Wohin geht die Reise?


Es ist Donnerstag und meine Schuhe sind immer noch nicht trocken von unserem Spaziergang am Dienstag. Was als harmloser Nieselregen begann entwickelte sich dann doch im Laufe der Zeit zu einem gediegenen Landregen, so dass wir nach 6,4 km tropfnass in Auto bzw Anhänger stiegen um wieder nach hause zu fahren.
Doch dem Wetter zum Trotz war das jetzt der zweite Ausflug, bei dem Duncan sich benommen hat wie ein erwachsenes Pferd. Kein Ziehen, kein Kneifen, kein Nerven, keine Sorge vor gar nix.

Obwohl sein Spaziergehkumpel mal wieder einen akuten Anfall von Pubertät hatte, spazierte Sir Duncan in aller Gelassenheit neben mir her durch den Regen – rechts, links, vorne, hinten, mit Hunden und erstaunlich vielen Autos, vorbei an der Bullenweide, mit den Satteltaschen auf dem Rücken und die einzige noch bestehende Diskussion ist die darüber, wie viel von dem Grün am Wegesrand man mitnimmt. Diese Diskussion – da bin ich mir als erfahrene Ponybesitzerin sicher – wird uns ein Leben lang begleiten. Die hat nichts mit dem Alter zu tun.

Ich vermute, wer ihn nicht kennt, würde nicht ahnen, dass sein zweiter Geburtstag immer noch in der Zukunft liegt. Er ist gelassen, er weiß was er tut und er hört mir gut zu. Wir sind ein eingespieltes Team und wenn ich ehrlich bin: es ist mir ein bisschen unheimlich.

Auch als wir neulich eine recht lange, abenteuerliche Tour hatten mit Schafsbegegnung und Dschungelfeeling hat er keine Anflüge von Babyverhalten mehr gezeigt. Selbst als er müde war, musste er nicht hampeln, ziehen oder beißen, sondern ist einfach neben mir her getrottet und hat alles richtig gemacht. Wie müde er war, habe ich erst später gesehen, als er auf der Rückfahrt auf dem Anhänger ein Nickerchen und zu Hause ein richtiges schönes Schläfchen im Liegen gemacht hat. Es war eben doch ein richtiges Abenteuer.

Ich finde es schwer zu glauben, dass ein Pony in dem Alter schon so sein kann. Vielleicht kommt das dicke Ende ja auch noch – wer weiß.
Ich denke momentan immer nur von einem Tag zum anderen. Wird er morgen auch noch so erwachsen sein, oder wird er plötzlich wieder wilde Ideen haben? Wird er eines Tages merken, dass er ein Hengst ist und mir den dicken Macker machen? Oder gehört er zu der Sorte, die das unwichtig finden und gar nicht begreifen, warum andere sich so aufplustern?

In ein paar Wochen werden wir – mit Glück – zu unserem ersten Kurs fahren. Es kommt mir etwas absurd vor, mit so einem jungen Pferd schon auf einen Kurs zu fahren, aber ich habe bestimmte Gründe, über die ich Euch dann natürlich erzählen werde. Vorausgesetzt, der Kurs darf stattfinden, versteht sich.

Mein wunderbar pragmatischer Mann sagt mir immer wieder, ich sollte doch einfach genießen, dass Duncan das alles so fein macht. Und obwohl ich das natürlich tue, sind da doch auch immer mal wieder diese Momente in denen er mich verunsichert mit seiner erwachsenen Art. Er wirkt unglaublich geerdet, ruht in sich selbst und erinnert mich an den 8jährigen Finlay in seinem ganzen Gebaren. Ob das nur an ihm liegt oder auch an der Art wie unsere Herde mit ihm umgeht?

Und dann immer die Frage nach der Verantwortung.
Neulich sprach ich mit einer Schülerin, die zwar sehr pferdeerfahren ist aber jetzt zum ersten Mal selbst Pferdebesitzerin. Ihr Pferd fühlt sich an seinem derzeitigen Stall nicht so wohl und wir sprachen über einen Wechsel. Sie sagte sinngemäß zu mir „ich habe mir den Pferdekauf gut überlegt – was kostet es, wie viel Arbeit macht es, wie sehr bin ich angebunden. Aber ich habe unterschätzt, wie schwer die Verantwortung wiegt, solche Entscheidungen treffen zu müssen“.
Die Entscheidung, wie unser Pferd lebt, was es zu fressen bekommt und was es mit uns tun oder nicht tun soll, liegt bei uns – und manchmal wiegt diese Verantwortung ganz schön schwer, finde ich.
Ein junges Pferd – so empfinde ich es zumindest – bedeutet für uns noch etwas mehr Verantwortung.

Jedes Mal, wenn ich meinen kleinen Ritter aus dem Stall hole, muss ich wieder entscheiden: was kann ich ihm schon zumuten, was ist noch zu viel? Was ist vielleicht zu wenig und langweilt ihn? Was mag er, was mag er nicht, was wird er vielleicht mögen lernen wenn ich es jetzt schlau anstelle und was passt einfach nicht zu ihm? Wie viel körperliche und geistige Anstrengung tut ihm gut und tut es ihm gut, mal wirklich müde zu sein oder ist er dann überfordert?

Wenn ich mit unseren erwachsenen Ponys arbeite, vergesse ich solche Dinge manchmal. Es hat sich eben so eingespielt. Und bei Merlin weiß ich oft genau, was er mag und was nicht, er sagt seine Meinung und ich höre sie. Nicht, dass ich mich immer danach richten würde. Er muss schon auch Dinge tun, die er blöde findet, aber ich versuche, einen guten Kompromiss zu finden zwischen meinen Wünschen, seinen Wünschen und dem reinen Pragmatismus zur Erhaltung unser beider Gesundheit. Oft kommt der Spaß ja erst bei der Arbeit. Das erleben wir doch selbst, dass wir uns manchmal erstmal aufraffen müssen und anfangen – sei es mit der Arbeit, dem Sport oder dem Haushalt. Und wenn wir dann dabei sind, macht es Spaß. Oder wir fühlen uns hinterher gut. Und weil das so ist finde ich es nicht verkehrt, auch ein Pferd mal zu überreden, etwas anzufangen und zu tun. Mal eine Angst oder einen Schweinehund zu überwinden.
Es liegt an uns, das Maß der Dinge zu finden – das ist die Kunst.

Wie ist das nun also mit Sir Duncan? Man möchte meinen, er sei doch noch recht klein (äußerlich ist er das ja auch). Aber in den letzten Wochen benimmt er sich wie ein Großer – ich spüre wirklich keinerlei Unterschied zwischen ihm und einem erwachsenen Pferd, außer dass er natürlich vieles noch nicht weiß. (Siehe letzte Woche….). Das lernt er dann allerdings auch so schnell und leicht, dass sich Lücken schnell schließen lassen. Manchmal passiert es mir auch, dass ich einfach vergesse, dass er Dinge noch nicht weiß und mich kurz über Verhaltensweisen wundere, bis es mir wieder einfällt. Er selbst legt die Latte unglaublich hoch und doch übertrifft er sich immer wieder.

Ich sammle weiter Indizien, welche Verhaltensweisen erhalten bleiben werden und welche sich verändern. Ich werde weiter beobachten, an welchen Tagen Sir Duncans Laune so ist und an welchen anders. Welche Ausflüge ihm mehr Spaß machen als andere – und woran ich das wohl überhaupt erkennen könnte. Und derweil werden wir auch immer mal etwas Zeit auf dem Reitplatz verbringen, das nehme ich jetzt mit ins Programm. Um zu sehen ob es wohl auch dort Dinge gibt, die er gern tut.

In den letzten Wochen waren wir 3 mal auf dem Reitplatz und er hat einfach klaglos alles gemacht, worum ich ihn gebeten habe. Still und konzentriert immer im Rahmen seines Erfahrungshorizonts hat er in aller Ruhe getan, was zu tun war. Und da er danach auch im Paddock noch sehr interessiert war an meiner Gesellschaft, vermute ich, dass es ok für ihn war. Manchmal denke ich, er könnte der Typ Pferd sein, der einfach alles mitmacht. Er wirkt oft ein bisschen so. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass ausgerechnet er nun derjenige sein soll, der nicht für sich und seine eigenen Interessen einsteht. Also vielleicht ist es auch einfach so, dass ich bisher Dinge gefragt habe, die wirklich ok waren. Oder das sein Repertoire an Dingen, die er ok findet, eben recht groß ist. So war es ja bei Finlay: so lange ein Abenteuer für ihn drin war, war der Inhalt desselben eigentlich egal. Ein Ausritt, eine Kutschfahrt, „Schrecktraining“ (sagen wir: das Spiel mit komischen Gegenständen) oder interessante Bodenarbeit, auch mal etwas Dressurreiten (dann aber bitte kurz und interessant), Kühe treiben … alles war recht außer Langeweile. Das ist auch etwas, was die Rassebeschreibung des Highlandponys explizit enthält: die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten dieser Ponys. Sie sind normalerweisen keine Spezialisten für eine Disziplin sondern sind glücklich über jede Unternehmung die man ihnen so anbietet.

Durch fremdes Gelände wie ein großer



Auch in der Herde ist Duncan sehr entspannt. Spielen ist im Moment eine sehr seltene, kurze und ruhige Angelegenheit. Kleine Boxeinheiten mit Caruso, kleine Kabbeleien hier und da, aber wilde Steigerei fällt aus.

Ich beobachte ihn mit Argusaugen: ist er zu ruhig? Fehlt ihm etwas? Oder wächst er nur (Rücken und Hinterhand sind derzeit etwas unförmig)? Oder ist er eigentlich so und war vorher nur zu gestresst um diese Ruhe zu finden?

Natürlich sind alle unsere Ponys im Sommer sehr viel ruhiger. Sie sind 5 Nächte in der Woche auf der Weide, von dort kommen sie sehr satt rein, schlafen dann viel. Gut möglich, dass im Winter all die wilden Anwandlungen wieder kommen wenn Sturm, Regen und Kälte den Energiepegel erhöhen. Wir werden sehen.

Aber all diese Gedanken treiben mich um. Ich beobachte und probiere, frage und lese um meiner Verantwortung möglichst gerecht zu werden. Und das alles in dem sicheren Wissen, dass ich trotzdem Fehler machen und Dinge falsch einschätzen werde. Ich kann nur hoffen, dass es Fehler sind, die keine bleibenden Folgen haben. Fehler, die ich später ausbügeln kann. Manchmal bin ich neidisch auf Menschen, die sich nicht so viele Fragen stellen, nicht so viel zweifeln.  Aber so bin ich nun mal nicht…
Zum Glück scheint Duncan genug innere Ruhe und Stabilität mitzubringen für uns beide und ich möchte mich anstecken lassen von seiner gelassenen Art in der er die Welt erforscht.
Neue Abenteuer warten auf uns, von denen er Euch bestimmt wieder in seinem Tagebuch berichten wird. Und wenn Ende September unser erstes gemeinsames Jahr vergangen ist, werde ich staunend zurückschauen und feststellen: alles war anders als ich dachte.
Und dann werde ich schmunzeln, denn auch das ist eine Finlay-Lektion. Ich hätte es also wissen können….

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