Bewegungsideen

Je länger ich mich mit dem Dschungel der Reitweisen beschäftige, desto mehr Bewegungsideen gibt es in meinem Hirn. Jede Reitweise hat so ihre Ideale, wie es mal aussehen soll. Dann gibt es Fotos, heutzutage auch Videos, aber auch die sind natürlich immer nur Ausschnitte und fühlen kann man das alles nicht. Man schaut also hin und nimmt mit den Augen wahr, was da ist. Manchmal werden dann Linien, Winkel und Hebel eingezeichnet, damit auch der Laie erkennen kann, was es da zu sehen gibt. Das ist nicht verkehrt, aber eben nur die halbe Wahrheit. Denn was bleibt: das eigene Pferd (und die meisten Freizeitreiter haben nunmal nur eins) sieht man selten von außen beim reiten. Man fühlt es wenn man drauf sitzt. Und jetzt versucht unser Gehirn verzweifelt, das, was da an Gefühl ankommt, in ein Bild zu übersetzen und dann mit dem Bild abzugleichen, das wir gesehen haben. Aber auf dem Bild, das wir gesehen haben, war nicht das eigene Pferd, sondern ein anderes – vielleicht ein Warmblut, während man selbst einen Norweger reitet. Und das Pferd auf dem Bild hatte einen anderen Ausbildungsstand, genau wie der Reiter auf dem Bild. Und schon passt nichts mehr zusammen. Dann fangen viele an, zu sezieren: Kopf muss tiefer, Hinterbein muss weiter untertreten, Biegung stimmt nicht. Es ist nichts dagegen einzuwenden, ab und zu was zu sezieren. Aber das Pferd kann damit nicht so viel anfangen. Das Pferd kann zwar lernen, einzelne Körperteile anders zu verwenden, aber das macht nicht notwenigerweise das Gesamtkunstwerk besser.

Früher hat man uns im Reitunterricht gesagt, der Absatz sollte runter. Warum? Hat uns keiner erklärt. Wie? Hat auch keiner erklärt. In Wirklichkeit ist – zumindest nach meinem Verständnis – der tiefe Absatz das Ergebnis eines guten Sitzes (Sitz! Also das was im Becken und Rumpf stattfindet). Einer Reiterin zu sagen, sie soll den Absatz tiefer nehmen, wird ihre Bewegungsidee für den Rumpf wohl kaum ändern und somit nicht viel helfen.

Und den Pferden geht es sicher ähnlich. Auch die Pferde brauchen vorwiegend ihren Rumpf, um sich und evt den Reiter zu tragen. Dem Pferd etwas über sein linkes Hinterbein zu sagen, wird sich nur begrenzt darauf auswirken. Wichtiger ist sicher die generelle Bewegungsidee, die ich meinem Pferd vermittle, über mein innere Bild, über das Lob an entsprechender Stelle und auch über die Aufgaben, die ich ihm stelle und die das eine oder andere Bewegungsmuster fördern.

Zu versuchen, diese grundsätzlichen Bewegungsideen zu verstehen, die sich in jeder Reitweise etwas anders darstellen, ist ganz schön interessant (für mich viel interessanter als mich im Klein-Klein der einzelnen Übungen, Linien für Beine und Winkel für Kopf und Hals zu verlieren). Es eröffnet sich mal wieder eine große Spielwiese für Experimente…. Ich versuche, diese Bewegungsideen mehr zu erspüren als mit Linien in Fotos einzuzeichnen. Das eine schließt das andere übrigens nicht aus. Aber während ich meinem Pferd ein Gefühl vermitteln kann – durch meinen Sitz, mein inneres Bild, meine eigene Bewegung – werde ich ihm nicht helfen, indem ich ihm ein Foto mit Linien hinhalte. Das heißt auch wenn ich mal Fotos oder Videos mit Linien anschaue: am Pferd muss ich es schaffen, das in etwas umzusetzen, was mein Pferd verstehen kann. Eine Bewegungsidee. Und dann werde ich ja sehen, was mein Pferd daraus macht und wie es sich damit fühlt.

Ausbildungstempo

„Auf Instagram hab ich gesehen …. – können wir das auch lernen?“ Ich muss ein bisschen kichern, denn das scheint eine neue Mode zu sein. Wenn ich zum Unterricht komme und frage, was wir machen wollen, kommt das jetzt immer mal wieder als Antwort. Oft ist das, was meine Schülerin da auf Instagram gesehen hat, ein relativ einfacher Trick. In diesem Fall war das Pferd seitwärts gegangen, währen die Besitzerin vorneweg ging – diese Übung ist leicht zu erkennen anhand der Beschreibung der Gertenhaltung („die hat die Gerte hier so und da so“ – aha, das hört sich nach Kruppeherein an.) Wie dem auch sei, in diesem Fall war schnell geklärt, was wir heute üben, nämlich dass das Pferd die Kruppe auf Gertenzeig Richtung Mensch bringt. Das ist an sich eine einfache Übung, aber viele Menschen tun sich damit schwer – und manche Pferde anfangs auch, wobei ich bei den Pferden eher vermute, dass sie die Bewegung als falsch empfinden, weil ihnen von anfang an gesagt wurde, dass man den Hintern nicht zum Menschen dreht. Da ich oft erlebt habe, dass Schülerinnen am Anfang Schwierigkeiten haben, ist das eine der Übungen bei denen ich anbiete, es zunächst selbst zu machen. Die Schülerin kann dann übernehmen, sobald sie eine Idee hat wie es gehen kann. Diese spezielle Schülerin hat noch wenige Erfahrung in diesen Dingen und war nur allzu glücklich, das Pferd an mich abzugeben.

Ich hatte Glück: die Seite, die ich zuerst versuchte, ging recht leicht. Das Pferd hat nur wenige Fehlversuche gemacht, bis es verstanden hatte, worum es ging. Es brauchte bei dem sensiblen Wallach nur ganz wenig, um ihn in Bewegung zu bringen und dann konnte ich diese Bewegung schnell in die erwünschte Richtung lenken. Tadaaa! Aber dann kam die andere Seite. Und das Pferd hatte einen Knoten im Hirn. Er ging viel rückwärts, war verwirrt, verstand mich nicht. Ich versuchte, ihm ganz viel Ruhe zu geben. Und das sind die Momente, in denen ich kurz zucke: warum brauche ich jetzt so lange für diese einfache Übung? Wenn ich jetzt einmal kurz etwas mehr Druck machen würde, dann würde er das wahrscheinlich machen. Dauert es meiner Schülerin zu lange? Findet sie es blöd, eine ganze Einheit mit dieser Übung zu verbringen? Wie kann ich schneller zum Erfolg kommen? Dann erinnere ich mich, wie ich mit dem Pferd arbeiten würde, wenn es mein eigenes wäre und versuche, mich daran zu orientieren – egal was die Schülerin darüber denkt. Manche Leute sehe ich nach so einer Einheit nicht wieder. Ist mir schon passiert. Natürlich höre ich keine Begründung, aber der Verdacht liegt nahe, dass es ihnen zu lang gedauert hat. Sie haben ein Problem, das wollen sie jetzt lösen und ich bin dafür zuständig. Zeitdruck ist in unserer Welt allgegenwärtig, auch am Pferd.

In diesem Fall hatte ich gegen Ende unserer Einheit endlich Erfolg, das Pferd hatte mich verstanden. Er hat dann auch mit seiner Besitzerin die Übung auf beiden Seiten wiederholt und ich konnte klar sehen, dass er wirklich verstanden hat, was wir wollen. Er war ruhig und klar in seinem Verhalten, hat kurz überlegt bevor er sich bewegt hat und dann präzise den erwünschten Schritt gemacht. Feierabend! Ich fuhr weg und war ein bisschen gespannt, was damit jetzt passiert.

Einige Tage später kam eine Whatsapp „Ich bin immer noch sehr beeindruckt, was du mir in der letzten Reitstunde gezeigt hast. Mein Pferd konnte es nach ein paar Tagen immer noch abrufen. Und deine Ruhe und Geduld hat mich etwas gelehrt, vielen lieben Dank!“

So eine Nachricht ist so ziemlich das beste, was mir passieren kann. Wenn eine Schülerin – die ja zu mir kommt, um etwas zu lernen – dann nicht nur diese Übung versteht, sondern auch an mir beobachten kann, dass Ruhe und Geduld sich auszahlen, dann habe ich viel erreicht. Die Ruhe, die den meisten von uns immer so fehlt, können wir beim Pferd finden, wenn wir uns darauf einlassen. Wenn wir zulassen, dass das Pferd das Lerntempo bestimmt.

Kurze Zeit später bekomme ich eine weitere Nachricht, diesmal von einer Kollegin, die ich aus der Ferne unterstützen darf bei ihrem schwierigsten Projekt. Sie hatte unter Zeitdruck einen Rückschritt mit ihrem Pferd und hat sich vorgenommen, es in Zukunft ganz sein zu lassen, wenn sie nicht genug Zeit hat. Ich rate davon ab: wenn wir nichts mit unseren Pferden machen, weil wir „heute nur so wenig Zeit“ haben, werden wir bald nur noch sehr selten mit unserem Pferd arbeiten. Denn „heute wenig Zeit“ ist für die meisten von uns eher Standard als Ausnahme. Ich habe gelernt, dass es oft besser ist, trotzdem was mit dem Pferd zu machen. Es muss halt nur dem Zeitrahmen angemessen sein. 10 Minuten Freedom Based Training bringen erstaunlich viel und brauchen null Vorbereitung. Wer das nicht machen will kann in 10 Minuten zum Beispiel kleine Übungen wiederholen, die eigentlich sitzen, aber eine Auffrischung vertragen können. Oder 10 Minuten massieren und vorsichtig dehnen. Ich stelle mir dann oft den Wecker auf 8 Minuten, dann habe ich, wenn er klingelt, noch 2 Minuten für einen guten Abschluss, brauche aber zwischendurch nicht pansich auf die Uhr zu schauen.

Trotzdem möchte ich allen raten, sich gelegentlich Zeit freizuschaufeln um „open end“ mit ihrem Pferd arbeiten zu können. Sich reinfallen zu lassen in die gemeinsame Zeit und die Ruhe haben, etwas neues zu probieren. Oder einen größeren Ausflug (egal ob geritten, gefahren oder gelaufen) zu machen.

Wer eine neue Übung anfangen will, hat entweder beliebig viel Zeit dafür, oder einen guten Plan an Zwischenschritten, so dass man jederzeit mit einem guten Zwischenergebnis enden kann. Letztendlich sind in der Ausbildung eines Pferdes ja eh alles nur Zwischenschritte, denn fertig ist man wohl nie. Man gibt sich mit einem bestimmten Status quo zufrieden, der heute hoffentlich ein bisschen höher ist als gestern. Vielleicht kann uns dieser Gedanke trösten an den Tagen an denen wir denken, dass wir nicht vorankommen.

Ich jedenfalls freue mich über jede Pferdefrau, die bereit ist, mit ihrem Pferd in Ruhe zu arbeiten und meine Leistung als Ausbilderin nicht daran bemisst, wie schnell ein Pferd eine bestimmte Lektion zeigt. Viel bessere Kriterien sind: wieviel Stress und wie viel Spaß hatte das Pferd beim Lernen, wie gut ist das Gelernte nachher abrufbar, wie „haltbar“ ist das Gelernte auch wenn man es längere Zeit nicht abruft und wie ist die Beziehung zwischen Mensch und Pferd gewachsen durch das gemeinsame Lernen. Macht das Gelernte mein Pferd langfristig gesünder, schöner, stolzer, selbstbewusster, sicherer? Bereitet das Gelernte mir und meinem Pferd Freude oder hilft es uns in Situationen, die vielleicht etwas schwierig sind und verbessert dadurch unser beider Lebensqualität?

Leider haben wir in unserer Gesellschaft im Allgemeinen wenig Aufmerksamkeit auf diesen Dingen, aber die Pferde können uns das lehren und das macht auch unser eigenes Leben wertvoller.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 565

Das Wetter macht was es will. Vor allem Regen. Also ist unser Reitplatz zu einer Unterwasser-Bahn mutiert und wir verkriechen uns in die Halle. Gestern wippen und heute war dann wieder Stangenarbeit. Diesmal hat mein Mädchen die Stangen mal anders hingelegt, nämlich quasi um die Ecke. Ich finde das mit den Stangen inzwischen richtig lustig, das ist eine schöne Herausforderung und wenn ich es ohne „klonk“ schaffe, gibt es ein Apfelstückchen und ein großes Lob, das lohnt sich doch! Zwischendurch haben wir ein bisschen Traben geübt oder Handwechsel perfektioniert. Ich hab mich ordentlich konzentriert, gut mitgemacht und fröhliche Laune verbreitet. Zack! – Mädchen stolz. Und glücklich. Und schwer in mich verliebt. Läuft bei mir!

Mein Mädchen hat auch noch 5 weitere Stangen gekauft, aber die muss sie erst streichen, bevor wir sie benutzen können. Dann haben wir doppelt so viele Stangen und also doppelt so viel Spaß! Ich werde dann beantragen, dass ich zwei Apfelstückchen bekomme, wenn ich 10 Stangen ohne „klonk“ schaffe.

Während wir unten Spaß haben, liegt mein ganzes Ausreit-Equipment oben in der Wohnung. Mein Mädchen hat den Sattelgurt entpelzt (das ist komplizierter als bei mir!) und dann gewaschen (von Hand), die Satteldecke auseinandergebaut (da sind so extra Polster drin) und gewaschen (auch von Hand) und die Satteltaschen komplett leer geräumt und gewaschen (von Hand!). Die vorderen Satteltaschen sind leider an zwei Stellen eingerissen, da hofft sie jetzt auf Rettung durch unsere Schneidermeisterin. Spezielle Socken für in die Hufschuhe hat sie bestellt, aber die Hufschuhe müssen auch noch repariert und aufgepimpt werden. Und während sie das alles macht, träumt sie von den schönen Ausritten, die wir machen wollen, sobald das Wetter wieder mitspielt. Da freue ich mich auch schon drauf!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel der auch um die Ecke über Stangen gehen kann

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 564

Das Leben hat so gewisse Gesetzmäßigkeiten. Zum Beispiel die: eigentlich waren wir heute mit dem schönen Spanier zum Ausreiten verabredet. Aber die Wettervorhersage war mies. Das Mädchen vom schönen Spanier hat also beschlossen, dass sie lieber nicht kommt. Und dazu gesagt „wenn ich jetzt absage, wird bestimmt allerschönstes Wetter sein am Sonntag“. Darauf hat mein Mädchen sich dann verlassen. Und tatsächlich schien heute morgen die Sonne wunderschön!

Bevor es los ging, sollte Diego amtlich frühstücken können. Der kriegt ja jetzt auch immer 2 Schüsseln am Tag und darf dazwischen stundenlang in seinem Häuschen am Heu mümmeln. Frech finde ich das! Nun sollte er also Zeit bekommen um Heu zu tanken. Ich habe diese Zeit anderweitig genutzt und eine Runde mit Gatsby gespielt. Mein Mädchen stand am Fenster und hat sich gefreut. Dann hat sie die Kamera raus geholt. Und hier kommen wir zu Gesetzmäßigkeit Nummer 2: wenn die Kamera draußen ist, hören wir auf mit Spielen. Oder wir flitzen um die Ecke. Oder wir bewegen uns so schnell, dass die Fotos unscharf werden.

Wir haben dann nachher auch noch Frühstück bekommen und danach ging es los. Mein Mädchen hat etwas gegrummelt, denn in der Nacht hatte es viel geregnet und ich hatte mir danach ein schönes Schläfchen gegönnt und war somit dezent paniert. Aber zum Glück bin ich ja nicht empfindlich, also einfach das Gröbste abbürsten und dann trotzdem den Sattel drauf. Und die Schuhe an. Weil es Beschwerden gab wegen der weißen Tennissocken, die ich letztes Mal an hatte, hat mein Mädchen jetzt ein paar von ihren Ringelsocken genommen, die vorne ein Loch haben und deswegen für sie nicht mehr taugen, weil ihr sonst der große Zeh friert.

Heute Ringelsocken

Nachdem endlich alle alles angetüddelt hatten, ging es los. Diego heute mit Sattel, weil der Mann ganz langsam wieder anfangen will zu reiten. Erst ist er aber zu Fuß los. Bis zum Dorf, über die Dorfstraße bis zur Bank, dort ist der Mann dann aufgestiegen. Und dann ging es rechts! Oje, wir Ponys waren nicht begeistert. Denn wenn man an der Stelle rechts abbiegt, geht es zum Berg. Aber es nützte nix. Wie wir so Richtung Berg tingeln, passierte etwas ganz kurioses: uns kam eine Reiterin entgegen! Nanu? Sowas passiert doch sonst nicht. Die rief uns zu, sie hofft, dass wir regenfest sind, denn von da hinten kommt es gleich! Mein Mädchen hat sich geärgert über diesen dummen Spruch. Als ob wir nicht selbst wüssten, was eine schwarze Wolke am Himmel so mit sich bringt. Mit dem schönen Sonnenschein ging es nämlich langsam zu Ende, die schwarze Wolke zog unaufhaltsam in unsere Richtung. Aber wir wollten uns unseren Sonntagsausritt nicht vermiesen lassen.

Noch scheint die Sonne aber auf der anderen Seite des Sees ist der Himmel dunkel…

Kurze Zeit später wurde es noch erstaunlicher: noch eine Reiterin! Hä? Wo kommen die denn heute alle her? Weiter ging es in den Wald hinein zum steilsten Stück vom Berg. Der Mann ist wieder abgestiegen, aber mein Mädchen hat mich herausgefordert und gemeint, ich könnte ja mal sehen ob ich sie da hoch getragen kriege. Uff! Das war ein hartes Stück Arbeit, sage ich euch! Aber oben gab es einen wohlverdienten Keks. Inzwischen fing es an zu regnen. Dann weiter den schmalen Weg entlang. Bis wir an eine Stelle kamen, an der es meinem Mädchen doch zu rutschig wurde. Dort ist sie abgestiegen und wir sind ein ganzes Stück hintereinander her durch den Wald geschlittert und gerutscht. Das Wetter hat derweil ordentlich losgelegt mit Wind und Regen, so dass wir ziemlich nass wurden. Schließlich hatten wir den schmalen Weg hinter uns und waren wieder auf dem breiten Weg. Doch was war das? Da kamen uns doch noch zwei Reiter entgegen! Verrückte Welt. Und kurze Zeit später kamen noch drei! Da war wohl irgendwo ein Nest.

Mein Mädchen ist dann wieder aufgestiegen und ich hab sie wie so ein Gentleman durch den Wald getragen. Am steilen Stück Berg (nicht ganz so steil wie der auf dem Hinweg) hat sie kurz gezögert und dann den Mann gefragt, ob ich das schaffe bei dem rutschigen Boden. Der Mann hat sofort gesagt „schafft er“ und so hab ich die Arschbacken zusammengekniffen und mein Mädchen vorsichtig den Berg runter getragen. Das war anstrengend! Da musste ich mich voll konzentrieren, weil da so rutschiges Laub lag. Aber ich kann das! Zack – Mädchen stolz!

Als wir dann aus dem Wald kamen, hatte der Regen aufgehört und das Wetter hat einen auf unschuldig gemacht. Der Mann ist noch ein kleines Stück geritten und dann wieder abgestiegen. Und wie wir der Heimat so langsam näher kommen, da hat das Wetter gemeint, es müsste nochmal eine kalte Dusche spendieren. Igitt! Also die Gesetzmäßigkeit, dass das Wetter schön wird, wenn der schöne Spanier absagt, hat nicht so gut funktioniert. Aber es scheint eine weitere Gesetzmäßigkeit zu geben: anscheinend begegnet man den meisten Reitern, wenn das Wetter am schlechtesten ist. Mein Mädchen kam da gar nicht drüber weg: all die Male, die wir bei Sonnenschein unterwegs sind, treffen wir nie jemanden! Insgesamt treffen wir vielleicht 5 Reiter im ganzen Jahr und jetzt waren es 7 an einem Tag! Das ist äußerst verwunderlich.

Herbststimmung

So, jetzt ist alles gründlich nass und mein Mädchen und der Mann haben die Sättel mit in ihre Wohnung genommen zum trocknen. Wir Ponys dürfen da nicht mit, aber das wollten wir auch gar nicht – zu warm. Wir trocknen uns lieber von innen schön durch und gut is.

Euer nassgeregneter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 563

Gestern war meine kleine Freundin wieder da. Die hab ich länger nicht gesehen und mich gefreut als sie kam, ich mag die. Früher hatte mein Mädchen mich immer im Stall extra gestellt, damit meine kleine Freundin mich in aller Ruhe aufhalftern kann. Jetzt nicht mehr, weil mein Mädchen findet, meine kleine Freundin kann da noch was lernen. Diego stand am Stalltor und hat gedrängelt und ich wusste ja, dass ich dran bin und Merlin und Caruso finden eh immer dass es Zeit für einen Eimer ist und sie deswegen da raus dürfen. Macht 4 Ponys direkt am Tor. Da war meine kleine Freundin etwas überfordert. Mein Mädchen hat dann gesagt, dass sie mich einfach so ohne Halfter raus laufen lassen kann. Ich durfte also raus, dann sagt mein Mädchen „hoooo“ und hofft, dass es klappt. Aber ich bin ja so ein Guter, natürlich bleibe ich dann stehen. Keks! Dann in Ruhe aufhalftern.

Dann kommt die Putzorgie. Während meine kleine Freundin mich sorgfältig gebürstet hat (ich hatte mittags ein ausgiebiges Nickerchen gemacht und deswegen etwas Dreck im Pelz) hat mein Mädchen meinen Zopf wieder aufgemacht, der ja nun schon etwas länger drin war und auch schon ein bisschen auseinander fiel.

Oje, der Zopf war zu lange drin…

Außerdem brauchte sie meine Mähne offen, damit wir mein neues Equipment ausprobieren können! Speziell für Reiterinnen, die sich nicht so sicher sind und gern einen Griff zum festhalten hätten. Da war nämlich die Haus- und Hof-Schneiderin mal wieder fleißig am Werk und hat mir etwas passend auf den Leib geschneidert! Sie hatte mich zwischendurch mal besucht, sich über meine vielen weißen Haare gefreut (sie mag weiße Pferde) und mit fachmännischem Blick, Stecknadeln und kleinen Klemmen alles genau passend abgemessen. Dann hat sie es genäht und jetzt seht nur her! Mein Mädchen findet, es sieht ein bisschen aus wie eine Krawatte. Unten hat es ein dekoratives Herz, oben einen Griff für die Reiterin und einen kleinen Schlitz, durch den mein Mädchen ein paar meiner Mähnenhaare ziehen kann. Damit kann sie den Kragen festflechten, so dass er nicht nach unten rutscht wenn ich den Kopf runter nehme. Und weil das Teil so schön breit ist und den Druck gut verteilt, kann meine Reiterin sich herzhaft festhalten ohne dass es mich stört. Patent, oder?

Henkel-Krawatte in Entstehung
Bequem für alle Beteiligten!

Meine kleine Freundin fand das richtig super. Sie reitet mich ja jetzt ohne Reitpad, weil sie dann besser fühlt, wo sie in der Mitte sitzt und besser im Gleichgewicht bleibt. Und mit dem Extra Haltegriff hat sie sich so sicher gefühlt, dass sie nachher sogar ihren ersten kleinen Galopp gewagt hat! Aber vorher haben wir traben geübt. Mein Mädchen hatte mich an der Longe, aber meine kleine Freundin gibt die meisten Kommandos – ich habe ja „voice control“. Und ich passe soooooo gut auf sie auf. Sobald sie ein bisschen Angst bekommt, halte ich an.

Während wir so am üben waren, ist mir was aufgefallen: wenn ich trabe und dann ein bisschen mehr Schwung in die Sache gebe, dann wird sie ein bisschen unsicher, dann pariere ich freundlich durch und weil ich so ein Guter bin, bekomme ich dafür einen Keks. Aha! So kommt man an die Kekse! Aber was soll ich euch sagen: mein Mädchen hat das fix durchschaut. Sie hat meiner kleinen Freundin erklärt, was da vor sich geht und die hat sofort gesagt, dass ich dann wohl keinen Keks bekomme. Also habe ich das wieder gelassen und bin vorsichtiger getrabt. Schade war das trotzdem, der Trick war sooooo gut! Blöde, dass mein Mädchen so viel mit Ponys zu tun hat und mich so schnell durchschaut. Jetzt muss ich mir neue Tricks ausdenken um an die Kekse zu kommen.

Zum krönenden Abschluss haben wir dann die ersten Galoppsprünge gewagt, meine kleine Freundin und ich. Da war meine kleine Freundin sehr stolz auf sich – und das völlig zu Recht! Anschließend die übliche Möhrenparty und jetzt freuen wir uns aufs nächsten Mal.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit der schicken Henkel-Krawatte

Privilegien

Duncan ist ziemlich erwachsen geworden in den letzten Wochen. Schwer zu beschreiben, aber er ist viel stabiler in sich und es kommt mir so vor als würde er sich nicht mehr so oft selbst im Weg stehen. Seine Laune ist besser, er wirkt vernünftiger. Klar, es kann immer alles am Wetter liegen und ich habe auch wieder an der Fütterung herumgeschraubt – also wer weiß? Aber ich sehe eben wie er sich verhält und dann heißt das, dass ich mein Verhalten an seines anpasse. Und dazu gehört, dass ich ihm mal wieder ein paar Privilegien gebe. Das wichtigste Privileg ist, dass er frei über den Hof laufen darf. Dafür gibt es verschiedene Gelegenheiten, zum Beispiel wenn alle Ponys ihre Schüsseln bekommen. Denn ein Pony – das von unserer Mieterin – bekommt von mir keine Schüssel. Er bekommt dann in der Zeit Heu, aber wenn er die anderen mit ihren Schüsseln sieht, will er da natürlich hin. Ich habe es also am einfachsten, wenn die Ponys mit ihren Schüsseln außer Sicht- oder außer Reichweite stehen. Und das wiederum geht am einfachsten, wenn Duncan über den Hof in einen anderen Stallteil gehen kann. Bisher war ich aber nicht sicher, ob ihm nicht auf dem Weg allerhand „wichtige“ Dinge einfallen, die er tun muss und die plötzlich wichtiger sind als ich (und ja, teilweise auch wichtiger als die Schüssel). In den letzten Wochen – vielleicht auch durch das Freedom Based Training das wir gemacht haben – ist er besser in der Lage, mich und meine Wünsche als Priorität wahrzunehmen und vorrangig zu erfüllen. Während es vorher ziemlich egal war, ob ich geschimpft habe wie ein Rohrspatz, ist durch ruhiges, körpersprachliches „Kommentieren“ seiner Verhaltensweisen jetzt eine viel schönere Art der Kommunikation entstanden. Aber ich glaube nicht, dass das ein reiner Trainings-Erfolg ist, denn auch in der Herde verhält Duncan sich deutlich erwachsener, übernimmt mehr Verantwortung, ist nicht mehr so launenhaft wie vorher.

Wir waren schon einmal an dem Punkt, an dem Duncan auch frei auf dem Hof stehen durfte. Dann kam aber eine Zeit, in der er das ein paar mal ausgenutzt hat und ich entschied, dass es dieses Privileg dann eben nicht mehr gibt. Wer nicht wartet, wenn ich das sage, der wird eben ans Halfter gelegt und auch angebunden, damit ich in Ruhe tun kann, was eben gerade zu tun ist.

Ob die Pferde verstehen, dass das freie Stehen – auch ohne Halfter – ein Privileg ist, dass man sich verdient? Dass man es selbst auch wieder verspielen kann? Ich weiß es nicht. Aber es schadet in diesem Fall nicht, davon auszugehen, dass sie das verstehen. Wenn sie es nicht verstehen, hat es keinerlei negative Konsequenzen. Wenn sie es aber verstehen, können sie lernen, mit kleinen Freiheiten gut umzugehen. Wenn Duncan ohne Halfter auf dem Hof steht und ich ihn rufe, damit er in den Stall kommt, finde ich es völlig ok, wenn er auf dem Weg noch schnell einmal in all die leeren Schüsseln schaut, die da stehen oder noch eine kleine Förster-Einheit an der Stallwand einlegt, wo wieder mal ein Löwenzahn durch die Ritze am Boden wächst. Nur von seinem Weg abweichen soll er eben nicht.

Mein älteren Ponys dürfen auch mal auf dem Hof grasen. Sie wissen ganz genau: wenn sie die Grundstücksgrenze überschreiten, hole ich sie sofort in den Stall und der Schmaus ist beendet. Das führt dazu, dass ich manchmal nur kurz meine Stimme warnend erhebe und die Ponys ihre grase-Richtung dezent ändern. So weit ist Duncan mit Sicherheit noch nicht, aber das kommt irgendwann auch noch. Und nebenbei erleichtert es MEIN Leben ungemein. Nicht immer erst ein Halfter anziehen zu müssen, sondern ein Pferd auch mal eben aus der Stalltür raus lassen zu können, ist für MICH ein Privileg.

Mal sehen, welche Privilegien sich noch ergeben. Im Gelände bleibt es schwierig, denn auch wenn Duncan gern den Weg aussuchen würde und ich grundsätzlich nichts dagegen hätte, wählt er eben doch keinen Weg (es gibt auf unsere Hausrunde einfach nur zwei Stellen wo das möglich wäre), sondern möchte lieber aufs Feld (vorzugsweise auf jedes das grün aussieht). Aber wer weiß, eines Tages. Und auch die Wahl der Gangart werde ich ihm vielleicht eines Tages öfter überlassen (können), was allerdings von mir gelegentlich mehr Mut erfordern wird (und mehr Zutrauen in seine Fähigkeiten, dann im Zweifel schnell wieder hinzuhören). Und vielleicht gibt es noch andere Stellen, die ich finden kann, um ihm mehr Freiheiten zu geben – mit dem gleichzeitigen Auftrag, mehr Verantwortung zu übernehmen.

Erstmal bin ich jetzt gespannt, ob er erwachsen bleibt (bei Finlay war das so, der war mit 6 Jahren erwachsen und blieb es auch) oder ob noch ein, zwei oder mehr Pubertätsschübe kommen. Dann kann es sein, dass ich Privilegien zeitweise wieder abschaffe. Vorerst freuen wir uns wohl beide darüber, dass es gerade so fein läuft.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 562

Es gab wieder keinen Sonntagsausflug diese Woche – das wird hier langsam zur schlechten Gewohnheit! Mein Mädchen war etwas matt und wollte deswegen nur auf dem Platz reiten. Naaaaaa gut. Sie hat aber versprochen, so bald wie möglich einen kleinen Ausritt ins Programm einzubauen. Montag war das Wetter mies und die Zeit zu knapp, da haben wir Schritt-Stangen in der Halle gemacht. Dienstag war die Zeit auch knapp und außerdem niemand zu hause, also waren wir nochmal auf dem Platz reiten. Aber heute war es so weit! Wir sind mal wieder ganz allein losgezogen und haben unsere Hausrunde gedreht!

Aber bevor es los geht ist ja immer allerhand zu tun. Hufschuhe anziehen, weil es da doch ein Stück weit sehr steinig zugeht. Weil mein Mädchen nicht ganz zufrieden ist mit dem Sitz der Schuhe wollte sie die kleine Runde nutzen um was neues zu testen: Socken! So ein paar olle Tennissocken von ihr mussten herhalten. Die hat sie über meine Füße gezogen (das ging gerade so ganz knapp) und dann die Hufschuhe drüber. Sieht bisschen peinlich aus, aber wenn es funktioniert, kann ich ja vielleicht noch Ringelsocken bekommen, dann geht das wohl. Oder was in orange oder apfelgrün – na sehen wir mal. Beim Hufschuhe anziehen machen wir immer gleich noch eine kleine Dehnübung. Dann nimmt mein Mädchen mein Hinterbein und führt es vorsichtig nach hinten bis das Bein lang gestreckt ist. Aaaaaah das entspannt schön.

Socken und Dehnübung

Dann satteln und so. Mein Mädchen muss sich ja auch immer allerhand antüdeln, Helm, Schutzweste, Handschuhe, dann das Handy an die Leine legen und die App starten damit der Mann sehen kann wo wir uns herumtreiben. Dann noch das Leitseil vom Bosal in den Gürtel stopfen und das alles mit Winterklamotten, das dauert, sage ich euch. Ich lass mir dann immer zwischendurch ein Stück Apfel geben, das hilft beim geduldig sein. Dann endlich aufsteigen und los! Ich habe schon direkt klar und deutlich angesagt, dass ich LINKS vom Hof möchte. Mein Mädchen meinte, so wie ich abbiege, hängt sie am Baum und das will sie nicht. Bitte den Bogen etwas größer, ich darf ja nach links. Na gut. Ich bin gleich losmarschiert – naja, marschieren ist das noch nicht. Ich bin am Anfang immer seeeeeehr langsam weil mein Kopf so viel zu tun hat. Aber mein Mädchen findet, es ist schon besser geworden, flüssiger und mutiger. Und ich will auf jeden Fall los, auch wenn ich (genau wie mein Mädchen) meinen Mut zusammenkratzen muss! Auf dem Nachbaracker wurden Zuckerrüben geerntet. Mein Mädchen meint, in den 20 Jahren die sie hier wohnt, kann sie sich nicht erinnern, dass mal Zuckerrüben in unserer Nähe angepflanzt waren, deswegen kennt sie auch den Ablauf der Ernte nicht. Da war ein großer Trecker mit Anhänger unterwegs und so eine Art „Spezial-Trecker“ der die Zuckerrüben aus dem Boden geholt hat. Und wie das Schicksal es wollte, waren die gerade da am Feldrand unterwegs als wir da hin kamen. Ich fand das jetzt nicht soooo dramatisch, aber mein Mädchen ist dann doch lieber abgestiegen. Vorteil für mich, denn es gab Apfelstückchen! Obwohl ich mich ehrlich gesagt nicht wirklich gefürchtet habe. Das sind doch auch nur Trecker – laut und groß und immer für ein komisches Geräusch gut, aber harmlos.

Als das geschafft war, ist mein Mädchen an der großen Eiche wieder aufgestiegen. Hier beginnt unsere traditionelle Trabstrecke. Da der Grasweg immer etwas bergauf und bergab geht, muss man da bei diesem feuchten Wetter gut auf seine Füße aufpassen, aber ich hab das drauf. Schnell war ich nicht, aber mein Mädchen war zufrieden. Dann den Dornröschenweg, den können wir jetzt auch schon entspannter meistern. Meinem Mädchen ist aufgefallen, dass ich wohl mehr innere Ruhe habe, weil ich nicht mehr ständig nach dem Gras haschen muss (das ist so eine kleine Marotte von mir, wenn ich nervös bin, brauche ich unbedingt was zu futtern….). Als wir an den steilen Berg kamen, ist mein Mädchen abgestiegen, denn da kann es wirklich rutschig werden. Ich durfte dann noch schön was grasen und sie hat ein Foto an den Mann geschickt und sich gefreut, wie toll wir das alles können. Beim Grasen sollte ich wieder meine Umwelt im Blick behalten und mein Mädchen findet, dass ich darin auch schon viel besser geworden bin.

Dann wieder rauf – da war ein Fasan im Gebüsch, der hat erst rumgeraschelt und dann sein typisches Geschrei gemacht und ich bin NICHT zusammengezuckt! Da war mein Mädchen sehr stolz und hat sogar noch ein Apfelstückchen springen lassen. Diese kleinen Momente zeigen ihr, dass ich doch schon deutlich entspannter alleine unterwegs bin. Dann noch ein kleines bisschen Trab, im Schritt an all den Pferden vorbei, die bei Nachbars Nachbarn wohnen und auf den letzten Metern haben wir noch ein bisschen Schenkelweichen geübt, bevor wir dann gemeinsam die Mülltonne mit rein genommen haben.

Mädchen wieder stolz wie Oskar und ich bin auch sehr zufrieden mit diesem feinen kleinen Ausflug und fühle mich seeeeeeehr erwachsen.

Euer allein ausreitender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 561

Hallo Mädchen, was steht denn heute auf dem Programm? Ich hatte diese Woche zwei Tage frei und noch gar keinen Ausritt, mir ist bisschen langweilig…. Mein Mädchen hat sich erstmal gefreut, dass ich so hochmotiviert angekommen bin. Ich durfte dann auch prompt meine Schüssel mit Schmatzofatz leeren (derzeit wieder besonders klebrig weil ich nach der ganzen Eichelsucherei wieder Flohsamen kriege, falls ich Sand mit gefuttert habe).

Dann Hufschuhe an und satteln. Oh, das sieht ja nach Ausritt aus, jetzt bin ich gespannt! Niemand sonst hier, gehen wir alleine raus? Plötzlich kommt da ein Pferd um die Ecke – auf unseren Hof rauf! Hm. Aber ich bin ja ein Guter, habe mich konzentriert und brav gewartet bis mein Mädchen aufgestiegen war und nachgegurtet hatte. Und dann sind wir mit dem fremden Pferd ausreiten gegangen! Jetzt war ich aber baff. Sowas ist mir ja noch nie untergekommen! Da war ich mir nun gar nicht so sicher, was ich davon halten soll. Mein Mädchen meinte, sie hätte doch eher damit gerechnet, dass ich aufgeregt und deswegen flott unterwegs bin, aber ich hatte Denkblockade. Ich war so mit dem fremden Pferd und der neuen Situation beschäftigt, dass keine Hirn-Kapazitäten mehr fürs Laufen frei waren. Mein Mädchen war maulig, weil sie meinte ich sei so klemmig, aber sie dachte sich schon, dass das ein Kopf-Problem ist. Es hat ein paar Kilometer gedauert, bis ich mich ein bisschen eingekriegt hatte, nachher ging es dann.

Der Fremde ist ein Araber und ein Vollprofi. Der ist neulich 110km Distanzritt gelaufen! Holla die Waldfee! Trotzdem voll die coole Socke. Eilig hatte der das nicht. Schien ihm auch nichts auszumachen, sich einfach an mein Tempo anzupassen. Apropos Tempo: Im Nachbardorf stand ein komisches Dings an der Straße, da hat mein Mädchen gemeint, wir dürfen nicht zu schnell daran vorbei! Aber „nicht zu schnell“ heißt in dem Fall wohl nur „nicht im vollen Renngalopp“. Und der war ja nun eh nicht angesagt. Stattdessen waren wir die meiste Zeit im Schritt unterwegs, mit kleinen Trabeinlagen zwischendurch, da wo mal schöne Wegabschnitte waren. Die sind leider eher rar gesät bei uns in der Umgebung. Aber Schritt reiten ist ja voll gut für die Grundkondition, sagt mein Mädchen. Nicht für ihre, aber für meine – ich bin eh der einzige von uns der fit ist.

Gut, dass wir gerade im Schritt unterwegs waren!

Mir war ziemlich warm, ich habe in den letzten Tagen noch ein bisschen mehr Pelz produziert, falls es doch noch einen schottischen Winter geben sollte. Mein Mädchen meint, ich übertreibe maßlos und sie überlegt, ob sie mich nicht lieber noch etwas entpelzen sollte. Aber wer weiß schon, was das Wetter bringt? Schwierige Frage. Der Vollprofi-Araber hingegen trug schon ein Nierendeckchen, damit er sich ja nicht sein zartes Popöchen verkühlt. Tssssss…. Mimose. In Schottland wäre der ganz schnell weg vom Fenster. Ok, dafür werde ich wohl nie 110km an einem Tag laufen, fairer Ausgleich.

16km in 2,5 Stunden haben wir gemacht. Also mein Mädchen und ich. Der Vollprofi ist vorher schon 5km bis zu uns gelaufen und nachher wieder nach hause. Aber er ist ja Vollprofi, dem machen die 10km extra nichts aus. An der letzten Kreuzung haben wir uns getrennt, er hat sich rechts auf den Heimweg gemacht, wir sind links abgebogen. Mein Mädchen war nicht sicher, wie ich das finde, aber wisst ihr was? Mir ist das einerlei. Wir waren ja eh nur noch 650m von zu hause weg, die hab ich einfach in Ruhe abgebummelt.

Mein Mädchen ist wieder mächtig stolz auf mich, weil ich das sooooo toll gemacht habe. Ja ok, ich hab ein bisschen geklemmt und nachher ein bisschen öfter geäppelt als normal, weil ich halt doch nicht soooooo tiefenentspannt war, aber mein Mädchen weiß es zu schätzen, dass ich mich nur innerlich aufrege und sich das nicht in Rennen, Buckeln oder ähnlich dummem Zeug äußert. Auch wenn sie es anstrengend findet, wenn ich so klemmig laufe, ist ihr das natürlich lieber als alles andere. Und sie meint, der Rest ist Übungssache.

Das Mädchen vom Vollprofi-Ausreitkumpel war hingerissen von mir (was sonst?) weil ich in meinen jungen Jahren so fein gelassen und artig bin. Sie meinte, ich würde bestimmt gut schlafen nach diesem feinen Abenteuer. Pah, da kennt sie mich aber schlecht! Als Diego abends noch wippen durfte, hätte ich gern auch nochmal mitgemacht. Aber leider muss mein Mädchen ja auch mal andere Sachen machen als mit uns Spaß zu haben – schade.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit dem neuen Ausreitkumpel

Leistung

Meine Workshop-Teilnehmer der 2. Generation (die den wesentlich besseren Workshop genießen konnten) haben sich ein neues Thema bestellt und das geistert durch meinen Kopf. Und ich glaube, ein großer Teil dieses Themas besteht in der Frage, was wir von unseren Pferden verlangen dürfen. Eine Schülerin hat das, was viele von uns insgeheim empfinden mal so schön auf den Punkt gebracht. Ihre Formulierung war ungefähr „er soll das machen was ich möchte, aber er soll es freiwillig und gern tun“. Da muss ich spontan an die Frauen denken, die sich wünschen, dass ihr Mann ihnen Blumen mitbringt, ihm das aber nie sagen, weil er es sonst ja nur tun würde, weil sie es ihm gesagt haben. Und dann ist es nicht freiwillig. Und überhaupt: wenn er mich wirklich lieben würde, wüsste er doch, dass ich Blumen möchte. Ja, so schwer kann man sich das Leben gegenseitig machen und ich höre das soll gar nicht so selten sein. Ich bin ja, wie man heutzutage so schön sagt, „socially awkward“ an der Stelle. Wenn ich gefragt werde, was ich will, sage ich, was ich will. Und oft genug sage ich das auch dann, wenn ich nicht gefragt werde. Gleichzeitig erwarte ich das selbe von meinem Gegenüber. Spuck´s halt aus und sag nicht lauter unwahres Zeug, von dem du denkst dass ich es hören will.

Vielleicht mag ich deswegen die Highlandponys so gern (und die meisten anderen Ponyrassen), weil die meist genauso geraderaus sind. Die haben keinen übermäßigen Respekt vor irgendwem, die möchten nicht um jeden Preis gefallen, die verbiegen sich nicht endlos für jemand anderen. Die kooperieren oder sie tun es eben nicht. Insofern ist ein gewisses Maß an „Freiwilligkeit“ bei diesen Rassen immer gegeben, denn wenn die etwas nicht wollen, dann sagen sie das. Man kann da nicht aus Versehen drüber hinweg gehen ohne es zu merken und zu wollen. Die teilen einem auch mit, wenn sie etwas blöd finden. Man kann trotzdem natürlich mit beliebig viel Druck über so ziemlich alles hinwegbügeln, was sich einem als Widerstand bietet, aber ich hoffe sehr, dass die Leserinnen meines Blogs nicht zu den Leuten gehören, die das tun.

Wirkliche Freiwilligkeit sehe ich bisher nur bei Elsa Sinclair. Sie hat gezeigt, dass die Pferde wirklich bereit sind, aus freien Stücken mit uns zu arbeiten, wenn wir genug Zeit und Wissen investieren. Warum arbeite ich trotzdem nicht ausschließlich nach ihrer Methode? Weil mein Pony – genetisch bedingt ein sehr guter Futterverwerter – sonst noch weniger essen dürfte, weil der Sport fehlen würde. Und weil ich mit ihm vereinbart habe, dass wir gemeinsam Abenteuer erleben wollen. Jedes einzelne Mal, wenn er von selbst in den Anhänger einsteigt, bestätigt er mich darin. Jedes einzelne Mal, wenn er drängelnd am Zaun steht und dringend etwas tun möchte, bestätigt er mich darin. Er kennt die Zusammenhänge, er weiß, was passiert, wenn er mit mir auf den Reitplatz geht oder den Hof verlässt. Und wenn er mir deutlich signalisiert, dass er Lust darauf hat, dann ist das zwar alles nicht ganz freiwillig (er trägt ein Zaumzeug, ich bestimme Gangart und Richtung), aber Spaß macht es ihm trotzdem. Deswegen glaube ich nicht, dass nur die reine Freiwilligkeit Pferde glücklich macht. Bei uns Menschen ist das übrigens nicht anders, wenn man es mal kritisch beleuchtet. Viele Dinge tun wir durchaus nicht ganz freiwillig – Spaß machen können sie trotzdem.

Als ich hier eine tolle Doku über den Tevis-Cup, das härteste Distanzrennen der Welt, gesehen habe, habe ich genau die beiden Seiten sehen können. An einer Stelle habe ich zu Arnulf gesagt: „ich möchte nicht, dass mein Pferd so müde aussieht“. Hier wäre für mich die Grenze, über die ich mein Pferd nicht hinweg treiben wollen würde. Andererseits: diese Pferde sind bereits viele Distanzritte gelaufen. Sie wissen, was sie erwartet. Einige sind auch schon mehrfach beim Tevis Cup gestartet, natürlich wissen sie, wo sie sind. Trotzdem starten sie hochmotiviert, sie haben Lust, sie geben Gas und müssen am Start vielfach noch ausgebremst werden. Ich denke, gute Distanzpferde haben – so wie menschliche Hochleistungssportler – auch Spaß daran, ihre eigenen Grenzen auszuloten. Ganz abgesehen vom menschlichem Ehrgeiz wissen wir hoffentlich alle, wie gut es sich anfühlen kann, etwas geschafft und geleistet zu haben. Da sind einfach Hormone im Spiel, die sicherlich auch die Tiere haben, auch wenn die kein Interesse an einem Pokal oder einer Preisverleihung haben.

Wie viel Leistung darf ich also verlangen von meinem Freizeit-Pony? Ich glaube, der Knackpunkt an dieser Frage ist, dass die Antwort sich jeden Tag ändert. Wie ist das Wetter, die Fitness, der Trainingszustand, die Laune? Je trainierter ein Pferd ist, desto mehr möchte es tun. Diese Lektion hat Duncan mir neulich ja auch mal wieder erteilt, als er dieses innere Kribbeln spürte.

Ich möchte alle Freizeitreiterinnen ermutigen, ihre Pferde mal ein bisschen mehr zu fordern. Viele bleiben weit unter ihren Möglichkeiten und ich persönlich glaube, dass das einen Beitrag zu den vielen körperlichen Problemen leistet, die unsere Pferde haben. 20 Minuten Galopp jede Woche, so sagt man, braucht eine Pferdelunge um gut belüftet zu werden. Und auf Kilometerzahlen von 10-30km am Tag kommt auch kaum ein Pferd. Leider kann keine Kopfarbeit der Welt ersetzen, dass unsere Pferde – seit vielen Generationen auf Bewegung spezialisiert – einfach laufen müssen um gesund zu bleiben und das auch auf der Weide und im allerschönsten Offenstall nicht genügen tun.

Die allerwenigsten Reiterinnen werden den Ehrgeiz haben, den Tevis Cup zu reiten (ich persönlich bin – ganz abgesehen vom Pferd – weit davon entfernt mir selbst so etwas antun zu wollen), aber ein bisschen mehr Sport wäre nicht nur für uns Menschen, sondern eben auch für unsere Pferde eine feine Sache. Und wenn wir es dann schaffen, das so zu gestalten, dass unsere Pferde Lust darauf haben und dass sie ein gewisses Mitspracherecht haben, dass sie auch mal „nein“ sagen dürfen oder einen Gegenvorschlag machen, dann können wir schon auch mal Leistung verlangen und am Ende sehen, wie stolz ein Pferd sein kann, wenn es etwas geschafft hat.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 560

Gestern waren wir wieder „ausreiten mit alleine ausreiten“. Diesmal in einer neuen Version: Alle zusammen rechts vom Hof, dann Richtung Nachbardorf. Wieder rechts, an den Rindern vorbei. Sobald wir die abgecheckt hatten, sind mein Mädchen und ich mal munter voran getrabt. Der Mann war mit Diego zu Fuß unterwegs, die sind also im Schritt geblieben (unsere Menschen könne ja nicht gut traben und galoppieren, obwohl ich gehört habe, dass es Menschen geben soll, die das können!).

Als wir einen schönen Vorsprung hatten (so nach 1km Trab) ist mein Mädchen abgestiegen und ich durfte grasen, bis die beiden uns eingeholt hatten. Weiter ging es gemeinsam ins Dorf, die Dorfstraße entlang. An einer Stelle sind wir rechts abgebogen und mein Mädchen meinte, wir könnten doch nochmal traben. Hmmmmm bist du sicher? Ja, sie meinte das klappt. Alsbald waren Diego und der Mann wieder außer Sichtweite. Ich bin zwar getrabt, aber so richtig sicher war ich mir nicht. Plötzlich, als wir auf einem sehr schönen Stück Weg waren höre ich plötzlich von oben „Aaaachtung… und hopp!“ Echt jetzt? Ich soll galoppieren? Hab das mal zaghaft angedeutet. Keks! Hm. Nochmal: „Aaaachtung… und hopp!“ Galopp. Aber nach drei Sprüngen hat mich der Mut verlassen. So ging es ein bisschen, bis ich schließlich gedacht hab „was soll´s, sie will galoppieren, ich kann das“. Bin gemütlich losgaloppiert, mein Mädchen hat sich gefreut. Kurze Zeit später mussten wir aber auch schon wieder durchparieren, weil wir abbiegen und an einer weiteren Rinderkoppel vorbei mussten. Und wie ich dann so im Schritt weitergehe, sehe ich von weitem Diego vor uns! Hä? „Ick bün all hier“ scheint er zu sagen. Ich konnte aber nicht weiter grübeln, weil ich sehr beschäftigt war mit all den Dingen um mich herum: links war ein Mann auf einem großen Silo-Haufen, der dort ein Netz ausgelegt und mit Reifen beschwert hat, rechts waren Kinder auf einem Spielplatz und ein Stück weiter kam dann links ein Hof mit Rindern und allerhand Zeug was da so rumliegt. Da habe ich Diego ins Visier genommen und gedacht „zur Not renne ich ein Stück bis zu ihm, der scheint sich ja sicher zu sein“. Aber ich musste nicht rennen, ich konnte ganz gesittet an all den gruseligen Dingen vorbei gehen.

Dann wieder zusammen – links auf die Dorfstraße und den Heimweg angetreten. Als mein Mädchen und ich uns von unserer Extra-Tour erholt hatten, sind wir nochmal munter vorweg getrabt und dann alleine im Schritt weiter. Bisschen Schenkelweichen üben, lauschen ob Diego schon hinterher kommt, ja kam er. Weiter im Schritt. Komisch, die holen uns ja gar nicht ein? Na dann kann ich ja hier nochmal schön was grasen, das passt mir doch ganz gut. Da kommen sie ja! Aber was ist das? Der Mann war sockfuß unterwegs! Den drückten die Schuhe irgendwie. Mein Mädchen hatte Mitleid mit ihm und meinte, Diego könnte ihn doch das Stück nach hause tragen, die Tierärztin hat ja eh gesagt, er soll wieder ins Training kommen. Also ist der Mann auf Diegos Rücken geklettert und hat sich nach hause tragen lassen.

Sockfuß nach hause

Als wir am Hof ankamen, stand da noch die Papiermülltonne, die war schon geleert und sollte jetzt wieder in die Scheune. Da dachte mein Mädchen sich, eh sie jetzt wieder absteigt und die Tonne neben mir her zieht wie sonst, kann sie sie ja auch mal von oben ziehen. War ein bisschen sportlich, weil sie sich ganz schön runterbeugen musste, dann noch die Tonne ziehen und stabil halten und mich lenken. Der Mann hat ihr dann mit einem Seil ausgeholfen, so ging es etwas leichter. Aber das Beste kommt noch: Der Mann war beeindruckt von mir! Und das ist wirklich richtig selten. Der ist nicht leicht zu beeindrucken. Aber die Nummer mit der Mülltonne fand er spektakulär.

Ich bin also wieder der beste, größte, schönste und erwachsenste Schotte unter der Sonne (und mein Mädchen fürchtet sich schon davor, dass mein Selbstbewusstsein leicht gestiegen sein könnte).

Euer großartiger Sir Duncan Dhu of Nakel