Hirnmasse

Meine Reitschülerin zieht ihr Bein hoch, kippt mit dem Oberkörper nach hinten und versucht verzweifelt, eine Seitwärtsbewegung aus ihrem Pferd herauszupressen. Dabei verliert sie ihre Mitte total, weil sie sich durch das hochgezogene Bein so weit zur Seite schiebt, dass sie zum Ausgleich in der Hüfte einknicken muss. Ihre rechte Körperseite sieht jetzt für mich optisch nur noch halb so lang aus wie Minuten zuvor. Ich erkläre ihr, was da passiert und was sie besser machen kann. Ein paar Versuche später sagt sie frustriert „das ist so blöd, wenn man es anders machen will, aber es einfach nicht hinkriegt!“

Jepp, ich weiß. Da sind Datenautobahnen in ihrem Gehirn, viel gegangene Pfade, die das sparsame Hirn immer wieder gehen möchte, weil es so schön vertraut und einfach ist.

Unser Gehirn spielt uns Streiche – ständig. Auch beim Reiten.

Ich habe mal einen Podcast gehört in dem es eigentlich um Clickertraining ging. Dort hatten sie ein verblüffendes Beispiel für Lernen:

Man stelle sich einen bellenden Hund vor. Der Hund kläfft in einer Tour und geht einem gewaltig auf die Nerven. Schließlich reißt der Geduldsfaden und der Mensch brüllt den Hund an.

Jeder, der einigermaßen bei Verstand ist, weiß, dass das am Verhalten des Hundes nicht wirklich etwas ändern wird. Aber die meisten von uns tun es trotzdem. Warum? Weil der Hund nach dem menschlichen Brüller eben doch kurz still ist. Vielleicht nur eine Sekunde, vielleicht zwei Sekunden. Und unser Hirn speichert ab: Hund anbrüllen = Hund hört auf zu bellen.

Was zwei Sekunden später passiert, wenn der Kläffer wieder loslegt, ist unserem Gehirn schon egal. Die schwabbelige graue Masse hat eine Verknüpfung erschaffen, die fortan immer wieder abgerufen wird und sich in den meisten Fällen bestätigen wird: Hund anbrüllen = Hund hört auf zu bellen.

Wie lange der Hund still ist – egal. Ob der Hund wirklich nachhaltig gelernt hat, nicht mehr zu bellen – schnurz. Es war kurz still und das reicht unserem Hirn als Erfolg aus.

Gleiches passiert beim Reiten: ich drücke etwas fester, das Pferd geht einen Schritt zur Seite – Erfolgserlebnis. Dass das nicht nachhaltig ist und bald nicht mehr funktionieren wird – egal. Das Gehirn sagt von jetzt ab: fester drücken löst das Problem.

Und weil die graue Schwabbelmasse zwar extrem formbar, aber halt auch faul ist, macht es viel Arbeit, solche Verknüpfungen zu lösen und neue zu schaffen. Sehr viel Arbeit.

Und das gilt nicht nur für unser eigenes Oberstübchen, sondern auch für das von Pferden (und bellenden Hunden).

Vielleicht können wir ein bisschen mehr Gnade walten lassen mit uns selbst, aber auch mit unseren Pferden, die genauso gern wie wir an unsinnigen Gewohnheiten festhalten wollen, selbst wenn sie gar nicht (mehr) zum Erfolg führen.

Veränderungen brauchen Zeit, Wiederholung und Aufmerksamkeit. Gute Gewohnheiten erschaffen sich nicht von selbst und über Nacht. Aber wenn sie mal da sind, wenn die Datenautobahn im Hirn mal umgebaut ist, dann wird es leichter. Das ist die gute Nachricht. Umso wichtiger, dass wir uns stets und ständig auf das fokussieren, was gut ist und gelungen – bei uns und beim Pferd. Damit die Hirne merken, wo echte Erfolgserlebnisse stattfinden, auch wenn sie am Anfang noch so klein sein mögen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 30. September 2025

Gestern hatte ich 6. Einzugs-Jahrestag!

Vor 6 Jahren bin ich zu meinem Mädchen gezogen. Das lief so ab: Diego kam damals mit der Wackelkiste bis zu mir nach Dänemark gereist. Wir haben uns auf dem Paddock kennengelernt und er hat damals schon unmissverständlich klar gemacht, dass er der Boss ist und ich nicht zu frech sein darf, wenn ich es mir mit ihm nicht verscherzen will. Dann ist er wieder in die Wackelkiste gestiegen und hat mir gestattet, neben ihm einzusteigen. Wir sind eine lange Zeit gewackelt worden, währenddessen habe ich Heu geknabbert und ein bisschen gedöst. Als wir dann schließlich angekommen waren, war ich bester Dinge und habe mein neues zuhause erobern wollen. Aber die anderen Ponys fanden das gar nicht lustig! Hat ein bisschen gedauert, bis ich raushatte, wie ich mich verhalten muss, damit alles rund läuft. Aber jetzt sind wir alle beste Freunde bzw eigentlich wie eine Familie.

Mein Mädchen hat mir damals versprochen, dass sie mir genügend Abenteuer bieten wird, wenn ich bei ihr einziehe. Und ich finde, sie kriegt das ganz gut hin. Sie ist zwar ein Hasenfuß, aber im Rahmen ihrer Möglichkeiten sorgt sie immer für genug Beschäftigung und Abwechslung. Die Keksrate ist auch meistens echt ok. Also ich bin nach wie vor zufrieden mit der Wahl meines persönlichen Menschen.

Gestern war traditioneller Montags-Ausflug mit dem Ausreitkumpel. Diesmal ohne Hufschuhe, das mag ich eigentlich am allerliebsten, geht aber oft nicht so gut, weil die Menschen allzu gern fiesen Schotter auf die Wege schmeißen. Aber manche Strecken gehen ohne Schuhe und das mag ich sehr gern. Wir sind also zum Ausreitkumpel gewackelt und dort wurde gesattelt. Während ich mich schlimm konzentrieren musste, NICHT von den Eicheln zu naschen, die da herumliegen (streng verboten! Vor allem wegen dieser verdammten 30kg die ich angeblich zu viel auf den Rippen habe….) hat mein Ausreitkumpel sich eine Bütt voll Äpfel geschnappt, umgekippt und genüsslich angefangen zu mampfen. Sein Mädchen war kurz was holen gegangen und die Chance hat er beim Schopfe ergriffen. Also hat mein Mädchen mich kurz stehen lassen und ist hingegangen um schlimmeres zu verhindern, währenddessen konnte ich dann doch schnell ein paar Eicheln schmausen. Gut gemacht, Ausreitkumpel!

Dann ging es los. Erstmal über die Bahnschienen (Mädchen noch zu Fuß) und dann in eine ganz andere Richtung als sonst. Wo sind wir hier?  Und was sind das für nette kleine Pferde da auf der Wiese? Das fiel mir schwer, da vorbei zu laufen, die wollten doch einen Klönschnack halten! Die waren genauso klein wie ich damals beim Einzug. Wirklich? War ich mal so klein? Hm.

Dann ist mein Mädchen aufgestiegen. Kaum war sie oben, kam uns ein riesengroßer, weißer Hund entgegen. Das Mädchen vom Ausreitkumpel hat gesagt „der bellt“ aber mein Mädchen weiß, dass mich das nicht interessiert. Das einzige was mich interessieren würde, wäre ein Gespräch mit dem Hund aber mein Mädchen sagt immer, wir gehen da einfach ganz ignorant dran vorbei. Na gut.

Schließlich sind wir dann losgetrabt. Der Anfang war holprig, mein Ausreitkumpel hatte wieder Glotzkowski-Tag und hat ständig gebremst oder die Straßenseite gewechselt. Einmal ist er fast mitsamt seinem Mädchen im Graben gelandet! Aber er konnte sich (und damit auch sein Mädchen) noch knapp retten.  Ich wollte aber auch nicht so recht vorneweg laufen und mein Mädchen fand das auch nicht sinnvoll, weil wir uns ja gar nicht auskannten. Wir waren hier noch nie! Dann stellte sich auch noch raus, das Mais-Ernte war. Riesige Trecker überall! Aber wir hatten Glück, immer wenn so ein Monster kam, hatten wir Platz zum Ausweichen. Bei den ersten beiden ist mein Mädchen noch abgestiegen, aber dann hat sie gemerkt, dass mir das nichts ausmacht und ist sitzengeblieben.

Nach einer Weile waren wir an den Maisfeldern vorbei und hatten endlich unsere Ruhe. Oder doch nicht! Denn da standen ein paar Rinder auf der Weide und die waren nicht so still und stumm wie die am Sonntag. Da war ein laufen und muhen, dass mir das Blut in den Adern gefror. Mein Mädchen ist also wieder mal abgestiegen, um mir zu helfen, dann ging es einigermaßen. Zum Glück war die Rinderkoppel auch nicht lang, so dass das Grausen schnell ein Ende hatte.

Jetzt war aber endlich Ruhe, mein Mädchen ist wieder aufgestiegen und der Ausreitkumpel hatte sich ein bisschen eingegroovt und hat einen kleinen Galopp angestimmt. Und jetzt ist es ja so, dass der langsamer galoppiert als ich. Also muss ich immer ein Stück galoppieren und ein Stück traben. Mein Mädchen versucht immer, mir zu erklären, dass ich auch langsam galoppieren könnte aber bisher hab ich das nicht geschafft. Das hört sich nämlich einfacher an als es ist! Im Galopp werde ich immer ganz lang und flach und da kann ich nicht langsam machen, sonst falle ich um! Aber diesmal ist was magisches passiert. Ich hab mir so gedacht: wenn ich jetzt mal was neues probiere, vielleicht klappt es dann? Hab mich ganz rund gemacht, den Hals gewölbt, den Rücken hochgehoben und bin angaloppiert. Mein Mädchen meinte erst, ob ich jetzt bisschen buckeln wollen würde? (sie hat keine Angst davor, sie weiß, dass ich nicht wirklich buckeln kann). Aber ich wollte nicht buckeln, ich wollte langsam galoppieren! Und das ist mir auch gelungen! Mein Mädchen ist in Begeisterungsstürme ausgebrochen und hat mir in einer Tour ins Ohr gesäuselt wie toll ich das mache. Wo ich das plötzlich herzaubern würde, wollte sie gerne wissen, aber das konnte ich ihr auch nicht sagen. War halt mal ein Versuch und er ist gelungen! Ein schöner Galoppsprung nach dem anderen kam da raus. Mein Mädchen konnte ganz ruhig auf meinem Rücken sitzen und das Leben genießen und ich hatte genau das richtige Tempo. Ach, das war toll! Mein Mädchen hat gesagt, das wäre für sie ein schönes Einzugs-Jahrestags-Geschenk gewesen, das ich ihr gemacht habe. Bittesehr!

Nach diesem Highlight ging es auch schon wieder Richtung Heimat. Aber was ist das? Da steht ein Alien auf unserem Weg! Nein, mein Mädchen, das geht so nicht. Da musste sie absteigen. Und der Ausreitkumpel musste vorgehen. Weiß der Himmel, was dieser Dinosaurier mir tun möchte! Ok bei näherer Betrachtung war es doch nur eine Gans, aber trotzdem. Ich mag keine Gänse, das habe ich schon bei uns zuhause festgestellt. Da gruselt es mich.

Ein Alien! Ich mag Gänse einfach nicht, die sind gruselig.

Im Trab über die Bahngleise (nicht, dass es wieder pong pong macht während wir auf den Gleisen sind!) und ab nach hause.

Ich war ordentlich geschwitzt, weil mein Mädchen keine Zeit gehabt hatte, mich noch vorher zu entpelzen, aber sie hat es mir für heute versprochen.

8km in einer guten Stunde, aber ganz schön viel für den Kopf war da dabei. Ab nach hause und auf die Weide.

Euer schön galoppierender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 29. September 2025

Sonntag! Da steht ja schon die Wackelkiste parat! Diego und ich waren hungrig. Diego war deswegen motzig, ist erstmal unerlaubt in den Garten entfleucht und hat sich ständig unerlaubt Richtung Futter entfernt, so dass er schließlich angebunden wurde – das passiert sonst nie! Ich hatte auch Hunger, aber eine andere Strategie. Schließlich hat die Erfahrung mich gelehrt, dass in der Wackelkiste immer lecker Heu parat liegt! Da kann ich doch schonmal schnell einsteigen, oder? Aber mein Mädchen hat mich abgefangen und gesagt, wir wären ja schlimmer als ein Sack Flöhe! Kurze Zeit später ist sie losgegangen um noch was zu holen und hat mich einfach so stehen lassen, da habe ich die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen und bin heimlich eingestiegen. Sie hat mich zwar wieder raus geholt, weil ich noch nicht fertig gestylt war, aber ein paar Happen Heu hatte ich schon ergattert.

Dann war es endlich so weit, wir durften einsteigen und haben erstmal tüchtig reingehauen. Wenn ich allerdings gewusst hätte, wo es hingeht, hätte ich mir das verkniffen! Wir sind nämlich zur Waage gefahren und ich muss leider gestehen, dass das für mich heute ein Desaster war. Die Eicheln, das gute Sommergras und zu viel Freizeit haben sich aufsummiert auf 436kg! Und das sind – so mein Mädchen – ungefähr 30 kg zu viel auf meinen Rippen. Sie sagt, für Herbst lässt sie das durchgehen, aber bis zum Frühjahr müssen die wieder runter! Und was ist mit den 2kg zu viel auf ihren Rippen? Na? Sie hat gesagt, wir müssen beide ein bisschen auf die schlanke Linie achten, das kriegen wir schon hin. Naja. Fast hätte mir das die Laune verhagelt, aber bei dem schönen Wetter ist das ja gar nicht möglich.

Oh nein! Das heißt nichts gutes!

Dann ging es wieder in die Wackelkiste und noch ein Stück weiter zum Ausreitgelände. Ach sieh an, hier waren wir ja lange nicht! Das ist doch die Runde mit den Üs! KÜhe,  ZÜge und BrÜcken sind hier im Angebot. Nur das PfÜtzen-Ü war heute wegen trockenen Wetters nicht dabei.

Die erste kleine Brücke kam schon nach 500m. Ich sollte vorne weg. Hmmmmm na gut, ich schaffe das bestimmt. Keks! Mein Mädchen sagte zum Mann, jetzt sei es amtlich, er müsste am Freitag mitkommen. Freitag? Wieso? Wohin? Was haben wir da vor? Spezialabenteuer, sagt mein Mädchen. Mit Brücken. Und wenn ich bei der kleinen Brücke schon so gucke, dann braucht sie da den Mann als Unterstützung. Aha! Na da bin ich ja mal gespannt.

Weiter ging es in Richtung des zweiten Ü: ZÜge! Den kleinen Personenzug habe ich so weggelächelt, das war schon ok. Aber als wir gerade von den Gleisen weg abbiegen wollten, kam von hinten so ein irre lauter Güterzug. Mir wurde etwas blümerant, aber mein Mädchen ist fix abgestiegen und hat mir Kekse serviert. Mir ist zwar ein Äppelhaufen entfallen vor lauter Aufregung aber ich habe fein stillgestanden und Kekse gemampft bis der Zug vorbei war. Da war mein Mädchen sehr zufrieden mit dieser schönen Übungssituation und mit mir und meinem Benehmen. Die nächsten 2 Brücken habe ich auch gut gemeistert und danach haben wir erstmal einen kleinen Galopp hingelegt. Die Hufschuhe haben schon wieder einwandfrei gehalten, mein Mädchen kann ihr Glück kaum fassen!

Uns Ponys war sehr warm. Wir haben schon so viel Winterpelz (obwohl ich schon einmal unterm Entpelzer war, ist alles schon wieder nachgewachsen!) und die Sonne schien ganz schön doll vom Himmel. Deswegen waren wir auch ganz dankbar, als die Menschen nach dem Galopp abgestiegen sind und das längere Stück Asphalt zu Fuß erledigt haben.

Als wir wieder ins Grüne kamen, gab es dann auch eine ordentliche Graspause. Nach der Graspause dann das übliche Problem: der Mann kommt nicht mehr auf sein allzu hohes Ross! Mein Mädchen ist schnell aufgestiegen (kleine Ponys haben große Vorteile!), aber der Mann war zu Fuß. Auch noch, als wir an den schönen Grasweg kamen, wo wir doch noch traben wollten! Also hat mein Mädchen die Chance ergriffen und wir haben alleine ausreiten ohne alleine auszureiten geübt. Los, munter voran traben! Ich war mir nicht sooooo sicher, bin aber getrabt. Bis plötzlich …

MÄÄÄÄÄÄH!

Was ist das da hinterm Knick? Ich hab schnell durchpariert, einen kleinen Schlenker eingelegt und die Lage gecheckt. Mein Mädchen hat sich gefreut über diese unglaublich vernünftige Reaktion meinerseits und mich ganz doll gelobt. Nur ein Schaf, alles fein. Also konnte ich auch weiter traben. Plötzlich hören wir Hufe hinter uns! Da kommt Diego mit dem Mann angetrabt – wie ist der da plötzlich raufgekommen? Das hat er uns leider nicht verraten.

Ein paar Spaziergänger später („guck mal der hat Hufschuhe an“ „Reithelme mit Sonnenschutz hab ich ja noch nie gesehen“ „reiten ist bestimmt leichter als radeln“) waren wir schließlich zurück bei der Wackelkiste. Mein Mädchen hat mich abgesattelt und dann sind wir zu Fuß losgegangen. Sie hatte mit Protest meinerseits gerechnet, aber für mich war das ok. Sie wird schon wissen was sie tut. Diego durfte derweil einsteigen. Der Mann ist dann mit der Wackelkiste im Schritttempo hinter uns her geschlichen bis kurz vor die erste Brücke. Stellt sich raus: mein Mädchen wollte mir zu Übungszwecken die Brücke nochmal in Ruhe zeigen. Aber es stellte sich auch heraus: nach 12km Ausritt ist so eine Brücke gar nicht mehr gefährlich. Wir haben also bisschen am Geländer gestanden und uns angeschaut wie das Wasser fließt und mein Mädchen hat Mut geschöpft für unser Spezialabenteuer am Freitag. Bin ja schon ganz gespannt was das wohl werden wird!

Brücken sind ok. Zumindest wenn das Kribbeln aus mir raus gelaufen ist.

Aber vorher hat sie mir versprochen dass es nochmal unter den Entpelzer geht, damit diese sonnig-warmen Tage uns nicht so viel zu warm sind.

Euer geÜbter Sir Duncan Dhu of Nakel

Sonne, Landschaft, Ausritt – ein schöner Sonntag!

Ideen

Viele Reitschülerinnen beklagen sich, sie wüssten nie, was sie mal so machen könnten mit ihrem Pferd. Was könnte man denn mal üben? Inzwischen gibt es eine große Auswahl an Büchern und Internetseiten, wo man sich Anregungen für Übungen holen kann, allerlei mit Stangen und Hütchen, aber auch alles andere was das Herz begehren könnte. Aber während die einen keine Ideen haben, ist mein Kopf ständig voller Ideen was ich alles üben könnte. Überall sind noch Dinge, die ich gerne verbessern oder überhaupt mal anfangen und ausprobieren möchte. Die Welt ist voller kleinerer und größerer Herausforderungen für unsere Pferde und uns. Und selbst wenn es bis zur nächsten Chance auf einen Distanzritt noch viele Monate dauert, kann ich allein dafür schon eine Übungsliste schreiben, die sich gewaschen hat. Und da habe ich noch gar nicht angefangen mit den Dingen, die hier ungenutzt herumstehen, wie z.B meine schöne Garrocha, die ich seit Monaten nicht in der Hand hatte.

Ich glaube, es hapert oft an zwei Fähigkeiten, wenn Menschen sich mit ihren Pferden langweilen. Die eine ist, Aufgaben schwieriger zu machen. Ok, Du kannst Dein Pferd longieren. Kannst Du das auch, während Du selbst in der Mitte nicht stehst, sondern sitzt?

Die andere Fähigkeit ist das Gegenteil: die, Aufgaben leichter zu machen. Vorstufen zu finden, Dinge herunterzubrechen. Die Meister in dieser Disziplin sind immer dort zu finden, wo Menschen am wenigsten Druck auf ihre Pferde ausüben. Bei denen, die ausschließlich positiv verstärken (also clickern) und Elsa Sinclair (und vielleicht ähnlich trainierenden Menschen, die ich persönlich nicht kenne). Denn je weniger Druck man aufs Pferd ausübt, desto kleinschrittiger muss man arbeiten. Ich kenne niemanden, der Aufgaben so sehr ins Detail zerlegen kann wie Elsa. Dazu gehört dann aber auch zwangsläufig, dass man als Mensch lernen muss, winzige Details zu sehen. Am Anfang sieht man da nix. Weil das Gehirn das nicht kann. Ich erinnere mich an unseren ersten Distanzritt. Meine Freundin – immer vorneweg mit ihrem schnellen Pony, ich damals auf meinem sehr gemütlichen Finlay immer mit Abstand hinterher – war dafür zuständig, die Markierungen auf der Strecke zu finden. Anfangs war das ein Desaster. Wo sind die Marker bloß? Aber nach einer Weile sagte sie „ich fange an, sie zu sehen“. Ihr Gehirn hatte geübt und gelernt, die Markierungen schneller zu finden.

Mein Gehirn hingegen findet ein Jakobs-Kreuzkraut auf der Wiese wo Arnulf 3 mal vorbeimarschiert ist, so dass er inzwischen schon schwört, ich würde die da „reingucken“.

Und so stellt sich mir die bange Frage, ob Bücher und Internetseiten mit vorgegebenen Übungen nicht am Ziel vorbeigehen. Denn eigentlich müssten PferdebesitzerInnen ihr Gehirn dahin trainieren, Übungen selbst verändern zu können. Ja, am Anfang ist das mühsam aber ich habe gute Nachrichten: man kann über solche Fragen nicht nur beim Pferd nachdenken. Dafür eignen sich auch all die Leerlaufzeiten beim Autofahren, Putzen, Absammeln oder was sonst so ansteht. Und wenn man länger darüber nachdenkt, fällt einem dann bestimmt was ein, wie man eine bereits bestehende Übung wahlweise komplizierter oder einfacher machen kann. Und wenn man das öfter macht, wird man sein Gehirn alsbald dahin trainiert haben, immer mehr und immer lustigere Ideen auszuspucken. Ich lade alle dazu ein, das mal auszuprobieren.

Tipp an meine persönlichen Reitschülerinnen: wenn Du eine eigene Idee mitbringst, brauchst Du Dich nicht immer mit meinen bekloppten Aufgabenstellungen rumschlagen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 23. September 2025

Mein Mädchen war eine Woche in Urlaub – ohne mich! Frech finde ich das. Mir blieb hier zu Hause nur das Anlegen von Winterspeck. Muss ja auch gemacht werden! (Findet mein Mädchen ja nicht, aber die Diskussion hatten wir ja schon…)

Sonntag kam sie wieder und roch ganz fremd, da musste ich erstmal nachschnüffeln. Aber insgesamt scheint sie doch unverändert ganz die Alte zu sein. Und so ging es dann gestern auch gleich wieder mit einem Montagsausflug los. Schön, ich steh parat! Hufschuhe an, rein in die Wackelkiste, auf zum Ausreitkumpel. Diesmal Start von seinem Hof aus. Das heißt: Satteln auf dem Hofplatz. Ooooooh hier liegen ja leckere Eicheln! Das ist ja … verboten. Ach so ein Mist. Mein Mädchen hat gesagt, sie bietet mir Kekse an, wenn ich den Schnorch oben halte und die Eicheln eisern ignoriere. Hab ich dann auch fast die ganze Zeit geschafft und dadurch schonmal eine schöne Handvoll Kekse ergattert. Ok.

Sommersaison ist vorbei, also brauchen wir keine Fliegenmaske und keine Zebradecke mehr. Man könnte also meinen, das Satteln sei dann jetzt weniger kompliziert. Aber ach, kaum ist die Fliegensaison zu Ende, kommt ja schon die Saison wo es abends so schnell dunkel wird. Und das Mädchen vom Ausreitkumpel hat ja nun mal nur abends Zeit. Also muss beleuchtet und reflektiert werden, was das Zeug hält. Lampe und Reflektor an meinen Schweif, Reflektor an meine Brust, leuchtender Halsriemen, Lampe auf Mädchens Kopf. Haben wir es dann bald mal? Endlich ging es los. Aber jetzt merkte ich es doch, dass mein Dieselmotor eine Woche nicht so richtig warmgelaufen war, der stotterte zu Anfang etwas. Aber dann ging es und wir sind fröhlich getrabt bis wir zu der großen Rinderkoppel kamen. Da sind wir lieber Schritt gegangen, denn da stehen Kälber, die vielleicht auf komische Ideen kommen, wenn man an ihnen vorbeitrabt. Sie standen am Zaun und haben uns genau beobachtet und ich hab genau zurück-beobachtet, während mein Mädchen immerzu gesagt hat, dass wir groß sind und das können.

Direkt nach der Rinderkoppel kommen die Schweine. Das Mädchen vom Ausreitkumpel meinte „ja, das sind tatsächlich Allesfresser, die würden auch so ein Pony verspeisen“. Mein Mädchen hat sie ausgeschimpft, dass man solche Schauermärchen nicht erzählt und mir stattdessen gezeigt, dass die Schweine doppelt eingezäunt sind und uns deswegen auf keinen Fall verspeisen werden. Also sind wir mutig weitergegangen. Dann hat das Mädchen vom Ausreitkumpel festgestellt, dass ihr Schnürsenkel offen ist. Also linken Fuß aus dem Steigbügel und hoch, Schnürsenkel zu, fertig. Mein Mädchen war muksch, das ging alles viel zu schnell und sie hätte diese kleine Akrobatik doch so gerne gefilmt! Also hat das Mädchen vom Ausreitkumpel es eben einfach nochmal gemacht. Aber wie sie da so sitzt, mit dem linken Fuß vor sich, dreht mein Ausreitkumpel seinen Kopf nach links, sein Mädchen bekommt leicht Schlagseite nach rechts und weil mein Ausreitkumpel zu viel frei bei zu viel Futter hatte, ist sein Bauch so rund, dass der Sattel sich auf den Weg machte. So rutschten Sattel und sein Mädchen einfach so nach rechts von ihm ab! Sein Mädchen lag lachend am Boden, während mein Ausreitkumpel die Möglichkeit beim Schopfe packte um noch ein paar mehr grüne Halme in sein sowieso schon zu rundes Bäuchlein zu pressen.

Beide Mädchen brauchten eine Weile, um sich von dieser Erheiterung zu erholen, aber schließlich ging es frisch gesattelt weiter Richtung Heimat. Galopp! Mein Mädchen fand, ich sei ganz schön flott unterwegs, aber die App fand das nicht (22km/h). Linksgalopp, Trab, Rechtsgalopp, Trab, Linksgalopp. Da vorne ist ein anderes Pferd! Schritt! Dann eine Weile hinter dem fremden Pferd im Schritt her. Derweil hat mein Mädchen sich überlegt, wie sie unser Equipment weiter verbessern kann. Ob sie jemals zufrieden sein wird? Im Moment ist sie es jedenfalls noch nicht. Sie kann nämlich im Dunkeln von oben nicht sehen, ob meine schwarzen Hufschuhe noch da sind und auch nicht verdreht. Also heckt sie einen neuen Plan aus und will klitzekleine Lämpchen an meine Schuhe vorne dran machen. Ideen hat sie immer….

Als das andere Pferd dann anders abgebogen war als wir, sind wir noch ein schönes Stück getrabt. Ach, das hat gut getan, jetzt bin ich warm, wir können los! Naja, in Wirklichkeit war die Runde schon fast zu Ende und es ging den Rest im Schritt zurück. 8,3 km in einer Stunde ist ordentlich flott, da kann man nicht meckern. Aber halt zu kurz, wo wir doch jetzt öfter so schöne lange Touren hatten (letztes Mal war es schließlich doppelt so weit!). Aber naja, der Winter naht und mein Mädchen fragt sich jetzt schon wieder, wie sie es wohl schaffen soll, mich vernünftig auszulasten. Ja, da lass dir mal was einfallen, mein Mädchen, denn jetzt kommt die Zeit, in der ich richtig Power habe! Endlich nicht mehr so warm.

Euer gut gelaunter Sir Duncan Dhu of Nakel

Lupe

Mein Pony ist schief. Klar, jedes Lebewesen ist schief. Aber Duncan ist gelegentlich so schrecklich schief, dass wir auf dem Reitplatz quasi nicht mehr geradeaus reiten können. Aber nicht immer, nur manchmal.

Ach, ich hör sie schon, die vielen guten Tipps, die gleich angeflogen kommen. Geraderichtendes Training nach Methode xy. Oder dieser, jene oder selle Therapeut. Und bestimmt muss ich selbst auch behandelt werden, denn ja, ich bin auch schief.  Stimmt ja sogar.

Arnulf hat mein Pony schon unzählige Male behandelt und mir Übungen gezeigt. Ich selbst habe einige Therapeuten verschlissen, die sich völlig erfolglos an mir ausgetobt haben. Jeder hatte eine andere Diagnose und Herangehensweise parat. Gemeinsam hatten sie eigentlich nur eins: sie haben mich Zeit und Geld gekostet.

Und da muss ich an etwas denken das ich selbst immer antworte, wenn ich nach „dem besten Mittel gegen Strahlfäule“ gefragt werde. Der Markt ist voll von solchen Mitteln und das sagt uns vor allem eins: es gibt kein Mittel, das in allen Fällen hilft. Sonst gäbe es ja längst nur noch dieses eine und alle anderen würden sich nicht mehr verkaufen.

Generationen von Reitmeistern aller Art und Sorte haben sich bereits an der Schiefe der Pferde abgearbeitet. Dann folgten Generationen an Therapeuten aller Couleur. Dass sich nicht längst eine Methode durchgesetzt hat, lässt mich stark vermuten, dass es eben individuell ist. So ein Pferd ist ein komplexes System, da kommen viele Faktoren zusammen und die auseinanderzudröseln ist wohl eigentlich unmöglich.

Ich wähle jetzt einen anderen Weg und kehre zurück zur Beobachtung. Ich schaue nochmal ganz genau hin: wann ist mein Pony schief? Gibt es zeitliche Zusammenhänge mit Wetter, Fütterung oder dem Training am Vortag? Wo und wann kann ich als allererstes die Schiefe wahrnehmen? Beim Ausritt am Sonntag hatte ich den Eindruck, er würde beim geradeaus laufen den Kopf stets ganz leicht nach links stellen. Eine neue Beobachtung, darauf hatte ich bisher nich geachtet. Als nächstes nehme ich mir vor, auch im Freedom Based Training darauf zu achten, ob er öfter nach links schaut als nach rechts. Aber vorsicht: seine gesamte Mähne hängt auf der linken Seite, da kann man sich auch schnell mal vertun. Oder nimmt er den Kopf nach links um mit dem linken Auge weiter nach hinten sehen zu können, an der Mähne vorbei?

Ebenfalls fiel mir beim Ausritt auf, dass ich auch hier nochmal mit den Rotationen spielen könnte. Wie bewegt sich sein Brustkorb unter mir ganz genau? Und was kann ich tun, damit es sich anders anfühlt? Ob dieses anders besser ist, muss sich  dann aber auch erst noch zeigen.

Jedenfalls fällt mir noch eine Sache auf: wenn ich ihn im Gelände mit der Hand am Hals streichle, um ihm zu sagen, dass er das gut macht und alles fein ist, dann mache ich das immer mit der rechten Hand. Somit gebe ich den rechten Zügel öfter vor als den linken. Das Problem dabei ist: ich kann ihn links nicht am Hals streicheln ohne mit Massen an Wallehaar in Kollision zu geraten. Ich werde also wohl wieder öfter einen Zopf flechten und mich dann darin üben, ihn mit der linken Hand zu streicheln. Außerdem kann ich dann vielleicht besser sehen, wie es mit seinem Genick und der Stellung wirklich ist.

Im Schritt trage ich die Zügel oft einhändig und zwar – ihr ahnt es vielleicht schon – in der linken Hand. Dadurch drehe ich mich im Sitz.

Das alles sind Dinge, die auf dem Reitplatz viel weniger problematisch sind, viel leichter zu korrigieren, aber vor allem sind die Zeiten viel kürzer. Aber im Gelände sind wir 1-3 Stunden unterwegs, da kommt was zusammen. Und hier kann ich nun ansetzen und sehen, was sich verändert.

Von Elsa Sinclair habe ich gelernt, WIE klein die Dinge sein können, die wir beobachten. Und wo sich Muster ergeben können, die wir vorher nicht mal geahnt haben. Es ist wie der Blick durch eine Lupe, ein Detail zur Zeit. Und dann das nächste kleine Detail und das nächste, bis das Gesamtbild sich verändert. Und ich hoffe auf das was Elsa sagt: wenn Du es dann gesehen hast, wirst Du es nicht mehr nicht sehen können.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 15. September 2025

Sonntagsausflug! Ich hatte richtig Lust. Rein in die Hufschuhe – mein Mädchen hatte die neuen Hufschuhe vorne wieder zusammengeschraubt und noch etwas verbessert – den rechten anders als den linken, um zu testen welche Version besser funktioniert. Dann rein in die Wackelkiste und ab in den Wald! Wir waren in dem Wald, den man im Sommer kaum betreten mag, weil da sooooo viele Mücken lauern. Die sind jetzt aber weg und wir konnten ohne Vollverkleidung los, sehr angenehm. Es wehte eine kühle Brise und das gefällt uns Ponys ja doch gleich viel besser als das schwül-warme Wetter der letzten Wochen. Diego hat einen munteren Stiefel vorgelegt, so dass mein Mädchen und ich alsbald nachtraben mussten, um hinterher zu kommen. Nach einer Weile sind wir dann statt des ewigen nachtrabens mal ein Stück vorgetrabt, aber kaum war ich richtig im Fluss, stand sie schon wieder auf der Bremse, weil sie sich mit dem Weg immer noch nicht ganz sicher ist. Es gibt in dem Wald so viele Reitwege, dass sie an manchen Stellen tatsächlich durcheinander kommt, welcher denn nun für heute geplant war! Als sie sich informiert hatte, war Diego dann auch schon da. Wir sind dann gemeinsam ein gutes Stück getrabt und jetzt sag ich euch mal was: dieses Kutschtraining hat ungeahnte Folgen für Diegos Fitness! Ich schwöre, der kann jetzt doppelt so schnell und doppelt so lang traben wie vorher! Mädchen, wollen wir nicht… nein, ich sollte im Trab bleiben. Puh, da muss ich mich aber ranhalten! Der Weg kam mir aber gelegen, denn es geht da immer einmal rechts um die Kurve und einmal links um die Kurve. Und da nehme ich dann einfach fix die Ideallinie! Immer schön knapp auf Kante, dann Seitenwechsel für die nächste Kurve und wieder knapp auf Kante. Juhuuu! Das hat Spaß gemacht!

Kurz bremsen, anhalten weil mein Mädchen mal was erledigen musste und dann ging es weiter. Diesen Weg kenne ich, der hat ein paar fiese Matschlöcher, aber das macht mir ja nix. Wobei, wenn ich es recht bedenke…. warum laufe ich da eigentlich immer durch? Spritzt ja doch ganz schön. Weißt du was, mein Mädchen, ich probiere mal was neues. Ein beherzter Sprung, schon sind wir am anderen Ufer! Beim ersten Mal war mein Mädchen so überrascht, dass sie etwas Mühe hatte, mitzukommen, aber beim zweiten Mal wusste sie dann schon bescheid und hat gelacht. Da freu ich mich immer, wenn sie meine Ideen lustig findet. Danach wurde sie aber streng: obwohl Diego vorneweg sooooo schnell war, durfte ich nicht galoppieren, weil der Boden ihr zu rutschig war. Menno. Aber ich bin ja ein artiger Ritter und habe mich zusammengerissen. Du weißt aber schon, mein Mädchen, dass ein Ausritt ohne Galopp halt kein echter Ausritt ist, oder? Sie hat mir dann versprochen, dass ich gleich noch galoppieren darf. Na gut.

Dann kamen wir auf die lange Gerade, dort ist der Boden gut.  Diego war so schnell, dass mein Mädchen mir nun doch Galopp erlaubt hat und ich konnte lässig galoppieren, während er getrabt ist! Der kann fliegen! Gerade als mein Mädchen das filmen wollte, ist Diego aber auch angaloppiert und dann wollte sie doch lieber beide Hände an den Zügeln haben. Dieses Misstrauen immer….

Alle 10 Minuten hat das Handy gepiept: Hufschuh-Check! Saß alles immer tippitoppi, nix gedreht und nix verloren. Also hat mein Mädchen noch beschlossen, einen letzten Test zu machen: Rechtsgalopp! Den finde ich im Gelände manchmal nicht so leicht und wenn doch erhöht er die Chancen auf Schuhverlust. Also durfte ich diesmal vorneweg, damit ich mich konzentrieren und den Rechtsgalopp finden kann. Hab ich dann auch. Und was soll ich euch sagen: die Schuhe saßen! Mein Mädchen war seeeeeeehr zufrieden.

Ich war inzwischen auch schon ganz zufrieden und konnte auch gut Schritt vertragen. Diego hatte schon erste Mattigkeit angemeldet und etwas früher durchpariert. Es war aber auch schon gar nicht mehr weit zur Wackelkiste, so sind wir dann gemütlich nach hause geschlendert. 11,3km in 1,5 Stunden hat der Tacho angezeigt.

Ach, das war toll! Mein Mädchen hat schon Pläne geschmiedet, dass das auch eine gute Strecke sein wird, die der Mann mit dem Rennesel mitfahren kann, damit wir alleine ausreiten ohne alleine auszureiten üben können.

Die Hufschuhe werden natürlich noch weiter verbessert, ihr kennt ja mein Mädchen! Immer gibt es was zu tun. Aber Schuhe, die Sprünge im Matsch aushalten und meinen Galopp in allen Varianten sind schon mal viel wert.

Zu Hause gab es für mich dann noch eine Unterbodenwäsche. Trotz meiner beherzten Sprünge hingen noch mehrere Pfund Matsch an meinem Bauch und meinen Beinen. Anschließend eine leichte Panade und dann hab ich mir ein Nickerchen gegönnt. So stell ich mir einen vernünftigen Sonntag vor!

Euer zufrieden ausgetobter Sir Duncan Dhu of Nakel

Fehlinterpretation

Ich werde so oft gefragt „warum macht mein Pferd das?“. Regelmäßig schieben einige hinterher „bestimmt, weil ich was falsch mache“.

Selbst zwischen Menschen, die sich gut kennen, kommt es oft zu Missverständnissen. Und wenn dann unterschiedliche Kulturen im Spiel sind, passiert das noch schneller. Ich erinnere mich daran, wie wir meine Schwester vor vielen Jahren in Palästina besucht haben. Ihre Nachbarn luden uns alle zum Essen ein und meine Schwester erklärte: wenn der Teller leer gegessen ist, müssen wir SOFORT aufstehen und gehen! Das kam uns Deutschen sehr unhöflich vor, aber unsere Gastgeber wären aus Höflichkeit verpflichtet gewesen, so lange weiter Essen auf den Tisch zu bringen, bis wir gehen (was gerade bei ärmeren Menschen natürlich auch ein großes Problem werden kann). Wir verhielten uns also aus unserer Sicht unhöflich, damit unsere Gastgeber nicht ihrerseits unhöflich sein mussten.

Oft ist es bei Pferden ähnlich, nur dass dort meistens wir diejenigen sind, die von unseren Pferden verlangen, sich unhöflich zu verhalten. Zum Beispiel weil wir an fremden Pferden vorbeigehen, ohne dass eine Begrüßung stattfindet. Das ist aus Pferdesicht natürlich eigentlich gar nicht möglich! Aber unsere Pferde lernen trotzdem, dass es nun mal so ist. Sie lernen auch beim Ausreiten, eine Position zu akzeptieren, die sie zu dem anderen Pferd normalerweise vielleicht nie oder nicht so lange einnehmen würden. Neulich stand ich mit Duncan auf dem Hof, als eine Schülerin zum Unterricht kam. Da wir Duncan nicht brauchten, wollte ich ihn in den Stall zurückbringen. Halfter runter, Pony rufen. Duncan ging aber erst in Ruhe zu der Dame hin und sagte freundlich hallo, bevor er meinem Ruf folgte. Wie beschämend: mein Pony ist höflicher als ich! (Ok das ist gar nicht so schwer, aber trotzdem).

Auf der anderen Seite ist Duncan immer noch irritiert, dass er seine winzige Freundin nicht wirklich begrüßen darf, weil die seinen Kopf immer noch so furchterregend findet.

Kurz und gut: es lauern viele Möglichkeiten zur Fehlinterpretation auf unserem Weg, die Pferde zu verstehen. Und viele von unseren Interpretationen sind von vorneherein durch vergangene Erfahrungen geprägt. Duncan zum Beispiel bleibt oft einmal stehen bevor er in den Anhänger einsteigt. Der Grund: er äppelt nochmal. Wenn ich dann mal wieder denke, er müsste doch jetzt einsteigen, steigt er zwar artig ein, muss ja aber trotzdem äppeln, so dass ich dann gleich mal was aus dem Anhänger räumen darf. Mein Gehirn trägt immer noch alte Prägungen mit sich rum: der muss sofort einsteigen, sonst stimmt da doch was nicht. Ich arbeite daran, das loszuwerden und es ist erstaunlich schwer. An anderer Stelle habe ich schon Fortschritte gemacht: Halfter anziehen, Keks geben, losgehen. Aber auch dieses Losgehen passiert nicht immer sofort. Wenn Duncan vorher gedöst hat und noch einen Moment braucht, um sich auf Bewegung einzustellen, dann dauert es oft ein paar Sekunden, bevor die Hufe sich in Bewegung setzen. Ich habe mir also angewöhnt, nicht gleich loszugehen und am Strick zu ziehen, sondern nur ein paar Schritte zu machen, den Strick dabei durch die Hände gleiten zu lassen und erstmal zu schauen, was heute passiert. Es sind diese kleinen Momente, in denen ich Duncan zeigen kann, dass mir seine Stimmung und Meinung wichtig ist und ich nicht einfach nur will, dass er „funktioniert“, obwohl in letzter Konsequenz mein Plan über seinem steht. In den sozialen Medien sehen wir viele Videos, in denen Pferde ganz schnell das tun was gefragt wird – je schneller das Pferd reagiert, desto besser finden wir das. In meiner Herde sehe ich solches Verhalten seltener. Da wird oft ein bisschen gewartet, Kommunikation läuft in der Regel langsam und die Momente in denen sie schnell läuft sind eher die, die negativ aufgeladen sind, wenn es Streit gibt oder sich jemand erschreckt. Ist doch bei uns Menschen gar nicht anders: eine normale Alltagskommunikation ist nicht schnell und oft noch nicht mal besonders effektiv, sondern geprägt von sozialen Komponenten – Smalltalk, Ablenkungen, Momente der Stille. Kann auch mal alles nerven, wenn man eine Arbeit einfach erledigt kriegen will, ist aber normal.

Jetzt bin ich ganz vom Thema abgekommen und das ist ja auch normal. Was ich nur sagen wollte: schaut doch nochmal hin, bevor ihr Verhalten interpretiert. Und damit meine ich nicht so sehr, dass ihr das Pferd anschauen sollt. Schaut doch mal auf euch: warum denkt ihr denn, dass das Verhalten dieses oder jenes meinen würde? Da kann man Interessantes im eigenen Hirn entdecken….

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 9. September 2025

Ich muss sagen, der Montagsausflug hat die Panne von Sonntag wieder wett gemacht! Aber von vorn: Wackelkiste, Ausreitkumpel. Ein winziges Stück wackeln – wo sind wir hier? Hier war ich ja noch nie! Aber ich hatte so schön Heu gegessen (die diesjährige Ernte verkosten, die lässt auf einen leckeren Winter hoffen!), ich war ein bisschen im Verdauungsmodus und musste erstmal aufwachen. Ein Stück zu Fuß, dann los im Trab. Ah, jetzt bin ich wach! Aber kaum waren wir warmgetrabt, ist mein Mädchen auch schon wieder abgestiegen, denn es ging über eine Brücke über die Straße. Keine Autobahn, das trauen wir uns noch nicht, aber über die Landstraße, das können wir ja schon. Dann wieder aufsteigen und weiter. Ach, der Weg ist ja schön! Mein Mädchen war ganz überrascht, wie schön der Weg ist.

 Und schau an, jetzt sind wir ja in bekannten Gefilden gelandet! Das ist doch einer unserer Lieblingswege. Hoppi Galoppi! Nur dass der so etwas heimtückische Kurven hat, der Weg. Man weiß nie, wer oder was dahinter ist. Also Teeeeeerab. Dann wieder Galopp. Nächste Kurve. Teeeeerab. HUCH! Standen doch da plötzlich drei Reiter! Da haben wir alle ganz schön gestaunt, das war knapp vor Zusammenstoß! Aber wir haben es alle gut gemeistert und ich bin gaaaaaanz artig an den drei fremden Pferden vorbeimarschiert. Weiter geht’s! Dort steht normalerweise unsere Wackelkiste, aber heute biegen wir da mal in den Wald ab. Und dann ging es in ein Dorf, dort sind die Mädchen wieder etwas zu Fuß gegangen. Das war Nienkattbek, da sind alle nett. Nicht nur die Autofahrer, sondern auch die Kühe. Und, wie wir festgestellt haben, auch die Radfahrer, die Treckerfahrer und sogar die Rasenmähroboter! Gibt´s ja gar nicht! Mein Ausreitkumpel fand den unheimlichen Schleicher trotzdem sehr spannend. Diese Dinger kriechen ganz geduckt übers Grün und man weiß einfach nie, ob sie nicht doch mal hochspringen und ein Pony verspeisen! Aber dieser nette Geselle ist von uns weggeschlichen und hat meinen Ausreitkumpel nicht verspeist.

Als wir das alles erledigt hatten, ging es auf einen schönen Plattenweg. Also den können wir wirklich nicht ungenutzt liegen lassen! Galopp! Ich bin vorneweg und habe einen schönen Reisegalopp angeschlagen. Mein Mädchen hustet nämlich und wir wissen alle, was Schleim löst, oder? Ein schöner Galopp mit tiefer Atmung! Bis der Boden es leider nicht mehr so hergab. Wieder ein Stück Straße, aber wir durften auf dem Radweg lang, ganz offiziell so ausgeschildert! Links in einen Grasweg – noch ein Galopp! Und dann waren wir plötzlich wieder auf einem bekannten Weg und sind schon zum zweiten Mal an einer Stelle vorbeigekommen, wo sonst die Wackelkiste parkt. Alles setzt sich so zusammen! Bei mir war die erste Luft raus, wir hatten 10 flotte km auf der Uhr und ich war kurz in Versuchung, einfach den Bus nach hause zu nehmen.

Wann kommt denn der Bus?

Aber stattdessen haben wir eine kleine Graspause gemacht, dann ging es wieder. Den schönen Weg zurück bis zur Grillhütte, aber dort sind wir geradeaus gegangen anstatt links. Warte mal, Mädchen, ich hatte doch den Blinker schon gesetzt! Links geht der Weg doch zurück! Aber mein Mädchen meinte, die andere Strecke schauen wir uns jetzt auch noch an und sie ist nicht länger. Pah! Gelogen! 400 Meter mehr als auf dem Hinweg hat sie uns da noch abgeluchst. Wie wir so den Plattenweg lang tingeln hören wir plötzlich ein Auto. Aber hier doch nicht? Doch! Und zwar nicht in Plattenweg- sondern eher in Autobahngeschwindigkeit kam der da um die Ecke gedonnert! Er hat zwar gebremst, aber nicht viel. Und wie er so an uns vorbeiraste, war uns klar: wir sind hier eben nicht mehr in Nienkattbek….

 Wieder über die Brücke, beim Stein-Museum vorbei und dann ab zurück zur Wackelkiste. 16,5km in 2,5 Stunden stand auf dem Tacho. Wir Ponys waren fröhlich und durften noch schön was schmausen bevor wir nach hause gewackelt wurden. Ach, das war toll!

Die ganze Aktion war Teil eines größeren Plans, denn mein Mädchen hat eine Rundtour zusammengebaut aus unseren Lieblingswegen und das war das letzte Teil des Puzzels. Da dieser Sommer nicht ganz so lief wie geplant, werden wir die große Tour wohl erst nächstes Jahr reiten können, aber wir freuen uns da schon dolle drauf und die Mädchen haben schon ausgeheckt, dass wir da eine große Sause machen könnten mit Kutsche und Ausreitkumpel und schnellstem Pony der Welt! Das klingt lustig!

Euer abenteuerlustiger Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 8. September 2025

Manchmal läuft es einfach nicht so wie geplant. Geplant war, dass wir nochmal so eine schöne große Tour machen und derweil noch ganz neue Wege ausprobieren.

Dann kam es anders. Weil wir einen Neuzugang zu uns bekommen haben: einen Renn-Esel! Den Renn-Esel soll der Mann reiten, wenn mein Mädchen und ich alleine ausreiten ohne alleine auszureiten üben. Der Renn-Esel wohnt aber nicht bei uns im Stall und frisst kein Heu. Stattdessen steht er stumm in der Garage herum und sagt keinen Piep. Na, wenigstens futtert er mir nichts weg, das macht ihn schonmal grundsätzlich sympathisch.

Jedenfalls hat der Mann also den Renn-Esel abgeholt, während mein Mädchen hier schon mal den Stall schick gemacht hat. Und beschlossen hat, dass wir nicht die neuen Wege erkunden werden, weil es viel zu warm wird, um durch die Sonne zu reiten. Sie hatte also gerade darüber nachgedacht, welche andere schöne Runde wir wohl mal im Schatten drehen könnten, als der Mann sie anrief. Das Auto hat einen Hufschuh verloren platten Reifen. Nix mit Wackelkiste und Ausritt, stattdessen warten auf den Auto-Doktor. Und so ging der Sonntag ins Land. Mein Mädchen ist schließlich mit mir in die Halle gegangen und wir haben andere schöne Sachen gemacht. „Gemischtes Programm“ nennt sie das: etwas Stufentraining zum warm werden, etwas wippen – erst längs, dann quer – ein bisschen „Panther Walk“ und schließlich eine neue Übung, die wohl mal so was wie eine Verbeugung werden soll, wo mein Mädchen aber noch ein bisschen rätselt, wie sie mir das wohl am besten beibringen kann.

Nach einer guten halben Stunde war unser beider Konzentration am Ende und wir haben hoch zufrieden Feierabend gemacht.

Abends kam mein Mädchen dann nochmal an die Stalltür. Ja? Was kann ich für dich tun? Nichts, hat sie gesagt und Diego raus geholt. Der sollte noch die Kutsche ziehen. Ich könnte das auch, mein Mädchen! Ehrlich! Mein Mädchen meinte, ich wäre wohl ein kleiner „Hilfsmotor“. Also bitte! Ich bin ein ausgewachsenes Highlandpony! Ich könnte sie und den Mann ganz locker ziehen. Aber man traut mir ja immer noch nichts zu, obwohl ich schon 7 Jahre alt bin! Mein Mädchen hat sich bei mir entschuldigt und gesagt, dass sie das sehr wohl weiß. Dass ich das perfekt machen würde und es nicht an mir liegt, sondern an ihrem Mut. Weil sie sich immer soooooo viele Sorgen um mich macht. Dabei braucht sie das doch gar nicht, ich passe doch immer gut auf mich auf. Na, sie wird es schon noch lernen.

Bis dahin freue ich mich auf den heutigen Montagsausflug!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel (der das alles schon könnte. Ehrlich!)