Gemeinsame Zeit

Als Arnulf und ich uns kennengelernt haben, führten wir zunächst eine Fernbeziehung, sahen uns also nur an den Wochenenden. Aber das waren keine normalen Wochenenden, an denen wir unsere Freizeit miteinander verbrachten, sondern Wochenenden, an denen wir mindestens einen Tag zusammen unterwegs waren um Hufpflegekunden zu betreuen. Und so ein Tag voller Hufpflegetermine ist anstrengend. Wir lernten also sehr schnell essentielle Dinge übereinander: wie ist der andere drauf, wenn er müde ist und abgearbeitet? Wie reagiert der andere auf Stress und Ärger? Wie geht der andere damit um, wenn ein Tagesplan nicht funktioniert? Und wie plant der andere so einen Tag überhaupt? Was passiert dann abends wenn man gemeinsam auf dem Sofa sitzt und einfach nur müde und müffelig ist? All diese Dinge lernten wir schon sehr früh über einander.

In einem Podcast hat eine Profi-Reiterin mal gesagt, sie fühlt sich auf einem jungen Pferd erst dann sicher, wenn es einmal eine größere Panne gab – eine Angstsituation in der das Pferd buckelt/durchgeht oder sonstige unerwünschte Reaktionen zeigt. Denn erst dann weiß sie, wie dieses Pferd sich verhält, wenn etwas schief geht. Eine Beziehung immer schön und harmonisch zu halten so lange alles im Lot ist, ist ja ganz leicht. Aber wenn mal alles durcheinander purzelt, nichts so läuft wie es soll und alle Beteiligten gereizt und genervt sind, dann noch in Kontakt zu bleiben und kein totales Desaster zu erzeugen – wie man so schön sagt „kein Porzellan zu zerschlagen“ – das ist die Kunst der Beziehung.

Arnulf und ich wussten das voneinander schon ganz früh und wir haben früh gelernt, dass wir auch dann noch gut zusammenpassen und gut miteinander sein können, wenn alles drunter und drüber geht. Und das macht unsere Beziehung so verlässlich und stabil.

Mit Duncan hatte ich noch sehr wenige Pannen. Wir waren nur selten am Limit. Und ich bin froh darüber, weil wir ja erst mal eine gemeinsame Basis brauchten. Und er brauchte überhaupt eine Basis im Leben. Aber jetzt merke ich, dass wir „zu wenige“ Pannen hatten. Ich weiß nicht, wie er auf Pannen reagiert und er weiß nicht, wie ich reagiere. Und es liegt jetzt an mir, Situationen herzustellen oder herauszufordern, in denen wir das einigermaßen gefahrlos lernen können. Zum Beispiel indem ich im Gelände, wenn ich ihn vom Boden fahre, nicht mehr gleich zu ihm nach vorn sause, wenn es mal gruselig wird. Sondern ihn – wie neulich – auffordere, mutig an den Rindern vorbei zu gehen und auszuhalten, dass das nicht so entspannt ist. Und er macht. Er gibt sich Mühe, ruft gelernte Verhaltensweisen ab, fragt zwischendurch unverhohlen nach einem Keks weil er das toll macht. Gelegentlich gibt er auch Gas. Aber inzwischen kann er sich nach 2 Schritten (oder auch Galoppsprüngen) wieder einsammeln und beruhigen. Er rennt nicht kopflos weiter, er lässt sich bremsen, bleibt dann stehen und erwartet ein entsprechendes Lob für diese Ruhmestat. Neulich habe ich ihm dann sogar sofort sagen können, er möge bitte trotzdem weiter gehen (eine Fähigkeit, die wir vor der Kutsche brauchen) und er bekam seinen wohlverdienten Keks etwas später. Ich weiß jetzt schon viel besser, woran ich die Höhe seines Stresspegels ablesen und die Wahrscheinlichkeit für diese oder jene Reaktion einschätzen kann.

Mit jeder dieser Situationen steigt mein Zutrauen in ihn. Und wohl auch sein Zutrauen in sich selbst und vielleicht in uns als Gemeinschaft (wenn ich es nicht übertreibe). Jenes Zutrauen, dass eine gute Beziehung ausmacht: was auch immer passiert, gemeinsam stehen wir das durch. Unsere Beziehung hält das aus, wir bleiben im Kontakt, wir sind füreinander da.

„In guten wie in schlechten Zeiten“ das sagt sich so leicht, so lange keine schlechten Zeiten sind. Nach Finlays Tod habe ich ansatzweise erfahren, wie schlecht Zeiten sein können und wie stark eine Beziehung sein muss, um das tragen zu können. So eine starke Beziehung entsteht nicht, wenn man immer nur im Sonnenschein gemeinsam spazieren geht. In guten und in schlechten Zeiten zusammen halten zu können bedeutet, die schlechten Zeiten gemeinsam zu erleben. Ich werde mein Pony nicht vor allem beschützen können und wenn wir Kutsche fahren und auf Distanzritt gehen wollen, kann ich nicht jede Situation als Trainingssituation genau bestimmen und üben. Was, wenn neben uns der Rettungshubschrauber landen muss? Was, wenn uns ein Vollidiot auf dem Motorrad mit 100km/h fast über die Füße fährt? Was, wenn das Pferd eines Mitreiters plötzlich ohne Mensch durch die Gegend läuft? Was, wenn aus dem angesagten Regen ein Starkregen mit Sturmböen wird? Wenn wir einen geplanten Weg nicht nutzen können und plötzlich 10 km Umweg vor uns haben?

Immer noch geistert der Glaube durch die Reiterszene, wenn man nur „Herdenchef“ gegenüber seinem Pferd sei, würde es all diese Probleme nicht geben. In unserer Herde, mit Diego als wundervollem Chef, kann ich beobachten, wie verkehrt dieser Glaube ist. Selbst wenn Diego sich über etwas gar nicht aufregt und völlig ruhig bleibt, erschrecken sich die anderen manchmal. Und fürchten sich. Ja, Diego kann helfen mit seiner Ruhe. Aber er kann die Angst der anderen auch nicht wegzaubern. Und er hat noch nie einen von seinen Freunden gezwungen – oder auch nur überredet – an eine vermeintliche Gefahr heran zu gehen. Wenn etwas los ist, geht er voran und schaut sich das an. Dann entscheidet er, ob er das gefährlich findet oder nicht. Fast immer findet er es nicht gefährlich. Dann verhält er sich entspannt und normal und lässt die anderen Ponys gewähren. Die entscheiden für sich je nach Angst ob sie ihm glauben oder nicht. Wenn nicht, kann es schon mal wildes Gerenne geben, an dem Diego dann eben nicht teilnimmt. Niemals schickt er ein rangniedriges Pony vor in die Gefahr (wie Menschen so gern behaupten dass es wäre). Er geht immer vorweg und übernimmt die Verantwortung.

Wenn ich mein Pony am Strick oder vor der Kutsche habe, bin ich nicht in der Situation, dass ich ihn rennen lassen kann wenn er es meint. Ich muss schon Einfluss nehmen. Und in unvorhergesehenen Situationen muss er an der Kutsche auch voran gehen (in vorhersehbaren kann der Beifahrer vorher absteigen und das Pony vorne unterstützen). Ich muss also eine andere Beziehung zu meinem Pony haben als Herdenchef Diego sie hat. Und die will geübt und aufgebaut werden – jedes Mal wenn wir gemeinsam unterwegs sind. Bis wir uns aufeinander verlassen können: in guten wie in schlechten Zeiten.

Zwei Jahre ist Duncan jetzt bei mir. Und nein, das reicht nicht um eine stabile Beziehung aufzubauen, erst recht nicht bei einem jungen Pferd. Und gerade in diesen Tagen voller Erinnerungen an unseren gemeinsamen Start und an den Schmerz, der damit verbunden ist, weil ich meinen Finlay verloren haben – gerade in diesen Tagen weiß ich, wie weit der Weg noch ist. Weil ich weiß, wie weit er mit Finlay war. Es geht schnell, einem Pferd bestimmte Verhaltensweisen beizubringen. Aber eine Beziehung aufzubauen, die wirklich hält, das dauert. Und es gibt keine Abkürzung (so sehr uns die entsprechende Ausbilder-Branche das auch verkaufen möchte). Umso wertvoller ist sie nachher und umso magischer fühlt sie sich an. In guten und auch in schlechten Momenten.

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