Trab

Trab-Trab-Trab der Schweiß läuft mir den Rücken runter, weil ich wieder unterschätzt habe, wie warm die Sicherheitsweste ist. Jedes Mal!

Trab-Trab-Trab für meine Augen wird es schon sehr dämmrig aber die Ponys können natürlich noch prima gucken. Wir finden unseren Rhythmus und ich habe das Gefühl, Duncan entdeckt den Spaß daran. Meine kleine Dampflok läuft – gelegentlich feuere ich ihn etwas an, denn ich will endlich diese Handbremse lösen. Am festesten sitzt die wohl in meinem Kopf ….

Trab-Trab-Trab weiter geht es und weiter. Braucht er eine Pause? Es wirkt nicht so. Sicherlich ist er auch schon gut nass geschwitzt. Hoffentlich überfordere ich ihn nicht. Dann schaltet mein Verstand sich wieder ein: so schnell ist der nicht überfordert.

Trab-Trab-Trab der Wald riecht um diese Jahreszeit noch etwas besser als sonst und es ist wunderbar still. Ich atme und lausche den Ponyhufen.

Trab-Trab-Trab es nicht mehr so weit bis zum Anhänger, hier müssen wir rechts abbiegen. Duncan hat andere Ideen: er würde die Runde auch direkt nochmal laufen wenn ich ihn jetzt die Richtung wählen lassen würde. Dann ist er wohl nicht überfordert – oder er hat einen sehr schlechten Orientierungssinn (nein, nur Spaß. Wenn ICH eine Runde auswendig kann, kennt jedes Pferd sie schon im Schlaf).

Trab-Trab-Trab ich experimentiere mit meinem Sitz. Ellenbogen mehr ran, immer wieder habe ich das Gefühl dass er besser laufen kann, wenn ich meine ewig abstehenden Ellenbogen „einklappe“. Aber mit meinen Beinen stimmt es auch noch nicht. Jahrelang – jahrzehntelang! – hab ich meinen Dressursitz geübt. Der ist glaube ich erträglich. Aber Distanzreiten erfordert andere Sitzfähigkeiten. Oder eher Stehfähigkeiten. Leichttraben mag ich nicht mehr dafür habe ich zu oft gelesen dass es für die Pferde nicht leicht ist. Und ich will ein so einfach wie möglich zu tragender Mensch sein. Ich drücke mit den Füßen gefühlt meine Steigbügel nach unten weg: so fühlt es sich besser an. Scheint Duncan auch zu finden.

Trab-Trab-Trab er läuft einfach weiter. Ich beginne zu ahnen wie es einmal sein wird. Wenn er noch etwas flotter ist im Trab, wird es mit dem Stehen auch leichter, weil mehr Schub von hinten kommt. Noch kann ich mir nicht vorstellen, das stundenlang zu tun – er wohl auch nicht. Zum Glück trainiert man sich ja gemeinsam über die Zeit.

Trab-Trab-Trab ich wünschte ich könnte Euch erzählen – wirklich erzählen – wie schön sich das anfühlt. Die Angst in meinem Kopf hat mich verlassen, es gibt nur noch Duncan und mich im hier und jetzt. Mit kleinen Unterbrechungen weil Duncan es noch viel witziger finden würde, wenn er seinen Ausreitkumpel zwischendurch kneifen könnte. In diesen Momenten zeigt er mir, wie schnell er traben KÖNNTE. Und ich fühle: nach ein bisschen (oder ein bisschen mehr) Training und weiterer Gymnastizierung wird da noch mehr kommen. Langsam fängt mein Kopf an, es zu glauben: er ist ein sicheres Reitpferd. Er rast nicht plötzlich los, er springt nicht zur Seite, er hüpft nicht, er macht überhaupt nichts blödes. Seit ich vor einem halben Jahr angefangen habe ihn zu reiten hat er nicht einmal was blödes gemacht. Die Sorge, dass mein Treiben ihn veranlassen könnte, zu galoppieren und dass das wiederum zum Durchgehen führen könnte wegen Gleichgewichtsverlust, Ärger oder aus Spaß am Rennen, fällt von mir ab. Selbst wenn er jetzt galoppieren sollte würde nichts blödes passieren. Er bietet aber auch gar keinen Galopp an, was mir im Moment noch lieber ist (obwohl ich manchmal denke, dass es vielleicht bald mal so weit ist).

Trab-Trab-Trab „lass uns da vorne bei den Apfelbäumen durchparieren, da können wir absteigen“ sagt meine Freundin. Duncan lässt sich wie immer etwas Zeit mit dem Durchparieren. Eine kleine Dampflok eben – wenn sie erst mal Fahrt aufgenommen hat, hat sie auch etwas Bremsweg. Wir steigen ab und gehen den Rest zu Fuß. Am Anhänger zeigt die App: von den 5,8km die wir geritten sind, sind wir 4,7km getrabt! Das ist mal eine Steigerung (bisher war unser Maximum 2,9km Trab). Und unser Durchschnitt im Trab hat es auf 10,5km/h geschafft. Ok, wie sagt meine Freundin: wenn wir die Runde 5 mal schaffen, ist es ein Distanzritt (wohl gemerkt: ein kleiner „Einführungsritt“ für Anfänger zum Ausprobieren. Nix ernstes. Noch nicht mal eine „Kurzdistanz“). Ich schaue auf die App: was die Strecke angeht hat sie recht, aber unsere Gesamtgeschwindigkeit müssen wir dann schon auch noch einen Tacken erhöhen, wenn wir in der Zeit bleiben wollen. Hätte ich nicht mit Finlay die Erfahrung gemacht, dass das geht, würde mir jetzt das Herz in die Hose rutschen. So weiß ich: das kommt alles.

Und ich glaube, mein Pony entdeckt das gerade für sich, während ich es wieder-entdecke. Er wirkt hoch zufrieden mit sich und der Welt.

Zu hause messe ich Puls: anscheinend hat der Ritter sich wirklich ins Zeug gelegt, denn nach der Anhängerfahrt ist er immer noch bei 52. Der Schweiß in seinem Fell ist aber schon weitgehend trocken, also geht er mit den anderen auf die Weide. Später gehen wir nochmal runter, weil mein Helikopter-Gen wieder anspringt. Wir nehmen das Stethoskop mit und ein paar Apfelstücke. Ich rufe Duncan und er kommt fröhlich angedackelt: er hat allerbeste Laune. Sein Puls (zwischen dem Apfelgekaue nicht ganz so leicht zu hören für mich) liegt zwischen 40 und 42, sein Fell ist trocken. Jetzt kann ich beruhigt ins Bett gehen und vom Traben träumen. Ob er das auch tut?

Im März bin ich die ersten Meter geritten. Am 22.5. sind wir die ersten Meter getrabt. Jetzt, Anfang Oktober, schaue ich zurück und merke: pannenfrei. Wir hatten keinen Streit, es gab keinen Tag an dem er mich nicht aufsteigen lassen wollte und nur einen Tag an dem er mich mal gebeten hat, wieder abzusteigen. Er hat sich nie so verhalten dass ich Angst bekommen hätte (und das ist bei mir ein hoher Anspruch!). Er lässt sich im Gelände lenken und bremsen und hört mir meistens gut zu. Ich kann ihn daran hindern, das Begleitpferd zu kneifen und das förstern hat er sich weitgehend abgewöhnt. Ich würde sagen: das Anreiten ist abgeschlossen. Auf zu neuen Zielen!

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2 Kommentare

  1. fein, das freut mich für euch!
    Eine Sache muss ich ja trotzdem korrigieren. Ein Pony ist kein Dackel, daher kann es nicht angedackelt kommen! Denk dir nur, was würde Herr Duncan Groß-gewachsen davon halten, wenn du ihn mit einem Tier mit derart kurzen Beinen vergleichst?

    Gefällt mir

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