Unsere Ponys leben schon recht luxuriös. Sie haben ihren Stall und zusätzlich noch unsere kleine Halle, in deren Sandboden mit den vielen Steinen dazwischen sie sich regelrechte „Schlafkuhlen“ bauen – sehr zu unserem Leidwesen. Einen Teil dieser Halle haben wir mit Litze abgezäunt, dort steht die Wippe und der Steg, so können wir beides nutzen ohne auf- und abbauen zu müssen. Wenn ich also ein Pony durch die Hallentür auf den Hof führen will, müssen wir erst durch diese Litze und den „Wippenraum“ um auf den Hof zu kommen.
Für unseren Workshop (ich suche übrigens Versuchskaninchen der 2. Generation…..) haben wir die Litze abgebaut und Steg und Wippe an die Wand geschoben. Stattdessen standen dort Tisch, Stühle und allerhand Equipment. Und da wir das alles noch nicht wieder weggeräumt hatten, haben wir nach dem Workshop die Litze wieder gespannt und alles hinter der Litze stehen lassen, damit die Ponys die Halle wieder nutzen (und neue Schlafkuhlen buddeln) können. Gestern, als ich Duncan zum ausreiten abholen wollte, stand der in der Halle und also habe ich ihn durch die Litze in den „Wippenraum“ laufen lassen – ohne Halfter. Ich habe erst die etwas widerspenstige Litze wieder zugemacht, dann nach meinem Pony gerufen. Komm! Wir wollen doch los!
Aber Duncan wollte noch nicht los. Duncan wollte gern all die Dinge anschauen, die da standen, die sonst nie da stehen. Und wieder mal merkte ich, wie unachtsam wir Menschen oft sind. Es ist doch toll, wenn mein Pony Lust hat, zu gucken, zu schnüffeln, zu betasten und zu erkunden! Diese Neugierde wollen wir doch erhalten! Also habe ich mich von ihm leiten lassen, bin – das Halfter in der Hand – zu ihm gegangen und habe mir mit ihm gemeinsam die Dinge angeschaut. Das hat nicht länger als eine Minute gedauert, aber für mein Pony war es wichtig und offensichtlich hoch interessant. Als er alles angeschaut hatte, drehte er mir den Kopf zu und signalisierte mir, dass er bereit ist, loszuziehen. Ich durfte ihn aufhalftern und er kam selbstverständlich mit auf den Hof.
Später, als wir dann auf unserem Abenteuer-Ritt waren, und ich so manches mal nicht auf Duncans Wünsche eingegangen bin (nein, wir verkosten nicht jede Pfütze, nein, wir bleiben nicht alle paar Meter für ein Maulvoll stehen, nein, wir meckern unser Begleitpferd nicht an, nein, wir gehen jetzt noch nicht Schritt) war ich froh, dass ich vorab die Chance genutzt hatte, ihm seinen Wunsch zu erfüllen. Es ist eine kleine Geste, aber sie macht einen großen Unterschied, ich glaube wir alle wissen das und haben es schon erlebt. Die meiste Zeit in unserem Zusammensein bestimme ich, was wir tun und lassen. Die kleinen Gelegenheiten zu nutzen, die sich ganz nebenbei ergeben, um ihn bestimmen zu lassen, ist mir wichtig geworden. Es gibt mir – und hoffentlich auch ihm – das Gefühl von mehr Partnerschaftlichkeit. Duncan hat gestern auch in seiner Müdigkeit noch alles richtig gemacht, alle wichtigen Regeln noch parat gehabt und mich noch wahrgenommen, obwohl sein Kopf so voll war mit all den Eindrücken. Im Gegenzug möchte auch ich versuchen, ihn wahrzunehmen, auch wenn ich müde oder unter Zeitdruck bin. Denn oft dauert es nur wenige Sekunden, einen kleinen Wunsch zu erfüllen: kannst du mich da mal kurz kratzen, können wir kurz anhalten damit ich die Fliege wegmachen kann, kann ich da mal eben schnuppern, darf ich einmal schauen bevor ich da weiter gehe. Oder auch die anderen Wünsche, die er äußert: wollen wir ein Stück galoppieren, können wir die Wegseite wechseln, darf ich vorneweg gehen, kann der andere mal vorneweg gehen, muss die Dusche heute sein?
Mit meiner Mitreiterin tausche ich mich darüber aus, wie wir früher gelernt haben, was die Pferde alles nicht dürfen. Weil dieses oder jenes Verhalten bedeutet, sie seien „dominant“ (in meinem Kopf immer übersetzt als „will die Weltherrschaft an sich reißen“). Setz dich durch, der verarscht dich und zeig ihm wer der Boss ist sind Sätze, die wir beide so oder so ähnlich recht oft gehört haben. Ja, ich bin in unserer Beziehung meistens die „Chefin“. Aber ich möchte ein gute Chefin sein, keine Tyrannin. Ich möchte die Persönlichkeit meines Ponys wahrnehmen, seine Stärken fördern. Denn die kleinen Anfragen die er so stellt, nutzen letztlich auch mir: ich lerne z.B. etwas über ihn. Was findet er interessant, worauf hat er Lust, womit kann ich ihn belohnen? Und dieses Anschauen von neuen Dingen ist doch super, wenn wir mal an etwas gruseligem vorbeikommen. Schau es dir an (in seinem Fall heißt das: dran riechen und mit der Nase leicht berühren) um festzustellen, was das ist. Als meine Mitreiterin gestern meinte „es riecht hier nach Wildschwein, oder?“ musste ich zugeben, dass außer nervigem Fliegenspray kein Duft an meine Nase kam. Aber ich war sicher, dass es nicht nach Wildschwein riecht, weil mein Pony nicht reagierte (und ihres auch nicht). Ich weiß, wann es nach Wildschwein riecht, weil mein Pony das anzeigt.
Und da dachte ich gleich wieder an unseren allerersten Spaziergang, auf dem Duncan mich schon gleich eines Besseren belehrt hat: er sieht, hört und riecht Dinge von denen ich keine Ahnung habe. Wenn Duncan also sagt: ich möchte das da anschnuppern, dann darf ich auch mal voller Bewunderung daneben stehen und versuchen zu ergründen – oder auch nur zu erraten – was für Informationen er gerade aufnimmt, die sich mir leider nie erschließen werden.
Es gibt also viele gute Gründe, diese eine Minute zu investieren und meinem Pony die Zeit zu geben, zu schauen. Der wichtigste Grund ist und bleibt für mich aber der einfachste: ich mag mein Pony und ich möchte die Welt mit ihm gemeinsam erleben.
Fantastisch! Einfach so wahr. Und so wichtig für all diejenigen unserer
Generation, die in den Siebzigern als Teenager aufgewachsen sind mit
genau der Lehr-Vorgabe: „Zeig ihm, dass du immer der Boss bist!“ Viele
von uns haben Angst und sehen ein Nachgeben als Schwäche, die dann
gnadenlos ausgenutzt wird. Aber außer bei Grashalmen ist das ja gar
nicht so.
Nikola
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