Allein

Ich bin gerne viel allein. Mein äußerst privilegiertes Leben ermöglicht mir zum Glück, diesem Bedürfnis nachzugehen. Absammeln, Zäune reparieren, füttern, Haushalt, alles Dinge, die ich meistens alleine mache und mich dabei pudelwohl fühle. Ich kann meinen Gedanken nachhängen oder genau die Musik oder den Podcast hören den ich gerade hören will – in der Lautstärke, die mir gerade passt. Ich kann mir selbst überlegen in welcher Reihenfolge ich meine Arbeit angehe und muss mich nicht absprechen und keine Rücksicht nehmen. Herrlich. Als Arnulf plötzlich zu Coronazeiten komplett im Homeoffice war, wurde das für mich zu einer kleinen Herausforderung.

Pferde hingegen wollen in der Regel nie allein sein, so sagt man. Obwohl das nicht ganz stimmt, denn auch in der Natur gibt es zumindest unter den Hengsten welche, die allein leben. Ob das ihre freie Wahl ist, weiß ich natürlich nicht. Unsere Ponys sind hier zu fünft, so dass selbst wenn zwei weg gehen noch drei übrig bleiben und nie jemand allein sein muss. Aber durch die Weitläufigkeit unseres Rundlaufs (genau genommen sind es 2 Rundläufe, ein größerer und ein kleiner) und die Anordnung der Stallgebäude sind die Ponys schnell aus der Sichtweite der anderen raus.

Als Duncan hier einzog, war das manchmal ein Problem für ihn: wenn er mit sich und dem Fressen beschäftigt war, kriegte er manchmal nicht mit, dass die anderen ihren Standort verlagern und war dann plötzlich allein. Dann wieherte er verzweifelt und rannte in Höchstgeschwindigkeit um den Rundlauf herum – manchmal zwei Runden, bevor er merkte, dass alle in die Halle gegangen waren. Es dauerte eine ganze Weile, bis die Angst nach ließ und er verstanden hatte, dass die anderen Ponys schon noch da sind: er muss sie nur finden.

Manchmal sind unsere Ponys alle zusammen unterwegs. Sie bleiben dicht beieinander und haben alle die selbe Idee – sei es dösen oder Eicheln suchen, sich im Stall verkriechen vor Hitze oder Fliegen, oder einfach um den Rundlauf wandern und Grashalme erhaschen. Zu anderen Zeiten sind sie weit verteilt und jeder macht seins. In letzter Zeit hält Duncan sich sehr viel ohne die anderen oben am Zaun zu den Nachbarpferden auf. Während die beiden Stuten auf der einen Seite grasen, nascht er auf unserer Seite des Knicks Blätter und zupft die letzten grünen Halme. Seine Kumpel sind dabei oft ganz woanders. Aber auch sonst konnte ich im Laufe der letzten drei Jahre beobachten, wie Duncan immer selbstständiger wurde. Lange hat er die meiste Zeit des Tages damit verbracht, genau das zu nachzumachen, was Diego macht. Heute trifft er viel mehr eigene Entscheidungen. Er verbringt gern viel Zeit mit Caruso, die beiden sind schon lange „partners in crime“ und „gemeinsam unausstehlich“. Aber wenn Caruso sich im Stall verkriecht, weil die Kriebelmücken über ihn her fallen, ist das für Duncan kein Anlass mit rein zu gehen – dann wandert er eben alleine weiter und geht seinen eigenen Ideen nach. Ich glaube, dass Duncan inzwischen alt genug ist, um sich auch ohne großen Beschützer sicher zu fühlen (zumindest da, wo er sich auskennt).

Viele Pferde müssen zwangsweise lernen, allein zu sein: auf dem Reitplatz, beim Ausreiten oder im Anhänger. Mein Duncan hat das – genau wie Finlay – nebenbei gelernt und ich glaube, dass das viel mit unseren Haltungsbedingungen zu tun hat. Dass die Ponys sich oft aus den Augen verlieren, trägt dazu bei, dass sie sich daran gewöhnen, mal auf sich gestellt zu sein. Man könnte argumentieren, dass das sehr unnatürlich ist. Allerdings ist vieles unnatürlich und hier in unserem kleinen Paddock-Paradies haben die Ponys ja die Wahl und könnten auch den ganzen Tag zusammen sein – wie Duncan es auch anfangs bevorzugt hat. Die Tatsache, dass er das jetzt nicht mehr so macht, ist für mich ein Hinweis darauf, dass er wieder ein Stück selbstständiger und reifer geworden ist.

In einem Artikel las ich neulich, dass wir Menschen die Verbundenheit mit unserem Pferd oft daran fest machen, wie wir gemeinsam mit dem Pferd etwas tun. Aber dass selbst die am stärksten miteinander verbundenen Pferde ja nicht alles zusammen tun und nicht ständig zusammen sind. Ich dachte an unsere 5 Freunde hier und habe mir vorgenommen, auch meinen Blick auf Verbundenheit zu überprüfen. Denn wie in einer Menschenfamilie sind unsere Ponys stark miteinander verbunden und alle gut befreundet – auch wenn jeder Mal sein eigenes Ding macht. Und anstatt ein Pferd auszubilden, dass mich als unbedingten Beschützer braucht, habe ich doch lieber ein selbstbewusstes Pony, das mir auf Augenhöhe begegnet und dem ich nicht „das Hüfchen halten“ muss. Verbundenheit ist nicht das Gegenteil von allein sein wollen – das weiß ich selbst aus eigener Erfahrung. Und so kann ich es weniger persönlich nehmen, wenn mein Pony mal keine Lust hat, nah bei mir zu sein.

Beteilige dich an der Unterhaltung

1 Kommentar

  1. Genau das hat mir das Zusammensein mit Blakkja so wertvoll gemacht: ihre Unabhängigkeit und Eigenständigkeit auf der einen Seite und gleichzeitig ihre Entscheidung zu Nähe und Verbundenheit auf der anderen Seite.

    Gefällt mir

Kommentar hinterlassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: