Winzigkeiten

Ich betrete die Arztpraxis, gehe zur Anmeldung, nenne meine Namen. Die Arzhelferin schaut in ihre Unterlagen „Sie sind zum ersten Mal hier?“ ich bejahe. Ich weiß schon, was jetzt kommt: der unvermeidliche Stapel Papier zum ausfüllen. Aber davor…
„Herzlich Willkommen“ sagt sie und lächelt mich freundlich an.
Da bin ich einfach mal sprachlos.

Es sind die kleinen Dinge, die den großen Unterschied machen. Wir Pferdemenschen erleben das doch immer wieder: was wir denken, wie wir atmen, wie unsere Füße stehen, all das ist für das Pferd enorm wichtig. Ich habe einmal gehört, dass Pferde alle Eindrücke gleich wichtig finden. Sie sortieren von Natur aus nicht nach Priorität (wie wir es tun), sie müssen das erst von uns lernen, dass wir als Menschen gern immer die erste Geige spielen würden in ihrer Aufmerksamkeit. Ich weiß nicht ob das stimmt, aber für ein Beutetier macht es Sinn, nichts auszublenden und Kleinigkeiten wichtig zu finden.

Je mehr ich weiß, desto mehr fühle ich mich wie ein Anfänger. Es kommt mir vor wie ein Mosaik: von weitem sieht es ganz einfach aus, wie ein Bild. Je näher ich komme, desto mehr kleine Steine entdecke ich. Dann entdecke ich, dass auch die kleinen Steine aus noch kleineren Steinen zusammengesetzt sind. Die kleineren Steine bestehen aus winzigen Sandkörnern. Und wenn ich dann all diese Sandkörner sehe, dann entdecke ich noch den Kitt zwischen den Steinen, der aus noch feiner gemahlenem Material besteht. Der alles zusammenhält, ohne den es nur ein Haufen Steine wäre.
All diese Winzigkeiten, ohne die das Ganze nicht funktioniert…

So fing alles an: mit Whity auf Amrum (von meinen Eltern als harmlose Freizeitbeschäftigung gedacht. Wenn sie geahnt hätten was daraus wird….)

Am Anfang meiner Reitkarriere – mit 6 Jahren, damals immer nur in den Sommerferien auf Amrum – da war reiten einfach: rechter Zügel wenn es nach rechts gehen soll, linker Zügel wenn es nach links gehen soll und beide Beine zu um oben zu bleiben (wir waren oft ohne Sattel unterwegs).
Später, in der Reithalle mit Unterricht wurde es schon komplizierter. Leichttraben war mein größter Feind, als ich 10 Jahre alt war. Ich konnte den Rhythmus des Pferdes einfach nicht fühlen und bin immer aufgestanden wenn mein Vorreiter aufgestanden ist.
Noch später, als Jugendliche, habe ich mit Erstaunen Müselers Reitlehre gelesen in einem alten, abgegriffenen Buch von 1934 das ich von meinem Großonkel geschenkt bekam, der seinerzeit bei der Kavallerie war. Heute hätte ich viele Fragen an ihn…..
Müseler las sich für mich im Großen und Ganzen so: man hat einen inneren Schenkel, einen inneren Zügel, einen äußeren Schenkel, einen äußeren Zügel und ein Kreuz, das man anspannt.
Und eigentlich benutzt man alle diese Hilfen jedesmal für jede Lektion.
Das ergab für mich keinen Sinn: woran unterscheidet das Pferd die Lektionen, wenn ich IMMER ALLE Hilfen nutze die mir zur Verfügung stehen?

Noch etwas später kam dann mein erstes eigenes Pferd in mein Leben: „Wurzel“, ein hessisches Warmblut von 172cm Stockmaß. Er war Schulpferd im Reitverein – aber nicht sehr lange. Denn nach 2 Jahren war er so sauer, dass er stieg, wenn man seine Box betrat.
Wenn man ihn aus der Halle in die Box führen wollte, wurde man von ihm überholt oder umgerannt und er sauste im Galopp in die Box. Niemand konnte ihn davon abhalten, auch unsere sonst so durchsetzungskräftige Reitlehrerin nicht.
Aber ich liebte dieses Pferd. Und ich dachte viel nach. In meinem Leben war er das erste Pferd, dem man nicht mit mehr oder weniger Gewalt kommen konnte um seinen Willen durchzusetzen. Sagen wir mal: man konnte schon, nur Wurzels Antwort war entsprechend. Er antwortete auf Druck mit Gegendruck – und zwar massiv. Ich begann zu verstehen, wie unglücklich die Schulpferde in diesem Reitverein waren, die nichts weiter sahen außer ihrer Box und der Reithalle, mal den Springplatz, Sonntags das Gelände und mit ganz viel Glück Sonntags Nachmittags für eine Stunde den Paddock – meistens allein, mit viel Glück zu zweit.
Ich suchte Lösungen, kämpfte gemeinsam mit meinen Freunden für Weidegang, der dann ebenfalls mal für eine Stunde am Sonntag auf winzigen Parzellen möglich wurde.
Das Hallenproblem blieb indes ungelöst. Schließlich kam ich auf die Idee, ihn wieder in die Halle zurück zu führen, wenn er an mir vorbeigedonnert war. 5 Mal haben wir den Weg gemacht. Beim 6. Mal tänzelte Wurzel neben mir her, überholte aber nicht und ich entließ ihn in die Box. Das hatte nachhaltig Erfolg: mich überholte er nicht mehr.
„Durchsetzen“ – ein Lieblingswort in der damaligen Reitausbildung – änderte für mich seine Bedeutung. Ich setzte mich immer noch durch, aber ich verwendete zukünftig dafür mehr meinen Kopf als meinen Körper.

Wurzel war noch lange bei uns. Er wurde fast 30 Jahre alt.

Etwas später wurde Wurzel mein Pferd. Die ersten Jahre waren teilweise die Hölle. Aber ich glaube, mein Wurzel hatte irgendwo unter seiner ganzen Wut immer eine Dankbarkeit mir gegenüber. Er wusste, dass ich mich bemühe. Und so oft er auch mit gebleckten Zähnen auf mich losgegangen ist: er hat mich nie verletzt.
Wurzel forderte mich sehr heraus, neue Konzepte zu finden. Keine der damals gängigen Methoden führte irgendwie zum Erfolg. Zu dieser Zeit gab es in Deutschland noch kein „Horsemanship“, „Bodenarbeit“ oder „Verhaltenstraining“ (zumindest nicht in meiner Umgebung). Was es gab waren Bücher von Linda Tellington Jones. Und so war sie meine erste Bekanntschaft mit Bodenarbeit, Beziehungsarbeit und diesen Dingen.
Wurzel und ich sind viel zusammen spazieren gegangen. Er liebte Spazierengehen. Oft habe ich davon geträumt, einfach immer weiter zu laufen – immer Richtung Norden, wo es mich schon immer hingezogen hat. Aber für so etwas war ich zu realistisch – oder zu feige.
So ging es erst ein paar Jahre später gen Norden – im Pferdetransporter.
Und dann lernte ich Arnulf kennen und mit ihm die „Natural Concepts“ die er von Alfonso Aguilar gelernt hatte.
So fingen wir an mit Bodenarbeit. Verladetraining, Podest, Brücke, all solche Dinge. Parallel schnupperte ich akademische Reitluft. Es war aber wirklich nur geschnuppert. Merlin zog als zweites Pferd bei mir ein – so ganz anders als mein Wurzel. Zwar war Merlin zuvor auch in einem Schulbetrieb gewesen und ebenso wie Wurzel wegen schlechten Benehmens verkauft worden, aber Merlin zeigte sich mir gegenüber nie problematisch. Er war immer freundlich zu mir, selbst wenn er fand, dass ich mich extrem dumm anstelle und mir mitteilte, dass er nun aus diesem Grund nicht mehr mitmachen würde. Ich zwang ihn dann nicht, sondern lernte verstehen, dass ICH das Problem war, nicht ER.

Merlin mit 9 Jahren – ob Duncan einmal so aussehen wird? Im Hintergrund Wurzel.


Arnulf und ich lernten in der Hufpflege viele schwierige Pferde kennen und wurden zu einem eingeschworenen Team, kein Pferd war uns zu kompliziert, alle haben wir zur Mitarbeit bewegen können.
Meine reiterliche Karriere stagnierte derweil. Viele Jahre war ich ohne Reitunterricht. Ich probierte herum, schaute auch mal Reitlehrer an, war aber nie überzeugt.
Dann begegnete ich Honza Blaha und lernte 8 Jahre lang sein System kennen. Ich dachte, den Stein der Weisen gefunden zu haben. Ich lernte unglaublich viel von Honza und bin dafür sehr dankbar. Als Finlay zu mir kam war klar: so will ich mein Pony ausbilden.
Aber Finlay hatte ganz andere Pläne. Und einen Körperbau, der für dieses Konzept so gar nicht geeignet war. Er ließ mich auflaufen – wie mein Wurzel damals, nur nicht aggressiv, sondern sehr stoisch. Was Finlay nicht tun wollte, tat er nicht. Was er tun wollte, tat er. Mein Job war, ihn dazu zu bringen, zu wollen, was ich wollte. Oder aber selbst das zu wollen, was Finlay wollte. Und so beschritten wir wieder neue Wege, fanden zu Alex Zell und der altcalifornischen Reitweise, nahmen bei Amanda Barton an Kursen teil.und schließlich gingen wir auf Distanzritt. Und weil unser alter Hund nicht mehr neben dem Pferd herlaufen kann fuhren wir Finlay ein. Hundeoma wie eine Königin auf der Kutsche, ich mit meiner gestrengen Fahrlehrmeisterin auf dem Bock (verzweifelt versuchend, mich nicht in den Leinen zu verheddern) und Finlay – wie immer – großartig in seinem Job.

Der Hauptgrund, Finlay einzufahren, war unsere alte Sali – hier seht ihr sie auf dem Bock thronen

Unzählige Schüler, Pferde und Fragen sind im Laufe der Jahre aufgetaucht. Wer mich persönlich kennt, weiß, dass ich im Unterricht gern ausprobiere. Neulich sagte ich zu meiner Schülerin, als ich eine Vorgehensweise vorgeschlagen hatte „ich frage mich immer ob ich sagen soll dass ich das auch noch nie so gemacht habe“. Sie antwortete lakonisch „das wissen wir doch, dass du Dinge ausprobierst und deswegen holen wir Dich ja“. Ach so. Dann ist ja gut.

Auch beim Fahren gibt es so viele Winzigkeiten zu entdecken…

Und in all dem Ausprobieren und Erfahrungen sammeln habe ich so viele Details gefunden. Von Leinenführung (und des Rätsels Lösung warum die so kompliziert sein muss) über Biomechanik (und den Streit um das Vorwärts-Abwärts) zu der Frage nach der Konditionierung (wie, auf was und warum). Und eigentlich wollte ich ja immer nur eine gute Beziehung zu meinem Pferd haben (wie wohl alle, die diesen Blog lesen).
Schließlich, 2018: Elsa Sinclair. Mit dem Ergebnis, dass ich – wieder einmal – so vieles in Frage stelle. Und dass ich weitere Winzigkeiten entdecke, die so wichtig sind. Etwas winzigere Winzigkeiten. Sagen wir: NOCH winzigere Winzigkeiten.

Elsa ist die Meisterin der Details. Und sie hat bewiesen: wenn wir auf genug Kleinigkeiten achten, können wir Pferde vollkommen ohne Equipment ausbilden. Kein Halfter, kein Seil, kein Futterlob.
Nicht, dass ich vorhätte, das zu tun. Selbst Elsa sagt, es ist für Menschen mit normalem Arbeitsalltag wohl nicht zu schaffen, es kostet zu viel Zeit. Dennoch – und das ist das tolle an ihrem System – können wir das, was wir von ihr lernen, überall mit einfließen lassen.

Hätte ich all diese Dinge schon gewusst, als ich meinen alten Wurzel hatte – wer weiß, wo der Weg uns hin geführt hätte. Aber andererseits: ich wäre den Weg nie gegangen, wenn ich Wurzel nicht getroffen hätte. Ich wollte Bereiterin werden, Turniere reiten. Ich hätte vielleicht mein Leben lang nicht gemerkt, dass da so viel mehr zu entdecken ist.
Und so danke ich in diesem Post offiziell den Pferden die mir am meisten Fragen gestellt haben, die mir am meisten Probleme gemacht haben, die mich immer wieder haben auflaufen lassen bis ich neue Wege und Methoden gefunden hatte: Wurzel, Merlin und Finlay.

Und nun steht hier Duncan. Wir erforschen gemeinsam, was von all diesen Dingen, die ich gelernt habe, uns am besten und einfachsten ans Ziel bringt. Welche Vorgehensweise uns am besten gefällt. Wie wir am besten zueinander finden, eine gute Beziehung aufbauen. Wie er am besten lernen kann und will. Und dabei lerne ich wieder mal mindestens genauso viel wie er.
Auf der Suche nach den Winzigkeiten, denn die machen den großen Unterschied.

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