Nachdem ich also eine volle Woche Langeweile geschoben hatte und mir Winterspeck drauf gefuttert hab – das ist wichtig! Man weiß nie, wie hart der Winter wird! – kam mein Mädchen wieder. Und schon drei Tage später habe ich sie dabei beobachtet, wie sie viele Sachen eingepackt hat. Aha! Das Verhalten kenn ich ja nun schon: wenn die Wackelkiste am Auto hängt und viele Sachen überall eingeladen werden und alle hektisch rumrennen, dann ist das ein sehr gutes Omen für ein schönes Abenteuer! Und so war es dann auch. Ich durfte in die Wackelkiste (mein Mädchen meinte, ich könnte schon wenigstens mal GUCKEN, was da neben mir steht. Neee, vorne ist Heu, keine Zeit zum gucken!) und los ging es auf die lange Reise. Ehrlich gesagt, das ist schon komfortabel, da zu stehen und Heu zu futtern, ohne Konkurrenz, ohne Nachdenken, einfach schmausen. Perfekt. Und der Rest ist mir egal. Man, was war mein Mädchen gestresst wegen Stau und LKWs und hastdunichtgesehen. Ich nicht. Ich hab gegessen. Und so war ich frisch und munter und erholt, als wir schließlich am Ziel ankamen, während mein Mädchen komplett durch war mit den Nerven.

Sie hat mir dann mein Quartier für die nächsten Tage gezeigt. Ich hatte eine große Paddockbox zu meiner Verfügung, natürlich kein Vergleich zum Paddock zu Hause, aber als Feriendomizil schon ok. Interessant waren die Löcher in den Türen. Ich dachte erst, hier wäre Freigang angesagt! Aber der, der die Schlitze da eingebaut hat, hat sich leider vermessen. Der Schlitz war nur gerade breit genug für meinen Hals, aber meine Schultern passen nicht durch und mein Bauch erst recht nicht. Hätte ich vielleicht doch nicht so viel schmausen sollen? Aber ich durfte später noch feststellen, was es mit dem Schlitz auf sich hat.

Ich bekam mein großes Heunetz mit meinem Diät-Heu in die Box gehängt und mein Mädchen hat mir gezeigt, wo das Wasser steht und dann hab ich mich kurz eingewöhnt. Einige Zeit später zeigte sich dann, wofür wir hier sind: Unterricht! Wir hatten insgesamt 5 Einheiten in 3 Tagen. Nebenbei hatte ich Nachbarschafts-Wechsel (wir waren nicht die einzigen, die für Unterricht da waren), viele aufgeregte Pferde, die viel gewiehert haben und viel gerannt sind, aber auch einige sehr leckere Mahlzeiten, weil es dort von Haus aus drei mal täglich Lecker-Heu gibt. Und dafür sind diese Schlitze in den Türen! Da wird das Heu nämlich vorgeschoben und ich kann meinen Kopf raus strecken und es mir holen. Einige Pferde hatten damit so ihre Probleme, weil sie sich gefürchtet haben, den Kopf da durch zu stecken. Pah! Sowas kann mich ja nicht schrecken. Da liegt Futter, da muss ich ran! Mein Mädchen hat gesagt, ich darf von dem leckeren Heu auch bisschen was haben, auch wenn ich im wesentlichen von meinem Diät-Zeug leben musste – wegen der Figur. Immerhin durfte ich die ganze Zeit Heu haben, es gab keine Fresspausen, weil mein Mädchen meinte, ich soll die Nerven bewahren.
Mein Mädchen ist verdammt stolz auf mich, wie ich das alles gemeistert habe. All die Aufregung um mich rum, fremder Reitplatz, fremde Pferde und wenig Schlaf (wegen der Aufregung) und nebenbei hab ich 1a performt. Habe einfach alles richtig gemacht (bis auf eine Panne, aber über die sprechen wir nicht, sagt mein Mädchen, und es war sowieso mehr ihre Schuld als meine). Und sie findet das so großartig, weil das ja das erste Mal war, dass wir sowas allein gemacht haben, ohne Diego als Begleitung. Es war schon insgesamt anstrengend, aber ich mag ja auch gern mal was erleben, wisst ihr ja.
Am Sonntag sind wir dann noch schön ausreiten gegangen in Begleitung des Mannes auf dem Drahtesel. Der hatte ein schweres Leben! Da waren nämlich immer so sandige Stellen und wenn der Drahtesel eins nicht kann, dann ist es Sand. Meinereiner hat ja Allhufantrieb, da ist der Boden ziemlich egal, ich komme so gut wie überall durch. Deswegen haben wir uns dann zwischendurch auch getrennt und mein Mädchen und ich waren einen Teil des Weges allein unterwegs. Es war ganz schön bergig da, aber wunderschöne Wege und mein Mädchen war schon wieder super stolz auf mich (und auf sich selbst) wie gut das alles läuft jetzt.

Anschließend ging es wieder in die Wackelkiste – ich hab mich erholt, mein Mädchen und der Mann haben mich kutschiert. So soll es doch sein! Wo ich doch sonst immer den ganzen Job mache, finde ich das nur fair.
Und so sind wir dann – rechtschaffen müde aber stolz und glücklich – am Sonntag nachmittag wieder zu hause angekommen. Seitdem hängt mein Mädchen sehr in den Seilen, weil es für sie alles viel anstrengender war als für mich, aber ich weiß ja, wie man sie wieder fit bekommt! Das erzähle ich euch dann beim nächsten Mal.
Euer sehr erwachsener Sir Duncan Dhu of Nakel, mit dem sogar mein ängstliches Mädchen jetzt unbesorgt allein auf große Tour gehen kann
Oh, Lioba, das „Schlitzfoto“ finde ich zauberhaft!
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