Geduld

Hier sitze ich nun auf der unbequemen Tribüne der Reithalle, den 3. Tag in Folge. Ich bin verspannt und müde, aber es ist wahnsinnig interessant und gerade fallen in meinem Kopf so viele Dinge an ihren Platz, die seit Mai 2018 da so herumwabern. Denn im Mai 2018 war ich auf dem ersten Kurs mit Elsa Sinclair (www.tamingwild.com) und Elsa hat dort Dinge gezeigt und erklärt, die lange, lange nachgewirkt haben und die so viele neue Fragen aufgeworfen haben.

Nun bin ich wieder auf dem Kurs bei Elsa und ich beobachte, wie sie ihren Lehrstil weiter verbessert hat und wie sie die Inhalte ihres Kurses noch mehr auf das Wesentliche reduziert hat. Sie hat alles quasi eingedampft auf die Essenz bzw die Basis. Sie erklärt zwar am 4. Tag dann auch, wie es weitergehen könnte, aber sie sagt „ich mache hier mit Euch nur die ersten Schritte, weil ich Euch zwingen will, geduldig zu sein, weil das sonst niemand tut“. Elsa stellt – wie ich es noch selten oder vielleicht in diesem Ausmaß nie gesehen habe – das, was sie vermitteln möchte und was ihr wichtig ist über alles andere. Sie akzeptiert, dass Leute vielleicht finden, sie bekämen zu wenig für ihr Geld oder dass ihr Konzept viel zu langsam ist. Sie nimmt in Kauf, das Zuschauer nicht wiederkommen oder dass Teilnehmer frustriert sind. Sie brennt für ihre Sache und ist absolut bereit, sich bei den Menschen unbeliebt zu machen um zu zeigen, worum es geht.

In endloser Geduld erklärt sie wieder und wieder und wieder die gleichen Dinge in verschiedenen Worten, geht auf die einzelnen Nuancen ein, die winzigen Details, ist immer freundlich, immer ansprechbar, beantwortet in den Pausen noch 23875 individuelle Fragen und was mich am meisten erstaunt ist, wie gut sie sich an Menschen erinnert. Obwohl sie mich nur einmal auf dem Kurs letztes Jahr gesehen hat (als einer von ca 70 Zuschauern), weiß sie über Facebook ein paar Dinge von mir und hat sie absolut präsent – dass ich Hufe bearbeite, dass ich meinem Shetty nach dem letzten Kurs mit ihrer Methode die Angst vor dem Einsprühen nehmen konnte, dass ich jetzt einen Jährling habe, all das weiß sie.

„Ich unterrichte die Menschen so wie ich die Pferde ausbilde“ hat sie letztes Jahr zu mir gesagt. Und ich beobachte sie dabei. Sie betont alles, was gut läuft, sie zeigt Möglichkeiten auf – endlose Vielfalt an Möglichkeiten – sie ermutigt alle zum Experimentieren und zum Fehler machen. Immer wieder betont sie, dass alles individuell ist, jedes Pferd ist anders, jeder Mensch ist anders, jede Beziehung ist anders. Immer wieder weist sie darauf hin, dass jeder seinen Weg finden kann in ihrem System, aber etwas Geduld ist eben doch nötig. Taming wild, da geht es darum, das wilde in uns zu zähmen, das immer viel zu schnell viel zu viel will.

Ich fahre nach hause mit Herz und Kopf voller Inspiration und habe eine Million Ideen was ich nun mit diesem neu zusammengesetzten Puzzle tun möchte.

Aber kaum bin ich zu hause, schnappt die Zeitfalle zu. Denn im Moment ist es so, dass die Zeit und Energie, die eigentlich für die Pferde übrig wäre, in kleinen gemeinen Löchern verschwindet, weil ich mich um meine eigene Gesundheit kümmern muss, weil Zäune (wieder) aufzubauen sind, weil das Pony-Management generell im Moment so viel Zeit verschlingt, weil ich total übermüdet bin, nachdem mein Gehirn 4 Tage auf Hochtouren gelaufen ist.

Dennoch nehmen wir uns etwas Zeit für das Freedom Based Training und entdecken ein paar Dinge. Wir hoffen, die Situation zwischen Gatsby (das Highlandpony unserer Mieterin) und Duncan entschärfen zu können. Zwischen den anderen Ponys und Duncan läuft es so weit ganz gut. Nachts sind sie weiterhin getrennt, damit alle ruhig schlafen können. Tagsüber auf der Weide sind alle zusammen, auf dem Paddock lasse ich sie nur zusammen wenn einer von uns da ist um aufzupassen.

Duncan hat mittlerweile ordentlich Angst vor Gatsby und da uns immer noch nicht ganz klar ist, was Gatsbys Attacken auslöst, kann ich diese Angst gut verstehen. Mit Hilfe von Elsas Ideen wollen wir nun zum einen versuchen, herauszufinden, wie Duncan sich so verhalten könnte, dass Gatsby ihn nicht mehr attackiert, zum anderen Gatsby helfen, sich freundlicher verhalten zu können, er handelt nicht aus Bösartigkeit so, sondern weil er selbst offensichtlich gestresst ist in der neuen Situation. Wir möchten also beiden helfen, besser klarzukommen. Ob uns das gelingen wird?

Nun kann ich auch endlich einmal wieder entspannte Zeit mit Merlin verbringen, denn während Merlin auf dem Platz arbeitet, kann Duncan nun friedlich auf dem (umgebauten) Paddock stehen, von dort kann er Onkel Merlin sehen und sorgt sich dann auch gar nicht, dass er im Grunde allein ist. Er steht nicht dauernd am Zaun und guckt, sondern macht in Ruhe sein Ding, wahrscheinlich reicht es ihm, Merlin noch zu hören wie er über den Reitplatz marschiert.

Und während ich mich – trotz all der Extra-Arbeit die wir nun haben, trotz des Eingewöhnungsstresses – mehr und mehr in Duncan verliebe, ist doch auch immer wieder der Schmerz präsent. Diejenigen unter Euch, die einen ähnlichen Verlust erlebt haben, werden das wissen, für die anderen ist es vielleicht hilfreich es zu wissen. Es ist etwas ganz anderes, ob wir ein altes Tier verlieren, von dem klar war, dass es nicht mehr lange bei uns sein wird, ein Tier, bei dem sich vielleicht schon seit Jahren ankündigt, dass der Tag des Abschieds näher rückt, oder ob wir ein junges Tier verlieren, mit dem wir eine Zukunft geplant hatten und dessen Zeit noch so lange nicht gekommen war. Der Unterschied ist um so vieles größer als ich gedacht hätte, ich möchte fast behaupten, die Situationen haben nicht viel gemeinsam. Zum Schmerz des Verlusts kommt der Schock und die ewige Frage nach dem Warum, die Wut über diese Ungerechtigkeit, die Verzweiflung darüber, so machtlos zu sein. Der Schmerz kommt in Wellen, und auch wenn diese Wellen allmählich kleiner werden, gehe ich doch in vielen dieser Wellen noch unter und schlucke eine Menge Wasser. Viele, die schon ähnliches erlebt haben, sagen mir, dass es ein Jahr dauert, bis das Schlimmste vorbei ist. Ich wünsche mir, dass es wahr ist, dass es immer etwas leichter werden wird. Und ja, mein Leben geht weiter und ich schreite voran, trotz der Momente in denen ich einfach nur alles wieder so haben will wie es einmal war.

Eines der letzten Fotos von Finlay – Mai 2019

Ich bin nie ein Mensch gewesen der sich in die Vergangenheit zurück wünscht. Mein Leben ist immer nur besser und besser geworden, auch mit den Verlusten und Schwierigkeiten die es gab. Aber jetzt wünsche ich mich manchmal einfach zurück in die Zeit, in der Finlay noch da war. In die Zeit, in der das Leben seinen geregelten Gang ging und ich noch nicht wusste, wie ein solcher Verlust sich anfühlt. In die Zeit, als das alles nur in einer angstvollen Phantasie manchmal passierte, aber niemals in der Realität.

Das schlimmste sind die Kurse. Etwas Neues zu lernen und dabei zu wissen, dass ich es niemals mit Finlay ausprobieren kann, ist eine grauenhafte Vorstellung, die mich jedes Mal wieder zu Boden zwingt. Und immer wenn ich etwas Neues lerne, verstehe ich auch, was ich vorher falsch gemacht habe – und ich werde es niemals gutmachen können bei meinem Finlay. Ich habe keine Chance mehr, ihm zu zeigen, dass ich ihn jetzt besser verstehe, dass ich etwas besser kann und wir noch mehr Spaß zusammen haben können.

Aber auch andere Situationen fördern immer wieder zu Tage was unter Alltag und Duncan verborgen liegt. Manchmal beiße ich nur die Zähne zusammen und mache weiter, erlaube mir nicht, alles zu fühlen. Aber wenn es gerade möglich ist, tauche ich immer wieder auch ein in das ganze Grauen, denn ich merke, dass das nötig ist, dass ich nicht immer alles nur wegschieben darf. Ich habe gelernt, dass die Welle über mich herüber schwappt, ich denke, dass ich gleich ertrinke und im letzten Moment ist die Welle doch zu Ende und ich bekomme wieder Luft.

Wer das nicht erlebt hat, kann sich kaum vorstellen, wie viel Kraft das alles kostet. Wieder und wieder und wieder aufstehen und weitermachen, auch wenn es leichter wird, summiert es sich auf zu einer fast übermenschlichen Anstrengung. Niemand kann es für mich tun, ich muss es selbst tun, auch wenn ich von vielen Seiten großartige Hilfe und Unterstützung bekomme.

Ich möchte mich bei all denen entschuldigen, denen ich vielleicht einmal blöde Sachen gesagt habe ohne es zu wollen und zu merken, denen ich zu wenig Verständnis entgegen gebracht habe, bei denen ich vielleicht nicht gewusst habe, was los ist, weil ich das alles selbst noch nicht kannte. Denen, die so etwas noch nicht erlebt haben, kann ich nur raten, sich vermeintlich tröstliche Sprüche lieber zu verkneifen und zu akzeptieren, dass der andere etwas fühlt, was man sich vielleicht noch nicht mal ansatzweise vorstellen kann.

Vielleicht stört es einige von Euch, dass ich das hier so schreibe. Soll ja ein schöner, lustiger Blog sein mit Pony-Geschichten. Wird es auch, versprochen. Es macht in meinen Augen keinen Sinn, endlos über den Schmerz und den Verlust zu sprechen. Aber ich habe zu oft erlebt, dass ich gedacht habe, das Leben der Menschen wäre nach ihrem Verlust schon wieder in Ordnung und im Nachhinein vermute ich, es war eben nicht in Ordnung. Die meisten machen nur einfach weiter und machen alles mit sich selbst aus, was völlig ok ist. Nur ich, wenn ich Euch hier schon so teilhaben lasse, finde es wichtig, dass auch klar wird, dass es nicht in Ordnung ist. Finlay ist jetzt fast 4 Monate nicht mehr bei mir – eine lange Zeit und doch eine sehr kurze Zeit. Und auch wenn Duncan jetzt hier ist, heißt das nicht, dass alles plötzlich wieder gut ist, dass etwas repariert ist. Die Wahrheit ist: Meine Welt ist zerbrochen und sie wird nie wieder sein wie zuvor. Sie wird wieder gut und schön und bunt sein, aber nicht mehr wie zuvor, denn Finlay wird nicht wieder lebendig und das was ich erlebt habe wird nicht wieder rückgängig zu machen sein, es hat mich für immer verändert. Ich habe neulich gelesen:

„trauerst Du etwa immer noch? – ja, er ist ja auch immer noch tot.“

Damit ist wohl alles erklärt.

Ich bin unendlich dankbar, dass Duncan hier ist, der gute Gefühle in mir erzeugen kann genau wie mein Finlay es immer getan hat und der doch ganz anders ist dabei. Wenn ich bei Duncan bin, denke ich nicht an Finlay, denn Duncan ist so präsent, dass er mich sofort in seinen Bann zieht. Ich weiß, dass es richtig ist, ihn hier zu haben und dass er mir helfen wird, mich besser zu fühlen, Stück für Stück. Ich danke all jenen, die es möglich gemacht haben, dass er hier ist.

Duncan wird nun derjenige sein, mit dem ich neu gelerntes ausprobieren kann und ich bin froh, dass nun gerade der Kurs mit Elsa war, denn ihre Arbeit bedeutet zunächst, dass nur ich arbeite, während er tut, was er möchte, also kann er auch als Jährling beliebig viel davon vertragen.

Und auch mit mir selbst darf ich geduldig bleiben, so wie Elsa es vorlebt, darf üben, mich selbst besser zu fühlen, die positiven Dinge zu betonen und viel Zeit investieren in die stille Beobachtung und Wahrnehmung dessen, was ist.

Elsa sagt, durch ihr Freedom Based Training können wir den Pferden helfen, zu besseren Pferden zu werden – und ich bin überzeugt, es hilft auch uns, zu besseren Menschen zu werden.

Nächste Woche werde ich Euch dann wieder Lustiges erzählen über Ritter-Gelage und Schubkarren und hoffentlich Spannendes und Gutes über die Integration des Sir Duncan in die Herde.

Übrigens bin ich überzeugt, dass er ordentlich gewachsen ist in den 4 Tagen die ich ihn nicht gesehen habe!

Beteilige dich an der Unterhaltung

1 Kommentar

  1. Mein großer Verlust liegt jetzt 15 Monate zurück – meine Jessie war alles für mich. Unser Abschied war plötzlich und der Schock darüber, der Schmerz und die schlimmen Zeiten, hatte ich mir zuvor auch nicht vorstellen können. Jetzt noch sind sie mein ständiger Begleiter und werden es immer sein, denn es ist genauso wie Du sagst: nichts ist mehr so wie früher.

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