Sorgfalt

Jedes Jahr im Sommer, wenn das neue Schuljahr anfing, hatte ich alles ganz ordentlich. Ich wollte es wirklich durchhalten. Schön schreiben, kein Chaos in Heften und Büchern und keine Aufgaben vergessen. Keine Zettelwirtschaft weil das Matheheft nicht da war, keine Knickeohren weil der Ranzen nicht richtig gepackt war.

Aber lang gehalten hat diese Ordnung bei mir nie. Noch heute staune ich über Menschen, die die perfekte Ordnung nicht nur herstellen, sondern dauerhaft halten können.

Wenn ich heute große, berühmte Pferdetrainer sehe, sehe ich oft genau solche Menschen. Die ganz ordentlichen, oft in meinen Augen schon pedantischen. Große Reitmeister, bei denen für ihre Schüler eine Kleiderordnung herrscht oder der Zwang eine gewisse Ausrüstung zu benutzen oder jene bekannte Ausbilderin, die in ihrem Buch schreibt, es sei für sie ein Zeichen des Respekts gegenüber ihrem Pferd, dass sie gut angezogen in den Stall kommt. Die Dame ist sogar perfekt geschminkt bei ihren Pferden – da wundere ich mich, muss ich sagen. Oder ich kichere auch mal…

Den Pferden wird es wohl eher egal sein, was wir anhaben, vermute ich. Der Ritter ergänzt: so lange es Kekstaschen hat.

Und so lange jeder sich das Pferd anschafft was zu ihm passt, ist auch alles gut. Denn manches Pferd braucht diese Pedanterie. Immer gleiche Abläufe, total vorhersehbare Übungsstrukturen, eine kreativitätsfreie Zone, möchte ich sagen. Es gibt Pferde, denen gibt das Sicherheit und die profitieren von so einer Ausbildung. Als ich auf Reitlehrersuche war, hatte ich mir Videos angeschaut von einigen bekannten Trainern. Mir bleibt eine Szene im Gedächtnis in der ein Lehrer seine Schülerin unterrichtet und das Pferd etwas mehr anbietet als gefragt wurde. Das Publikum freut sich und applaudiert, der Lehrer sagt trocken „das nehmen wir nicht an, weil das nicht gefragt wurde“. An dieser Stelle wusste ich, wo ich keinen Unterricht nehmen werde. Ich verstehe den Gedanken dahinter. Wenn ich später jede Bewegung meines Pferdes steuern können möchte, darf es weder weniger noch mehr tun als ich frage. Aber wenn ich so mit Merlin gearbeitet hätte, würden wir wohl noch heute ohne Motivation unterwegs sein. Merlin liebt, wie ich, das Spiel. Das Ausprobieren und das Chaos. Er möchte sich zeigen und hat eine Menge eigene Ideen im Angebot. Es ist das, was ihm immer die Herzen der Zuschauer geöffnet hat, wenn wir auf einem Kurs waren. Und noch heute ist er bereit, sein Bestes für mich zu geben, damit ich lache und mich freue, und sein Bestes darf dann auch mal verrückt sein. Wenn er mich ansteigt, landet, nach vorn auf mich zu springt und wieder steigt sage ich oft „das darfst auch nur Du“. Wir kennen uns halt seit 20 Jahren, ich vertraue ihm total, weil ich weiß, was geht und was nicht. Und Merlin, der dieses Jahr stolze 28 Jahre alt wird, hat Narrenfreiheit bei mir.

Ausbilder, die mein Pony nicht verspielt sehen wollen, die ihm keine Kreativität gönnen und solche, die ihn nicht so loben wie er es gern mag (er möchte zum Reitlehrer hingehen dürfen und hören, dass er das allerbeste Pony der Welt ist), sind für mich mit Merlin tabu. Ich habe hervorragenden Unterricht genossen und kann mich doch nicht überwinden, wieder hin zu fahren aus eben jenen Gründen. Reitlehrer, die Pferde wie kleine Ballettschüler behandeln, sind nichts für mich. Sie sind nicht schlecht, das will ich damit nicht sagen. Und es ist grundsätzlich ja gut, wenn es Regeln gibt, an die sich alle halten. Aber ich brauche auch eine spielerische Stimmung.

Und jetzt kommt Duncan. Er ist 26 Jahre jünger als Merlin und wir kennen uns noch nicht einmal ein Zehntel der Zeit. Außerdem ist er Hengst und wird es hoffentlich bleiben. Er ist wahnsinnig sensibel – ganz im Gegensatz zu Merlin und Finlay – aber auch wahnsinnig schlau. In den eineinhalb Jahren die wir jetzt miteinander verbracht haben, war ich sehr beständig. Ich habe mit hoher Konzentration und sehr klaren Regeln gearbeitet. Ich versuche, immer alles gleich zu machen, um die Dinge, die wir jetzt tun, als gute Gewohnheiten für immer zu fixieren. Aber jetzt, wo wir uns besser kennen, fängt es an. Ich merke, wie sich bei mir kleine Nachlässigkeiten einschleichen. Er schaut nicht mehr immer weg, bevor es den Keks gibt. Ich habe wohl ein paar Mal den Keks verdächtig nah an der Tasche gefüttert und das macht sich sofort bemerkbar. Nach dem Spaziergang neulich hatten Arnulf und ich ein Gespräch, in dem er mich erinnert hat, dass da noch 200kg Masse, ein paar Zentimeter Größe und eine Menge Hormone dazukommen werden und dass ich das mit einrechnen darf, wenn es um Duncans Erziehung geht. Spielen und kreativ sein und endlose Freiräume gestatten ist noch nicht drin. Die Kröte muss ich jetzt wohl schlucken, auch wenn es mich nervt. Ihn nervt es übrigens offensichtlich nicht.

Ehrlich gesagt ist das für mich einer der größten Gemeinheiten: mit Finlay war ich nun gerade raus aus dieser Anfangs-Phase. Er war alt genug, ich konnte mich auf die Grunderziehung verlassen, auch die Pubertät war endgültig durch. Wir konnten Spaß haben und mussten nicht mehr pedantisch Erbsen zählen. Die Regeln waren klar und alles war gut. Und nun fange ich von vorne an. Muss wieder – entgegen meiner eigentlichen Natur – das spielerische Element verschieben. Denn ich weiß: wenn ich Duncan jetzt zu sehr für kreative Gegenvorschläge belohne, wenn ich zu sehr darüber lache, dass er Quatsch macht, wenn ich zu oft nicht darauf bestehe, dass er es GANZ richtig macht, dann haben wir nachher die doppelte und dreifache Arbeit. Ich habe mir schließlich ein Jungpferd gekauft um nicht die Fehler anderer Leute ausbaden zu müssen. Vielleicht kann ich es mir verkneifen, sehenden Auges selbst Fehler zu machen, zusätzlich zu den unvermeidlichen Fehlern, die ich sowieso machen werde ohne es zu merken.

Zum Glück haben wir hier ja die großartigste Herde der Welt. Und ich beobachte, wie Gatsby und Diego ihr Verhalten gegenüber Duncan ändern. Sie spielen mehr offensiv mit ihm, vorher war es oft so, dass sie ihm eher erlaubt haben, sich an ihnen abzuarbeiten, während ihre Reaktionen eher mäßig energiegeladen waren. Jetzt schicken sie ihn auch mal los, beißen sich mal in ihm fest und schieben ihn spielerisch durch die Gegend. Diego – so scheint mir (ich muss das noch abschließend beobachten)- bricht neuerdings das Spiel ab, wenn Duncan ihn zu penetrant in den Po kneift. Es ist einfach nicht mehr alles gestattet. Und Duncan hat höchsten Respekt vor beiden – Gatsby und Diego. Trotzdem erlaubt er sich manche Dreistigkeit, ist Diego neulich von hinten auf den Rücken gehüpft und lief dann auf den Hinterbeinen hinter ihm her, während Diego wütend versuchte ihn loszuwerden. Er kann jetzt eben schon mal ein echter Rotzlöffel sein!

Mir gegenüber sind die Dreistigkeiten (noch?) sehr klein. Kein Vergleich zu Finlay. Aber wir hatten nun schon wieder zwei Situationen in denen er mich gereizt hat, bis ich deutlich reagiert habe. Beide Male schien er danach sehr zufrieden und alles war fein zwischen uns – nicht so wie bei der Besen-Situation. Und ich glaube, herausgefunden zu haben, woran das liegt. Wenn es mit Diego im Spiel etwas zu heftig zuging, zeigen beide danach Beschwichtigungsverhalten. Da wird gegähnt und am Boden geschnüffelt und dann nach einer Minute oder zwei geht es in die nächste Spielrunde, in der man dann vielleicht etwas vorsichtiger ist. „War nur Spaß und wir sind Freunde“ diese Bestätigung ist anscheinend zwischendurch wichtig. Nun ist es natürlich von meiner Seite nicht als Spaß gemeint, wenn ich Duncan – nachdem er zum zehnten Mal nicht stehenbleiben sondern lieber Krümel vom Hof saugen möchte – eine Ansage mache. Aber die Tatsache, dass ich danach da bin und ihm die Chance gebe, es richtig zu machen und dafür einen Keks zu bekommen, richtet die Sache dann wieder. Sollte eine neue „Besen-Situation“ auftreten wird das also meine Taktik sein.

Und ansonsten nehme ich mich zusammen und übe mich in etwas spießiger Pedanterie, bis mein Pony aus dem Gröbsten raus ist. Sind ja nur noch ein paar Jahre… (vielleicht habe ich wieder Glück, Finlay war schon mit 4 Jahren aus dem Gröbsten raus. Danach verlief die Pubertät ziemlich milde. Aber man weiß ja nie…). Und wenn ich keine Lust habe, wird mich jemand daran erinnern, dass mein Pony noch 200kg mehr und ein paar Hormone aufbauen wird. Die Vorstellung einen unerzogenen 500kg – Hengst an der Hand (oder vor der Kutsche) zu haben wird mich dann mehr motivieren als jeder schön gepackte Ranzen und jedes ordentlich geführte Schulheft es je konnte…..

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