Wünsche werden wahr

Wir kommen also in Dänemark an, nach fast 4 Stunden Fahrt ist Diego sichtlich genervt (aber zum Glück entspannt dabei).

Diego und Duncan bekommen ein Stück Weide und Paddock zusammen zum kennenlernen. Diego sagt erst mal mit Gequietsche und Auskeilen Bescheid, dass er Abstand wünscht. Duncan geht weg, kommt aber alsbald wieder. Er ist selbstbewusst, lässt sich nicht so leicht auf Abstand halten.

Wir überlassen die beiden sich selbst und werden im Haus zum Frühstück eingeladen. Durchs Fenster schauen wir immer mal, aber es passiert nicht mehr als dass Duncan immer mal wieder einen Anlauf unternimmt, zu Diego zu gehen, Diego aber jedes mal meint, das wäre doch wohl zu nah. Am Ende – aber das bekomme ich nicht mit – ist Duncan plötzlich auf der falschen Seite des Zauns… Die beiden Männer sammeln ihn wieder ein und stellen ihn zurück zu Diego.

Schließlich, nach ca 1,5 Stunden, beschließen wir, die Heimreise anzutreten. Duncan soll hier zu hause noch Zeit haben, im Hellen den Paddock, die Weide und die Zäune zu erkunden.

Diego steigt auf den Anhänger (ich bewundere ihn so sehr dafür! Gerade hatte er diese elendig lange Fahrt hinter sich…)

Duncan, in aller Ruhe und genau wie bei unserer Übungseinheit, marschiert Huf für Huf mit auf den Anhänger. Auch das Schließen der Rampe stört ihn nicht. Von diesem Moment an steht er 4 Stunden lang neben Diego auf dem Anhänger. In all der Zeit tut er nur zwei Dinge: fressen und dösen. Er regt sich nicht auf, er wiehert nicht, er klopft nicht, er schlägt nicht mit dem Kopf. Über die Kamera haben wir die beiden die ganze Zeit im Blick. Duncan fährt Anhänger, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan. Wir hören derweil Clanadonia, schottische Straßenmusik, und feiern unsere tollen Ponys. Nach der Fahrt, so denke ich, werden beide froh sein, auf die Weide zu können, werden schon ganz gut aneinander gewöhnt sein und Merlin und Caruso, die im Moment als einzige zu Hause übrig sind, weil Gatsby (das Pferd unserer Mieterin) auf Kurs ist, sind sowieso immer gleich gut Freund mit jedem. Also sollte es kein Problem geben.

Aber ich hatte ja schon geschrieben: der Schotte an sich schreddert gern mal Pläne.

Nach einem harmlosen Start – bißchen Quietschen und Rennen, das Übliche halt, beschließt Diego, dass Duncan doch bitte mal von der Weide runter in den Paddock gehen soll und auf Abstand bleiben. Duncan – anders als alle anderen Pferde die wir bisher integriert haben – findet das weiter nicht schlimm, denn im Paddock stehen wir Menschen zum Kraulen und zu sehen gibt es auch allerhand. Er marschiert durch den Paddock, schaut jeden Stein, jeden Ampfer, jeden Baumstumpf genau an, kommt immer zwischendurch zu uns und wirkt, als wäre alles in bester Ordnung. Ich finde es großartig, freue mich über sein Selbstbewusstsein und bin sicher, dass alles ganz einfach sein wird.

Aber die anderen Ponys finden das gar nicht lustig. Duncan ist ihnen wohl zu dreist!

Als es dann anfängt, ernsthaft zu regnen, verschmähen unsere Ponys die Weide und gehen in die Halle. Duncan läuft frohgemut hinterher und erst läuft alles normal: die Herde steht in der Halle, Duncan darf aber nicht mit rein und steht also draußen. Wir gehen in die Wohnung und denken uns weiter nichts. Dann kommt unsere Freundin: Diego hat Duncan durch den Zaun getrieben. Vor der Halle ist ein blöder Engpass mit Kurve, da hatte Duncan wohl den Zaun als geringstes Übel eingestuft.

Wir beschließen, da es schon dunkel wird, auf Nummer sicher zu gehen. Duncan nächtigt mit Caruso in der Halle, die anderen auf der Weide. Caruso, immer das letzte Licht in der Herde und mit jedem gut Freund, wird mit Duncan keinen Streß haben. Wir beobachten beide noch eine Weile, legen viel Heu aus und alles ist ruhig. Auch am nächsten Morgen ist alles ganz entspannt. Duncan hat Sand am Rücken, hat also wahrscheinlich sogar gelegen oder sich zumindest gewälzt. Wir tauschen die Gruppen: Duncan und Caruso raus, die anderen rein, damit die sich mal trocken hinlegen können. Und dann geht es plötzlich los: Caruso, der kleine, harmlose, freundliche 85cm-Caruso geht auf Duncan los. Beißt ihn in den Hals und lässt nicht mehr los! Wir haben so etwas noch nie bei ihm gesehen. Caruso! Duncan macht Fohlenkauen ohne Ende aber es hilft nicht. Wir gehen runter und arbeiten mit der Walking Meditation von Elsa Sinclair (Taming wild). Beide Ponys entspannen sich und es passiert für die nächsten Stunden nichts dramatisches mehr. Caruso wirkt von all dem deutlich gestresster als Duncan, der das Geschehen mit stoischer Miene hinnimmt.

Arnulf und unsere Mieterin Kerstin holen Gatsby ab, dann kommen alle zusammen auf die Weide. Wieder läuft es so ab wie am Vortag: erst sieht alles ganz normal aus, aber dann drückt die gesamte Herde Duncan plötzlich wieder durch den Zaun! Wir beschließen, dass das keinen Sinn macht und trennen Duncan vorerst komplett von den anderen, nur noch Sichtkontakt. Wir telefonieren mit einer erfahrenen Pferdefrau, die uns das bestätigt, was wir auch schon vermutet haben: Das Fohlenkauen sah uns gleich ein bißchen verdächtig aus. Als ob es mehr so ein Verhalten wäre, was immer zum Erfolg geführt hat, keine ernsthafte Unterwürfigkeit. Wir rekapitulieren, mit welchen Pferden Duncan in Dänemark aufgewachsen ist: seine Mama, offensichtlich eine sehr liebe, duldsame ältere Dame, nach dem Absetzen dann sein älterer Bruder und ein Warmblut-Wallach, den wir auch nicht als guten Kandidaten für strenge Erziehung einschätzen. Duncans älteren Bruder haben wir gesehen, und hatten eindeutig den Eindruck dass Duncan ihn nicht wirklich ernst nimmt, sondern sich einfach nur gern hinter ihm versteckt.

Vermutlich hat Sir Duncan Dhu noch nie erlebt, dass ihm jemand ganz ernsthaft eine Grenze setzt und dass er sein Verhalten wirklich an bestehende Regeln anpassen muss.

In unserer Herde herrscht aber, seit Diego Chef ist, ein bestimmter Umgangston. Diego erzieht alle zur Höflichkeit. Eigentlich darf jeder alles (außer von Diegos Heu essen, das war Finlays Privileg), aber es muss freundlich gefragt werden. Wenn Diego zum Beispiel den Eingang zum Stall versperrt und Merlin durch möchte, muss er einen Moment warten, den Kopf wegdrehen, ruhig sein, dann gibt Diego den Weg frei. Dreistes Drängeln oder Nerven führt hingegen nicht dazu, dass Diego den Weg frei gibt, sondern hat mit Pech noch eine kurze „Ansage“ zur Folge. Duncan hat aber nicht diese Höflichkeit. Er nimmt sich, was er will, geht hin, wo er will und entscheidet fein für sich selbst. Ich wollte ja ein selbstbewusstes Pony…. Dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen!

Als wir Duncan vom fetten Gras holen wollen, mag er sich nicht einfangen lassen. Kein wildes Gerenne, nur immer schön knapp außer Reichweite. Ich gehe immer etwas zurück, wenn er mich anschaut, lade ihn ein, zu mir zu kommen. Aber ich habe ein komisches Gefühl dabei… Duncan lässt mich näher kommen, berührt mit seiner Nase auch meine Hand. Aber dann schießt er plötzlich in einer Attacke auf mich zu! Daher kam also mein komisches Gefühl: er hat meinen Rückzug falsch verstanden, dachte, ich mache ihm Platz, dem großen Sir Duncan Dhu! Ich brülle ihn herzhaft an, schwinge mein Seil nach ihm und Arnulf tut das selbe. Anstatt ihn einzufangen, jagen wir ihn vom Gras runter.

Als wir später einen Tee trinken, reden wir darüber, was wir tun können. Wir beide haben die Idee, dass es Duncan gut tun könnte, direkt etwas Bodenarbeit zu machen. Ich wollte ihm Ruhe geben, ihm Zeit lassen, den Schock zu verarbeiten, erst etwas mit ihm machen, wenn er eindeutig Lust darauf hat. Aber er steht nicht unter Schock, wirkt nicht, als ob er Ruhe bräuchte und ich hege die Hoffnung, dass die Integration leichter wird, wenn er von mir ein paar Regeln lernt: so machen wir das hier bei uns.

Wir üben ein paar Kleinigkeiten in der Halle: etwas führen, etwas rückwärts, ein bißchen Schulter weichen. Duncan fühlt sich nicht an wie ein Jährling, sondern wie ein Dreijähriger. Er kann sich gut konzentrieren (nur 48 Stunden nach Einzug!) und wir arbeiten zweimal 10 Minuten mit einigen Minuten Pause dazwischen. Wir haben ein kleines Kämpfchen darüber, ob er mich mit der Schulter wegrempeln darf, ich versuche, so freundlich zu bleiben wie es mir möglich ist und schließlich klappt es. Dabei wirkt es überhaupt nicht so als würde Duncan „nachgeben“, „aufgeben“ oder sich unterordnen. Es wirkt auf mich so, als würde er selbst durchaus gern friedlich sein und als würde er merken, dass das auch alles ist was ich will. Ich finde das Gefühl von „Softness“ (Mark Rashid) in diesem kleinen Tunichtgut, mitten in unserer Rangelei und bin ganz fasziniert.

Erste Bodenarbeit

Duncan bleibt vorerst von den anderen komplett getrennt. Merlin nächtigt neben ihm in der Halle, tagsüber gehen alle auf die Weide – Duncan rechts, die anderen links. Einmal stelle ich Merlin zu Duncan, weil ich das Gefühl habe, dass diese beiden jetzt zurecht kommen und es klappt sehr gut. Merlin treibt Duncan gelegentlich kurz weg, aber nur kurz, so dass Duncan einfach wieder etwas mehr Abstand hält.

Den nächsten Zusammenführungsversuch mit dem Rest der Herde wollen wir dann bei komplett geöffneter Weide wagen auf ungefähr 1ha Fläche in der Hoffnung, dass dann genug Platz ist, damit Duncan nicht wieder durch den Zaun flüchtet.

Bis dahin verändere ich vor allem mein eigenes Verhalten Duncan gegenüber: ich habe hier ein komplett anderes Pony stehen als erwartet. Ich hatte gedacht, hier einen verschreckten Jährling zu haben, der total durch den Wind ist und von mir nun nicht auch noch Input braucht. Ich habe damit gerechnet, viele Monate quasi gar nicht mit ihm zu arbeiten, nur das nötige – Hufe machen und mal von A nach B führen. Ich wollte mit ihm kuscheln und nett zu ihm sein, weiter nichts.

Stattdessen habe ich schon jetzt aufgehört, mich zurückzuziehen wenn er kommt, ich gehe einfach direkt auf ihn zu und er kommt mir meistens entgegen oder bleibt stehen und schaut mich neugierig an, lässt sich recht problemlos führen mit kurzen Erinnerungen, wie er sich zu benehmen hat, die er sofort akzeptiert. Kuscheln tun wir derzeit gar nicht und in meinem Kopf entstehen Pläne, ihn bald zu beschäftigen. Er hat vor nichts ernsthaft Angst gezeigt: Heutüten, Stirnlampen, Trecker… alles schaut er neugierig an. Noch selten habe ich ein so unaufgeregtes Pony gesehen, zumindest nicht einen Jährling.

Schrecktraining zum Beispiel stelle ich mir so vor:

Duncan und ein Regenschirm… einer von beiden weint und schreit „nein nein ich will nicht gefressen werden!“ Ich sage „keine Angst, kleiner Regenschirm, das ist ein ganz liebes, harmloses Pony, der wird Dir nichts…. oh. Arnulf, hast Du mal einen neuen Regenschirm für mich bitte?“

Alle, bei denen ich mich beschwere, dass die Integration so schwierig ist, haben nur eine Antwort für mich: Du wolltest ein selbstbewusstes Pony.

Ja, ich weiß. Und ich liebe ihn jetzt schon, weil er so ein besonderes Pony ist. Und dass er so anders ist als Finlay macht es mir so leicht, ihn so zu sehen wie ER ist. Ich wünsche mir nur, dass er bald in der Herde zurechtkommt…. Damit alle wieder in den vollen Genuss unseres schönen Stalls kommen.

Mal sehen, was ich nächste Woche dazu zu berichten habe!

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