Der Boden der Tatsachen

„Auf dem Boden der Tatsachen liegt viel zu wenig Glitzer“ habe ich auf Facebook gelesen.

Aber dieser Spruch scheint nicht für Sir Duncan Dhu of Nakel zu gelten. Denn der schlägt nicht hart auf dem Boden der Tatsachen auf, sondern landet dort weich gefedert auf einem Polster aus Selbstbewusstsein, schüttelt sich kurz, stellt fest, dass da zu wenig Glitzer liegt und fängt frohgemut an, welchen zu verstreuen.

Duncan findet alles nicht so schlimm. Ja, die anderen sind doof zu ihm aber was solls? Er überzeugt Merlin von sich und ein Kumpel reicht ja um sich dahinter zu verstecken.

Meine beiden Schimmel – im Moment noch sehr gut auf einen Blick zu unterscheiden 😉

Kaum dass Merlin und Duncan einigermaßen Freunde sind, die ersten Male Fellkraulen machen und Duncan erfolgreich hinter seinem großen „Onkel“ Schutz vor dem Rest der Bagage findet, ist sein Selbstbewusstsein schon wieder so glänzend aufpoliert wie Omas Silberbesteck. Er fängt wieder an, mit mir zu diskutieren – auf der Weide überlegt er kurz ob ich ihn wirklich an den Strick nehmen darf oder ob er nicht einfach weggehen kann.. ich gehe aber einfach hinterher und denke mir im Stillen „wenn Du Dich nicht anstricken lässt, gehen wir mit Merlin weg, dann kommst Du eh hinterher“ und er liest mal wieder meine Gedanken. Na gut, ich darf ihn an den Strick nehmen. Aber beim Führen vergisst er seine Manieren, versucht 4 mal spielerisch nach mir zu schnappen und trabt zweimal einfach los, in der klaren Absicht, mich stehen zu lassen (und wundert sich wieder, dass die nette Tante dann doch mal am Strick zieht).

Er hat so eine selige Art mit Problemen umzugehen. Was ich an Finlay so geliebt habe, wenn es um unsere Abenteuer ging, dieses „oh, hat nicht geklappt, na versuchen wir es halt nochmal“ das scheint bei Duncan die gesamte Lebensphilosophie zu umschreiben. Scheucht ihn einer weg, so ist er kaum betrübt, geht einfach zu einem der anderen (nur um wieder weggescheucht zu werden) oder steht kurz in der Ecke und tut sehr bedrippelt (wobei sich seine schauspielerischen Fähigkeiten in Grenzen halten) und kommt halt ein paar Minuten später wieder. Kann doch gar nicht sein, dass die ihn nicht mögen! Das ist doch völlig unmöglich! Ihn mögen doch sonst immer alle!

Ich würde ihn wirklich gerne einfach mit den anderen zusammenstellen und sehen wie er langsam versteht, dass das nicht angesagt ist, sich so zu benehmen wenn man fremd ist. Aber nach wie vor traue ich mich das nur auf der Weide, denn unser toller, spannender Paddock mit Ecken, Verstecken, Rundlauf und Winkeln ist leider für solche Aktionen nicht wirklich geeignet.

Allerdings ist mir jetzt völlig klar: sobald ich nicht mehr den ganzen Tag mit Zaunbau und Ponys sortieren beschäftigt bin wird dieses kleine Wesen Arbeit bekommen und sobald das Führtraining mir genug Mut gibt wird es raus gehen in die große weite Welt. Denn Sir Duncan scheint unbegrenzte Kapazitäten zu haben, unbegrenzte Konzentration und Aufnahmefähigkeit und endlose Abenteuerlust. Gut – ich wollte ja einen Abenteurer, das kann er haben.

Ich erinnere mich an Finlays Energielevel im selben Alter, an sein Schlafbedürfnis, Wachsen war ein Fulltime-Job für ihn. Ok, Finlay war in dem Alter auf der Hengstkoppel, sicher habe ich vieles nicht mitbekommen. Aber so wie Duncan, so war mein Finlay nicht. Finlay war jener geschockte, verschreckte Jährling, der plötzlich aus seiner Familie gerissen worden war und alles verlassen musste was er kannte. Sir Duncan ist weder verschreckt noch geschockt. Das maximale negative Gefühl, das ich bisher bei ihm gesehen habe, ist Unverständnis, dass die anderen so zu ihm sind. Ich glaube, er hat noch keine Idee, dass sein Verhalten vielleicht der Auslöser dafür sein könnte…. Aber ich vertraue darauf, dass unsere Herde ihm das schon noch beipulen wird.

Am Montag kamen dann mal diese fünf Sekunden Fassungsverlust meinerseits – da wollte ich ihn doch einfach auf den Anhänger stellen und zurück nach Dänemark bringen. Alle Ponys waren zusammen auf der Weide. Wir hatten die Weide verkleinert, weil sie sich ja daran gewöhnen müssen, auf engerem Raum zusammenzusein. Alles war super harmonisch. Ich habe nur einmal gesehen, dass Gatsby Duncan weggejagt hat und das recht unspektakulär. Mir schien, Duncan hat schlauere Taktiken entwickelt – schneller weg sein und nicht zum Zaun rennen – die das Problem entschärfen. Dann kam meine Reitschülerin und ich brauchte Merlin. Ich rief Merlin von der Koppel runter und wollte einfach sehen, was passiert. Caruso wollte unbedingt mit rein, Duncan reagierte erst nicht und ich witterte meine Chance, Duncan kurz mit Diego und Gatsby allein zu lassen. Leider witterte Gatsby diese Chance auch und fing an Duncan zu jagen, aber nur kurz, dann ließ er von ihm ab. Und Sir Duncan Dhu schaut sich unglücklich um, peilt die kürzeste Strecke zu Merlin, nimmt einfach Anlauf und springt durch den Zaun. Da wir ja an den meisten Stellen Glattdraht als Einzäunung haben, macht es „ping“ und der Draht springt auf. Soviel zu den 8000Volt auf dem Zaun (klar, wenn man schnell genug durch ist, kriegt man höchstens EINEN Schlag).

Ja, ich weiß, Ihr habt ja recht. Ich war selbst schuld. War halt blöd von mir. Aber im ersten Moment war da schon der Gedanke, dass ich ein Pferd, das durch Zäune springt, hier nicht haben will.

Aber ich denke nicht, dass er das noch tun wird, wenn er erst wirklich angekommen ist. Wir hatten schon ähnliche Situationen mit anderen Pferden – mein alter Warmblüter hat auch gerne mal Zäune auf diese Art abgebaut, wenn ihm danach war – aber wir konnten das immer klären. Und zwar nicht durch Aufrüsten, sondern indem wir dafür gesorgt haben, dass die Pferde sich in ihrem Bereich wohl gefühlt haben. Sicher wird das langfristig auch bei Duncan gelingen.

Bis dahin schmieden wir Pläne, bauen weiter fleißig Zäune um, damit wir allen einigermaßen gerecht werden können, fluchen dabei leise oder auch mal lauter vor uns hin und freuen uns trotzdem an den Fortschritten die wir machen.

Arnulf -mein ewiger Held und Retter in der Not….

Duncan stand dann übrigens während der Reitstunde mit Caruso in der Halle und kam ganz gut zurecht. Er hat zwar manchmal gewiehert, ist aber nicht panisch rumgerannt und Caruso hat keine schlimmen Attacken mehr gestartet. Die Halle ist ein ziemlich ausbruchsicherer Ort, da müsste man als Pony schon einigermaßen lebensmüde sein um das zu versuchen und es zeigt sich: da kann Sir Duncan sich dann gut mit abfinden. Es gibt ja auch Pferde, die sich dann endlos reingesteigert hätten, die Halle umgepflügt und geschrieen wie am Spieß, aber dafür ist Duncan dann doch wieder zu sehr das, was er eben immer ist: selbstbewusst.

Mittlerweile darf er bei Merlin mit am Heu fressen – das macht er ganz genau so, wie Finlay es immer bei Diego gemacht hat. Merlin wacht über Duncans Schlaf, die beiden machen viel Fellkraulen und obwohl Merlin manchmal etwas genervt wirkt (auch das kenne ich von der Beziehung zwischen Diego und Finlay), ist er insgesamt glaube ich dem kleinen Zwerg doch zugetan.

Mein guter alter Merlin kümmert sich gut um seinen neuen kleinen Freund

Am Dienstag verbringen Merlin, Duncan und Caruso einige Stunden zusammen im Paddock. Wir bekommen nicht so viel mit von dem was passiert, ein paar kleinere Attacken, aber Duncan hat abends keine neuen Schrammen. Caruso aber steht wie ein Dompteur und hält Duncan durch Anstarren dort wo er ihn haben will. Die Öhrchen spitz nach vorn, die Augen weit auf, die Vorderbeine weit auseinander in den Boden gestemmt steht Caruso und starrt Duncan einfach nur an. Duncan sieht ausnahmsweise mal ehrlich beeindruckt aus und Caruso – der mindestens die letzten 10 Jahre, vermutlich auch davor, noch nie irgendwas zu melden hatte in der Herde – feiert sich selbst. Er sieht unglaublich zufrieden aus mit dieser neuen Situation. Duncan hat gelernt, sich anders zu verhalten, er ist viel besser in der Lage Carusos Körpersprache einzuschätzen als am ersten Tag und wenn er sich ruhig verhält, tut Caruso ihm natürlich auch nichts.

Als ich Duncan und Merlin in ihr Nachtquartier bringen möchte, entscheide ich mich, Duncan zuerst zu holen. Caruso steht am Tor, Duncan möchte nicht zu nah an ihn ran und bleibt lieber stehen. So besteht nun meine Aufgabe darin, Duncan zu erklären, dass ich ihn beschütze, so lange ich ihn am Strick habe. Das klappt gut und mein selbstbewusstes Pony marschiert schön allein in die Halle und wartet dort ganz ruhig auf Merlin.

So ist Sir Duncan Dhu nun eben doch auf dem Boden der Tatsachen angekommen – und von mir aus kann er dort gern Glitzer verstreuen so viel er will.

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