Mein neues Pony

Alles neu macht – das Erwachsenwerden.

Der Zeitpunkt ist gekommen. Der Zeitpunkt zu dem ich erfahre, welche von Duncans Eigenschaften bleiben und welche sich verändern, während er erwachsen wird. Was für ein spannender Moment! Naja, wahrscheinlich dauert dieser „Moment“ mindestens ein Jahr. Mal sehen.

Bald ist Duncan 2 Jahre bei mir – und wie oft habe ich mich in den zwei Jahren gefragt: dieses Verhalten – ist das sein Grundcharakter oder wird sich das noch ändern?

Vieles ist geblieben: die Lust am Abenteuer, die Intelligenz, das Lernverhalten. Manches ändert sich jetzt und ich denke viel darüber nach. Vor allem eins fällt mir auf: mein Pony ist dickfelliger geworden. Und ich glaube, das ist nicht (nur) die Pubertät, die bewirkt, dass er den einen oder anderen Rüffel (sei er von mir oder von einem Herdenmitglied) wahlweise ignoriert oder mit Gegenwehr beantwortet (gerade so wie ein Teenager, der die Mutter schnell mal mit „dumme Kuh!“ anbrüllt, wenn sie Kritik wagt). Nein, ich glaube, er ist wahrhaftig dickfelliger – oder soll ich sagen: dickhäutiger – geworden. Schon in unserem Urlaub fiel mir auf, dass Duncan auf die nervigen Fliegen etwas weniger Reaktion gezeigt hat als Diego. Und als wir jetzt – oh Schreck! – die erste Hirschlausfliege hier bei uns hatten, da hat Duncan ebenfalls herzlich wenig Reaktion darauf gezeigt. Das erinnert mich an Finlay, der (was ja durchaus angenehm ist) auf jegliche Wetterphänomene sowie auf Insekten aller Art fast keine Reaktion gezeigt hat. Die Kehrseite dieser Medaille ist, dass so ein Pferd eben auch einen Rüffel schneller einsteckt und einen anschaut nach dem Motto „na und?“. Neulich hatten wir zum ersten Mal die Situation dass Duncan versucht hat, völlig ungerührt an mir vorbei zu marschieren, während ich eigentlich gesagt hatte, er soll warten und mich durch lassen. Nicht nur einmal, sondern zwei mal hat er das versucht. Denn auf der anderen Seite des Tores hatte er eine Schüssel gesichtet und beschlossen, dass die für ihn sei (dabei hatte Merlin sie längst geleert). Bis ich ihm das Tor vor der Nase wieder zu gemacht habe mit der Ansage, dass es das Heu eben leider erst dann gibt, wenn Herr Ritter gedenkt, sich ritterlich zu benehmen. Ach so. Na dann. Ungläubiger Blick aber meine Botschaft kam schnell an.

Wenn er unterwegs ungefragt die Nase ins Grün steckt, muss ich schon deutlich mehr Gas geben um die da wieder raus zu kriegen. Meine vorher sehr erfolgreiche Taktik, ihm das Seil vor oder an die Nase zu werfen, beeindruckt ihn nicht mehr. Jetzt könnte ich vermuten, dass es sich abgenutzt hat und somit meine Schuld ist. Aber ich sehe, dass er auf die anderen Ponys ähnlich stoisch reagiert. Beiß mich doch. Ich steh trotzdem hier. Und Caruso beißt sich dann langsam mal die Zähne aus an seinem großen Freund. Ich schätze, Sir Duncan hat begriffen, dass er doch deutlich schwerer ist als 180kg… Diego hingegen hat den Ton etwas verschärft und ich sehe öfter mal, dass Duncan ein paar Meter „fliegt“ wenn Diego das allzu rüpelig fand, was der Teenie da tut. Also darf ich wohl mein Training anpassen. Jetzt ist es eben doch ein Schotte. Letztes Jahr habe ich noch gesagt, ich gehe mit ihm um wie mit dem durchschnittlichen Araber, weil er so ein Sensibelchen ist. Jetzt hat sich das was mit Sensibelchen.

Als er im Urlaub vom fremden Tierarzt eine Spritze bekam, hatte der erst im zweiten Anlauf Erfolg. Die erste Kanüle drang nicht bis zur Vene vor und der erstaunte Tierarzt fragte „was hat der denn für eine Haut? Meine Kanüle ist verstopft!“. Tja das ist eben doch eher eine Ritterrüstung, die taugt zum Abwehren sowohl schottischer Wetterverhältnisse als auch der Millionen von „Midges“ (Stechmücken) die in den Highlands über alles herfallen was Blut zu bieten hat.

Zum Glück heißt das eben auch, dass mein Pony noch nicht mal mit dem Ohr wackelte, als der Tierarzt mit der zweiten Kanüle kam. So etwas trägt der Ritter mit Fassung. Und so hat die Dickhäutigkeit ihre Vorteile. Ich bin ja auch gar nicht so wirklich der Typ für Sensibelchen. Und wenn ich Duncan mit Arnulf zusammen sehe (Arnulf ist immer sehr direkt und bewusst unvorsichtig mit den Ponys) dann beobachte ich, dass Duncan das jetzt völlig gelassen nimmt. Es gruselt ihn nicht mehr, wenn Arnulf ihn in den Arm nimmt und herzhaft durchknuddelt. Er hat kein Problem mehr damit, dass Arnulf Kommandos viel deutlicher gibt als ich. Während ich noch als Übermami daneben stehe und mich um mein Pony sorge, machen die Männer das fix unter sich aus und sind beste Freunde. Duncan sieht Arnulf jetzt als Kumpel, das ist zu merken.

Und eine weitere Neuheit habe ich beobachtet: wenn Arnulf mir Unterricht gibt, nimmt er mir Duncan ab und zu aus der Hand um etwas auszuprobieren oder zu zeigen. Früher war Duncan dann immer verwirrt und hat ständig zu mir geschaut. Als wir am Sonntag „Chaos“ geübt haben, war das nicht mehr so. Duncan hat immer genau hingeschaut, wer von uns beiden den Strick in der Hand hat und sich dann an demjenigen orientiert. Er weiß jetzt auch viel besser, mit welchen Gesten er gemeint ist und welche nix mit ihm zu tun haben. Und ich glaube, dass er das verstanden hat, macht ihn wiederum sicherer und ruhiger.

Außerdem können wir neuerdings auf dem Reitplatz gemeinsam Pause machen. Ich muss das jetzt erst wieder lernen, denn sonst war Reitplatzzeit völlig ohne Pause. Duncan konnte mit Pause machen nichts anfangen (etwas was ich von Finlay auch kenne). Jetzt hingegen hat er entdeckt, dass es nett sein kann, zwischen den Übungen gemeinsam herum zu stehen. Und ich fange an, ein „Pausen-Ende-Signal“ zu etablieren. Das ist etwas, das Finlay mich gelehrt hat: da ich nie wusste, wann er wie lange Pause machen möchte, haben wir uns schließlich darauf geeinigt, dass er so lang Pause hat wie seine 4 Füße am selben Platz bleiben. Das hat drei Vorteile: er lernt, ruhig zu stehen und das mit Entspannung zu assoziieren, er lernt außerdem, sich von vorneherein so hinzustellen, dass es auch bequem ist und er kann kommunizieren wie lang die Pause sein soll. So fange ich es jetzt auch mit Duncan an (und ich vermute, er hat die Logik bereits durchschaut). Im Unterschied zu früher stehe ich selbst während der Pause aber nicht mehr still sondern wechsle meinen Platz wie ich es bei Elsa gelernt habe. Das ist nicht nur für mein Pony angenehmer, sondern letztlich auch sinnvoller, denn so lernt er, dass er Pause machen kann, während ich um ihn herum wusel – das wird sehr praktisch sein später auf Distanzritt oder auch wenn wir mit der Kutsche los wollen.

Nun habe ich also ein neues Pony und darf meine Kommunikation entsprechend anpassen. Und mich überraschen lassen, was sich noch so alles verändert und wohin die Reise weitergeht. Davon abgesehen ist mein Pony ja nun in einem Alter, wo er auch etwas mehr ernsthaft „arbeiten“ darf, so dass wir auch noch das eine oder andere an neuen Beschäftigungen ausprobieren werden. Und auch da lasse ich mich überraschen, welche Meinung der Ritter hat zu meinen Ideen. Er wird Euch sicher davon erzählen.

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