Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 24. Juni 2025

Wie die Zeit vergeht! Ich schulde Euch ja noch Berichte.

Also letzten Montag ging es mit dem Ausreitkumpel los. Aber es war irgendwie nicht unser Tag. Wir waren beide nicht so richtig gut drauf und mochten nicht so laufen wie normalerweise. So waren es nachher hart erkämpfte 14km auf unserem Tacho. Die gute Nachricht: mein Mädchen hat unterwegs beschlossen, dass ich wieder etwas mehr Proteine bekomme und wir dann sehen ob meine Laune und Bewegungsfreude wieder steigt.

Nach hart erkämpften 14km warten wir darauf dass mein Mädchen die Wackelkiste wendet, damit wir nach hause können.

Am Dienstag hatte ich dann ehrlich gesagt auch keine Lust. Mein Mädchen kam und hat mich gerufen, ich hab mir ne Möhre geben lassen und dann verkündet, dass ich heute nicht mitmache. Aber mein Mädchen meinte, dass ich leider in diesem Augenblick keine Wahl habe, weil wir verabredet sind. Immerhin hat sie mir versprochen, dass es körperlich nicht anstrengend wird.  Also hat sie mich mitgenommen in den Stall und dort einzeln eingesperrt. Dann kam sie: meine neue kleine Freundin. Sehr klein ist die. Und nicht sehr mutig. Ich meine: ich bin so ein Guter. So ein höflicher Gentleman. Aber sie hat mich angeschaut, als sei ich ein hungriger Grizzly-Bär. Mein Mädchen hat vorgeschlagen, dass sie mir Kekse gibt, aber das hat sie sich nicht getraut. Also hat sie mir die Kekse übers Tor geworfen und ich hab sie mir vom Boden aufgeklaubt. Also DAS war mal die beste Unterrichtsstunde meines Lebens! Eine Stunde lang war Kekse werfen angesagt. Danach war ich mit der Welt wieder ganz im Einklang. Meine neue winzige Freundin hat sich zum Abschied getraut, mir zweimal über die Nase zu streicheln und möchte auf jeden Fall wiederkommen.

Mittwoch hatte ich frei, da hat mein Mädchen den ganzen Tag gearbeitet. Am Donnerstag war meine Motivation dann auch wieder hergestellt und wir haben reiten auf dem Platz geübt. Mit Schenkelweichen im Trab, das gibt einen schönen Po, sagt mein Mädchen. Ich finde ja, das mit dem Sport kann man schon auch übertreiben, aber ich hab gut mitgemacht.

Am Donnerstag war dann Longe angesagt mit Stangen. Eine lange Reihe hochgelegte Stangen, erst im Schritt, dann im Trab. Da hätte ich jetzt auch noch weitergemacht, war gerade so schön warmgelaufen, als mein Mädchen meinte, es würde jetzt reichen.

Am Freitag kam meine kleine Freundin – also die, die schon so lange kommt und mit der ich so allerhand lustige Sachen mache. Diesmal haben wir mal wieder reiten geübt und mein Mädchen war sehr zufrieden mit meiner kleinen Freundin, weil sie genau die richtigen Fragen stellt und das alles schon ganz gut hinkriegt. Und ich war auch zufrieden mit mir, denn diese kleine Freundin hatte ja am Anfang auch Angst vor mir und jetzt vertraut sie mir, das werde ich mit der klitzekleinen Freundin bestimmt auch schaffen.

Am Samstag war schon wieder Freizeit, weil mein Mädchen erst gearbeitet hat und dann eingeladen war.

Am Sonntag morgen sollte Diego dann eigentlich wieder das Kutsche fahren üben, bevor es zu heiß wird. Aber ich hatte ein leises Bauchgrimmen und wurde longiert, bis es mir wieder gut ging. Zum Glück nichts schlimmes, ich musste nur mal bisschen laufen und pupsen. Und dann war es auch schon so heiß, dass man sich gar nicht mehr rühren mochte, also fiel die Kutschfahrt aus. Erst Abends kam mein Mädchen wieder und meinte, wir könnten ja noch was üben. Und zwar für meine neue, winzigkleine Freundin. Die kommt nämlich bald wieder und mein Mädchen hat da so eine Idee. Für mich bedeutet das: zwei Matratzen, zwischen denen ich hin und her laufen soll und die Kekse gibt es nicht aus der Hand, sondern von einem Löffel, der mir durch den Zaun gestreckt wird. Bisschen wie so ein wildes Tier, dem man nicht zu nahe kommen darf. Aber Hauptsache die Keksrate stimmt, dann bin ich bekanntlich für alles zu haben. Und im Anschluss durfte ich noch kurz wippen.

Gestern war dann schon wieder so viel Wetter, nur andersrum. Plötzlich ganz viel Wind und dauernd Regen von der Seite. Da ist der Montags-Ausflug ausgefallen und wir sind stattdessen nochmal in der Halle gewesen und haben mit der Wippe und dem Steg gespielt. Ich soll ja jetzt lernen, auf größere Entfernung selbstständig auf Matte, Steg oder Wippe zu gehen. Kann ich schon ganz gut, meint mein Mädchen. Und die Keksrate war auch wieder echt ok.

So ist also eine weitere Woche ins Land gegangen – wo bleibt denn bloß immer die Zeit?

Diese Woche steht der Besuch meiner kleinen und meiner winzigkleinen Freundin an, die kommen beide morgen. Und dann hoffentlich – wenn das Wetter mitspielt – noch der eine oder andere Ausritt – allein oder mit Diego. Wenn es allerdings weiter so doll pustet, sehen wir uns wohl noch öfter in der Halle wieder oder an der Longe….

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit der neuen, winzigkleinen Freundin

Kinder und Pferde

Als Duncans „kleine Freundin“ zum ersten Mal zu ihm kam, kannten wir uns schon. Sie war 2020 schon mal bei uns und ist ein paarmal Caruso geritten. Dann kam Corona und das entsprechende Chaos und ich habe dieses Projekt abgebrochen. Nach einigen Jahren dann die Nachricht: wir wollen wieder kommen. Und ich habe Mut gefasst, es mit Duncan zu probieren, ohne zu wissen ob er sich dafür überhaupt eignet.

Was in der Zwischenzeit passiert war: nix gutes. Das Mädchen hatte Reitunterricht, aber halt leider keinen schönen. Und die Horrorstorys, die sie mitbrachte waren so extrem, dass Arnulf eines Tages spekuliert hat, ob einiges davon erfunden sein könnte. Aber ich bin mir sicher, dass nichts erfunden ist, denn das Mädchen hat die Reaktion der Pferde auf die entsprechenden Situationen viel zu treffend beschrieben als das jemand ohne viel Erfahrung sich das ausdenken könnte.

Einige Highlights waren: „meine Freundin ist beim Absteigen mit dem Bein am Sattel hängen geblieben und das Pony ist durchgegangen“ Himmelherrgottnocheins, wer setzt denn Kinder, die noch nix können auf ein Pferd, das es nicht aushält, wenn jemand etwas ungeschickt absteigt? Aber auch „Duncan ist das erste Pferd das ich kenne, das keine Angst vor der Gerte hat“. Na prima, dann weiß man ja gleich Bescheid, wie mit den Pferden umgegangen wird. Den Kindern wurde dort auch die alte Leier vorgelebt von „setz dich durch“ (gleichzusetzen mit „hau drauf“).

Duncan hat sich das Vertrauen seiner kleinen Freundin hart erarbeitet und ich zolle ihm höchsten Respekt dafür, wie er ohne Vorerfahrung mit ihr eine so gute Verbindung aufgebaut hat und sich so schön auf sie einlässt.

Jetzt haben wir anscheinend eine weitere solche Aufgabe angenommen. Diese Woche war ein neues Mädchen bei uns. Die 8jährige möchte gern etwas mit Ponys machen, wenn da nur die Angst nicht wäre. Und hier bekommt Angst eine ganz neue Definition: eine Stunde haben wir damit verbracht, vor der Stalltür zu stehen und Duncan Kekse hinzuwerfen, weil sie sich nicht traute, ihn aus der Hand zu füttern. Am Ende der Stunde hat sie ihn dann zweimal sanft über die Nase gestreichelt. Für uns Erwachsene wirkte das wie sehr wenig, aber das Kind war glücklich und um nichts anderes geht es.

Auch dieses Kind hat schon eine schlechte Reiterfahrung hinter sich, weil eine Reitlehrerin das Pony auf dem sie saß traben ließ, obwohl das Kind das nicht wollte.

Ich selbst habe damals auch das reiten gelegentlich auf die harte Tour gelernt. Aber dennoch waren die Ponys auf denen ich saß wenigstens einigermaßen kindersicher, bis ich etwas mehr Erfahrung hatte. Und während damals noch eher die militärische Sitte herrscht, nach einem Sturz einfach wieder aufzusteigen und weiter zu reiten, muss man natürlich auch sehen, dass viele Kinder und Jugendliche deswegen das reiten aufgegeben haben. Weil auf ihre Ängste nicht eingegangen wurde, weil keine Rücksicht genommen wurde und weil niemand ein passendes Konzept dafür hatte, geschweige denn ein entsprechend ausgebildetes Pferd. Dabeigeblieben sind eben nur die totalen Freaks wie ich, die kein Sturz, kein Unfall und keine Angst jemals von den Pferden weggebracht hätte.

Vielleicht kann mein wunderbares Pony dazu beitragen, die Welt für ein paar Kinder ein bisschen besser zu machen. Ich habe schon Pläne geschmiedet, wie auch die 8jährige Mut und Vertrauen fassen kann und ich bin gespannt, ob diese Pläne aufgehen. Derweil schaue ich der 13jährigen zu, die so viel Mut und Selbstbewusstsein gewonnen hat und freue mich sehr darüber, dass mein Pony dazu einen Beitrag leisten konnte. Er ist eben Herzensreparateur im Hauptberuf und anscheinend kann er mehr Herzen reparieren als nur meins.

Gerade für junge Mädchen ist der Umgang mit Ponys charakterbildend: für sich selbst einstehen, eigene Grenzen klar, aber freundlich kommunizieren, sich nicht einschüchtern lassen von Größe und Stärke. Aber auch: um Hilfe bitten, sich mit Ängsten auseinandersetzen, die eigene Körperwahrnehmung verbessern. Das Pony ist frei von Vorurteilen, übt keinen Leistungsdruck aus, erwartet aber Klarheit, Freundlichkeit und dass es selbst gesehen und wertgeschätzt wird. Duncan kommuniziert klar, direkt und dabei völlig ungefährlich seine Meinung und erwartet Antworten auf seine Fragen. Ich bin dabei nur Übersetzer (in beide Richtungen) und Ideengeber. Ich möchte einen Raum zum Ausprobieren schaffen, aber dafür braucht es natürlich Anleitung, was man denn überhaupt ausprobieren könnte. Den ganzen Rest erledigt Duncan und überrascht mich damit immer wieder. Ich hoffe, er bekommt noch öfter die Gelegenheit, diese ganz besondere Fähigkeit einzusetzen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 15. Juni 2025

Am Samstag wollte mein Mädchen mit mir alleine ausreiten ohne alleine auszureiten üben. Aber das Wetter war höllisch! Es war plötzlich ganz heiß und fies schwül. Mein Mädchen war sowieso platt (einmal im Monat hat sie immer so ein, zwei ganz schlechte Tage. Dann tut ihr Bauch weh und sie fühlt sich ganz unwohl. Ich hab das schon gemerkt und weiß jetzt, dass ich darauf Rücksicht nehmen muss). Also wurde es nichts mit dem Ausreiten. Stattdessen habe ich neue Klebeschuhe bekommen. Das ist ja immer ein Aufwand! Erstmal die Bedienungsanleitung lesen. Dann alles parat stellen. Dann Hufe in Form bringen und blitzeblank sauber abschleifen, abbürsten, trockenföhnen. Klebedinger anpassen und beschriften. Und dann muss alles plötzlich ganz schnell gehen. Kleber drauf, Schuhe an den Huf, zackzack, weil der Kleber so schnell festklebt.

Erst die Anleitung studieren, dann kleben! Aber da steht gar nix von Keksen? Habe trotzdem eine Menge bekommen für meine endlose Geduld.

Aber mit dem Ergebnis sind die Menschen ganz zufrieden. Ich durfte danach noch an der Doppellonge einen ersten kleinen Test vornehmen und hatte nichts zu bemängeln. Außerdem hat der Mann mir noch die Hüfte gerichtet, ich war irgendwie mal wieder ganz schief geworden, das hatte ich ja jetzt länger nicht. Und wieder mal hat mein Mädchen sich vorgenommen, die frühen Anzeichen dafür besser wahrzunehmen. Naja, irgendwann lernt sie es vielleicht, auf ihr erstes „es stimmt was nicht“ – Gefühl zu hören. So lange ist es ja aber auch kein großes Problem, denn, wie mein Mädchen zu sagen pflegt „der Osteopath im Hause ersetzt die Axt“. Ich glaube ja, dass sie den Spruch irgendwie falsch sagt, aber naja.

Heute war dann aber Sonntag. Und Sonntag ist ja eigentlich mal unser traditioneller Ausreit-Tag gewesen – auch wenn er das irgendwie jetzt sehr, sehr oft nicht war. Aber heute ging es endlich mal wieder los!

Wenn jemand auf die Aufstiegshilfe geht, dann soll ich da doch hin, oder?

Mit den neuen Klebeschuhen, den Zebradecken und für mein Mädchen ein bisschen Extra-Mut im Gepäck. Weil wir heute zum ersten Mal seit unserem kleinen Missgeschick wieder von hier zuhause losmarschiert sind. Und da hatte sie plötzlich doch wieder Sorge, ich könnte wieder Blödsinn machen. Gleichzeitig ärgert sie sich dann über sich selbst, weil sie ja auch weiß, dass wir nur diese eine Panne hatten auf über 2200 gemeinsamen Kilometern. Aber sie sagt, sie kann nicht aus ihrer Haut. Und ich denke mir: ihr Vertrauen zu gewinnen ist wirklich nix für Ungeduldige!

Wir Ponys konnten aber auch nicht aus unserer Haut und mussten deswegen Beschwerde einlegen als wir feststellten, welche Runde angesagt war. Dieser verdammte Berg! Es mag ja romantisch sein, sich auf dem schmalen Pfad durch den Wald zu schlängeln, aber dieses rauf und runter ist einfach irre anstrengend! Ich wäre ja am Ende des schmalen Pfades – den mein Mädchen mutig komplett geritten ist, ohne absteigen – lieber links abgebogen und den Weg an der Landstraße zurück gegangen. Der ist eben und einfach (wenn auch  sehr unromantisch). Aber nein, es ging rechts und durch den Wald zurück. Und das heißt: noch mehr bergauf und bergab! Naja. Dafür gab es später noch eine ordentliche Graspause und 9,1km später waren wir dann auch wieder zuhause und die Menschen waren sehr zufrieden mit unserer Leistung. Leider haben sie auch festgestellt, dass das eigentlich unsere beste Trainingsrunde ist und dort alles geboten wird was wir sonst nie bekommen. Uns Ponys schwant übles….

Aber jetzt kann ich ja erstmal wieder die ganze Nacht auf die Weide gehen und verbrauchte Kalorien schnell wieder auffüllen.

Euer beklebter Sir Duncan dhu of Nakel

Manches ändert sich nie

Neulich bekam ich vielleicht die interessanteste Absage meines Lebens.

Eine Hufpflegekundin teilte mir mit, sie habe sich nun eine andere Hufpflegerin gesucht (so weit, so normal). Begründung: Ihr Pferd steht seit dem Stallwechsel ja so schlecht still (wir hatten Probleme, weil die Stute extrem unruhig war) und sie möchte mir das nicht mehr antun (danke!). Deswegen hat sie sich eine Hufpflegerin gesucht, der das nichts ausmacht.

Und das war der Moment wo ich stutzte. Also anstatt das Problem zu lösen – kurzfristig indem man z.B. einen Kumpel für das Pferd daneben stellt, weil sie nicht allein am Putzplatz stehen will, langfristig durch Training – sucht man sich jemanden, dem das nichts ausmacht.

Ich bin seit 26 Jahren Hufpflegerin. Als ich noch jung und ambitioniert war, war ich oft diejenige, die alles ausgehalten hat. Ich habe mir große Mühe gegeben, jedem noch so hampeligen Pferd die Hufe zu machen. Mein Rücken hat es mir komischerweise nicht gedankt. Aber noch schlimmer: kaum eine Kundin hat es mir je gedankt. Es wurde immer als selbstverständlich hingenommen, dass ICH das Problem löse. Irgendwie war es immer MEIN Problem, das hinzukriegen und ich war viel zu nett. Wenn ich dann doch mal verärgert war, war es oft das letzte Mal, dass ich gerufen wurde, dann wurde ich ersetzt (obwohl man mir vorher versichert hatte, dass man noch nie so zufrieden war und dass niemand anders das Pferd bearbeiten könnte).

Hier kann ich jetzt das Verhalten von der anderen Seite beobachten: die Kundin sucht sich eine Hufpflegerin, die jung und unverbraucht ist und noch glaubt, es sei IHR Problem. Und jetzt wo ich es von dieser Seite sehe, kann ich zwei Dinge sagen: 1. Das eigentliche Problem wird nicht gelöst werden. Die Besitzerin sieht nämlich keinen Anlass, selbst etwas zu tun, so lange jemand anders ihr Problem „löst“ (=ausbadet). 2. Die junge Kollegin wird sicher in einigen Jahren ähnlich dastehen wie ich, sich frustriert von all den Kundenpferden trennen, die nie das Stillstehen und Hufe geben lernen werden, weil es ihnen nie jemand beibringen wird.

Und obwohl ich das ja sogar anbieten würde zu üben, hat mich noch nie jemand dafür gebucht. Stillstehen und Hufe geben kann ja angeblich jedes Pferd (lang genug um einmal husch-husch die Hufe auszukratzen – wenn das Wetter und die Laune stimmt – aber halt leider nicht lang genug um sie professionell zu bearbeiten). Unterrichtsstunden zu bezahlen für so ein Thema ist extrem unsexy, man möchte doch viel lieber etwas Instagram-taugliches üben oder zumindest etwas worauf man im Stall nicht unangenehm angesprochen wird.

Vielleicht haben Pferdebesitzerinnen heutzutage auch keine Vorstellung mehr davon, wie ein Pferd mit guter Grunderziehung sich eigentlich benimmt. Und davon, wie man das erreicht. Aber vor allem gewinne ich mehr und mehr den Eindruck, dass viele gar nicht wissen, wie viel leichter und angenehmer das Leben für ALLE Beteiligten wird, wenn das Pferd weiß, was zu tun ist und Lust hat, es richtig zu machen. Das ist paradox, denn der Markt ist voller Trainer aller möglichen Methoden, trotzdem wirkt es in meiner Freizeitreiter-Blase so, als würden die Pferde immer weniger können, immer weniger bewegt und immer weniger gefordert. Die Konsequenzen tragen letztlich die Pferde, die ständig angemault werden, weil sie nicht tun was sie sollen und gleichzeitig immer dicker und immer kränker werden. Und all die Profis, die an diesen Pferden arbeiten sollen und ihre  Gesundheit und Sicherheit dafür aufs Spiel setzen.

Ich liebe meine beiden Jobs, die Hufpflege und das Unterrichten. Aber ich werde mir gestatten, gerade bei der Hufpflege noch mehr auf mich zu achten, ganz besonders nach dieser Absage, die mir endlich ganz klar aufgezeigt hat, wo das Problem liegt. (Nämlich da wo es eigentlich immer liegt: bei der Pferdebesitzerin….) Die Erfahrung hat mich nun endgültig gelernt, dass Pferde, die beim 2. Und 3. Termin nicht still stehen können, das niemals können werden, weil sich niemand darum kümmert. 

Ich wünsche meiner jungen Kollegin, dass sie das früher merkt als ich. Wenn kein Hufbearbeiter mehr kommt, weil das Pferd nicht steht, wird die Pferdebesitzerin vielleicht merken, dass SIE es ist, die das Problem lösen muss. Und dass sie dafür eine breite Auswahl an Ausbilderinnen und Methoden findet, wenn sie nur möchte.  Und ja: das kann viel Arbeit sein. Arbeit, die dann endlich die Person macht, die sie machen sollte.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 11. Juni 2025

Mädchen, was ist das?

Das ist Deine Sommer-Schüssel. Deine Rüstung sieht mir etwas ausgebeult aus und da ihr jetzt jede Nacht auf der Weide ordentlich Gras futtern könnt, brauchst du keine große Extraportion mehr, nur noch Mineralfutter.

Aber ich trainiere doch so hart! Das sind doch alles nur Muskeln!

Nein, hat sie mir nicht geglaubt. Aber jetzt kommt´s! Am Montag war nämlich die Pferdewaage da und die war ganz auf meiner Seite!

Im Januar habe ich 393kg gewogen. Und das fand mein Mädchen tatsächlich etwas zu wenig. Deswegen durfte ich dann ordentlich extra futtern, vor allem die guten Proteine, von denen sind nämlich zu wenige in unserem Heu. Und jetzt meinte sie also plötzlich, mir das alles streichen zu können, weil wir auf Weide gehen! Aber nix da: die Waage zeigt 406kg an! Und das ist so eine kleine Gewichtszunahme bei so viel Muskelaufbau, dass es wirklich keinen Grund gibt, mir dermaßen die Ration einzukürzen. Und jetzt will ich nichts mehr hören von Beulen in der Rüstung, mein Mädchen!

Diego hatte schon ein ähnliches Schicksal ereilt – auch seine Schüssel war verdächtig leer – aber der soll ja nun auch ganz ernsthaft ins Training einsteigen und daher meinte mein Mädchen, nachdem er auf der Waage schlanke 580 kg zeigte, dass er auch wieder etwas mehr in seinem Eimer sehen darf.

Also: zum Glück war die Waage da, hätte mir ja sonst keiner geglaubt!

Und mein Mädchen muss wohl mal zum Augenarzt, wenn sie Speck sieht wo gar keiner ist.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel der jetzt doch nicht so stramm Diät halten muss wie befürchtet

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 7. Juni 2025

Montag langer Ausritt, Dienstag hatte ich frei, Mittwoch war reiten angesagt. Und da hat mein Mädchen ernst gemacht, das sage ich euch! Weil sie im Gelände gemerkt hat, dass ich im Galopp noch ganz schief werde. Also brauche ich noch mehr Geraderichtung und das üben wir dann jetzt auf dem Platz. Anstatt also auf dem Zirkel zu galoppieren, galoppieren wir die lange Seite runter und ich soll mich schnurgerade ausrichten. Ich schiebe da nämlich immer ein bisschen den Po nach innen, das macht das galoppieren leichter mit so einem Reitergewicht im Rücken. Aber mein Mädchen findet, das soll ich jetzt mal lassen. Uff! Das war richtig, richtig anstrengend.

Am Donnerstag haben wir Doppellonge gemacht und da hatte sie auch so ein Thema am Wickel: Galopp (diesmal auf kleinem Kreis) und dann vom Galopp in den Trab aber im Trab nicht irgendwie, sondern gleich wieder korrekt gebogen und mit freier Schulter. Da kam ich ordentlich in Schwung und hatte dann zwischendurch kein Verständnis mehr für Stillstehen. Man kann es ihr ja wieder nicht recht machen: stehe ich nach dem Keks still, soll ich losgehen. Gehe ich direkt wieder los, soll ich stillstehen. Kann sie sich mal entscheiden? Zum Schluss haben wir wieder fahren vom Boden gemacht und ich sollte Schulterherein gehen. Das klappt schon einigermaßen anständig. Und was macht mein Mädchen, wenn etwas einigermaßen anständig klappt? Richtig, sie erhöht den Schwierigkeitsgrad. Also fragte sie mich dann von hinten nach Kruppeherein. Herrje, was für ein Chaos! Das war ein Geeier, Geschwanke und sie wurde auch ganz tüddelig. Aber sie meinte, ich hab mich da gut durchgebissen. Mir rauchte der Kopf!

Apropos rauchender Kopf: die richtige Anstrengung kam dann gestern. Meine kleine Freundin war da und weil so viel Wetter war, sind wir in die Halle gegangen. Mein Mädchen hatte sich eine neue Aufgabe überlegt: ich soll jetzt unterscheiden! Es gibt „Ball“ und „Matte“. Wenn meine kleine Freundin „Ball“ sagt, soll ich den Ball schießen – das haben wir hinreichend geübt, das kann ich. Aber danach, wenn ich den Keks verspeist hatte, sagte meine kleine Freundin immer „Matte“ und dann sollte ich mich – mit allen 4 Hufen – auf die Matratze stellen. Nun kann ich ja gut auf der Matratze stehen, hatte aber bisher kein Wort dafür. Und jetzt wird ja auch noch erwartet, dass ich das mehr oder weniger alleine auf Distanz mache (ok, das klappt noch nicht so gut). Und kein Bein vergessen! Mein linkes Hinterbein war manchmal nicht mit drauf und dann gibt es leider keinen Keks, bis ich das korrigiert habe.

Nach 15 Minuten schwirrte mir schon der Kopf. Ball, Keks, Matte, Keks, Ball …. Was? Hä? Ich war fix und fertig. Da meinte mein Mädchen, ich könnte jetzt noch was Neues lernen, nämlich Pause machen. Dafür gibt es kein Wort, sondern meine kleine Freundin hat sich hingehockt (mein Mädchen war sehr stolz auf sie, dass sie keine Angst hatte, das zu tun! Ich war auch stolz, schließlich habe ich mir dieses Vertrauen hart erarbeitet!) und dann haben wir einfach zusammen rumgestanden und unsere Köpfe etwas ausrauchen lassen.

Gemeinsam Pause machen

Danach ging es noch ein bisschen, aber ich sage euch: das war echter Denksport! Am Ende hatte ich mir den obligatorischen Möhrentupper echt verdient. Meine kleine Freundin war nachher allerdings auch sehr müde vom vielen denken, die fand das auch anstrengend, das hat mich ein bisschen beruhigt.

Eins muss ich meinem Mädchen lassen: Langeweile kommt hier keine auf im Moment!

Euer hart trainierender Sir Duncan Dhu of Nakel

Eine kleine Kettensägen-Analogie

„Merke: Bevor du anfangen kannst, musst du erst noch etwas anderes erledigen.“

Das ist einer der Lieblingssprüche meines Vaters und ich finde ihn in der Pferdeausbildung oft wieder. Neulich zum Beispiel, als ich mit einer Schülerin daran arbeitete, dass ihr Pferd die Gebisshilfen richtig versteht. Warum haben wir damit nicht schon viel früher angefangen? Ganz einfach: weil das Pferd nicht allein auf dem Reitplatz sein mochte und große Schwierigkeiten hatte, sich entsprechend zu konzentrieren und überhaupt mitzumachen. Wir hatten also erst andere Dinge zu üben und zu klären, bevor wir uns dem Thema Gebisshilfen widmen konnten.

Oder Diego vor der Kutsche: bevor es losgehen kann, muss allerhand geübt werden und das Geschirr korrekt einzustellen, dauert eine Ewigkeit, mal so probieren, mal so, bis alles endlich passt. Diese Zeit muss man sich nehmen, nützt nix. Denn wenn man sich diese Zeit nicht nimmt, wird es gefährlich für alle Beteiligten.

Am deutlichsten wird das Problem eigentlich immer beim Verladetraining. Niemand scheint Lust zu haben auf Verladetraining und so fällt den meisten Pferdebesitzern erst dann ein, dass man das ja mal üben sollte, wenn sie ihr Pferd transportieren wollen. Mit viel Glück werde ich dann zwei Wochen vorher angeschrieben und soll es dann richten. Spoiler: in vielen Fällen reichen zwei Wochen einfach nicht….

Als ich neulich mit der kleinen, elektrischen Kettensäge schnell was wegsägen wollte, kam der Spruch meines Vaters voll zum tragen. Als erstes flog die Kette vom Sägeblatt. Ok, kriege ich hin. Kette wieder dran gefummelt, neuer Versuch. Kette ab. Also von der Weide den weiten Weg bis in die Wohnung, denn zum Glück sitzt dort mein Mann im Homeoffice. Der zeigt mir, wie ich die Kette spannen kann. Ach so! Muss einem ja auch erklärt werden. Schneller Test: Kette bleibt drauf, aber die Sägeleistung geht gegen Null, die Kette ist stumpf. Neue Kette drauf. Und dann muss geölt werden und der Öl-pump-Knopf (wie auch immer der auf fachmännisch heißt) tut nicht. Oder doch? Wo kommt da jetzt das Öl nicht durch? Kettensäge wieder auseinanderbauen. Eine gefühlte Ewigkeit später ging es dann. Und ich war mittlerweile so genervt, dass ich den Ast auch mit den Zähnen hätte durchfräsen können. Himmelherrgottarschundzwirn! Ich wollte doch nur was sägen und dafür dieses kleine handliche, kraftsparende Gerät einsetzen, was jetzt meine Nerven zersägt hat!

In diesem Moment denke ich oft: komisch, bei den Pferden macht mir das nichts aus. Und dann denke ich wieder ans Verladetraining. Die meisten Dinge, die ich mit meinen Pferde mache, machen mir Spaß und ich habe bei den in der Regel kein zeitlich vorgegebenes Ziel. Schnell was absägen war in meinem Kopf eine Aufgabe von 5 Minuten, die sich plötzlich unendlich aufblähte. Es gab ein klares Ziel: der Ast soll weg, dann bin ich fertig. In der Pferdeausbildung gibt es kein „fertig“. Deswegen stresst es mich auch nicht so, wenn es mal länger dauert. Wobei es natürlich schon schön ist, wenn man „geradeaus durchtrainieren“ kann, wie ich es nenne. Soll heißen: man geht einen Trainingsschritt nach dem nächsten, egal wie klein die Schritte sind, aber es geht stetig voran. Rückschritte, Hindernisse und ungeplante Pausen nerven natürlich immer, gehören aber bekanntlich dazu und stören mich beim Pferd nicht so wahnsinnig.

Vielleicht ist es bei Hobby-Handwerkern genauso? Wenn der berühmte Spruch „der Weg ist das Ziel“ zur eigenen Wirklichkeit wird, weil man so viel Spaß hat daran, den Weg zu gehen, dann ist es vielleicht egal, wenn eine halbe Stunde für Werkzeugreparatur drauf geht. Wenn man aber auf ein Ziel hinarbeitet, dass es möglichst schnell zu erreichen gilt, dann ist das eben nicht mehr egal. Was lerne ich daraus? Mehr Verständnis für die Pferdebesitzerinnen die keinen Bock haben, bestimmte Dinge zu üben. Und dass es Teil meines Job ist, ihnen möglichst viel Spaß an diesen Übungen zu vermitteln. Und gelegentlich daran zu erinnern, dass auch Verladetraining dazu gehört, und dass man sich nicht darauf verlassen kann, dass zwei Wochen dafür reichen. Denn im Zusammensein mit Pferden bestimmt man nicht allein, wie lange etwas dauert. Das Pferd hat das letzte Wort. Oder wie Arnulf immer sagt „Du bestimmst das Spiel, das Pferd bestimmt die Zeit“.

Das Pferd! Nicht die blöde Kettensäge.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu von 4. Juni 2025

Während ich viel beschäftigt bin mit Ausreiten, alleine Ausreiten (ohne alleine Auszureiten), Reitschülerinnen unterrichten, springen üben und ähnlichem hat Diego den 2. Bildungsweg eingeschlagen. Er lernt jetzt das, was mein Mädchen mir immer noch nicht zutraut (pah!) weil ich angeblich noch nicht erwachsen genug bin (Unterstellung!): das Kutsche-ziehen. Ich glaube ja nicht, dass das so kompliziert ist, ehrlich gesagt. Man läuft doch da auch nur geradeaus und biegt an einer Kreuzung rechts oder links ab. Was soll daran schwer sein?

Aber Diego sagt, so einfach ist es gar nicht. Erst muss man mal ein passendes Fahrgeschirr bekommen. Und das ist ein elendiges Getüddel! Hier muss was verstellt werden, da was ausgetauscht, dort noch ein Loch ins Leder. Dann ausprobieren, dann nochmal verstellen.  Ok, klingt sehr nervig, sehe ich ein.

Außerdem muss man absolut geräuschfest sein. Alles was von hinten an Geklapper, Geschepper, Geklöter oder Schleifgeräuschen kommt muss man ganz solide wegignorieren. Und dann sind da noch die Leinenhilfen: so ein Kutschfahrer hat ja keine Sitz- und Schenkelhilfen, sondern nur Leinen, Stimme und Peitsche. Na gut, aber das kann ich ja schon, mein Mädchen fährt mich ja auch schon vom Boden. Was soll daran jetzt so kompliziert sein? Aber Diego ist da anders drauf. Der ist nämlich nicht so straff gefedert wie ich, sondern eher so eine Art Gummipferd mit hohem Schwerpunkt und deswegen gerät er gerne mal ins Schwanken, wenn er nicht genug Zug Richtung Horizont entwickelt.

Weiter geht es mit dem Justieren der Kutsche. Diego hat ja einen eigenen Rolls-Royce bekommen, den aber noch nie gezogen. Denn sein Rolls-Royce hat nur zwei Räder und muss deswegen perfekt ausbalanciert werden für Diegos Größe. Daran arbeiten die Menschen noch. So lange zieht Diego die Kutsche von der gestrengen Fahrlehrmeisterin, zu der er jeweils mit der Wackelkiste hingefahren wird. Die achtet darauf, dass alles richtig läuft und der Mann das auch gut lernt. Der hat zwar diesen Kurs gemacht, aber von einem Kurs kann man diese ganzen Griffe noch nicht gut genug um sie dann auch in Echtzeit mit eigenem Pferd und leichter Nervosität korrekt hinzukriegen. Üben, üben, üben! Diego muss auch üben. Die gestrenge Fahrlehrmeisterin gibt ein bisschen andere Kommandos, da muss er sich anpassen. Und dann üben sie stehenbleiben und anfahren. Und das anfahren, sagt Diego, ist nicht so einfach! Man muss sich nämlich mit Macht gegen das Brustblatt stemmen, bis die Kutsche ins Rollen kommt. Und das ist doch eine sehr ungewohnte Sache, da war er sich am Anfang gar nicht so sicher ob das wirklich klappt. Normalerweise soll man ja nicht gegen Dinge angehen und das weiß Diego ja auch! Aber wenn die Kutsche mal rollt, dann rollt sie. Bis zur nächsten Kurve! Da kann man nämlich auch nicht einfach so rumgehen wie man will. Man ist ja in der Schere, also hat man nicht die normale Bewegungsfreiheit, sondern muss ein bisschen seitlich herumtreten. Und dabei muss man noch den Wendekreis der Kutsche mit einkalkulieren.

Wie schwer kann das schon sein?

Ich weiß nicht, ich finde das klingt viel komplizierter als es aussieht. Wenn man mich mal machen lassen würde, ich würde das bestimmt prima hinkriegen. Mein Mädchen meint, körperlich hätte ich es da wahrscheinlich einfacher als Diego: tieferer Schwerpunkt, strammere Federung und kürzerer Radstand kommen mir da wohl entgegen. Ich tu mich deswegen eh leichter mit der Balance. Aber wie gesagt, man lässt mich nicht. Weil ich halt angeblich noch nicht erwachsen, vernünftig und erfahren genug bin. Oder weil mein Mädchen ein Angsthase ist und sich nicht traut. Eines von den beiden….

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel der das mit dem Kutscheziehen natürlich mit links könnte

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 3. Juni 2025

Montag! Wackelkiste! Ah ich mag es, wenn die Dinge so sind wie sie sein sollen. Auf geht’s, den Ausreitkumpel abholen! Nach einer kleinen Weile sind wir ausgestiegen. Wo sind wir? Ooooooh im Lieblingswald! Mein Mädchen hat gelacht und gesagt, ich würde ja wieder mal lächeln. Klar, ich hab mich so gefreut! Dieser Wald verspricht immer gute Ausflüge. Also los, hopp hopp! Nicht so langsam!

Der Anfang der Strecke war ein Stück Weg den wir noch nicht kannten, inklusive einmal den Abbieger verpassen und umdrehen.

Da geht’s nicht weiter, scheint mir…

Ich war schon auf Zack und wollte ordentlich Tempo machen, aber mein Mädchen stand auf der Bremse. Es war schon wieder schwer, es ihr recht zu machen: nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam, schön am Rand, wegen der Steine, aber auch nicht mitten durch die Büsche und NICHT FÖRSTERN nebenbei. Puh! Ein paar Minuten haben wir hin und her diskutiert. Aber dann habe ich es plötzlich rausgehabt. Und da war mein Mädchen vielleicht glücklich! Ich bin ganz gleichmäßig flott voran getrabt und sie konnte schön in den Bügeln stehen (das geht nur wenn ich den Trab gut hinkriege, sonst muss sie leichttraben, weil es mit dem Schwung nicht stimmt). Mein Mädchen hat dann gesagt, das fühlt sich so gut an, da traut sie sich auch einen kleinen Galopp. Und ich hab mir gedacht: verlorenes Vertrauen muss vorsichtig wieder aufgebaut werden. Also aufs erste Kommando gesittet angaloppieren, dann ganz ruhig und gleichmäßig weiter und dann aufs erste Stimmkommando SOFORT in den Trab. Ha! Perfekt hab ich das gemacht! Und mir damit noch ein paar kleine Galoppaden verdient. Ihr seht: ich komme gut voran mit dem Vertrauensaufbau.

Mein Ausreitkumpel hat derweil ein bisschen rumgemault, der musste mal pieseln aber er hat einfach nicht die richtige Stelle dafür gefunden. Ja, das Problem kenne ich auch! Man kann ja nicht einfach schnöde irgendwo hinmachen. Das Ambiente muss schon stimmen! Und das beste Piesel-Ambiente ist nun mal weitab vom Weg in den Büschen, am besten mit ein paar Brombeeren und Brennnesseln, die einen am Bauch kitzeln. Zum Glück fand sich dann so ein Platz neben einem schmalen, matschigen Waldpfad, der meinem Mädchen nervlich einiges abverlangt hat. Dort war rechts ein ziemlich tiefer Graben und dann lag auch noch ein Baumstamm quer. Wie war das mit dem Vertrauensaufbau? Ich hätte einen Hopser machen können über den Stamm, aber ich habe mich dann entschieden, meine Beine sehr gesittet und ruhig einzeln rüber zu heben. Weil es dahinter auch matschig war und ich bei der Landung hätte rutschen können. Zack! – wieder Vertrauenspunkte gesammelt.

Für ein gutes Foto tut das Mädchen vom Ausreitkumpel alles…

Nach 10km war ich etwas kopfmüde und wir haben eine schöne Graspause eingelegt. Dann kamen wir an die letzte Abbiegung, von dort geht es 5km immer geradeaus. Mein Mädchen war froh, dass sie sich jetzt nicht mehr um die Navigation kümmern muss (das ist ja immer ihr Job, weil wenn man das dem Mädchen vom Ausreitkumpel überlässt, werden die Ritte immer deutlich länger als geplant… )

Wir hatten gerade ungefähr die Hälfte dieses langen Weges hinter uns und sind gerade nach einer kleinen Schrittpause wieder angetrabt als plötzlich

SCHUSS!!!

Man, haben wir uns vielleicht erschreckt! Ich hab sofort Gas gegeben. Aber beim zweiten Galoppsprung fiel es mir wieder ein: denk an den Vertrauensaufbau! Also habe ich auf mein Mädchen gehört und durchpariert zum Trab. Und dann zum Schritt. Dafür gab es direkt einen Keks und mein Mädchen hat sich irre gefreut, auch wenn ihr vor Schreck die Kniee gewackelt haben. Wir sind dann gleich wieder angetrabt und sie hat ein fröhliches Lied gesungen, damit sie wieder entspannen kann. Ich hab mich dann auch wieder entspannt und so konnten wir noch ein bisschen traben.

Endlich mal wieder im Lieblingswald!

Gegen Ende, nach gut 15km, war dann aber doch ganz schön die Luft raus und der Ausreitkumpel wollte auch nicht mehr nach vorn gehen und die Verantwortung übernehmen. Irgendwie haben wir aber noch einen flotten Kilometer geschafft, bevor wir das letzte Stück dann im Schritt gegangen sind. Mein Körper konnte schon noch laufen aber ich war ordentlich kopfmüde und mein Kumpel auch. Aber ich finde das ja so angenehm, mal so richtig ausgepowert zu sein und war sehr zufrieden mit mir und der Welt!

Zu später Stunde waren wir dann wieder zuhause und ich durfte direkt mit den anderen auf die Weide, das hab ich mir redlich verdient.

Euer Vertrauen aufbauender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 1. Juni 2025

Samstag nachmittag war es wieder so weit: wir waren alleine ausreiten ohne alleine auszureiten. Es ging also wieder in die Wackelkiste und in denselben alten Wald. Diesmal hatte mein Mädchen aber eine etwas längere Strecke ausgeheckt und wir haben uns auch wieder flott vom Mann verabschiedet. Der hat es gemütlicher angehen lassen und ist nur bis zum roten Punkt gegangen, dort hat er auf uns gewartet, während wir den Schlenker im Norden mitgenommen haben. Das war schon etwas aufregend, weil ich diesen Weg erst einmal gesehen habe und das ist schon länger her. Ich mochte daher nicht so schnell traben, aber ich war schon bereit, weiter zu laufen – im langsamen Zuckeltrab. War meinem Mädchen auch ganz recht. Was ihr nicht so recht war, waren meine Bemühungen, den Weg nebenbei noch frei zu förstern. Man kann es ihr einfach nicht recht machen! Wenn da tiefhängende Zweige sind, beschwert sie sich. Will man die aber wegmachen, beschwert sie sich auch! Überhaupt: wenn ich langsam laufe, macht sie sich Sorgen, ob ich überfordert bin oder ob mir der Weg zu steinig ist. Gebe ich aber mehr Gas, macht sie sich Sorgen, ob ich wohl noch bremse, wenn sie mich darum bittet. Sagte ich schon, dass man es ihr nicht recht machen kann? Das geht schon beim Holen vom Paddock los: komme ich nicht, weil da noch ein Grashalm steht, macht sie sich Gedanken, dass ich keine Lust habe. Komme ich hochmotiviert angeprescht, macht sie sich Gedanken, ob ich wohl einen verrückten Tag habe und sie wirklich mit mir ausreiten gehen kann.

Aber ich schweife ab. Wo war ich? Ach ja, der Schlenker. Sie hat mir versprochen, dass wir am Ende von dem Weg eine Graspause einlegen. Der Mann hat uns derweil virtuell verfolgt. Und das gleich doppelt! Er verfolgt mein Mädchen über eine App auf ihrem Handy, während er mich über meinen neuen Tracker verfolgt. Theoretisch kann er so auch sehen, ob wir noch gemeinsam unterwegs sind, mein Mädchen und ich. Praktisch haut das nicht immer so hin, weil die Handy-App langsamer ist als der Tracker. Jedenfalls rief er an, sobald ich die ersten drei Maulvoll gegessen hatte und wollte wissen, warum wir nicht weiter gehen. Man, nun hetz mich nicht! Naja, ich durfte dann noch ein bisschen was naschen, dann ging es weiter. Die Wege sind leider dort wirklich sehr, sehr steinig und mein Mädchen hat versprochen, dass wir nächstes Mal mutig auf andere Strecken gehen, wo nicht so viele Steine herumliegen. Gern, dann würde ich auch mehr Gas… ach so das möchte sie ja nicht. Oder doch? Wer weiß das schon. Sie jedenfalls nicht!

Ich darf essen bis der Mann uns eingeholt hat. Sehr ihr ihn?

Nach einer Weile haben wir dann den Mann eingeholt, der schon auf dem Rückweg war. Haben ihn überholt, sind noch ein gutes Stück getrabt und dann ist mein Mädchen abgestiegen und ich durfte noch grasen. Ich gestehe: ich war kopfmüde. So viel Verantwortung! Aber mein Mädchen war irre stolz auf uns beide und der Mann war auch zufrieden mit dem Lauf des Abends. So schreiben wir weitere 6,9km auf unsere Liste, mit dem Zusatz „alleine ausreiten“.

Und jetzt entschuldigt mich, ich muss auf die Weide. Gute Nacht!

Euer allein ausreitender Sir Duncan Dhu of Nakel