Wissen, können, wollen Teil II

„Ich kann das nicht“ sagen wir manchmal, wenn wir Angst haben. Die Spinne in die Hand nehmen, zum Zahnarzt gehen, eine Wunde anschauen, natürlich „können“ wir das theoretisch. Körperlich gesehen. Aber „ich kann das nicht“ drückt aus, dass wir seelisch einfach nicht dazu in der Lage sind.

Es scheint Menschen zu geben, die so eine große Willenskraft haben, dass sie alles tun können, was sie wollen. Aber die sind wohl die Ausnahme. Wenn man sich – gerade jetzt im Januar – anschaut, wie viele Menschen schon seit Jahren versuchen, abzunehmen oder fitter zu werden und wenn man dann mal überlegt, wie viele es tatsächlich schaffen, dann stellt man fest: da klafft eine große Lücke. Und natürlich ist es leicht, sich hinzustellen und dem anderen mangelnde Willenskraft vorzuwerfen. Aber wenn wir ehrlich sind, wird (fast?) jeder von uns so einen Punkt finden, an dem er scheitert. Das Rauchen aufhören oder die Steuererklärung nicht mehr aufschieben, endlich abends früher ins Bett gehen oder oder. Die Welt ist voll von Coaches und Gurus die uns erzählen, wie wir das alles besser schaffen. Wie wir endlich fit, erfolgreich und dadurch bitte letztendlich glücklich werden. Manchmal kann uns so ein Coach ja auch wirklich gut weiterhelfen. Keine Frage. Aber das Grundproblem scheint einfach zutiefst menschlich zu sein. „Ich kann nicht“ kann in Wahrheit bedeuten „ich will nicht“ aber noch genauer hingeschaut heißt es vielleicht „ich habe nicht genug Kraft um meine inneren Widerstände zu überwinden“.

Wenn wir uns das eingestehen, können wir anderen vielleicht anders begegnen. Der eine hat seine Schwäche beim Essen, der andere beim Aufräumen, der dritte beim geduldig sein. Und mit „Du musst es einfach machen“ ist es nicht getan.

„Ich kann nicht“ sagen Pferde gern mal vorm Anhänger. Oder im Fall unseres kleinen Caruso beim Thema Sprühflasche. Was für ein großes Thema für das kleine Pony. Als wir ihn bekamen, hieß es, man kann ihn nicht einsprühen. Das gibt es ja oft und liegt meistens nur daran, dass Menschen falsch reagiert und dem Pferd damit das „falsche“ Verhalten beigebracht haben. In den allermeisten Fällen löst sich das Problem binnen einer Stunde. Nicht so bei Caruso. Das Geräusch – bei den meisten Pferden der Auslöser für Flucht – hatte er schnell akzeptiert. Kein Problem. Aber wehe, der Sprühstoß berührte sein Fell. Dann war er weg und daran war nichts zu ändern. Nun ist Caruso ein Pony, mit dem man fast alles machen kann, sobald er ein Halfter trägt. Er gibt dann auf und hält aus. Wir kamen mit etwas Training da hin, dass wir ihn einsprühen konnten, haben mit viel Futter belohnt und gehofft, dass es sich bessert. Aber das war nicht der Fall. Mit weit aufgerissenen Augen in völliger Angststarre ließ Caruso sich einsprühen und wenn man am nächsten Tag mit dem Halfter kam, war er weg. Nun ist Einsprühen keine lebensnotwendige Kunst und ich beschloss, es einfach zu lassen. Wenn es so schlimm für ihn ist, dann müssen wir es ja nicht tun.

Der erste echte Lösungsansatz kam nach dem ersten Kurs bei Elsa Sinclair. In stundenlanger Kleinstarbeit kam ich schließlich mit Caruso so weit, dass ich ihm das spot on Spray in 7 kleinen Sprühstößen auf dem Körper verteilen durfte – ohne Halfter, ohne Futter und er blieb entspannt.

Jetzt, da er sein blödes Hautproblem am Kopf hat, möchte ich aber eigentlich gern am Kopf sprühen, und zwar großflächig. „Ich kann nicht“ sagt Caruso. Ich komme mit einer sehr weichen Bürste, sprühe das Mittel auf die Bürste, verteile es damit auf der Haut. Das feuchte Gefühl auf der Haut ist schon doof aber dafür gibt es Kekse und damit ist es erträglich. Wenn die Haut dann schon feucht ist, darf ich auch direkt drauf sprühen, ganz kurz und direkt danach drüber bürsten, auch das geht. Ich mache alles ohne Halfter, er darf gehen wenn er will. Und es wird besser. Ich verstehe: ihn einfach ansprühen auf die trockene Haut mit nassem, derzeit auch kaltem Spray läuft unter „ich kann das nicht (aushalten)“. Seine Haut ist zu sensibel. Aber es gibt Varianten die er kann. Und so finden wir Wege, die für ihn ok sind und für mich praktisch (denn darum geht es mir, dass ich etwas, was ich täglich tun muss, nicht allzu umständlich machen muss und dass ich das teure Spray nicht literweise in der Bürste habe anstatt auf dem Pony). Das Spray was wir derzeit verwenden scheint er auch zu mögen, vielleicht tut es der Haut direkt gut. So wird aus „ich kann nicht“ ein „ok so kann ich es aushalten“. Und vielleicht mit etwas Zeit ein „ja das ist in Ordnung“.

Für mich lag der erste Schritt darin, zu akzeptieren, dass er wirklich „ich kann nicht“ sagt und nicht „ich will nicht“. Und dann herauszufinden was genau er nicht kann. Warum er das nicht kann ist nicht so wichtig – ist seine Haut wirklich so sensibel oder hat er schlechte Erfahrungen gemacht mit Spray was mal gebrannt hat? Spielt für mich keine Rolle. Fest steht: er kann nicht – und zwar kann er das Gefühl, angesprüht zu werden nicht aushalten, während das Geräusch gar kein Thema ist. Ein anderes Pferd sieht es vielleicht umgekehrt.

„Ich kann nicht“ sagt Duncan auch manchmal. Und er wird es noch öfter sagen. Beim Spazierengehen neulich. Ach, Duncan, hör doch endlich auf zu hampeln und am Strick zu ziehen und nach mir zu haschen. „Ich kann nicht“ sagt er. Er weiß was er tun soll. Ich glaube fest daran, dass er es auch will. Aber er kann nicht. Seine eigenen Gefühle überrollen ihn, der Energieüberschuss ist da und will in irgendeiner Form ausgelebt werden. Und ich bin dankbar, dass diese Form schon jetzt – obwohl er erst 2 Jahre alt ist – eine einigermaßen erträgliche ist. Dass er schon jetzt sein Verhalten zumindest so weit im Griff hat, dass er nicht steigt, tritt, beißt oder sich losreißt. Das ist ja schon eine Leistung.

Manchmal sieht man ihn auch in der Herde so. „Ich MUSS jetzt jemanden ärgern“ scheint er dann zu sagen. Und wenn einer von den großen ihm eine Abfuhr erteilt, geht er zum nächsten. Die Energie ist da, die muss irgendwo hin. Auch wenn das vielleicht bedeutet, dass er gleich wieder auf die Nase fällt, weil ihm die Füße wegrutschen. Egal. Er MUSS das jetzt tun. Stillstehen ist keine Option.

Wenn ich das alles unter dem „er kann nicht“ – Aspekt betrachte, mehr als unter dem „er will nicht“ dann wird es leichter, damit umzugehen. Dann ist es ein Lernprozess und ich kann mir Übungsschritte überlegen. Kann überlegen, wie ich es ihm einfacher machen kann. Wo kann er seine Energie lassen? Welche Beschäftigung kann ich ihm vor dem Spazierengehen anbieten, die ihm die Möglichkeit gibt, etwas zur Ruhe zu kommen?

Und so arbeiten wir nun schon seit ein paar Wochen daran, dass er lernt, auf großem Kreis im Schritt mit gelegentlichen kleinen Trabeinlagen um mich herum zu gehen und sich zu entspannen. Die Energie im Schritt ruhig fließen zu lassen, anstatt sie aufzustauen und dann zu explodieren. Da wir im Moment noch nicht sehr weit über die reine Technik hinaus gekommen sind, habe ich noch keine längere Sequenz mit ihm gemacht. Aber er hat verstanden, dass er sich in dieser einfachen Übung bewegen und entspannen kann. Ich hoffe, ihm damit helfen zu können, zu üben, sich selbst zu regulieren. Machen muss er es allerdings dann doch selbst. Wenn er es weiß, kann, und will.

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