Persönlich

Als wir noch auf Veranstaltungen gehen durften und ich auf dem schönen Vortrag von Mark Lubetzki war, stand ich in der Pause mit ein paar Leuten zusammen und wir unterhielten uns. Plötzlich kam eine junge Frau und sprach mich an „Du bist doch die mit dem Highlandpony- Blog oder?“

An dieser Stelle herzliche Grüße! Und danke für diesen wunderbaren Moment. Da steht ein wildfremder Mensch und erkennt mich. Und sagt mir, wie gern sie meine Geschichten liest. Und ich fühle mich wie ein Karpfen: mein Mund geht auf und zu aber es kommen keine Worte raus. Ich stammle irgendwas und schon ist sie wieder weg.

Ich drehe mich wieder zu meinen Bekannten um. „Ich bin berühmt“ ist der erste Satz der mir raus rutscht. Danach muss ich lachen. Berühmt ist ja ein großes Wort. Aber mir wurde in diesem Moment klar dass da draußen wirklich ganz reale Menschen sind die mich noch nie gesehen haben und trotzdem wissen wer ich bin. Ein bisschen zumindest.

Als ich einer Schülerin von dieser Begegnung erzählte sagte sie „das ist ja auch immer ganz schön persönlich was Du da schreibst“. Ob mir das bewusst wäre, dass das öffentlich ist. Ja, ist es. Ich überlege immer sehr genau was ich schreibe.

Was mich bewegt, wenn ich so persönlich schreibe ist eine Erfahrung die ich selbst immer wieder mache: es hilft uns, wenn wir herausfinden, dass andere ähnlich fühlen wie wir. Viele von Euch schreiben mir als Reaktion auf meine Beiträge, ich hätte etwas in Worte gefasst, das sie auch fühlen und sie seien mir dankbar, denn sie selbst hätten es nicht in Worte fassen können.

Anscheinend kann ich da etwas, das nicht jeder kann und ich möchte es weiter tun, so lange es Euch Freude macht. Ich bin überzeugt davon, dass es unser Leben leichter macht, wenn wir entdecken, dass wir nicht allein sind mit unseren Gefühlen, die uns manchmal überwältigen. Wenn jemand nicht mit schlauen Sprüchen und (vermeintlich) guten Tips um sich wirft sondern einfach akzeptiert, was wir fühlen und vielleicht selbst ähnlich fühlt. Jemand, der uns hilft, Worte für unsere Gefühle zu finden, damit wir sie aussprechen können. Das heißt nicht, dass wir nicht mal einen Tip gebrauchen können und Hilfe, mit den Gefühlen umzugehen. Aber für mich steht vor der Hilfe der Moment des Fühlens. Und der Moment in dem wir dieses Fühlen in Worte fassen und einmal ganz wahrnehmen was wir fühlen. Und akzeptieren, dass Gefühle nicht logisch sind. Dass sie nicht immer mit dem Verstand zu erklären sind.

All das ist mir erst so recht klar geworden durch Finlays Tod und einige Ereignisse davor. Ich habe im Lauf des letzten Jahres einen anderen Zugang zu meinen eigenen Gefühlen bekommen und gemerkt, dass ich einen neuen Umgang mit ihnen erlernen möchte.

Und jetzt, in dieser Zeit, sind wir alle in ganz besonderen Gefühlszuständen. Vielleicht geht es einigen von Euch ein bisschen so wie mir. Ich habe all die Corona-Nachrichten total ignoriert. Panikmache, das kennen wir. Wenige Wochen vorher ist Sturmtief „Sabine“ über Deutschland gezogen – ach herrje was wurden wir da gewarnt. Hörte sich an wie Weltuntergang. Und dann war es hier bei uns doch eher nur eine steife Brise. Ich bin so an diese Dramatisierung gewöhnt, dass ich sie einfach nicht mehr ganz ernst nehme. Und dann – innerhalb weniger Stunden – hat es mich erwischt. Ich habe gelesen was in Italien passiert und plötzlich wurde mir klar: diesmal ist es ernst. Und zwar sehr viel ernster als angesagt. So etwas hat noch keiner von uns erlebt. Und meine Welt brach zusammen. Ich hatte drei ziemlich üble Tage und Nächte bevor die Nachricht überhaupt einigermaßen in meinem Kopf angekommen und verarbeitet war.

Es gibt Momente, da ist alles normal. Wenn ich die Schubkarre durch den Stall schiebe und meinen Ponys ihr Essen serviere, denke ich: alles ist normal. Ich denke: die Ponys wissen nichts von unseren Problemen. Aber natürlich wissen sie es. Sie kennen uns so gut und sie merken mit Sicherheit, dass wir anders drauf sind als sonst. Jedes Pony wird auf seine eigene Art und Weise darauf reagieren.

Ich schaue mir nur morgens neue Meldungen an. Ich kann mich nicht den ganzen Tag mit Corona auseinandersetzen, es macht mich krank. Spätestens ab mittags versuche ich Normalität zu finden. Aber nichts ist normal. Ich mache mir Sorgen um liebe Menschen, die zur Risikogruppe gehören und manchmal überrollen mich diese Sorgen einfach. Ich habe Angst, dass ich krank werde, dass mein Mann krank wird oder ein anderer lieber Mensch in meinem Umfeld. Ja ich weiß, für uns ist das Virus wahrscheinlich ungefährlich. Trotzdem: Ich habe Angst, dass wir unsere Tiere nicht versorgen können, weil wir mit Fieber im Bett oder – noch schlimmer – im Krankenhaus liegen. Angst, dass der Tierarzt krank wird oder in Quarantäne muss und nicht kommen kann wenn eines meiner Ponys ihn dringend braucht. In den ersten Tagen des Begreifens war diese Angst übermächtig und ich wusste nicht, wie ich ihrer Herr werden sollte.

Nach der totalen Angst kamen die Momente der Stille, in denen ich das Gefühl hatte, alles sei nur ein Film, ich würde alles nur von außen sehen oder phantasieren. Dann entstand etwas Neues: das Gefühl der Dankbarkeit. Die Ponys am Haus, so viel Grundstück auf dem wir uns frei bewegen können. Schönes Wetter, die Möglichkeit, sich aus dem Weg zu gehen wenn es nötig sein sollte. Alles ist gut.

Und dann ist wieder nichts gut. Neue Zahlen, neue Sorgen. Neue Zahlen heißt immer und ausnahmslos: höhere Zahlen. Niemand weiß, wie es weitergeht. Mein Arzttermin ist gestrichen – weil meine Hausarztpraxis mit einer Klinik zusammenarbeitet werden dort nur noch bestimmte Patienten betreut – ich muss mir einen anderen Arzt suchen. Schon jetzt läuft das Gesundheitssystem nicht mehr rund. Unsere Ärzte müssen unbedingt gesund bleiben. Derweil gibt es immer noch viele, die leugnen. Und viele, die über die Leugner schimpfen. Ich kann beides verstehen. Ja, auch die, die alles leugnen, alles kleinreden. Ich glaube, bei vielen ist es Selbstschutz. Aber auch eben die Tatsache, dass wir Panikmache und „Fake news“ inzwischen gewöhnt sind. Und die, die Klopapier für die nächsten 100 Jahre kaufen, sind auch nicht unbedingt Idioten, sie reagieren nur nicht mehr so ganz vernünftig.

Nach Finlays Tod habe ich gelernt: jeder trauert auf seine Weise. Heute lerne ich: jeder fürchtet sich auf seine Weise. Warum ausgerechnet Klopapier bei so vielen die größte Sorge ist, erschließt sich mir nicht, aber ich kann mich darin üben, zu akzeptieren. Andere finden meine Sorgen verrückt, ich finde deren Sorgen verrückt.

Wir alle dürfen jetzt Strategien entwickeln, wie wir weitermachen können. Ich habe mich schon immer gefragt, wie das damals im Krieg ging. All die Geschichten unserer Eltern und Großeltern über den Krieg haben immer diese Frage in mir aufgeworfen: wie geht das? Wo ist die Normalität? Wie feiert man Weihnachten, wenn Krieg ist? Wie geht man zur Schule während Bomben fallen? Wie geht man damit um, dass jeden Tag Todesnachrichten kommen?

Jetzt haben wir eine ähnlich unnormale Situation. Und wir werden lernen, damit umzugehen. Wie lebt man weiter, wenn das öffentliche Leben brach liegt? Wie geht Normalität im Kleinen, wenn sie im Großen nicht geht? Wie leben wir mit einer unsichtbaren Gefahr, die sich nur in Zahlen ausdrückt? Es ist so ein abstraktes Geschehen: für die meisten von uns ist das Virus nicht gefährlich. Aber wenn zu viele auf einmal krank werden, wird es plötzlich gefährlich – weil die, die es etwas schlimmer erwischt hat, nicht mehr gut versorgt werden können. So ist das in einer Herde – nur wenn alle mitmachen, kann es gut gehen. Jeder muss jetzt seinen Platz finden und ihn bestmöglich ausfüllen.

Wir werden Wege finden. Wir alle werden dazu Zeit brauchen, um uns zurecht zu finden in dieser neuen Situation, aber letztendlich werden wir uns zurechtfinden. Schon jetzt merke ich für mich, wie ich anfange, mich neu zu sortieren und ich bin damit sicher nicht allein.

Wie immer denke ich an die Pferde. An meinen kleinen Duncan, der vor nunmehr 6 Monaten in Dänemark in den Anhänger gestiegen ist und für den sich an einem Tag alles geändert hat. Der hier nicht freundlich empfangen wurde, sondern hart arbeiten musste um aufgenommen zu werden. Der unerschütterlich weiter gemacht hat – auch wenn er zwischendurch große Angst hatte. Und für den sich alles zum Guten gewendet hat nach ein paar Wochen.

Aber auch für die anderen Ponys hier hat sich an diesem Tag alles verändert. Sie sind nicht gefragt worden. Duncan kam hierher und sie mussten damit umgehen. Auch sie hatten vielleicht Angst. Oder waren wütend. In jedem Fall mussten sie sich neu sortieren. Auch sie mussten neue Umgangsformen miteinander erlernen.

Unsere Pferde sind sehr viel öfter in solchen Situationen. Sie wissen nicht, was passieren wird. Alles ist neu, alles ist anders, alles ist bedrohlich und fremd. Vielleicht können wir jetzt lernen, wie sich das anfühlt und unseren Pferden mit mehr Mitgefühl begegnen.

Und wir brauchen Mitgefühl für uns selbst und unsere Nächsten. Wir dürfen anerkennen, dass die Situation in der wir uns befinden, jedem von uns Angst macht. Ich bin davon überzeugt, dass das auch bei denen so ist, die (jetzt noch) leugnen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand ganz ohne Angst aus dieser Nummer raus kommt. Wer sich keine Sorgen macht wegen der Krankheit, hat wohl spätestens jetzt Angst vor den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen. Ich bin auch überzeugt, dass es nichts nützt, zu diesen Menschen zu sagen „Du hast doch auch Angst“, weil sie ihre Angst (noch) nicht fühlen. Weil in unserer Gesellschaft nicht so gern wirklich offen über Gefühle gesprochen wird. Weil wir dazu erzogen werden, sie zu verbergen – in letzter Konsequenz manchmal auch vor uns selbst.

Jetzt mag die Zeit sein, das zu ändern. Jetzt mag die Zeit kommen, in der wir uns wirklich begegnen – nicht persönlich, nicht körperlich nah, aber seelisch viel näher als sonst. Manchmal ist es ja sogar einfacher, über Gefühle zu sprechen, wenn man sich dabei nicht sieht.

Und deswegen wird mein Blog auch weiter so persönlich bleiben. Und wenn wir wieder auf Veranstaltungen gehen können und mich jemand erkennt und anspricht, dann habe ich hoffentlich eine bessere Reaktion im Angebot als den Mund auf und zu zu klappen wie ein Karpfen. Vielleicht gibt es dann ein persönliches Gespräch, bei dem wir uns in die Augen schauen, uns darüber unterhalten, wie wir uns fühlen – egal, ob wir ähnlich fühlen oder komplett verschieden – und am Ende umarmen wir uns und wissen: wir sind miteinander verbunden, so unterschiedlich wir auch sein mögen.

Früher haben wir uns verabschiedet mit Worten wie „mach‘s gut“ „bis bald“ und „tschüß“. Heute kennen wir nur noch einen Abschiedsgruß:

Bleibt gesund!

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