Pläne

Ich mag Pläne. Als ich Finlay vor 8 Jahren gekauft habe, da hatte ich eine genau Vorstellung von seiner Ausbildung. Jeden Schritt habe ich exakt angepasst an das Endziel, das ich vor Augen hatte. Ich hielt mich für schlau – da musste erst Finlay kommen um mir zu sagen, dass das ganz schön dumm war. Ich dachte, wenn ich nur das Ziel kenne, weiß ich immer wo es langgeht. Aber Finlay hatte ganz andere Ziele als ich und bis ich seine Ziele erkannt habe, sind ein paar Jahre ins Land gegangen.

Finlay im Alter von 15 Monaten – so alt ist Duncan jetzt

Letztlich haben Finlay und Merlin meinen großen Plan dann auch noch endgültig über den Haufen geworfen. Merlin sollte ja nun mit seinen 26 Jahren ein bißchen kürzer treten, ein bißchen mehr frei haben und Finlay sollte mehr und mehr von meiner Zeit bekommen. Aber Merlin möchte noch gar nicht kürzer treten – und Finlay ist nicht mehr da. Stattdessen habe ich jetzt Duncan, der noch lange braucht, bis er zum Reitpferd wird. Hoffentlich bleibt Merlin noch ein paar Jahre so schön fit! Ich habe schon auch Pläne für Duncan. Aber ich merke, dass diese Pläne anders sind als die, die ich für Finlay gemacht habe. Sie sind viel vager, sehr viel offener, ungenauer. Ich bin besser geworden im Umgang mit Pferden und ich habe nun diesen ganzen Jungpferde-Weg nun schon einmal komplett gemeistert (abgesehen von den vielen Jungpferden in meinem Kundenkreis die ich in den letzten Jahren ein Stück begleiten durfte). Ich habe mehr Zutrauen in meine eigenen Fähigkeiten – und ich habe auch mehr Fähigkeiten erworben – und kann Duncan dadurch viel mehr Spielraum und Freiheit lassen als ich es bei Finlay getan habe. Ich bin sicher, dass der Tag kommt, an dem Duncan all die lustigen Ideen hat, die auch Finlay plötzlich hatte in der Pubertät – Steigen beim Spazierengehen oder der ein oder andere gepflegte Wutanfall vielleicht.…, abhauen, buckeln, rempeln, treten, ignorieren, alles ist möglich. Bestimmt kommt der Tag, an dem ich mit Duncan ein Problem habe. Aber im Gegensatz zu meiner Finlay-Planung versuche ich nicht mehr, die Probleme im Vorfeld zu vermeiden. Denn ganz ehrlich: meiner Erfahrung nach kommen die so oder so. Und meistens an anderer Stelle als gedacht.

So ein bißchen „sich ausprobieren“ und „sich reiben“ gehört eben einfach zum erwachsenwerden dazu. Vielleicht kann ich das jetzt auch gelassener sehen, weil ich es bei Finlay schon einmal überlebt habe. Ich muss es auch gelassener sehen – wo ich doch meinen Schülern immer predige dass das das einzige ist was funktioniert… Lächeln und winken…

Als ich Finlay damals gekauft habe, wollte ich durch die Ausbildung das Pferd aus ihm machen was ich mir erträumt hatte als ich ihn zum ersten Mal sah. Aber jetzt sehe ich Duncan und ich fühle: die Priorität liegt für mich woanders. Die Priorität liegt darin, das, was da ist, nicht kaputt zu machen. Denn es ist schon alles da. Er braucht keine „Ausbildung“, er ist wunderbar so wie er ist. Ja, klar, er darf viele Dinge lernen, wir wollen eine gemeinsame Sprache entwickeln und Abenteuer erleben. Aber sein ganzer Charakter, seine Persönlichkeit ist ja schon da. Sie zum Strahlen zu bringen und nichts kaputt zu machen ist mein größtes Ziel.

Seine wunderbare Art, mit der er immer zu mir kommt um ein bißchen zu schnacken, seine Art die Welt zu erkunden und wahrzunehmen, seine Neugierde, sein Interesse an allem, sein Mut, seine Unbekümmertheit … mehr braucht es doch gar nicht für ein fabelhaftes Pony! Na gut, ein paar Zentimeter Körpergröße (vor allem vorne!) fehlen noch, aber das schafft er allein, wenn ich nur genug Heu serviere.

Natürlich habe ich trotzdem Wünsche und Ziele. Ich wünsche mir, dass mein Duncan eines Tages so wunderschön sein wird wie sein Papa Ghillie Dhu.

Duncans Papa „Trailtrow Ghillie Dhu“

Ich wünsche mir, dass er mit seiner Ausstrahlung Menschen in seinen Bann zieht, wie Diego es tut. Dass er eines Tages bereit sein wird, so viel für mich zu tun wie mein Merlin.

Und dass er Abenteuer genauso liebt wie Finlay.

Wahrscheinlich überrascht er mich mit ganz anderen Qualitäten!

um nicht zu sagen: er hat mich bereits mit anderen Qualitäten überrascht…

Träume habe ich schon ein paar…

Ich stelle mir vor, wie wir in 4 Jahren auf den ersten kleinen Distanzritt gehen, wie wir vielleicht schon in 3 Jahren Sulky fahren, so dass er mich nicht tragen muss aber wir schonmal bißchen Strecke machen können. Ob er sich das auch so vorstellt, werden wir wissen, wenn es so weit ist.

Davor werde ich wohl endlose Kilometer mit ihm zu Fuß gehen. Denn ich vermute, dass er schon sehr bald viel Spaß daran haben wird, mit Diego zusammen fremdes Gelände zu erkunden. Wir werden sehen, ob ich damit richtig liege. Und ob ich passendes Schuhwerk finde. Ausgerechnet mir – ich geh ja so gar nicht gern zu Fuß. Aber da muss ich jetzt wohl durch…

Der einzige wirklich große, unverrückbare Plan den ich habe ist eigentlich keiner. Ich möchte, dass eine Beziehung zwischen uns entsteht – eine genauso große, schöne, tiefe, wundervolle Beziehung wie ich sie zu Merlin und Finlay habe.

Es wird nicht die gleiche Beziehung sein wie mit Finlay oder Merlin, denn Duncan ist anders als die beiden und ich verändere mich ja auch ständig (so hoffe ich!). Aber sie soll genauso wundervoll werden. Und ich weiß, Wunder brauchen ein bißchen Zeit und Geduld. Beziehung entsteht nicht aus dem Nichts, nur weil man sich mag. Ich finde ja immer, Beziehung lebt vom Alltag. Vielleicht habe ich das von meiner Mutter gelernt. Sie wollte niemals Aufmerksamkeit zum Muttertag. Sie fand, wenn eine Mutter im Alltag keine Annerkennung bekommt für das, was sie als Mutter leistet, dann ist so ein Blumenstrauß und eine Pralinenschachtel nichts weiter als üble Heuchelei und der spärliche Versuch einer Art Entschuldigung. Wenn man aber im Alltag gut miteinander umgeht und die Leistungen des anderen anerkennt, werden Blumenstrauß und Pralinenschachtel plötzlich ganz unwichtig. Und obwohl Duncan vermutlich beides – die Blumen und die Pralinen – lecker finden würde, scheint es mir auch keine geeignete Art, eine Beziehung zu ihm aufzubauen.

Der Umgang im Alltag ist es, der eine Beziehung ausmacht – sei sie nun gut oder schlecht.

Die Frage ist also: wie soll unser Alltag sein? Wie soll er jetzt sein und wie wird er später wohl sein?

Ein paar kleine Dinge regele ich zwischendurch und nebenbei, das ist ja immer die einfachste Methode. Wenn ich Duncans Schüssel oder das Extra-Heu „freigebe“ nachdem er brav sein Schrittchen zurück gemacht hat, sage ich „grasen“ was bei uns das Signal ist für „du darfst essen“. Wenn er jetzt schon dieses Wort so verknüpft, erleichtert mir das später die Diskussion ums Fressen oder nicht fressen wenn wir draußen unterwegs sind. Fressen ja – nach Freigabe.

Wenn Duncan auf mich zukommt, rufe ich ihn. Die nicht so konditionierungserfahrenen unter Euch bemerken hier das wichtige Timing: ich rufe ihn (noch) nicht DAMIT er kommt. Ich rufe ihn nur dann, wenn er schon auf dem Weg zu mir ist. Es ist eine reine Assioziationsübung: Das Wort „Duncan“ wird verknüpft mit der Bewegung auf mich zu. Später irgendwann werde ich es als Kommando benutzen können, aber das dauert noch. Aber durch die Vorarbeit die ich jetzt leiste wird er dann schon wissen, worum es geht. Wenn ich alle Ponys rufe („Pooooooniiiiiiiies“) kommt er ja eh schon mit, das kennt er schon. Noch später soll er lernen, dass er nicht Merlin, Diego oder Caruso heißt, sondern eben Duncan. Aber das wird gezieltes Training erfordern und ist noch etwas hin. Und ich schätze er wird sowieso immer kommen, egal wen man ruft….

Wenn ich ihn jetzt zu seinem Extra-Heu führe, haben wir erschwerte Bedingungen. Da er im Alltag kein Halfter mehr trägt, muss ich es ihm nun anziehen, ihn in sein Separe führen und vor dem Heu wieder ausziehen. Hui da war nochmal kurz Diskussion. Ob man wohl den Kopf stillhalten muss wenn das Halfter ausgezogen wird? Ja, man muss. Denn sonst ziehe ich es ihm eben wieder an und wir fangen von vorne an – das Heu wartet ja zum Glück geduldig und läuft in aller Regel nicht weg. Nach der ersten solchen Diskussion hatte Duncan das sofort verstanden. Getreu dem Duncanschen Motto „viel hilft viel“ bleibt er seitdem sogar – ohne dass ich ihn darum gebeten hätte – neben mir stehen wenn das Halfter schon runter ist und wartet darauf, dass ich ihm explizit erlaube, zum Heu zu gehen! Oha, was für ein ritterliches Benehmen! Naja, aber wenn der Hunger zu groß ist – so musste ich erst kürzlich lernen – dann vergisst der Ritter seine Tugenden. Dann kann das auch mal wieder länger dauern mit dem Halfter ausziehen. Das ist halt der Spaß mit jungen Pferden: sie können sich selbst noch nicht gut regulieren, die Gefühle gehen schnell mal mit ihnen durch und sie verhalten sich unter Umständen heute ganz anders als gestern oder morgen. Sie probieren sich viel mehr aus als die Erwachsenen, stellen viel mehr in Frage, suchen Grenzen ganz bewusst – weil das eben zum erwachsen-werden dazu gehört. Nicht, dass sie vergessen würden, was man ihnen beibringt – sie suchen nur öfter mal nach neuen Lösungen und teilweise sind sie da auch recht kreativ…

Wenn ich irgendeinen konkreten Plan habe, dann den: im Alltag genau diese kleinen Dinge zu beachten. Mir die Zeit zu nehmen, Kleinigkeiten zu korrigieren oder zu loben. Zu bemerken, welche Verhaltensweisen sich gerade einschleichen, die ich haben oder nicht haben möchte. Strategien zu entwickeln mit den Verhaltensweisen umzugehen, die ich nicht möchte. Eine Strategie haben heißt nämlich nicht, Verhalten zu bestrafen. Sondern umzulenken, zu verhindern dass es überhaupt auftritt, sinnvollere Alternativen anzubieten und zu etablieren. Wenn ich strafen „muss“ (meist nur aus Selbstschutz) bin ich zu spät dran. Kommt vor, ganz bestimmt. Hoffentlich nicht allzu oft.

Im Wesentlichen geht es immer mal um ein paar Sekunden – oder mal Minuten – die ich investieren darf.

Anfangs ist Duncan zum Beispiel beim Führen öfter mal stehengeblieben. Einfach so, meist ohne konkreten Anlass, manchmal mit konkretem Anlass. Früher hätte ich ihn dann in der einen oder anderen Form angetrieben, weil ich Sorge gehabt hätte, dass er sich das Stehenbleiben sonst angewöhnt. Heute bin ich da gelassener. Ich bin mit ihm stehengeblieben, habe einen Hauch von Zug am Strick gehalten, gerade so dass ich sicher war, dass er merkt, dass ich gern weitergehen möchte. Wer mich kennt weiß: das ist wirklich wenig. Nur so eben dass der Strick nicht durchhängt. Und dann habe ich gewartet. Und irgendwann ging es dann weiter. Inzwischen passiert es fast gar nicht mehr, dass er stehenbleibt. Eigentlich nur noch wenn er etwas anschauen möchte. Dann schauen wir gemeinsam und gehen danach weiter.

Wenn ich die paar Sekunden nicht habe, auf mein Pferd zu warten, dann wird mein Pferd auch keine paar Sekunden für mich haben, wenn es darauf ankommt.

Wenn ich die Freundlichkeit und Höflichkeit nicht habe, mein Pferd nett zu fragen und auf eine nette Antwort zu warten, werde ich auch keine nette Antwort bekommen.

Wenn ich mir nicht die Zeit nehme, etwas richtig zu erklären oder zu zeigen, lasse ich mein Pferd unsicher zurück und erschaffe mir das nächste Problem.

Ich bin das Vorbild, die „Große“ in dieser Beziehung. Es liegt an mir, eine gute Beziehung aufzubauen, es ist nicht die Verantwortung meines Pferdes. Und wenn es Schwierigkeiten gibt, liegt es an mir, Lösungen zu finden.

So ist also der Plan – nicht zu viel zu planen, aber doch ein bißchen vorauszudenken. Nicht zu eng zu sein im Konzept aber doch sehr präsent, sehr aufmerksam wahrzunehmen was vor sich geht.

Ein Kinderspiel quasi….. ach ja und natürlich: Duncan das Ganze möglichst als (Kinder)spiel verkaufen!

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2 Kommentare

  1. Wenn du nicht gerne zu Fuß gehst (ich übrigens auch nicht) dann reite doch Merlin und nimm Duncan als Handpferd😋 LG

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