Das Pony das ich habe

Letzten Freitag war Finlays Geburtstag. 9 Jahre wäre er alt geworden. Ich hätte diesen Tag mit ihm gefeiert, Fotos gemacht und Euch von seinen Fortschritten und unseren Träumen und Zielen berichtet. Ich wäre traurig gewesen, weil der Distanzritt, für den wir trainiert hätten, ausgefallen ist wegen Corona. Aber ich wäre froh gewesen, Finlay in meinem Leben zu haben, hätte von Distanzritten im Herbst oder nächstes Jahr geträumt und dafür trainiert.

Vor 9 Jahren habe ich Finlay kennengelernt. Da war er 4 Tage alt und ich wollte gar kein Nachwuchspferd kaufen – noch nicht. Und ich wollte sowieso garantiert kein Fohlen von Finlays Mama, die war nämlich nicht mein Fall. Die Züchterin von Finlay war meine Hufpflegekundin und ich wollte sehr wohl ein Fohlen aus dieser Zucht aber noch nicht zu diesem Zeitpunkt und eben schon gar nicht aus dieser Stute. Finlay hatte aber andere Pläne.

Als wir Finlay kennengelernt haben, dachten Arnulf und ich, dass er ein rechter Quatschkopf ist. Seine lustigen Verhaltensweisen, wegen derer ich mich so in ihn verliebt hatte, schienen darauf hinzuweisen. Interessanterweise kann ich rückblickend sagen dass das eine Fehlinterpretation war. Finlay war eigentlich kein Quatschkopf – jedenfalls kein großer. Aber er war ein Pony das immer mal ganz andere Lösungen für Probleme fand als andere Ponys. Noch Heu in der Karre, der Hals zu kurz, der Weg außenrum zu lang? Kein Thema, einfach mit den Vorderhufen in die Karre steigen.

Finlay mit 2 Jahren. Er hatte immer seine eigenen Problemlösungsstrategien.

Finlay war kein einfaches Pony. Ich habe oft gesagt, wenn er bei Anfängern gelandet wäre, hätte das böse schiefgehen können. Das lag vor allem daran, dass er so unglaublich wenig Mimik hatte. Irgendwie sah er immer gleich aus und es hat lange gedauert, bis ich einigermaßen einschätzen konnte, was in seinem Kopf vor sich ging. Oft sah er aus als würde er schlafen, aber er hat alles mitbekommen und sich seinen ganz eigenen Reim darauf gemacht. Finlay hat auch nie groß verhandelt. Er hat selbst entschieden was richtig ist und meine Meinung war ihm öfter mal egal. Er fand es trotzdem toll, wenn ich ihn toll fand. Er war nur nicht bereit, seine eigene Meinung dafür aufzugeben.

Mit Finlay hatte ich eine magische Verbindung, direkt von dem Moment an als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe. Und dann hatten wir diese Jahre zusammen, in denen wir uns so gut kennengelernt haben, so viel erlebt haben, so sehr zusammengewachsen sind. Finlay war nie wirklich „süß“ oder „lieb“. Er war raubeinig und direkt, immer absolut ehrlich und wenn ich Fehler gemacht hatte, musste ich erst Abbitte leisten und zeigen dass ich es besser kann, bevor er wieder mit mir gearbeitet hat.

Und jetzt ist da Duncan. Die Umstände, die Art und Weise wie er zu mir gekommen ist, macht mir manchmal das Leben schwer. Manchmal ist es einfach ganz falsch, dass er hier ist, wo mein Finlay sein müsste. Manchmal ist es ganz falsch, dass ich ihm noch nicht so recht traue, ihn noch nicht gut genug kenne. Und es ist ganz falsch, dass er so klein ist, wo mein Finlay doch so groß und stark war.

Aber er ist das Pony das ich habe und Finlay ist nicht mehr da.

Neulich sprach ich mit meiner Schülerin darüber: wir können uns ein Pferd kaufen, weil wir uns verlieben und dann dieses Pferd so nehmen wie es ist und die Dinge mit diesem Pferd machen an denen das Pferd Spaß hat und die es gut kann. Oder wir kaufen uns ein Pferd, weil wir bestimmte Dinge tun wollen. Dann müssen wir uns eben das passende Pferd dafür suchen. Das eine ist nicht besser als das andere, wir müssen nur wissen was wir wollen. Viele in meinem Umkreis haben damals, als ich Finlay gekauft habe, gestaunt. Meine Ambitionen, Dressur zu reiten, schienen nicht dazu zu passen. Sie hätten erwartet, dass ich mir einen Spanier kaufe. Aber ich wollte ein Pony. Ich wollte ein gefräßiges, freches, haariges Ding, eher zu faul als zu schnell, möglichst angstfrei und nicht so sensibel dass es nicht aushält wenn ich mal schlechte Laune habe.

Finlay hat all diese Ansprüche perfekt erfüllt, jeden Tag seines Lebens.

Als Finlay dann tot war, wollte ich vor allem wieder einen Schotten. Ich konnte mir einfach nicht so recht etwas anderes vorstellen. Und ich wollte wieder einen Charakter, etwas mutiges, freches. Ein Pony, das mir auf Augenhöhe begegnet. Aber ich wollte auch ein Pony, das anders ist als Finlay. Ich wollte nicht vergleichen. Es sollte kein „Finlay 2“ werden. Mir war vor allem wichtig, dass mein Pony Finay nicht zu ähnlich sieht und mich auch sonst nicht ständig an Finlay erinnert. Ich fand Duncan. Und Duncan erfüllt diese Bedingungen perfekt.

Und jetzt? Jetzt habe ich das Pony das ich habe. Ich habe mir nicht ein Pony für einen bestimmten Zweck gekauft, nicht dafür, bestimmte Dinge mit ihm zu tun. Ich habe einen Jährling gekauft, der mein Herz erobert hat. Welchen Charakter dieser kleine Mann am Ende wirklich haben wird, welche Stärken, welche Schwächen, welche kleinen lustigen oder nervigen Angewohnheiten – wer weiß? Ein junges Pferd zu kaufen ist ein kleines Wagnis.

Das Pony, das ich habe, lerne ich nun nach und nach erst kennen. Langsam fange ich an, ihm zu vertrauen. Als er sich neulich kurz gefürchtet hat vor dem großen Kastenwagen der von hinten kam und am Strick lostrabte, war ich zum ersten Mal entspannt in dieser Situation. Weil ich aus Erfahrung weiß: er tut nichts blödes. Er reißt sich nicht los, dreht sich nicht plötzlich um, tritt nicht nach mir aus. Er wird nur kurz schnell und lässt sich dann bremsen. Es war der erste Moment in dem ich diese feine Verbindung gespürt habe. Ein bisschen hat er mich schon gezähmt. (Ihr erinnert Euch? https://schotten-pony.com/2020/02/27/zaehmen/ )

Im Alltag lerne ich seine kleinen liebenswerten Eigenschaften kennen und lieben. Dieses süße Weggucken – ich weiß, ich habe ihm das beigebracht, aber was er jetzt daraus macht ist einfach zu lustig. Dieser Gesichtsausdruck wenn er sich sehr bemüht, still zu stehen. Auch der Gesichtsausdruck der heißt „ich weiß nicht genau was Du willst“. Die Art und Weise wie er zu mir kommt und Kontakt aufnimmt. Die Art und Weise wie er beim Heu fressen unbedingt bei einem seiner Freunde fressen will und sich so seitlich anschleicht. Die Art und Weise wie er seine Kumpels zum Spielen animiert. Ich finde, es sind doch immer diese kleinen Eigenheiten, die ein Lebewesen so liebenswert machen und so einzigartig.

Das Pony, das ich habe ist nicht das Pony das ich haben sollte – denn ich sollte Finlay hier haben. Aber das Pony das ich habe ist ein anderes tolles Pony. Und manchmal, in kleinen Augenblicken, schenkt er mir schon jetzt das selbe Glücksgefühl wie Finlay.

Finlay hat immer eine Welle des Glücks durch mich laufen lassen wenn er mich nur angeschaut hat. Das ist etwas, was bei Duncan bisher nur selten passiert – nicht weil Duncan mich nicht glücklich machen würde, sondern weil zu viel Schmerz damit verbunden ist, dass er hier ist.

Aber langsam, ganz langsam, ändert sich das. Die Vertrautheit stellt sich ein, ich möchte sagen, sie schleicht sich ein, ganz leise. Und ich lerne, das Pony zu lieben, das ich habe.

Das Pony das ich habe – auch Duncan schenkt mir manchmal schon diesen Moment reinen Glücks.

Manchmal ist es ein bewusstes „Einlassen“. Manchmal passiert es nicht von selbst. Dann muss ich mir immer wieder klarmachen, dass es Duncan gegenüber nicht fair ist, ihn mit Finlay zu vergleichen. Dass es nichts nützt, Finlay hinterher zu trauern wenn ich Duncan in der Hand habe. Die Trauer um Finlay darf in Momenten stattfinden, in denen Duncan nicht beteiligt ist. Das gelingt nicht immer, aber ich kann mich immer wieder daran erinnern. Manchmal, wenn Duncan – die kleine Rennsemmel – voransaust und es ach so eilig hat, vermisse ich meinen Bummelanten, meinen verträumten, gemütlichen Finlay so sehr, dass ich sauer werde auf Duncan. Dann mache ich mir klar, dass das keine echte Wut ist, sondern Trauer über das, was ich nicht mehr habe. Manchmal mache ich mir auch klar, dass auch Finlay nervige Eigenheiten hatte und ich mich so oft über sein Verhalten aufgeregt habe. Auch er war nicht „perfekt“ – kein Pony ist das. Dass es an mir liegt, Lösungen zu finden. Dass Duncan noch klein ist und sich vieles noch verwachsen wird.

Ich weiß nicht, ob jemand, der so etwas nicht erlebt hat, verstehen kann, wie ambivalent Gefühle sein können. Ich wusste das vorher nicht. Meine Gefühle waren immer klar voneinander getrennt. Jetzt ist alles vermischt und verwischt – Trauer, Liebe, Schmerz, Freude, Hoffnung und Angst.

Ich hoffe, wenn im Herbst unser erstes gemeinsames Jahr vergangen ist, wenn wir diesen Sommer mit gemeinsamen Erlebnissen gefüllt haben und uns noch besser kennen, dass dann die Momente öfter werden in denen ich die Welle des Glücks fühle und den Stolz auf mein tolles Pony und die Freude darüber, ihn hier zu haben, so wie ich es bei Finlay gefühlt habe. Und obwohl der Schmerz über Finlays Verlust bleiben wird, darf er dann in den Hintergrund rücken, übertönt von der Freude über das Pony das ich habe.

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