Zwei Tassen Tee

Ich habe noch ein paar Sachen im Stall zu erledigen, während Arnulf schon hoch geht in die Wohnung. „Machst Du mir einen Tee?“ frage ich ihn. Die Frage löst meist die Gegenfrage aus „was für einen?“ In der Regel trinke ich nur zwei Sorten Tee: Magentee und grünen Tee. Es ist also nicht viel Auswahl.

Neulich fand ich, als ich dann in die Wohnung ging, zwei Tassen Tee auf zwei Stövchen vor. „Ich wusste nicht mehr, was für einen Tee du wolltest“ sagt mein Mann. „Also hab ich Dir beides gemacht“. Ich habe dann also zwei Tassen Tee getrunken, hat mir auch nicht geschadet. Und dabei hab ich an meine beiden Ponys gedacht.

Meine beiden Schimmel – so ähnlich und so unterschiedlich

Zwei Ponys, jedes will meine Aufmerksamkeit, Beschäftigung, auch alles was sonst so dazu gehört an Pflege. Merlin will mit seinen 29 Jahren und den miesen Zähnen vor allem viele, viele Eimer mit „Matsche“ und ist deswegen immer sehr gesprächig am Stalltor. Duncan hingegen äußert Beschäftigungsbedarf durch überschießende Energie, weiß manchmal gar nicht wohin mit sich. Für Merlin liegt das Leben vorwiegend in der Vergangenheit, für Duncan in der Zukunft. Und ich muss mich entscheiden, denn an den wenigsten Tagen habe ich Zeit und Energie für beide. Oft bin ich im Ziespalt: gebe ich dem jungen den Vorrang, weil er dringend Beschäftigung will, weil er Muskeln aufbauen soll und Ausbildung braucht? Vernachlässige ich dann meinen treuen alten Merlin, der alles kann und alles weiß und sein Leben lang alles richtig gemacht hat und es nicht verdient hat, nur herum zu stehen, weil er auch Aufmerksamkeit haben möchte? Er möchte so gern zeigen was er kann, auch wenn er nicht mehr lang durchhält. Er möchte doch auch Kekse kassieren und gelobt werden und er soll natürlich auch „Seniorengymnastik“ machen, damit er fit und geschmeidig bleibt.

Meine zwei Tassen Tee konnte ich so hintereinander weg trinken. Mit meinen zwei unterschiedlichen Ponys geht das nicht gut. Und so lege ich Prioritäten fest, an denen ich mich jeweils für ein paar Wochen orientiere. Derzeit hat Duncan die Vorfahrt, weil ich sehe, dass da so viel Energie ist und weil ich diese Energie nutzen möchte um viele Reitpferdemuskeln aufzubauen, damit er mich Sonntags ein Stück durchs Gelände trägt. In ein paar Wochen verschiebt sich die Priorität vielleicht wieder in Richtung Merlin, weil Duncan sich in der Weidesaison etwas beruhigt und die zusätzliche Bespaßung nicht mehr so dringend braucht. Dass ich im Moment eher Duncan nehme heißt ja auch nicht, dass ich wochenlang nichts mit Merlin mache, nur, dass ich mich öfter für Duncan entscheide.

Ich werde niemals beide Ponys gleich behandeln können – schon deswegen weil sie so unterschiedlich sind. Ich kann nur versuchen, beiden irgendwie gerecht zu werden und dabei nicht zu übersehen, dass es auch für mich Spaß und Entspannung sein soll und keine Pflichtübung. Was meine beiden Ponys übrigens offenbar nicht so gerne mögen ist mein Versuch, mit beiden gleichzeitig zu arbeiten. Sie machen das mal mit, aber eigentlich möchten sie mit mir allein sein. Lieber genießen sie 10min meine volle Aufmerksamkeit als 20min die halbe.

Ich kann das gut verstehen (auch wenn ich gelegentlich trotzdem mit beiden zusammen übe, weil auch das hin und wieder Spaß macht und lehrreich ist). Aber ich habe meine beiden Teetassen ja auch nacheinander geleert und nicht durcheinander getrunken.

Jedes Pony für das wertzuschätzen was es zu bieten hat, ist die Kunst. Nicht zu vergleichen, keine Konkurrenz zu sehen. In unserer Gesellschaft, in der wir ständig alles in „besser“ und „schlechter“ einteilen das „anders“ als gleichwertig anzusehen, ist eine gute Übung für meine eigene Wahrnehmung. Und mir auch manchmal selbst zuzugestehen, dass es mir an manchen Tagen leichter fällt, mit Merlin Zeit zu verbringen, während ich an anderen Tagen lieber etwas mit Duncan unternehmen mag. Wenn ich in den Stall komme und eins meiner Ponys ganz dringlich nach Aufmerksamkeit fragt, ändere ich meine Pläne aber auch manchmal spontan. Denn meistens, wenn einer von meinen beiden Schimmeln sich nachdrücklich anbietet, wird es eine besonders schöne gemeinsame Einheit.

Letztendlich habe ich eben die beiden besten Schimmel der Welt und schätze mich deswegen doppelt glücklich. Darauf eine Tasse Tee – oder zwei.

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