Alltag

Neulich las ich von einer bekannten Ausbilderin einen kleinen Text auf Facebook. Sie schrieb darüber, wie wir in den sozialen Medien immer nur die spektulären Dinge zeigen und anschauen und wie falsch das sei. Sie versprach, in Zukunft mehr über die alltäglichen Momente mit ihren Pferden zu posten, denn diese sind natürlich viel wichtiger und wir sollten uns immer wieder daran erinnern.

Erst habe ich ihr zugestimmt. Dann habe ich gestutzt.

Ich denke zurück an das Jahr 2018. Im Januar hatte ich gesagt: ich will dieses Jahr auf Distanzritt gehen. Zu dieser Zeit war unsere „große Runde“ 7km lang und wir sind sie weitgehend im Schritt geritten. Für den Distanzritt brauchten wir 28km weitgehend im Trab!

Was tat ich also? Ich richtete meinen Alltag danach aus.

Jeden Dienstag – egal wie müde, wie spät und wie heiß (Regen hatten wir nie) – sind meine Freundin und ich eine größere Runde geritten. Am Wochenende bin ich eine größere Runde mit Arnulf geritten. Und dazwischen habe ich Stangentraining, Dressurreiten und Freiarbeit eingebaut.

Nun könnte ich weiß Gott nicht über jede dieser Traininseinheiten ein Buch schreiben. Die wenigsten waren spektakulär. Viele waren anstrengend, manche frustrierend. Die meisten waren entspannend und schön. Wie ein schönes Treffen mit Freunden eben so ist. Ich hätte schreiben können „Wir waren heute wieder schön reiten. Die Sonne hat geschienen, die Vögel haben gezwitschert, die Ponys hatten Lust zu laufen und wir haben 16km in 2,5 Stunden geschafft.“

Aber wäre das interessant gewesen? Ich weiß es nicht. Ich persönlich freue mich zwar, wenn jemand postet „schön draußen gewesen“ aber nur, wenn ich irgendeinen Bezug zu den Leuten habe. Bei Fremden interessiert es mich herzlich wenig. Und wenn jemand so etwas postet an einem Tag an dem es bei uns stürmt oder ich keine Zeit hatte oder womöglich mit Erkältung auf dem Sofa dahinsieche, dann bin ich ein bißchen neidisch. Was nützt es also, mehr über den Alltag zu reden?

Ich glaube, über den Alltag zu reden bringt uns nur dann weiter, wenn wir etwas tiefer graben. Warum ist der Alltag so wie er ist? Wie können wir ihn so gestalten, dass er Spaß macht und uns an unser Ziel bringt? Gerade im Pferdetraining können wir beobachten, dass es nur über den Alltag geht. Wir arbeiten heute nicht für heute, sondern für morgen oder für nächste Woche. Wenn ich heute einen klitzekleinen Schritt in die richtige Richtung gehe, habe ich eine gute Chance, dass mein Pferd daraus plötzlich einen großen Schritt macht. Aber Achtung: wenn ich einen klitzekleinen Schritt in die falsche Richtung gehe, kann das auch passieren. Da birgt er Alltag seine Tücken, wenn wir ungeduldig oder unachtsam werden und unseren Pferden irgendwelchen Mist beibringen, den wir später gar nicht haben wollen. Das kann ich jeden Tag überall beobachten….

Alltag: Futterschnute, ein rostiges Tor und zerzaustes Haar.

Wenn ich mit dem Heusack vorm Stalltor stehe und fünf hungrige Ponys stehen auf der anderen Seite, dann ist einer dieser Momente. Das Tor geht nach innen auf. Alle Ponys müssen also so weit Platz machen, dass ich rein kommen kann. Und ich habe jeden Tag (meistens mehrfach) die Wahl: Scheuche ich sie zurück, schiebe ich sie zurück und drängle mich durch (während sie schon heimlich Heu am Sack naschen) gehe ich einfach einen anderen Weg und füttere an einer ganz anderen Stelle oder warte ich, bis die Herren von selbst auf die Idee kommen, mir Platz zu machen.

Manchmal, wenn ich da so stehe, würde ich gern doch einfach die Gerte nehmen und die Ponys wegräumen. Aber das möchte ich nicht, weil ich will, dass sie den Zusammenhang begreifen und dass das nicht davon abhängig wird ob ich eine Gerte griffbereit habe. Heu gibt es eben erst, wenn man Platz gemacht hat. Wenn alle Platz gemacht haben!

Das ist Alltag. Wenn ich zu müde oder zu genervt bin, gehe ich einen anderen Weg und lege das Heu ganz woanders hin – zum Glück geht das in unserem Stall. So kann ich dem Thema ausweichen und es mir für einen Tag bequem machen. Auf Dauer, habe ich beschlossen, will ich, dass meine Ponys es lernen.

Vielleicht kommt einmal der Moment, in dem alle meine Ponys prompt und zügig Platz machen und ich einfach so durch die Stalltür spazieren kann. Das wäre dann spektakulär und ich könnte ein Video darüber machen und manche meiner Freunde würden staunen, sich mit mir freuen und feiern. Das wäre ein toller Moment!

Danach würde auch das wieder Alltag werden.

Spektakulär ist ja nur das, was für uns kein Alltag ist. Für jemand anderen mag es Alltag sein.

Ich meine, all die spektakulären Dinge, die wir uns gern anschauen, sind in jemandes Alltag entstanden. Für viele gute Reiter ist es z.B. Alltag, Lektionen zu reiten, die für den Anfänger ein Highlight wären. In meiner Timeline gibt es Videos von Merlin und mir in der ersten Piaffe und beim ersten fliegenden Wechsel – und obwohl das immer noch Höhepunkte unseres gemeinsamen Tuns sind, ist es doch ganz normal, diese Lektionen im Alltag zu reiten. Wir brauchen dazu keine Hilfe vom Boden mehr und wir können nach und nach alles schön verfeinern. Alltag eben….

Dagegen wird es ein absoluter Höhepunkt sein, mit Duncan eines Tages die erste Runde im Schritt über den Platz zu reiten. Alles ist schließlich relativ.

Und so bin ich nicht sicher, ob ich dem Facebook-Post der Ausbilderin zustimme. Zum Teil ja. Wenn wir uns gegenseitig immer wieder daran erinnern, dass der Großteil unseres Lebens und der Großteil der Ausbildung unserer Pferde im Alltag stattfindet und nicht spektakulär ist, dann hilft uns das sicher, bei der Stange zu bleiben.

Uns gegenseitig damit zu langweilen wird uns hingegen wohl kaum motivieren. Vielleicht wäre es motivierender, uns gegenseitig zu erzählen, welche Varianten von Alltag wir versuchen. Heute ist es die Plane und morgen die Matratze. Heute ist es Stangentraining, morgen ein Spaziergang. So könnten wir uns Ideen geben „oh das könnte ich auch mal machen“ und „das habe ich lange nicht gemacht“. Wir könnten den Alltag etwas würzen. Aber Alltag ist Alltag. Und so wie wir für ein schönes Portrait-Foto nicht die alte Stalljacke anziehen, werden wir unseren Alltag nie ehrlich nach außen transportieren. Und das erwartet auch niemand, denke ich, denn niemand lässt sich gern langweilen.

Was bleibt, ist die Gewissheit, dass das was wir alltäglich tun den größten Einfluss auf unser Leben hat. Jeder, der mit irgendetwas jemals Erfolg hatte, wird das wissen. (Also alle.) Der Alltag bestimmt letztlich unser Leben.

Und das ist jetzt das, was mich auch mit Duncan beschäftigt. Denn endlich ist hier etwas eingekehrt, wonach ich mich seit Finlays Tod so sehr gesehnt habe: Alltag. Solider, vielleicht manchmal etwas langweiliger, unspektakulärer Alltag. Routinen und Gewohnheiten, ein Gleichmaß der Dinge und eine gewisse Berechenbarkeit. Und da Finlays Tod mir gezeigt hat, dass diese Berechenbarkeit reine Illusion ist, genieße ich umso mehr jeden Tag, an dem NICHTS spektakuläres passiert, selbst wenn das bedeutet, dass nichts besonders tolles passiert, nichts, was mich himmelhoch jauchzen und auf Wolke sieben davonschweben lässt.

Ich bin dankbar für den Alltag wie ich es noch nie in meinem Leben war.

Und in kleinen Momenten sehe ich etwas entstehen, sehe manchmal das nächste Highlight durchblitzen und kann mich darauf freuen. Die erste Fahrt mit dem Anhänger in fremdes Gelände, der erste gemeinsame Kurs, das erste Mal dass diese oder jene Übung gelingt. Aber ich möchte nicht nur für diese Momente leben. Ich möchte jeden Tag genießen, dass es meine Ponys überhaupt gibt und dass sie so einen großen Teil meines Alltags darstellen.

Reden werde ich trotzdem vorwiegend über die anderen Momente, denn für Außenstehende sind die nunmal spannender und interessanter. Aber wer genau hinschaut und es wirklich wissen will, wird auch dort immer wieder meinen Alltag wiederfinden können.

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