Seine Sicht der Dinge

Guten Tag, mein Name ist Sir Duncan Dhu of Nakel.

Meine Menschen neigen dazu, meinen Namen abzukürzen, womit ich einverstanden bin. „Duncan“ – der dunkelhaarige Krieger – ist ein guter Name für mich (naja, abgesehen davon dass mein Haar wohl nicht mehr sehr lange dunkel sein wird).

Was ich nicht in Ordnung finde ist, wenn sie mich „Dunci-wanki“ „wampi Dhu“ oder „Daddeldidu“ nennen. Das werde ich ihnen noch abgewöhnen müssen! Zugegeben, mein Körper ist noch klein – deutlich zu klein für meinen Geschmack – aber deswegen muss man mich wirklich nicht behandeln wie ein Baby!

Ich versuche, meine Körpergröße möglichst schnell an meine charakterliche Größe anzupassen. Das gelingt mir, indem ich reichlich wertvolle Speisen zu mir nehme. Mir fällt auf, dass ich deutlich mehr Speisen gereicht bekomme als die meisten anderen Ponys hier – vermutlich wissen auch meine Menschen, dass so ein großer Charakter wie meiner nicht in so einem kleinen Körper wohnen kann. Ich bekomme durchaus erlesene Dinge serviert und darf auch selbst wählen, welche mir schmecken und welche ich zurückgehen lasse. Was mir allerdings nicht einleuchtet ist die Sache mit den Tischmanieren. Man zeigt mir leckeres Essen, dann sagt man, ich müsste von dem Essen weg rückwärts gehen um es zu bekommen. Menschen scheinen mir doch sehr sehr unlogische Wesen zu sein! Welcher Ritter geht schon rückwärts? Das könnte ja nur ein Feigling sein! Immer vorwärts hinein in den Kampf! Aber unter uns: Mein Mädchen ist ein ganz schön stursinniger Mensch. Sie nutzt es schamlos aus, dass ich ein Gentleman bin und mich niemals mit einer Frau im Kampfe messen würde. Ich habe schon mal angedeutet, dass ich durchaus stärker bin als sie…. Aber sie hat gelacht und gesagt, das würde ihr gar nichts ausmachen, denn sie sei dafür deutlich stursinniger als ich! Unglaublich! Aber leider sehr wahr. Mir scheint, sie verfügt über einen schier unbeugsamen Willen! Ich werde noch üben müssen, mich in dieser Kunst mit ihr zu messen.

Allerdings habe ich doch eine kleine Schwachstelle gefunden – ihr Lindenblatt quasi. Sie liebt mich nämlich. Ich meine ehrlich: das ist kein Wunder! Wer würde mich nicht lieben! Aber sie liebt mich nicht nur ein bißchen – sie ist mir total verfallen. Wartet nur einige Wochen, bis ich genauer ausgelotet habe, worauf sie steht, dann wird sie mir zu Füßen liegen! Ein echter Ritter braucht nicht immer ein Schwert um zu seinem Recht zu kommen, hat Papa gesagt.

Meine Ausbildung schreitet gut voran. Mein Adoptivvater Diego der Große ist ein mächtiger Ritter, der alles weiß und kann was man in der Menschenwelt wissen und können muss. Er weist mich ein in die Kunst der Menschenzähmung. Besonders beeindruckend finde ich seinen Augenaufschlag mit anschließendem Wimpern-Klappern, das funktioniert einfach immer. Ich arbeite noch an dieser Technik. Aber Diego der Große hat mir gesagt, es dauert Jahre, solche Dinge zu perfektionieren. Er sagt auch, jeder Ritter findet letztendlich seine eigene beste Taktik. Der individuelle Stil ist wichtig, er betont die eigenen Stärken und gleicht eventuelle Schwächen aus. (Moment mal: Schwächen? Was soll das sein?)

Auch Merlin, der große Zauberer, reich an Jahren und Erfahrung, lehrt mich viele Dinge. All diese Dinge sind streng geheim, sie dürfen niemals den Kreis der Ponys verlassen, die Menschen dürfen nichts davon erfahren. Denn die Magie ist unsere stärkste Waffe um in der Menschenwelt ein angenehmes Leben führen zu können.

Mein Schotten-Kollege Gatsby und ich haben unseren Clan-Krieg nun beigelegt. Anfangs dachte ich, dieses Stück Land sei wahrlich zu klein für uns beide. Aber natürlich sind wir Ehrenmänner und wollen die anderen nicht belasten mit Fehden die sie nicht betreffen. Schotten unter sich machen so etwas beim Baumstammweitwurf und Tauziehen aus und dann wird der Streit beigelegt. Und wenn ich ehrlich bin: er ist echt auch ganz nett. Ab und zu gehen wir jetzt gemeinsam einen Whiskey trinken. Darf aber keiner wissen also psssssst …

Und dann ist da noch Caruso. Er ist das erstaunlichste Pony hier. An Körpergröße und Gewicht mir weit unterlegen und ohne jeden Rang und Namen, keinerlei Macht und Einfluss bekommt er doch stets seinen Willen! Was ihm an Kraft, Masse und Herkunft fehlt, gleicht er durch Geschwindigkeit, Mut und Gewitztheit wieder aus. Von ihm habe ich noch eine Menge zu lernen und ich halte mich vorerst ganz besonders an ihn, denn solange mein Körper noch so klein ist, brauche ich seine Fähigkeiten am allermeisten! Später, wenn ich erst einmal so groß und stark bin wie mein Papa werde ich sicher bessere, meiner Herkunft angemessenere Wege gehen können.

Wobei ich noch einmal betonen möchte, dass auch Papa nie mit dem Schwerte gegen Menschen kämpft, genau wie Diego der Große. Es ist verpönt unter Ponys, die Menschenwelt mit gezogenem Schwert zu betreten. Nur Feiglinge und Dummköpfe tun das! Wir ehrenwerten Ritter siegen ohne zu kämpfen – das ist die wahre Kunst! Dennoch ist eine gewisse Stattlichkeit für die Menschen sehr beeindruckend – und für Schönheit sind sie obendrein sehr empfänglich, gut aussehen ist schon die halbe Miete. Halte Dein Langhaar in Ordnung sagt Diego der Große immer, es ist eine Deiner wirkungsvollsten Waffen. Und sollte es einmal in Unordnung sein, zeig Deinem Menschen das Problem, er wird sich darum kümmern. Menschen lieben Pferdemähnen und üppige Schweife und sind gerne lang und ausgiebig mit bürsten beschäftigt. Nun ist da ein Haken an der Sache: ausgerechnet mein Mädchen scheint da die große Ausnahme zu sein! Da werde ich sie noch unterrichten müssen fürchte ich! Diego der Große sagt, ein paar Kletten hie und da können Wunder wirken – leider habe ich bisher keine Kletten entdecken können. Caruso hat allerdings gelegentlich mit der kunstvollen Einflechtung von Weißdornzweigen Erfolg, das könnte ich mal probieren wenn mein Mädchen nicht bald loslegt mit dem bürsten und pflegen.

Zauberer Merlin hingegen kommt komplett ohne schönes Langhaar aus. Unter uns: er sieht aus wie ein gerupftes Huhn. Aber er besitzt eine einzigartige Fähigkeit, die ich unbedingt erlernen möchte: er kann das Stalltor öffnen! Ich muss wirklich dahinterkommen wie er das macht.

Denn die wirklich spannenden Dinge passieren immer hinter diesem Tor, vor allem die Erkundung unserer Ländereien!

Außerdem ist er der einizige, der genauso viele Speisen gereicht bekommt wie ich – manchmal sogar mehr und bessere! Ich muss unbedingt herausfinden wie er das macht! Und ich werde nicht – wie mein Mädchen es immer sagt – damit warten bis ich so alt bin wie Merlin. Das dauert ja noch ewig! Er ist ja sogar älter als meine Mama!

Mein Mädchen ist wirklich ok. Wusste ich gleich als wir uns zum zweiten Mal gesehen haben. Beim ersten Mal hatte ich keine Zeit, da habe ich um eine Stute geworben (Papa hat mir gezeigt wie das geht).

Ein Bild aus meiner Menschen-Such-Anzeige. Mein Mädchen war gleich entzückt von dieser Pose! Im Hintergrund seht Ihr Mama (schwarz) und Papa (weiß)

Aber beim zweiten Mal habe ich sie mir näher angeschaut. Und da meine Menschenmama gesagt hat, es sei Zeit für mich, meine Heimat zu verlassen und die weite Welt zu erkunden und ich sollte mir dazu einen passenden Menschen suchen, habe ich mein Mädchen gewählt. Unter uns: die zwei anderen Menschen die vorher da waren und mich mitnehmen wollten, waren einfach nichts für mich. Ich geh doch nicht mit irgendwem mit! Nein nein das hab ich meiner Menschenmama gleich gesagt. Wer mich nicht zu schätzen weiß, mit dem will ich nichts zu tun haben! Und auch Langweiler und Tüddeltanten sind einfach nichts für mich.

Bei unserer zweiten Begegnung hat mein Mädchen mir ein neues Dings gezeigt. Das war so spannend!
und dann hat sie gesagt, wenn ich bei ihr einziehe, erleben wir jede Menge Abenteuer zusammen. Da konnte ich einfach nicht nein sagen!

Ich hatte wirklich Glück dass dann plötzlich mein Mädchen aufgetaucht ist. Es wurde nämlich langsam etwas langweilig zu hause. Jetzt muss ich meinem Mädchen nur noch erklären, dass ich wirklich -wirklich! – kein Baby mehr bin! Man, was die immer denkt: das ist zu viel für ihn, er ist doch noch so klein! Boah! Da könnte ich schon mal wütend werden. Da geht man endlich mal raus und erkundet die Welt und nach 10 Minuten will sie schon wieder umdrehen! Sagt, ich wäre bestimmt müde und sie will mich nicht überfordern. Hör mal, Mädchen, Überforderung ist ein Wort das ein echter Ritter gar nicht kennt! Na, ich werde es ihr schon noch erklären können.

Ich finde auch, sie schenkt mir noch etwas zu wenig Aufmerksamkeit. Daran werde ich auch noch arbeiten. Diese kurze Begrüßung zwischendurch wenn ich eindeutig anmelde dass es Zeit wäre, etwas zu erleben und dann muss sie stattdessen Äppel einsammeln (ok das verstehe ich, ist sonst echt eklig), Zäune bauen (das verstehe ich nun so gar nicht – warum werde ich so eingeschränkt in der Eroberung der Welt?) oder sie beschäftigt sich mit den anderen Ponys (wenn ich die nicht so gern mögen würde… echte Konkurrenz ist das!)

Oft bringt sie auch nur Heu und ist schon wieder weg. Ich meine: ist ja nett, dass sie so regelmäßig und zuverlässig Heu serviert, aber ich möchte doch gern mal ein gepflegtes Tischgespräch mit ihr führen! Sie isst auch nie mit uns, das finde ich doch etwas unhöflich. Hält sie sich für etwas besseres?

Nun, ich werde an all diesen Dingen noch zu arbeiten haben aber das macht mir nichts, niemand ist perfekt geboren (sogar ich nicht! Obwohl ich sicher näher dran bin als die meisten… ) und so werde ich sie schon noch ausbilden. Merlin der Zauberer sagt immer, ich würde mir keine Vorstellung machen, wie sie vor 18 Jahren so war und was er schon alles an Arbeit investiert hat! Ich bin ihm sehr dankbar für diese Vorarbeit. Er ist wohl sehr geduldig, wenn er akzeptiert dass sie nach 18 Jahren immer noch so gravierende Fehler macht. Er sagt, sie hat schon so gute Fortschritte gemacht und dass man Menschen für jeden noch so kleinen richtigen Versuch ausgiebig loben muss, dann lernen sie am schnellsten.

An sich denke ich ja, so ein herzhafter Kniff kann da vielleicht auch mal Wunder wirken aber tatsächlich scheint mir, dass mein Mädchen da irgendwie so gar nicht drauf reagiert. Sie spricht dann einfach nicht mehr mit mir und wenn sie wieder spricht, macht sie genau den gleichen Quatsch wie vorher. Zauberer Merlin sagt, ich werde noch ein paar Unterrichtseinheiten bei ihm brauchen und dann viele viele eigene Erfahrungen sammeln bis ich sie wirklich in jeder Situation im Griff habe. Gut, dass ich jung bin, sagt er immer, ich könnte dann sein Lebenswerk weiterführen wenn er in den Ruhestand geht. Und ich denke mir: gut, dass ich ein furchtloser Ritter bin, denn sonst würde ich allein bei dem Gedanken an dieses Langzeit-Projekt vielleicht schon verzweifeln.

Kneifen hab ich probiert – klappt nicht so wie ich will. Aber ich gebe noch nicht auf!

Nun, ich höre von meinen Freunden hier, dass es viel schlimmere Menschen gibt als die unseren, also will ich mich nicht beklagen. Und ich habe sie mir ja auch selbst ausgesucht, nun muss ich damit leben und sie mir selbst ausbilden. Bei Gelegenheit werde ich Euch von meinen Fortschritten diesbezüglich berichten.

Aber nun, liebe Menschen, habe ich wichtigeres zu tun als mit Euch zu plaudern. Es wird Zeit, an die Heutafel zurückzukehren und mit Merlin dem Zauberer über das Leben, die Menschen und das Große Ganze zu philosophieren.

Lebet denn wohl und auf bald!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

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3 Kommentare

  1. Tja, lieber Sir Duncan Dhu of Nakel, Du hast Dir eine besondere Spezies Mensch ausgesucht, die schon einiges an Erfahrungen im Umgang mit furchtlosen Rittern mitbringt. Das wird eine große Aufgabe für Dich werden mit der Zähmung. Ich wünsche Dir viel Spaß und Geduld dabei.
    Eine große Verehrerin 😇

    Gefällt 1 Person

    1. Ooooh eine Verehrerin! Seid gegrüßt! Ich versichere Euch, ich werde der Aufgabe gewachsen sein denn ich bin der furchtloseste Ritter von allen und habe hier die besten Lehrmeister!
      Lest nur die Beiträge hier und erkennt mein Wirken hinter den Worten meines Mädchens!
      Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

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  2. „Es ist verpönt unter Ponys, die Menschenwelt mit gezogenem Schwert zu betreten. Nur Feiglinge und Dummköpfe tun das! Wir ehrenwerten Ritter siegen ohne zu kämpfen – das ist die wahre Kunst!“ Genau, edler Sir Duncan Dhu of Nakel, das hat
    Johann Wolfgang von Goethe auch schon kundgetan: „Durch Heftigkeit ersetzt der Irrende, was ihm an Wahrheit und an Kräften fehlt.“

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