Besser

Da kommt er wieder auf mich zu gerollt: Finlays Todestag. Aber dieses Jahr ist es anders. Zwar kommt der Horror wieder ein Stück zu mir zurück, aber mit mehr Abstand. Ich höre wieder den einen oder anderen Trauerpodcast und habe hier eine neue Lieblingsfolge von „endlich“ gefunden. Das Gefühl, an das ich mich am meisten und schlimmsten erinnere, ist das ausgeliefert-sein. Fast immer, wenn einem blödes passiert – eine Krankheit, ein Unfall oder Ärger mit den Mitmenschen – kann man zumindest versuchen, selbst etwas daran zu ändern. Das kann schwierig sein, lange dauern und man kann Fehlversuche haben, aber man kann etwas tun. Und selbst wenn man damit keinen Erfolg hat, konnte man doch wenigstens etwas versuchen. Aber der Tod ist endgültig und ich glaube es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich so extrem das Gefühl hatte, nichts tun zu können. Ich kann nichts ändern daran, dass mein Finlay nicht mehr da ist. Und ich glaube das war das, womit ich persönlich am meisten gekämpft habe. Darum geht es ein Stück weit in der Podcastfolge – wie Menschen versuchen, im Angesicht des Verlustes die Kontrolle über ihr eigenes Leben wieder zu erlangen. Diese gefühlte, teilweise Kontrolle, die wir haben. Denn wer wann stirbt kontrollieren wir nun mal nicht.

Dieses Jahr, das wunderbare Jahr der ersten kleinen Ausritte mit Duncan, die mir so viel Kraft geben, ist es leichter, mit Finlays Todestag umzugehen. Ich werde dieses Jahr nicht wieder an die Stelle gehen an der Finlay starb. Dieses Jahr werden wir uns frei nehmen und einen Ausflug machen – ohne Ponys. Mein Mann und ich werden den Tag gemeinsam verbringen und uns um niemand anders kümmern. Ich habe das Gefühl, dass ich das dieses Jahr zum ersten Mal so entscheiden kann: nicht wieder in den Horror einzutauchen, sondern den Tag anders zu verbringen.

Als ich neulich einmal für den Dienstagsausflug mit meiner Freundin mit Diego ausreiten war anstatt mit Duncan, habe ich gemerkt, wie erholsam das ist. Ein erwachsenes Pferd, auf das ich mich einfach verlassen kann. Eins, das in der Lage ist, sich anzupassen an die Situation. Ein Pferd, das sich auskennt im Leben. Ein Pferd, das jetzt seit 10 Jahren bei uns ist – wir kennen uns gut, Diego und ich. Es war wie Urlaub. Und ich habe bewusst wahr genommen wie anstrengend die Ausflüge mit Duncan immer noch sind. Ich muss immer alles mitdenken, habe immer noch viele kleine Diskussionen mit ihm (vor allem übers Tempo und über essbares am Wegesrand) und darf immer im Blick haben was ich wann wie belohne oder abmahne. Es ist viel Aufmerksamkeits- und Denkarbeit gefordert und jede unbekannte Situation kann eine Herausforderung werden. Mit Diego konnte ich die Zeit einfach entspannt genießen und nebenbei noch meine Freundin unterstützen, die mit ihrem Pony erste Galoppversuche wagte.

Das wahr zu nehmen hat mir noch einmal klar gemacht, dass ich noch mehr auf mich achten darf. Dass ich schauen muss, dass es eben solche Ausflüge ohne Pony-Verantwortung für mich gibt um mal raus zu kommen aus dieser Dauer-Denke. So ein Tag wird Finlays Todestag jetzt sein und ich möchte die Stille genießen.

In letzter Zeit kann ich mehr und mehr an die guten Dinge denken, die wir erlebt haben und dafür bin ich sehr dankbar. Der erlebte Horror wird sicher für immer bei mir bleiben, aber er darf vielleicht in einer Schublade verschwinden, die nach und nach immer seltener auf geht.

Was mir im Moment am meisten zu schaffen macht, ist Duncans Alter. Finlay war 8 Jahre alt als er starb und das ist genau das Alter in dem die Pferde dann eigentlich wirklich erwachsen sind. Das Alter in dem man dann weiß: das ist der Charakter dieses Pferdes, das sind seine Stärken, das sind seine Schwächen. Hier kann ich mich auf mein Pferd verlassen, dort gibt es noch etwas zu üben. Auch in der Herde hat sich dann eine stabile Struktur gebildet. Wenn Duncan 8 Jahre alt ist und es bis dahin als Hengst vernünftig geschafft hat, dann kann er wohl Hengst bleiben, schätze ich. Aber bis er 8 Jahre alt ist, vergeht noch viel Zeit – mehr Zeit als wir bisher miteinander verbracht haben. Ich stelle mich also auf weitere 4 Jahre ein in denen ich immerzu aufmerksam bin und mit allen möglichen Entwicklungen und Verhaltensweisen rechne. Es ist eine Gemeinheit des Lebens, dass es mir meinen Finlay gerade dann genommen hat, als die turbulente Zeit vorbei war. Aber ok, es wäre zu jedem anderen Zeitpunkt wohl genauso gemein gewesen. Es macht es nur umso härter, dass ich von vorne anfangen musste um mir wieder so ein tolles Pony auszubilden.

Andererseits war da am Dienstag dieser Moment beim Ausritt, dieser kleine Augenblick während unserem ersten wirklich flüssigen Trab in dem wir einfach zusammen unterwegs waren. Dieser etwas meditative Moment in dem ich mich ausschließlich darauf konzentriere, mein Pony möglichst wenig zu stören, die beste Balance zu finden, den Rhythmus mit zu gehen den er vorgibt und ansonsten einfach genießen kann. Es ist dieses Gefühl an das ich mich erinnere mit Finlay, vor allem auf unserem ersten kleinen Distanzritt, wo er so fein gelaufen ist und so schön dabei war. Es ist dieses Gefühl, was mir wohl am aller meisten gefehlt hat, obwohl mir das gar nicht so ganz bewusst war. Es entspannt meinen Geist wie nichts anderes auf dieser Welt, wenn ich so reiten kann.

Ich hätte mir auch ein gerittenes Pferd kaufen können. Ich hätte schon im Jahr 2019 wieder ausreiten können. Aber ich wollte wieder ein Jungpferd, weil ich die Verbundenheit spüren wollte, die daraus entsteht, ein Pony beim Aufwachsen zu begleiten und zu beobachten. Diese Verbundenheit gibt mir ein großes Sicherheitsgefühl auf Duncans Rücken. Und mein wunderbares Pony nutzt seine schier unbändige Energie um mich langsames und körperlich oft müdes Mädchen zu tragen – herrlich. Aus dem kleinen Rotzlöffel wird mehr und mehr ein Gentleman, der Rücksicht nimmt auf mich, der seinen Teil der Verantwortung übernimmt in unserem Zusammensein und der mit mir gemeinsam Zeit verbringen möchte auf Arten, die uns beiden Spaß machen.

So schaue ich mit viel weniger Schrecken auf diesen dritten Todestag als ich auf die zwei vergangenen geschaut habe. Und allen, die gerade mitten in der tiefsten Trauer stecken möchte ich sagen: gebt dem Leben die Chance auch wieder besser zu werden. Die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass es eines Tages wieder besser wird war am Anfang meine einzige Überlebensformel. Nicht „alles wird gut“ – das wird es nicht, denn tot ist tot. Aber das Leben kann wieder besser werden, auch wenn es lange dauern mag. Schritt für Schritt (mit Rückschritten zwischendurch) bin ich weiter gegangen. Vielleicht auch symbolisch neben meinem kleinen Duncan her – oft war ich erschöpft, verzweifelt, traurig, genervt und überfordert. Aber das, was ich jetzt als Zwischenergebnis sehe war jeden Schritt wert. Jetzt gehe ich also noch 4 Jahre weiter, bis mein Pony wieder 8 Jahre alt ist, in der Hoffnung, dass ich diesmal danach noch viele Jahre lang den Lohn für diese Mühen ernten darf. Wissen kann man das nie, aber wenn ich es nicht hoffen kann, macht alles keinen Sinn, also hoffe ich. So einfach ist das – und manchmal auch so schwer.

Beteilige dich an der Unterhaltung

1 Kommentar

Kommentar hinterlassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: