Drängende Fragen

Duncan steht etwas mehr als Armeslänge von mir entfernt und schaut mich mit großen Augen an. Wie die Knopfaugen eines Teddybärs, tiefschwarz, kreisrund und glänzend. Und ich weiß inzwischen was das bedeutet: das kleine, gute geölte Maschinchen zwischen seinen Ohren arbeitet auf Hochtouren an der Lösung des Problems. Die Leitungen laufen heiß und Duncan wühlt fieberhaft in den Aufzeichnungen auf seinem Klemmbrett, findet aber nichts, was ganz genau passt.

Ich hatte ihn gerufen, er sollte sein Extrafutter bekommen. Dazu müsste er jetzt durch das Tor in den anderen Stallteil gehen. Und dazu müsste er mir entweder näher kommen oder an mir vorbeigehen, denn ich muss da stehen bleiben, damit ich das Tor zu machen kann bevor die anderen Ponys auch rein wollen.

Aber am Morgen hatte ich ihn ganz ausgiebig belohnt für höfliches „auf Abstand anhalten und freundlich gucken“ als letzten Teil des Kommens. Ich hatte ihn auf der Weide gerufen und er kam aus recht großer Entfernung mit Schwung zu mir. Da bin ich dankbar wenn er großzügig Abstand hält beim Anhalten, nicht in mich reinsemmelt, nicht die Ohren anlegt sondern eben auf Armeslänge stehen bleibt und freundlich drein schaut.

Jetzt ist die Situation anders und die Fragezeichen in seinem Gesicht werden von Sekunde zu Sekunde größer. Warum nur verhalte ich mich jetzt so anders als heute morgen? Was ist jetzt zu tun?

Dass die anderen Ponys im Spiel sind, macht die Situation nicht leichter, denn diesmal kann er nicht nachmachen, sondern soll sich gegenteilig zu ihnen verhalten. Und ich kann mich ihm nicht uneingeschränkt widmen da ich auch mit den anderen kommunizieren muss.

Ich versuche, ihm seine Frage zu beantworten, so gut die Situation es zulässt.

Aber als ich ihn zwei Stunden später den umgekehrten Weg wieder zurückholen will – ebenfalls durch rufen – zeigt sich, dass er verunsichert ist. Warum unterscheiden sich die Lösungen des (in seinen Augen) gleichen Problems? Warum ist jetzt nicht das selbe Verhalten richtig wie heute morgen?

Er wird herausfinden, dass mein Rufen in unterschiedlichen Umgebungen und Zusammenhängen unterschiedliche Antworten erfordert. Aber das ist natürlich Stoff für Fortgeschrittene, das will geübt werden.

Und ich denke an den jungen Kaltblüter, den ich neulich im Unterricht hatte. Seine Besitzerin hat ihn longiert und das Pferd hat in einer Tour Fragen gestellt. Soll ich jetzt antraben oder nicht? Soll ich näher kommen oder nicht? Soll ich den Kopf tiefer tragen oder höher? Als ich die Besitzerin auf diese Fragen hinwies war sie bestürzt: sie hatte seine Fragen nicht „gehört“ (eher: gesehen). Sie wusste nicht, dass ihr Pferd in permanenter Unsicherheit lebt und dringend Antworten auf seine Fragen sucht.

Wie belastend es ist, keine Antwort auf drängende Fragen zu bekommen, wissen wir alle spätestens seit dem Ausbruch von Corona. Für unseren Seelenfrieden sind Antworten enorm wichtig und wenn wir keine finden, werden wir uns welche suchen – oder im Zweifelsfalle ausdenken.

Den Pferden geht es nicht anders. Sie werden sich, wenn es keine Antworten von uns gibt, eigene Antworten ausdenken. Dabei werden sie manchmal Treffer landen und die richtige Antwort erraten. Aber auch dann brauchen sie die entsprechende Rückmeldung von uns, dass sie richtig liegen. Sonst werden sie verzweifeln, frustriert sein und aufhören zu fragen. Manche Pferde stellen die Kommunikation mit dem Menschen schließlich fast vollständig ein. Hier geht es mir nicht um die Bitten die ein Pferd äußert („kannst Du mich mal da kratzen?“ Oder „ich mag diese Bürste nicht“) sondern um die an uns gestellte Frage „wie soll ich mich verhalten?“. Ich beobachte, dass gerade junge Pferde diese Frage sehr sehr oft stellen. Und leider sehe ich oft, dass sie keine Antwort bekommen, weil sie nicht gehört werden. Vielleicht sehe ich deswegen so selten, dass ältere Pferde Fragen stellen. Diego ist eines der älteren Pferde die ich kenne, die Fragen stellen. Anfangs stellte er in höchster Nervosität ungefähr 10 Fragen in einer Sekunde, was das Antworten extrem schwer machte. Heute fragt er gezielter und entspannter. Aber wenn er keine Antwort bekommt, wird er schnell wieder nervös, unsicher und manchmal auch wütend. Von ihm habe ich viel darüber gelernt, Fragen schnell zu sehen und klar zu beantworten.

Einen Dialog mit jemandem zu führen, der Fragen nicht beantwortet, ist frustrierend. So wie ich von meinem Pony erwarte, dass es auf meine Fragen antwortet, so möchte ich auch die Fragen meines Ponys sehen, hören, verstehen und vor allem: beantworten.

Dafür ist es nötig, dass ich als allererstes weiß, wie ich diese Fragen erkenne. In Duncans Fall: an kugelrunden Teddybär-Knopfaugen.

Beteilige dich an der Unterhaltung

3 Kommentare

  1. Ich fühle Mitleid mit den Pferden, die keine Antworten auf ihre fragen bekommen. Bedauernswert, diese wunderbaren Wesen. Liebe Grüße von der Gärtnerin mit dem gruenen Daumen. P.s. Meine Mutter musste als junges Mädchen die Pferde auf dem Hof ihrer Familie führen, mit ihnen fahren, pflügen. Sie hat auch ein Fohlen großgezogen. Als es ans Militär abgeliefert werden musste, erzählte sie mit brechender Stimme davon.

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