Eine kleine Kettensägen-Analogie

„Merke: Bevor du anfangen kannst, musst du erst noch etwas anderes erledigen.“

Das ist einer der Lieblingssprüche meines Vaters und ich finde ihn in der Pferdeausbildung oft wieder. Neulich zum Beispiel, als ich mit einer Schülerin daran arbeitete, dass ihr Pferd die Gebisshilfen richtig versteht. Warum haben wir damit nicht schon viel früher angefangen? Ganz einfach: weil das Pferd nicht allein auf dem Reitplatz sein mochte und große Schwierigkeiten hatte, sich entsprechend zu konzentrieren und überhaupt mitzumachen. Wir hatten also erst andere Dinge zu üben und zu klären, bevor wir uns dem Thema Gebisshilfen widmen konnten.

Oder Diego vor der Kutsche: bevor es losgehen kann, muss allerhand geübt werden und das Geschirr korrekt einzustellen, dauert eine Ewigkeit, mal so probieren, mal so, bis alles endlich passt. Diese Zeit muss man sich nehmen, nützt nix. Denn wenn man sich diese Zeit nicht nimmt, wird es gefährlich für alle Beteiligten.

Am deutlichsten wird das Problem eigentlich immer beim Verladetraining. Niemand scheint Lust zu haben auf Verladetraining und so fällt den meisten Pferdebesitzern erst dann ein, dass man das ja mal üben sollte, wenn sie ihr Pferd transportieren wollen. Mit viel Glück werde ich dann zwei Wochen vorher angeschrieben und soll es dann richten. Spoiler: in vielen Fällen reichen zwei Wochen einfach nicht….

Als ich neulich mit der kleinen, elektrischen Kettensäge schnell was wegsägen wollte, kam der Spruch meines Vaters voll zum tragen. Als erstes flog die Kette vom Sägeblatt. Ok, kriege ich hin. Kette wieder dran gefummelt, neuer Versuch. Kette ab. Also von der Weide den weiten Weg bis in die Wohnung, denn zum Glück sitzt dort mein Mann im Homeoffice. Der zeigt mir, wie ich die Kette spannen kann. Ach so! Muss einem ja auch erklärt werden. Schneller Test: Kette bleibt drauf, aber die Sägeleistung geht gegen Null, die Kette ist stumpf. Neue Kette drauf. Und dann muss geölt werden und der Öl-pump-Knopf (wie auch immer der auf fachmännisch heißt) tut nicht. Oder doch? Wo kommt da jetzt das Öl nicht durch? Kettensäge wieder auseinanderbauen. Eine gefühlte Ewigkeit später ging es dann. Und ich war mittlerweile so genervt, dass ich den Ast auch mit den Zähnen hätte durchfräsen können. Himmelherrgottarschundzwirn! Ich wollte doch nur was sägen und dafür dieses kleine handliche, kraftsparende Gerät einsetzen, was jetzt meine Nerven zersägt hat!

In diesem Moment denke ich oft: komisch, bei den Pferden macht mir das nichts aus. Und dann denke ich wieder ans Verladetraining. Die meisten Dinge, die ich mit meinen Pferde mache, machen mir Spaß und ich habe bei den in der Regel kein zeitlich vorgegebenes Ziel. Schnell was absägen war in meinem Kopf eine Aufgabe von 5 Minuten, die sich plötzlich unendlich aufblähte. Es gab ein klares Ziel: der Ast soll weg, dann bin ich fertig. In der Pferdeausbildung gibt es kein „fertig“. Deswegen stresst es mich auch nicht so, wenn es mal länger dauert. Wobei es natürlich schon schön ist, wenn man „geradeaus durchtrainieren“ kann, wie ich es nenne. Soll heißen: man geht einen Trainingsschritt nach dem nächsten, egal wie klein die Schritte sind, aber es geht stetig voran. Rückschritte, Hindernisse und ungeplante Pausen nerven natürlich immer, gehören aber bekanntlich dazu und stören mich beim Pferd nicht so wahnsinnig.

Vielleicht ist es bei Hobby-Handwerkern genauso? Wenn der berühmte Spruch „der Weg ist das Ziel“ zur eigenen Wirklichkeit wird, weil man so viel Spaß hat daran, den Weg zu gehen, dann ist es vielleicht egal, wenn eine halbe Stunde für Werkzeugreparatur drauf geht. Wenn man aber auf ein Ziel hinarbeitet, dass es möglichst schnell zu erreichen gilt, dann ist das eben nicht mehr egal. Was lerne ich daraus? Mehr Verständnis für die Pferdebesitzerinnen die keinen Bock haben, bestimmte Dinge zu üben. Und dass es Teil meines Job ist, ihnen möglichst viel Spaß an diesen Übungen zu vermitteln. Und gelegentlich daran zu erinnern, dass auch Verladetraining dazu gehört, und dass man sich nicht darauf verlassen kann, dass zwei Wochen dafür reichen. Denn im Zusammensein mit Pferden bestimmt man nicht allein, wie lange etwas dauert. Das Pferd hat das letzte Wort. Oder wie Arnulf immer sagt „Du bestimmst das Spiel, das Pferd bestimmt die Zeit“.

Das Pferd! Nicht die blöde Kettensäge.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu von 4. Juni 2025

Während ich viel beschäftigt bin mit Ausreiten, alleine Ausreiten (ohne alleine Auszureiten), Reitschülerinnen unterrichten, springen üben und ähnlichem hat Diego den 2. Bildungsweg eingeschlagen. Er lernt jetzt das, was mein Mädchen mir immer noch nicht zutraut (pah!) weil ich angeblich noch nicht erwachsen genug bin (Unterstellung!): das Kutsche-ziehen. Ich glaube ja nicht, dass das so kompliziert ist, ehrlich gesagt. Man läuft doch da auch nur geradeaus und biegt an einer Kreuzung rechts oder links ab. Was soll daran schwer sein?

Aber Diego sagt, so einfach ist es gar nicht. Erst muss man mal ein passendes Fahrgeschirr bekommen. Und das ist ein elendiges Getüddel! Hier muss was verstellt werden, da was ausgetauscht, dort noch ein Loch ins Leder. Dann ausprobieren, dann nochmal verstellen.  Ok, klingt sehr nervig, sehe ich ein.

Außerdem muss man absolut geräuschfest sein. Alles was von hinten an Geklapper, Geschepper, Geklöter oder Schleifgeräuschen kommt muss man ganz solide wegignorieren. Und dann sind da noch die Leinenhilfen: so ein Kutschfahrer hat ja keine Sitz- und Schenkelhilfen, sondern nur Leinen, Stimme und Peitsche. Na gut, aber das kann ich ja schon, mein Mädchen fährt mich ja auch schon vom Boden. Was soll daran jetzt so kompliziert sein? Aber Diego ist da anders drauf. Der ist nämlich nicht so straff gefedert wie ich, sondern eher so eine Art Gummipferd mit hohem Schwerpunkt und deswegen gerät er gerne mal ins Schwanken, wenn er nicht genug Zug Richtung Horizont entwickelt.

Weiter geht es mit dem Justieren der Kutsche. Diego hat ja einen eigenen Rolls-Royce bekommen, den aber noch nie gezogen. Denn sein Rolls-Royce hat nur zwei Räder und muss deswegen perfekt ausbalanciert werden für Diegos Größe. Daran arbeiten die Menschen noch. So lange zieht Diego die Kutsche von der gestrengen Fahrlehrmeisterin, zu der er jeweils mit der Wackelkiste hingefahren wird. Die achtet darauf, dass alles richtig läuft und der Mann das auch gut lernt. Der hat zwar diesen Kurs gemacht, aber von einem Kurs kann man diese ganzen Griffe noch nicht gut genug um sie dann auch in Echtzeit mit eigenem Pferd und leichter Nervosität korrekt hinzukriegen. Üben, üben, üben! Diego muss auch üben. Die gestrenge Fahrlehrmeisterin gibt ein bisschen andere Kommandos, da muss er sich anpassen. Und dann üben sie stehenbleiben und anfahren. Und das anfahren, sagt Diego, ist nicht so einfach! Man muss sich nämlich mit Macht gegen das Brustblatt stemmen, bis die Kutsche ins Rollen kommt. Und das ist doch eine sehr ungewohnte Sache, da war er sich am Anfang gar nicht so sicher ob das wirklich klappt. Normalerweise soll man ja nicht gegen Dinge angehen und das weiß Diego ja auch! Aber wenn die Kutsche mal rollt, dann rollt sie. Bis zur nächsten Kurve! Da kann man nämlich auch nicht einfach so rumgehen wie man will. Man ist ja in der Schere, also hat man nicht die normale Bewegungsfreiheit, sondern muss ein bisschen seitlich herumtreten. Und dabei muss man noch den Wendekreis der Kutsche mit einkalkulieren.

Wie schwer kann das schon sein?

Ich weiß nicht, ich finde das klingt viel komplizierter als es aussieht. Wenn man mich mal machen lassen würde, ich würde das bestimmt prima hinkriegen. Mein Mädchen meint, körperlich hätte ich es da wahrscheinlich einfacher als Diego: tieferer Schwerpunkt, strammere Federung und kürzerer Radstand kommen mir da wohl entgegen. Ich tu mich deswegen eh leichter mit der Balance. Aber wie gesagt, man lässt mich nicht. Weil ich halt angeblich noch nicht erwachsen, vernünftig und erfahren genug bin. Oder weil mein Mädchen ein Angsthase ist und sich nicht traut. Eines von den beiden….

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel der das mit dem Kutscheziehen natürlich mit links könnte

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 3. Juni 2025

Montag! Wackelkiste! Ah ich mag es, wenn die Dinge so sind wie sie sein sollen. Auf geht’s, den Ausreitkumpel abholen! Nach einer kleinen Weile sind wir ausgestiegen. Wo sind wir? Ooooooh im Lieblingswald! Mein Mädchen hat gelacht und gesagt, ich würde ja wieder mal lächeln. Klar, ich hab mich so gefreut! Dieser Wald verspricht immer gute Ausflüge. Also los, hopp hopp! Nicht so langsam!

Der Anfang der Strecke war ein Stück Weg den wir noch nicht kannten, inklusive einmal den Abbieger verpassen und umdrehen.

Da geht’s nicht weiter, scheint mir…

Ich war schon auf Zack und wollte ordentlich Tempo machen, aber mein Mädchen stand auf der Bremse. Es war schon wieder schwer, es ihr recht zu machen: nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam, schön am Rand, wegen der Steine, aber auch nicht mitten durch die Büsche und NICHT FÖRSTERN nebenbei. Puh! Ein paar Minuten haben wir hin und her diskutiert. Aber dann habe ich es plötzlich rausgehabt. Und da war mein Mädchen vielleicht glücklich! Ich bin ganz gleichmäßig flott voran getrabt und sie konnte schön in den Bügeln stehen (das geht nur wenn ich den Trab gut hinkriege, sonst muss sie leichttraben, weil es mit dem Schwung nicht stimmt). Mein Mädchen hat dann gesagt, das fühlt sich so gut an, da traut sie sich auch einen kleinen Galopp. Und ich hab mir gedacht: verlorenes Vertrauen muss vorsichtig wieder aufgebaut werden. Also aufs erste Kommando gesittet angaloppieren, dann ganz ruhig und gleichmäßig weiter und dann aufs erste Stimmkommando SOFORT in den Trab. Ha! Perfekt hab ich das gemacht! Und mir damit noch ein paar kleine Galoppaden verdient. Ihr seht: ich komme gut voran mit dem Vertrauensaufbau.

Mein Ausreitkumpel hat derweil ein bisschen rumgemault, der musste mal pieseln aber er hat einfach nicht die richtige Stelle dafür gefunden. Ja, das Problem kenne ich auch! Man kann ja nicht einfach schnöde irgendwo hinmachen. Das Ambiente muss schon stimmen! Und das beste Piesel-Ambiente ist nun mal weitab vom Weg in den Büschen, am besten mit ein paar Brombeeren und Brennnesseln, die einen am Bauch kitzeln. Zum Glück fand sich dann so ein Platz neben einem schmalen, matschigen Waldpfad, der meinem Mädchen nervlich einiges abverlangt hat. Dort war rechts ein ziemlich tiefer Graben und dann lag auch noch ein Baumstamm quer. Wie war das mit dem Vertrauensaufbau? Ich hätte einen Hopser machen können über den Stamm, aber ich habe mich dann entschieden, meine Beine sehr gesittet und ruhig einzeln rüber zu heben. Weil es dahinter auch matschig war und ich bei der Landung hätte rutschen können. Zack! – wieder Vertrauenspunkte gesammelt.

Für ein gutes Foto tut das Mädchen vom Ausreitkumpel alles…

Nach 10km war ich etwas kopfmüde und wir haben eine schöne Graspause eingelegt. Dann kamen wir an die letzte Abbiegung, von dort geht es 5km immer geradeaus. Mein Mädchen war froh, dass sie sich jetzt nicht mehr um die Navigation kümmern muss (das ist ja immer ihr Job, weil wenn man das dem Mädchen vom Ausreitkumpel überlässt, werden die Ritte immer deutlich länger als geplant… )

Wir hatten gerade ungefähr die Hälfte dieses langen Weges hinter uns und sind gerade nach einer kleinen Schrittpause wieder angetrabt als plötzlich

SCHUSS!!!

Man, haben wir uns vielleicht erschreckt! Ich hab sofort Gas gegeben. Aber beim zweiten Galoppsprung fiel es mir wieder ein: denk an den Vertrauensaufbau! Also habe ich auf mein Mädchen gehört und durchpariert zum Trab. Und dann zum Schritt. Dafür gab es direkt einen Keks und mein Mädchen hat sich irre gefreut, auch wenn ihr vor Schreck die Kniee gewackelt haben. Wir sind dann gleich wieder angetrabt und sie hat ein fröhliches Lied gesungen, damit sie wieder entspannen kann. Ich hab mich dann auch wieder entspannt und so konnten wir noch ein bisschen traben.

Endlich mal wieder im Lieblingswald!

Gegen Ende, nach gut 15km, war dann aber doch ganz schön die Luft raus und der Ausreitkumpel wollte auch nicht mehr nach vorn gehen und die Verantwortung übernehmen. Irgendwie haben wir aber noch einen flotten Kilometer geschafft, bevor wir das letzte Stück dann im Schritt gegangen sind. Mein Körper konnte schon noch laufen aber ich war ordentlich kopfmüde und mein Kumpel auch. Aber ich finde das ja so angenehm, mal so richtig ausgepowert zu sein und war sehr zufrieden mit mir und der Welt!

Zu später Stunde waren wir dann wieder zuhause und ich durfte direkt mit den anderen auf die Weide, das hab ich mir redlich verdient.

Euer Vertrauen aufbauender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 1. Juni 2025

Samstag nachmittag war es wieder so weit: wir waren alleine ausreiten ohne alleine auszureiten. Es ging also wieder in die Wackelkiste und in denselben alten Wald. Diesmal hatte mein Mädchen aber eine etwas längere Strecke ausgeheckt und wir haben uns auch wieder flott vom Mann verabschiedet. Der hat es gemütlicher angehen lassen und ist nur bis zum roten Punkt gegangen, dort hat er auf uns gewartet, während wir den Schlenker im Norden mitgenommen haben. Das war schon etwas aufregend, weil ich diesen Weg erst einmal gesehen habe und das ist schon länger her. Ich mochte daher nicht so schnell traben, aber ich war schon bereit, weiter zu laufen – im langsamen Zuckeltrab. War meinem Mädchen auch ganz recht. Was ihr nicht so recht war, waren meine Bemühungen, den Weg nebenbei noch frei zu förstern. Man kann es ihr einfach nicht recht machen! Wenn da tiefhängende Zweige sind, beschwert sie sich. Will man die aber wegmachen, beschwert sie sich auch! Überhaupt: wenn ich langsam laufe, macht sie sich Sorgen, ob ich überfordert bin oder ob mir der Weg zu steinig ist. Gebe ich aber mehr Gas, macht sie sich Sorgen, ob ich wohl noch bremse, wenn sie mich darum bittet. Sagte ich schon, dass man es ihr nicht recht machen kann? Das geht schon beim Holen vom Paddock los: komme ich nicht, weil da noch ein Grashalm steht, macht sie sich Gedanken, dass ich keine Lust habe. Komme ich hochmotiviert angeprescht, macht sie sich Gedanken, ob ich wohl einen verrückten Tag habe und sie wirklich mit mir ausreiten gehen kann.

Aber ich schweife ab. Wo war ich? Ach ja, der Schlenker. Sie hat mir versprochen, dass wir am Ende von dem Weg eine Graspause einlegen. Der Mann hat uns derweil virtuell verfolgt. Und das gleich doppelt! Er verfolgt mein Mädchen über eine App auf ihrem Handy, während er mich über meinen neuen Tracker verfolgt. Theoretisch kann er so auch sehen, ob wir noch gemeinsam unterwegs sind, mein Mädchen und ich. Praktisch haut das nicht immer so hin, weil die Handy-App langsamer ist als der Tracker. Jedenfalls rief er an, sobald ich die ersten drei Maulvoll gegessen hatte und wollte wissen, warum wir nicht weiter gehen. Man, nun hetz mich nicht! Naja, ich durfte dann noch ein bisschen was naschen, dann ging es weiter. Die Wege sind leider dort wirklich sehr, sehr steinig und mein Mädchen hat versprochen, dass wir nächstes Mal mutig auf andere Strecken gehen, wo nicht so viele Steine herumliegen. Gern, dann würde ich auch mehr Gas… ach so das möchte sie ja nicht. Oder doch? Wer weiß das schon. Sie jedenfalls nicht!

Ich darf essen bis der Mann uns eingeholt hat. Sehr ihr ihn?

Nach einer Weile haben wir dann den Mann eingeholt, der schon auf dem Rückweg war. Haben ihn überholt, sind noch ein gutes Stück getrabt und dann ist mein Mädchen abgestiegen und ich durfte noch grasen. Ich gestehe: ich war kopfmüde. So viel Verantwortung! Aber mein Mädchen war irre stolz auf uns beide und der Mann war auch zufrieden mit dem Lauf des Abends. So schreiben wir weitere 6,9km auf unsere Liste, mit dem Zusatz „alleine ausreiten“.

Und jetzt entschuldigt mich, ich muss auf die Weide. Gute Nacht!

Euer allein ausreitender Sir Duncan Dhu of Nakel

Prioritäten

Was ich gerne machen würde

  • Mit Duncan allein ausreiten (üben)
  • Springen (Longe und reiten)
  • Mit anderen Pferden ausreiten gehen
  • Überhaupt die Begegnung mit anderen Pferden üben
  • Irgendwo einen Paddock aufbauen und ihn reinstellen als Übernachtungsübung
  • Stundenlang Freedom Based Training machen
  • Weiter an unseren lustigen Tricks arbeiten, da hab ich noch sooooo viele Ideen!
  • Mit Arnulf den „Rolls Royce“ flott machen  (die Gig, die wir für Diego gekauft haben)
  • Mit Arnulf und Diego weiter Kutsche fahren üben (dazu später mehr)
  • Über all diese Dinge schöne Blogartikel schreiben

Was stattdessen passiert:

Plötzlich haut das Wetter uns nach wochenlanger Dürre jede Menge Regen, ordentlich Wind und Starkregenfälle um die Ohren, ich muss deswegen dringend endlich Dünger streuen (was komplizierter ist als sonst, weil wir erst den Düngerstreuer flott kriegen müssen), das Anweiden der Ponys erfordert viel Planung und Aufmerksamkeit, Diego hat ein Hufgeschwür – und kaum war er wieder halbwegs fit, fiel plötzlich auf den Feiertag unsere Wasserversorgung aus. Und obwohl ich nicht viel damit zu tun hatte, war Arnulf von morgens bis abends damit beschäftigt, nur um dann noch eine halbe Nachtschicht einlegen zu müssen und das bringt mich dann auch aus dem Tritt.

Deswegen gab es gestern auch keinen Artikel für Euch. So ist das mit den Plänen und dem Leben. Und es erinnert mich daran, dass wir immer einen langen Atem brauchen, wenn es darum geht, neue Dinge zu üben und zu etablieren, denn es kommen eigentlich immer eine Menge ungeplante Verzögerungen und Hindernisse dazu. Es erinnert mich außerdem daran, meine Prioritäten klar zu haben – an welchem Thema möchte ich im Moment unbedingt dranbleiben, wo investiere ich meine Ressourcen (Zeit, evt Geld, jede Menge Nerven). Und es hilft mir, auch mal unfreiwillig Dinge zu üben: Duncan kann das jetzt mal aushalten, wenn ich nicht 100% bei der Sache bin. Wir tun dann eben nur die Dinge, die wir gut können, erwarten keine Exzellenz und es geht nur darum, im Training zu bleiben (auch damit der Ritter nicht zu moppelig wird. Manchmal geht es wirklich nur um schnöde Bewegung zum Kalorien verbrennen).

Selbst unter allerbesten Bedingungen könnte ich nicht all die Dinge tun, die oben in meiner Liste stehen (die wiederum ja schon stark eingekürzt und priorisiert ist! Meine Wunschliste wird jedes Jahr länger…. ). Also muss eine klare Priorität her!

In den letzten Jahren sind unglaublich viele Ausritte ausgefallen, weil entweder Diego oder der Ausreitkumpel nicht fit waren und ich musste feststellen, dass es schwieriger als gedacht ist, Termine mit anderen potentiellen Mit-Ausreitern zu finden (ich bin da auch sehr empfindlich und anspruchsvoll bei der Auswahl). Aber vor allem musste feststellen, dass Duncan sich einfach (noch?) nicht so recht begeistern kann für die Anwesenheit anderer Pferde, um nicht zu sagen beim letzten Ausritt mit Herrn Fjord hatte ich alle Hände voll zu tun mit meinem schlecht gelaunten Motz-Ritter… Daher habe ich jetzt die Priorität klar auf „allein ausreiten“ gesetzt. Und mein lieber Mann hat mich überredet, dafür seine Hilfe in Anspruch zu nehmen, siehe Tagebucheintrag vom 27. Mai. Tatsächlich haben wir zum ersten Mal einen richtig großen Schritt in die richtige Richtung geschafft, so dass ich jetzt das Gefühl habe, dieser Plan könnte wirklich aufgehen und uns ans Ziel bringen. Der Zeitaufwand ist immens, denn wir müssen beide Zeit haben, dann mit dem Anhänger zum Wald fahren (eine Strecke sind da allein schon 25min Fahrzeit), dann reiten (eine derzeit noch viel zu kurze Strecke im Verhältnis zum Aufwand), dann alles wieder zurückfahren und dazu kommt ja noch das Anhängen bzw. Parken des Anhängers sowie das Ein- und Ausräumen sämtlicher Sachen und die Tatsache, dass Duncan in diesem Wald wirklich 4 Hufschuhe braucht wegen des Schotters (ich stelle mal wieder fest dass diese Hufschuhe nicht meine endgültige Ausreit-Lösung sind, das ist mir zu aufwändig. Aber was soll ich sagen: Klebeschuhe sind bestellt und bezahlt aber die Lieferung verzögert sich….)

Trotzdem: der Anfang ist gemacht. Der Sommer liegt noch vor uns. Diegos Huf scheint so weit wieder ok zu sein (den Rest erledigt wohl die Zeit), es kommt wieder Wasser aus der Leitung, das Wetter wird (angeblich) bald sommerlich und ab jetzt sind die Ponys auch wieder die ganze Nacht auf der Weide, was mir ein entspannteres Pony beschert.  Manchmal fühlt es sich an wie „zwei Schritte vor, einen zurück“. Manchmal fühlt es sich auch an wie „einen Schritt vor, zwei zurück“. Aber ich erinnere mich durchaus auch an Zeiten, die sich anfühlten wie „zwei Schritte vor, dann noch einen vor“. Und vielleicht kommen ja auch solche Zeiten mal wieder. Man darf eben nur nicht erwarten, dass das immer so ist….

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 27. Mai 2025

Montags-Ausritt ist schon wieder ausgefallen! Aber der Mann hat einen neuen Plan ausgeheckt. Er will mein Mädchen bei ihrem großen Traum unterstützen: alleine ausreiten! Aber hier bei uns vom Hof zu gehen bleibt schwierig. Allein auf unserer kleinen Hausrunde sind Rinder, viele andere Pferde, Autos, Motorräder, Hunde, Fahrradfahrer, der Dornröschenweg und neuerdings Diegos Endgegner: Vogelscheuchen! Das ist alles viel zu viel für die Nerven meines Mädchens. Eine neue Strategie muss her!

Also Hufschuhe an und in die Wackelkiste klettern. Wir sind in den Wald gefahren, in dem nie jemand ist. Das ist der Wald in dem mein Mädchen mich am Anfang auch ganz viel geritten ist, als das noch ganz neu für uns war mit dem reiten. Dort angekommen hat sie mich gesattelt und dann sind wir erstmal zu Fuß los. Ich habe ihr signalisiert, dass ich mich ganz wohl fühle ohne Begleitpferd und mir das gar nichts ausmacht. Also ist sie alsbald aufgestiegen. Der Mann ist erst noch neben mir hergelaufen aber mein Mädchen hat ihn dann gebeten, nach hinten zu gehen, weil sie nicht wusste ob ich mich an ihm orientiere. Papperlapapp! Ich bin doch ein großer Ritter und kenne diesen Wald wie meine Westentasche! Bin also munter voran marschiert – zack! – Mädchen glücklich. Zwischendurch war sie manchmal kurz etwas nervös, aber insgesamt war es ein toller Ausritt. 5,2km mit recht viel Trab haben wir geschafft, die meiste Zeit haben wir den Mann nicht gesehen, weil er weit hinten war. Er hat dann eine Abkürzung genommen, wir sind einen kleinen Extra-Schlenker getrabt. So kam er wieder vor uns und wir haben ihn dann eingeholt und überholt.

Tschüss, lieber Mann, wir sehen uns später wieder!

Am Ende war mein Mädchen sehr müde aber wir alle sehr zufrieden und haben beschlossen, das demnächst zu wiederholen. Mein Mädchen hat sich auch schon angeschaut ob man da nicht einen schöneren Schlenker reiten könnte, weil das eine Stück Weg so doll geschottert ist. Und da stehen neue Reitwegeschilder, es bleibt also spannend ob man da bald neue Wege reiten kann.

Also da geht noch was! Und dann muss ich mit ihr noch das Tempo neu verhandeln, aber ich wollte nicht alles auf einmal verlangen….

Euer allein ausreitender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 26. Mai 2025

Ich sagte ja bereits: ich bin ein vielbeschäftigtes Pony! Hier meine letzte Woche im Überblick:

Montag: Ausritt ist leider ausgefallen! Aber stattdessen kam meine kleine Freundin und wir haben mal wieder Fußball gespielt. Ich soll den Ball jetzt ins Tor schießen, nicht einfach irgendwo hin, das ist eine neue Herausforderung! Zweite Herausforderung: das Gras ignorieren, das ich zwischendurch schnell mal vertilgen könnten wenn keiner guckt….

Aber damit war der Montag noch nicht zu Ende, denn kaum hatte ich nach dem Fußballspielen meinen Eimer leer gefuttert, kam noch die nette Frau die damals meinen Sattel probegeritten ist. Die wollte auch nochmal Unterricht nehmen und zwar zum Thema longieren! Mein Mädchen hatte sie dabei beobachtet wie sie „komische Sachen“ macht, aber mein Mädchen war nicht sicher, was da so komisch ist. Also brauchte sie mich zum Übersetzen. Ich hab mir die Körpersprache von der Frau angeschaut und gesehen: überzeugt mich nicht. Warum sollte ich da jetzt außen auf den Kreis gehen? Nö. Und da hat mein Mädchen dann auch verstanden wo das Problem ist und konnte meiner Schülerin gut helfen. Zack! Lief alles wie am Schnürchen und jetzt wird es auch mit ihren Pferden besser klappen. Merke: ich unterrichte nicht nur, ich dolmetsche auch! Weil mein Mädchen mich so gut kennt und dann an meinem Verhalten sieht, was die Menschen besser machen können.

Dienstag ging es gleich weiter mit dem Job, da kam noch meine zweite kleine Freundin, mit der übe ich jetzt galoppieren! Da ist es gut, dass ich meine tolle Spezial-Krawatte anhabe, da kann meine kleine Freundin sich festhalten, sonst fliegt sie doch ein bisschen in die Luft, wenn ich meine schönen großen Galoppsprünge mache. Aber wie es so ist: üben hilft! Und so wurde es dann auch alsbald besser.

Am Mittwoch war mein Mädchen dann dran mit reiten. Da haben wir ausgiebig gearbeitet, auch die Übergänge vom Schritt zum Galopp und umgekehrt bauen wir jetzt wieder mit ein. 40 Minuten strammes Programm, da wurde mir dann doch etwas matt um die Muskulatur, aber mein Mädchen war stolz wie Bolle, weil wir soooooo gute Fortschritte gemacht haben. Sie findet auch, dass ich im Moment wirklich fantastisch aussehe, gut bemuskelt bin und eine schöne Haltung habe. Das hört man doch gern!

Mein Mädchen findet, ich sehe sehr gut aus!

Am Donnerstag war das Wetter schön kühl, da hat sie dann beschlossen, ich könnte nochmal was für die allgemeine Fitness tun und schön über Stangen traben und kleine Sprünge springen. Mir war allerdings nicht so sehr nach action zumute, der Wetterumschwung saß mir noch in den Knochen und die Umstellung auf Gras vielleicht auch. Ich hab natürlich alles brav mitgemacht aber mein Mädchen meinte, ich bräuchte vielleicht doch eine Pause und deswegen hatte ich am Freitag frei. Wir haben schön Freedom Based Training gemacht und beide unsere Kommunikation geübt, während ich mein Mädchen einmal um den Paddock herum mitgenommen habe.

Am Samstag ging es dann schon wieder weiter, da kam Reitschülerin Nummer 3! Die ist schon erwachsen, aber recht klein und leicht. Sie kann schon ein bisschen reiten, hat aber kein eigenes Pferd und wie so viele Menschen hat sie nie gelernt, WIE leicht und schön reiten sein kann, wenn man so ein gutes Pony hat wie mich. Ihr bringe ich im Wesentlichen bei, WENIGER zu machen. Sie findet mich ganz toll und freut sich immer so, Zeit mit mir zu verbringen, das ist süß. Und mein Mädchen ist begeistert, wie ich mich jetzt schon auf verschiedene Menschen einstellen kann, die unterschiedlich mit mir umgehen. Ich finde das interessant, auch wenn es nicht immer gleich klappt.

Gestern wollte mein Mädchen gern ausreiten gehen, aber Diego hat sich einen gelben Schein geholt, der hat einen Humpelfuß. Also sind wir nochmal auf dem Platz geritten und haben ganz viele Seitengänge im Schritt und im Trab geübt. Puh, das ist auch ganz schön anstrengend auf die Dauer! Deswegen war die Einheit auch nicht so lang. Aber mein Mädchen war wieder sehr angetan.

Jetzt mal sehen wie diese Woche läuft!

Euer viel beschäftigter Sir Duncan Dhu of Nakel

Eine lange Liste

Duncan ist sprachgesteuert. Ich hatte noch nie ein Pferd das so extrem und genau auf Worte reagiert wie er. Und so hat sich inzwischen eine lange Liste an Stimmkommandos etabliert, die Duncans Schülerinnen teilweise zur Verzweiflung treiben. Denn während ich mir die Worte und auch die Betonung ja selbst aussuchen konnte, müssen die Menschen, die nun mit ihm arbeiten, diese Worte übernehmen obwohl sie vielleicht etwas ganz anderes sagen würden.

Alles angefangen hat wohl damals mit

„waaaarte“ = kein Huf bewegt sich bis es den Keks gibt, egal was der Mensch tut. Allerdings stellte ich dann fest, dass diese Definition nicht ganz korrekt ist, weil ich ganz oft „waaaarte“ sage und dann die Hufe auskratze, also einzeln hochhebe. Und so fehlte mir ein Wort, was bedeutet, dass ich z.B. den Hufschuh schließen will und somit das Bein anfasse, aber NICHT möchte dass er es hebt.

„steh!“ = Huf stehen lassen (er kennt auch „und ab“ für abstellen, aber das ist nicht wirklich sauber geübt und klappt nur selten)

„hoooo“ hingegen heißt: aus der Bewegung zum Stehen kommen.

Macht allein drei Worte fürs stehen!

Dann haben wir natürlich

„Duncan dhuuuuuuu“ fürs Kommen

„voran“ = losgehen oder in der Gangart beschleunigen

„Trab“ = antraben (wenn er noch nicht richtig warm ist gerne auch mit einem „und“ davor)

„Teeeeerab“ = aus dem Galopp in den Trab durchparieren.

„Schschschschritt“ = zum Schritt durchparieren

Diese Worte kennen viele Pferde. Witzigerweise verwenden die meisten Leute für Schritt und Trab diese Worte, aber beim Galopp scheiden sich die Geister und jede macht was anderes. Duncan kennt

„Aaaaaaaachtung – und hopp!“ fürs Angaloppieren. Häufig reicht nach ein paar Übergängen aber auch die eine oder andere Hälfte des Kommandos.

„Laaaangsam“ = Verlangsamung des Tempos innerhalb der Gangart ist im Moment unsere Hauptübung im Gelände, wenn Sir Duncan mal wieder den Flug-Modus einlegt und mir zeigen möchte, WIE schnell er inzwischen traben kann.

„Seite“ ist ein Kommando dass ich eigentlich nur beim Fahren vom Boden verwende für eine Seitwärtsbewegung, während ich jetzt an

„step aside“ arbeite für eine sehr steile Seitwärtsbewegung über eine Stange

Duncans Lieblingsworte sind sicher

„Keks!“ – unser Markerwort für „hast du richtig gemacht jetzt gibt es Futter“ und

„grasen“ was bedeutet er darf das essen was vor seiner Nase steht (Gras oder den Inhalt seines Eimers)

„und Schluss!“ hingegen heißt, dass jenes Vergnügen nun leider ein Ende hat.

Und jetzt wird es verwirrend, denn ich habe festgestellt dass ich unbemerkt ein gleichklingendes Kommando erschaffen habe

„Schuss!“ heißt nämlich: schieß den Ball ins Tor! Nun denke ich, bei den beiden besteht keine Verwechslungsgefahr, da die Situation völlig unterschiedlich ist. Aber trotzdem: einmal nicht aufgepasst, schon hat man zwei gleich klingende Worte verwendet.

„Ball“ ist übrigens anders vergeben, das heißt nämlich „geh zum Ball und schieß ihn, egal wo hin“

Dann haben wir noch

„zuuuuurück“ (wofür das wohl steht?) und

„wippwapp“ das ich als Tempovorgabe fürs Wippen verwende

Bestimmt habe ich das eine oder andere Wort vergessen. Ich habe nie wirklich getestet, ob das Wort alleine reicht. Wahrscheinlich nicht, denn die Pferde lesen uns ja so fein, dass sie auch dann noch Körpersprache sehen wenn wir glauben, keine Signale mehr zu verwenden. Trotzdem ist mein Eindruck, dass Duncan sehr viel mehr mit den Worten anfangen kann als viele andere Pferde die ich kenne. Wahrscheinlich habe ich eine angeborene Präferenz genutzt und über die Jahre so trainiert, dass er nun sehr gut darin geworden ist, die Worte zu unterscheiden und mit Handlungen zu verknüpfen. Und diese „Fernsteuerung“ hilft mir jetzt ungemein, wenn Duncan andere Menschen unterrichtet, denn ich kann ihm leicht helfen und wenn die Menschen dann die Worte übernehmen, können sie ihm auch selbst helfen, die manchmal wirre Körpersprache zu verstehen, die ungeübte Menschen verwenden.

Einige Worte sind für ihn ganz klar definiert und viel geübt. Andere sind mehr so „organisch gewachsen“ und immer im Zusammenhang mit Körpersprache verwendet. Ich sehe keinen Grund, beim reiten oder Longieren ausschließlich ein Wort zu verwenden und alle anderen Hilfen wegzulassen. Aber wenn wir in der Sommerhitze mal wieder nach anderen Beschäftigungen suche und uns wieder Wippe, Steg und Co widmen, überlege ich mir das nochmal. Denn ihn dort mehr aus der Ferne steuern zu können, könnte Vorteile haben und ich glaube, er hat Spaß daran, zu knobeln.

Kein Pferd braucht Stimmkommandos. Es ist eigentlich komplett unnatürlich, dass ein Pferd Lautkommandos befolgt, denn untereinander machen sie das so gut wie gar nicht. Pferde sind schweigsame Gesellen. Aber wir Pferdefrauen sind das nicht und wenn wir schon quatschen, dann darf das auch Sinn ergeben.

Nur in einer Situation werde ich ganz still: im Freedom Based Training. Das ist eine der Möglichkeiten für Duncan, zu unterscheiden ob ich gerade etwas von ihm will oder nicht. Natürlich will ich im FBT auch etwas erreichen, aber ich gebe ihm keine Handlungs-Anweisungen oder  Kommandos, sondern „kommentiere“ lediglich das, was er tut. Und diese Kommentare sind nur körpersprachlich. So kommt es mir zu Gute, dass ich sonst so viel quatsche, denn der Unterschied könnte deutlicher nicht sein…

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 19. Mai 2025

Jetzt habe ich schon wieder so lange nichts für euch geschrieben, liebe Menschen, tut mir leid! Ich bin ein viel beschäftigtes Pony, da ist es manchmal schwer, die Zeit dafür zu finden.

Es gibt so viel zu tun! Zum einen sind da diese kleinen Grashalme überall im Paddock, um die ich mich kümmern muss. Dann gehen wir jetzt jeden Morgen auch richtig auf die Weide und dürfen 4 Stunden futtern. Danach brauche ich immer ein ausgiebiges Verdauungsschläfchen.

Und neben meinem Mädchen, mit der ich fleißig Dinge übe, habe ich ja jetzt auch 3 Reitschülerinnen, die regelmäßig kommen! Meine kleine Freundin, dann noch meine andere kleine Freundin und jetzt auch noch eine erwachsene Reiterin, die etwas von mir lernen möchte! Und jede von den dreien ist ein bisschen anders. Ich muss mich auf jede einzelne einstellen und genau darauf achten, was diese Person jetzt gerade meint – die drücken sich ja auch aus Unwissenheit oft noch nicht so ganz klar aus. Mein Mädchen sagt, man kann nie mehr als eine neue Sache auf einmal lernen, deswegen muss ich viele Fehler einfach hinnehmen und ausbügeln. Das ist anstrengend, aber ich mache das ganz, ganz toll, finden die Menschen.  Mein Mädchen feiert mich immer sehr und sorgt dafür, dass ich genügend Kekse bekomme.

Ich habe noch einen Haufen Geschichten zu erzählen, aber ich fange mit der neuesten an. Gestern war mein Mädchen nämlich auf Distanzritt. Ohne mich! Ist das zu glauben? Als sie dort war, hat sie dann festgestellt, dass sie die 44km ohne mich gar nicht in der vorgegebenen Zeit schaffen kann. 44km in ca 6 Stunden, das ist für sie ja gar nicht machbar. Also konnte sie leider nicht mitmachen. Aber dafür hat sie geholfen. Sie hat sich in den Büschen versteckt und den Reitern aufgelauert, glaube ich. Sie sagt, sie hat sich gar nicht versteckt, sondern schön offensichtlich dort gestanden, Fotos gemacht und geschaut, ob da auch jeder vorbei kommt, der vorbei kommen soll. Nicht, dass jemand heimlich abkürzt und nur so tut als hätte er 44km gemacht! Aber sie sagt es war ein leichter Job. Nachher hat sie Kartoffelsuppe gefuttert und sich all die Pferde angeschaut. Da war alles vertreten vom kleinen Shetty mit ca 1m Stockmaß bis zum großen Shire-Horse mit 1,92m! Das fand mein Mädchen toll. Und sie war ein bisschen neidisch auf die Starter, aber sie sagt, unsere Zeit kommt auch noch. Mit etwas Glück sogar noch diesen Sommer!

Nachmittags war sie dann schon wieder zu hause und hatte doch noch Zeit für mich. Sie hat ein großes Stangengewusel auf dem Platz aufgebaut und Diego und ich hatten allerhand zu tun um unsere Füße durch diese Stangen zu sortieren. Rechtsrum, linksrum, geradeaus, drüber, durch und dann andersherum.

Mein Mädchen war begeistert von mir, ich war hoch motiviert und hatte ganz viel Lust. Ich habe in letzter Zeit viel Fitness gemacht und meine optimierte Fütterung zeigt jetzt auch Wirkung. Leider meint mein Mädchen, dass in Kombi mit dem Weidegang schon wieder etwas zu viel Speck auf meinen Rippen aufgetaucht sei, so dass mein Eimer in Zukunft deutlich weniger Leckereien enthalten wird als in den letzten Monaten. Und es wurde uns angedroht, dass wir wieder mal zur Waage reiten, um unser aktuelles Gewicht zu überprüfen. Ich fürchte nur, dass da im Moment nix gutes für mich bei rauskommen wird. Aber mein Mädchen meint, das wäre schon ok, weil der Gehalt im Gras jetzt bald wieder weniger wird und wir ja fleißig arbeiten, das kriegen wir dann schon hin mit der Figur. Naja, irgendwas ist eben immer!

So jetzt muss ich mich aber wieder um das leckere Gras hier kümmern, bis bald, liebe Menschen!

Euer grasender Sir Duncan Dhu of Nakel

Richtige Antworten

In der Regel, wenn wir Pferde ausbilden, zeigen wir ihnen, was sie tun sollen. Wir zeigen ihnen, welche Reaktion erwünscht und welche unerwünscht ist. Und wenn wir das gut hinkriegen, können dabei alle – auch das Pferd – eine Menge Spaß haben.

Was wir den Pferden eher selten zeigen, ist, wie viele Möglichkeiten es gibt, auf eine bestimmte Situation zu reagieren. Für uns ist es in den meisten Fällen so, dass wir eine vorgegebene Antwort im Kopf haben, bevor wir die Frage stellen. Diese Antwort finden wir richtig und alles andere hat unser Gehirn schon vorab als „falsch“ eingestuft. Das kann so weit gehen, dass manche Pedanten eine Antwort als falsch betiteln, weil sie nicht den gewünschten Wortlaut hat. Ich habe zum Beispiel erfahren, dass es Menschen gibt, die es ganz schrecklich finden, wenn ihnen jemand am frühen Morgen ein freundliches „Guten Tag“ entgegenbringt, weil man um diese Uhrzeit gefälligst „Guten Morgen“ zu sagen hat. Ok das ist ein extremes Beispiel, aber gar nicht selten sind wir im Pferdetraining genau so unterwegs.

Wäre es nicht gut, wenn wir unseren Pferden auch beibringen würden, dass es mehrere richtige  Antworten geben könnte, so dass ihnen nachher mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen? Gleichzeitig können diese Antworten für uns wichtige Informationen enthalten. Wenn ich z.B. ein Kundenpferd bitte, den rechten Vorderhuf zu heben und es hebt stattdessen den linken, ist diese Antwort zwar technisch gesehen „falsch“, kann aber ein wichtiger Hinweis sein. Ich habe schon erlebt, dass in dem linken ein großer Stein steckte und das Pferd den erst loswerden wollte und um Hilfe bat. Es kann aber auch sein, dass das Pferd gerade den rechten Huf aufgrund seines aktuellen Gleichgewichts nicht gut heben kann, aber auch nicht ungehorsam sein möchte. Dann kann ich ihm helfen, sich schlauer hinzustellen, um den rechten Huf heben zu können. Oder es ist ein altes oder krankes Pferd, das grundsätzlich Schwierigkeiten hat mit dem Hufeheben und ebenfalls nicht total verweigern möchte, sondern mir sagen, dass es für die Bearbeitung die Hufe nicht hergeben mag, weil das zu schmerzhaft oder zu anstrengend ist. In jedem Falle gilt: wenn das Pferd den linken statt den rechten Huf hebt, kann ich sehen, dass es sich bemüht. Das Pferd kann verhindern, dass wir in Streit geraten, und trotzdem seine Meinung sagen. Schlau, oder? Und aus diesem Grund auch irgendwie eine „richtige“ Antwort.

Duncan soll derzeit lernen, sich selbst besser zu regulieren und mit seinen eigenen schlechten Launen kreativer umzugehen, anstatt sie am nächstbesten auszulassen. So lange wir beide gemeinsam etwas tun, hat er nur selten schlechte Laune, aber in seiner Freizeit ist er oft etwas miesepetrig, weil er noch nicht erwachsen genug ist, um Wege zu finden, sich selbst bessere Laune zu machen. Gerade so wie menschliche Teenager. Also üben wir verschiedene Möglichkeiten, wieder ein besseres Gefühl zu finden. Auch hier gibt es viele richtige Antworten (und nur eine wirklich falsche).

Je größer das Repertoire an (einigermaßen) richtigen Antworten ist, die man im Angebot hat, desto besser und einfacher wird das Leben für alle Beteiligten.

Egal, was wir machen, wie wir es machen und warum, wir können alle die Augen offenhalten und beobachten, welche ANDEREN richtigen  Antworten unser Pferd für uns bereithält.