kann man dann planen, was man damit anfängt.

Chaos kann natürlich auch bedeuten, dass es mal etwas rauer und ungeschickter zur Sache geht. Dass der Mensch kurzfristig deutlicher wird, um sich zu schützen, wenn das Pferd im Überschwang in einen rein laufen will zum Beispiel. Oder dass der Mensch seine Körpersprache komplett vergisst und total widersprüchliche Kommandos gibt. Dass das Pferd plötzlich ohne Anleitung da steht, weil der Mensch den Überblick verloren hat. Was passiert dann? Das zu wissen ist gut. Im spielerischen Chaos können wir auch üben für einen Moment in dem vielleicht mal wirklich Chaos ist. Das Pferd kann ausprobieren, welche Möglichkeiten es gibt und welche Lösungsansätze es wert sind, sie auszuprobieren.

Und wenn es gut läuft, können Mensch und Pferd aus dem Chaos einen tanzenden Stern erschaffen. Ich habe keine Ahnung was Nietzsche sich darunter vorgestellt hat. Ich stelle mir für meine Zwecke diese wunderbare, liebevolle Beziehung vor, in der beide ihre Persönlichkeit zum Ausdruck bringen und gemeinsam etwas (er)schaffen können. Jene Beziehung zwischen Pferd und Mensch, in der die Augen von beiden leuchten wie Sterne und beide Körper mit Leichtigkeit miteinander tanzen.

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