Ein halbes Jahr

Wie Sir Duncan Euch bereits am Sonntag verraten hat, hatten wir „Halbjahrestag“. Ist er nun „schon“ ein halbes Jahr bei uns oder „erst“?

So sah Duncan im August aus. Kaum weiße Haare und deutlich kompakter.

Arnulfs spontane Reaktion war „erst“. Es kommt uns meistens länger vor, einfach deshalb weil wir nun in diesem halben Jahr schon so viel zusammen gemacht haben, was sich in meiner Planung und Erwartung über mindestens ein Jahr gezogen hätte.

Im Frühling wollte ich die ersten Spaziergänge wagen, im Sommer die ersten Spaziergänge ohne Begleitpferd und die ersten Touren mit dem Anhänger. Duncan hatte allerdings andere Vorstellungen. Ende September hier eingezogen und schon vor Weihnachten die ersten Spaziergänge gemacht – sogar den ersten klitzekleinen ohne Begleitpferd. Und dann im März mit dem Anhänger los um mit Diego und Duncan im Wald spazieren zu gehen (davon hat Duncan Euch ja auch schon berichtet).

Dazwischen so gar nichts von dem was ich eigentlich geplant hatte – kein Führtraining auf dem Platz, keine Übungen wie Rückwärts, Hinterhand weichen oder solche Dinge. Warum nicht? Weil ich fühle, dass er es blöd findet. Bei Finlay bin ich oft über dieses Gefühl hinweggegangen, ich dachte „das muss so“. Bei Duncan habe ich Dinge einmal angetestet, einmal gezeigt, fand er lustig. Aber dann war er durch damit und wollte raus. Die Arbeit auf dem Platz werde ich ihm – wohl im wahrsten Sinne des Wortes – erst noch schmackhaft machen müssen. Wie Finlay sieht er keinen Sinn darin. Ich habe das inzwischen von vielen Highlandponys gehört: rausgehen und ein Abenteuer erleben, das ist des Schotten Natur. Davon abgesehen hat er auch mit keiner dieser Übungen das leiseste Problem angedeutet. Er hat alles sofort verstanden und auch gemacht. Das heißt natürlich nicht, dass er es wirklich kann. Aber es reicht für sein Alter total aus, der Rest kommt im Zweifel von allein im Alltag – beim Putzen, Verladen und Hufe raspeln übt sich sowas ja auch immer nebenbei. Wenn sich nächstes Jahr Probleme zeigen sollten ist dann noch genug Zeit, das aufzuarbeiten.

Schrecktraining – Ihr habt davon gelesen – habe ich durchaus probiert. Ohne „Erfolg“, denn das meiste fand Sir Duncan irgendwo zwischen „langweilig“, „blödsinnig“ und „lächerlich“. Die Idee, er könnte Fußballspielen lustig finden, teilte er so gar nicht, seine Fußballbegeisterung stimmt genau mit der meines Mannes überein. Nein, bisher ist das einzige was er lustig findet das, was jenseits unserer Grundstücksgrenze stattfindet.

Stillstehen für ein Foto? Laaaangweilig! Mein „Lulatsch“ zeigt erste weiße Haare, besonders am Rücken und große Strähnen in Mähne und Schweif. Das Winterfell lässt ihn auf dem Foto kompakter wirken als er ist.

Manchmal finde ich aber auch, dass er „schon“ ein halbes Jahr da ist. Manchmal ist Finlay noch so präsent und Duncan noch so fremd. Wir kennen uns nun schon ganz gut, ich weiß meistens was er denkt, er weiß meistens was ich denke, aber natürlich ist das kein Vergleich zu meinem Finlay, den ich 8 Jahre lang kannte und mit dem ich alle möglichen Situationen und Abenteuer erlebt hatte. Duncan ist immer noch ein bißchen „neu“ für mich. Interessanterweise findet mein Gehirn manchmal – in den Augenblicken zwischen schlafen und wachen oder dann wenn die Ponys der Reihe nach in den Stall kommen um ihr Heu zu holen – dass beide Schotten hier sein müssten: Finlay und Duncan. Ich möchte nicht mehr ohne Duncan sein und ich kann mir auch die Herde nicht mehr ohne ihn vorstellen. Aber auch Finlay gehört noch zur Herde, irgendwie.

Als wir neulich Fotos zusammengesucht haben für unsere Mieterin (ihr traditionelles Geburtstagsgeschenk von uns: Fotos von ihrem Pony) habe ich das komplett an Arnulf abgegeben. Denn da waren auch Fotos von Finlay mit dabei und die alle durchzusehen und die schönsten rauszusuchen, das konnte ich nicht. Schlimm genug, wenn Facebook mir alle Nase lang Erinnerungen zeigt. Dann schaue ich immer auf das Datum: wann habe ich das Video von unserem ersten gerittenen Schrittzirkel gepostet, wie alt war Finlay da, wie sah er da aus? Und ich frage mich: wie wird Duncan in dem Alter aussehen und werden wir dann tatsächlich anfangen ihn zu fahren wie es bisher mein Plan ist? Wird es dann Fotos und Videos von unserer ersten Kutschfahrt geben, die ich mit stolzgeschwellter Brust mit Euch teile? Welche Farbe wird er dann haben und welche „Form“? Im Moment ist er ein „Lulatsch“, alles schlackert und er kann gar nicht genug essen um bei Figur zu bleiben. Mehr Futter scheint er nur in mehr Bewegung umzusetze. Ich hoffe auf die Weidesaison um mal ein bißchen was an ihn dran zu kriegen. Ich hoffe auch auf einen baldigen Wachstumsschub – für meine ungeduldige Seele. Nur um zu sehen dass sich was tut. Nicht dass das irgendetwas ändern würde an den Fakten seines Alters.

Ich las heute die freundliche Erinnerung: das Leben ist kein Wartezimmer, es findet JETZT statt. Manchmal muss ich aufpassen, dass ich nicht zu sehr „warte“, darauf dass er groß wird und wir mit den Dingen anfangen können, die mir so sehr fehlen. Ich möchte diese Zeit jetzt mit ihm genießen und uns beiden das bestmögliche Fundament geben. Nach wie vor bin ich froh mir ein so junges Pony gekauft zu haben, er hat nie schlechte Erfahrungen gemacht und das macht unser Leben so leicht.

Die größte Überraschung die er uns bietet ist wohl sein Verhalten in der Herde. Mein Finlay war ja immer so ein ganz ruhiger Vertreter. Klar, der hat auch mal getobt und gespielt. Aber vielleicht einmal am Tag. Duncan tut gefühlt fast nichts anderes. Er macht mal ein kleines Nickerchen, aber ansonsten ist er ständig in Bewegung. Er hält seine 4 Kumpel alle gut auf Trab, keiner bleibt verschont.

Auch mich hält er beim Spazierengehen gut auf Trab: es kann ihm gar nicht schnell genug gehen.

Nach diesem ersten gemeinsamen halben Jahr denke ich, er ist das perfekte Distanzpferd (sagen wir: sobald er gelernt hat, anständig an fremden Pferden vorbei zu gehen). Er ist flott und unermüdlich, liebt fremdes Gelände, kennt keine Furcht, ist nicht überdreht aber energiegeladen.

Ob ich bei seinem Energielevel mithalten kann, werden die Jahre zeigen. Manchmal trauere ich Finlays Gemütlichkeit nach, die irgendwie besser zu meinem eigenen Phlegma gepasst hat. Aber Duncan scheint hier zu sein um mich fit zu machen, was ich nach langen Monaten der Trauer und Krankheit auch dringend nötig habe. Ich hoffe also, dass wir über Sommer Wege finden, uns auf ein Tempo zu einigen und er als mein personal trainer meine Kondition verbessert.

Und noch ein großer Unterschied: Finlay war immer sehr hart im Nehmen was Druck anging. Antippen mit der Gerte? Egal. Da musste schon mehr passieren damit der Herr bereit war, die Nase aus dem Gras zu nehmen (und das obwohl er wusste dass er weiter fressen darf, sobald er durchs Tor gegangen war). Duncan ist dagegen sehr empfindsam was Druck von meiner Seite angeht. Ich muss da vorsichtig sein, sonst schieße ich schnell übers Ziel hinaus. Er ist natürlich kein Araber aber doch sensibler als viele andere Ponys die ich kenne. Er möchte auch nicht mit der harten Bürste kräftig gekratzt werden, wie Merlin und Finlay. Der weiche Gummistriegel ist sein „Wohlfühlgerät“ (das ich bei Merlin nie benutze weil er es viel zu sanft findet).

Und er möchte unbedingt friedlich mit mir sein. Streit kann er (meistens) nicht leiden, wo Finlay den Streit gerne mal gesucht hat. Allerdings war Finlay schon etwas älter als ich das beobachtet habe, also vielleicht kommt das auch noch. Während Finlay von mir lange kein Futter aus der Hand bekommen hat, weil ich Sorge hatte, dass wir das nicht im Griff haben, bin ich heute anders gestrickt und arbeite sehr viel mit Futterbelohnung. Duncan hat das Wegschauen perfekt verinnerlicht (wie lustig, da ich es ihm gar nicht bewusst beigebracht habe) und wendet es bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten an um einen Keks zu bekommen. Ich bin nun vor allem gespannt wie hartnäckig er versucht, Futter in Situationen zu bekommen in denen es nunmal keines gibt, wie flexibel er ist, neue Dinge auszuprobieren und ob irgendwann eine Zeit kommt in der er grundsätzlich einfach mal alles in Frage stellt (nennt sich Pubertät). Die Arbeit mit der Futterbelohung und teilweise mit Markersignal (klick) stellt mich wieder vor neue Herausforderungen und Fragen. Warum kann ich eigentlich nicht einmal bei einem System bleiben in dem ich mich gut auskenne? So bin ich wohl. Wie Sir Duncan sagt: nie zufrieden. Es muss immer noch besser gehen, das gilt auch für mich.

Insgesamt war ich in diesem halben Jahr jeden Tag froh ihn hier zu haben und ich mag ihn jeden Tag noch etwas lieber. Und ich bin sicher: wir werden ein gutes Team. Also auf zu neuen Abenteuern, mein erlebnishungriger Ritter!

Zum Schluss habe ich noch eine Bitte in eigener Sache. Ich investiere (gerade jetzt) recht viel Zeit und Arbeit in diesen Blog, weil ich hoffe, Euch damit eine Freude zu machen. Ihr könnt mir auch eine Freude machen, indem Ihr den Blog so viel und so oft wie möglich auf Facebook teilt und an allen möglichen und unmöglichen Stellen verlinkt. Letztlich ist es auch Werbung für mich, meine Arbeit und mein (immer noch nicht veröffentlichtes) Buch. Erzählt anderen davon und sorgt so für mehr Reichweite. Damit macht Ihr ja auch denen eine Freude, die den Blog dann neu kennen und lieben lernen. Danke!

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