Unser erster Distanzritt – Teil 3
Die zweite Runde war der Strecke von der ersten sehr ähnlich. Erstmal ging es wieder über die Bahnschienen und dann kamen uns auch schon andere Teilnehmer entgegen, die gerade ihre Runde beendet hatten. Wohoooo! Die sind ja mal riesig! Das waren zwei Shire Horses vor der Kutsche. Und ich schwöre, die beiden waren doppelt so groß wie das Flitzepony! Sie haben sich an den Rand gestellt und angehalten, damit wir in Ruhe vorbeikommen. Aber der eine Riese fand das gar nicht amüsant und war recht unruhig. Als ich dann vorbei war und die wieder los gingen, zog der ordentlich an und alles schepperte und klapperte laut. Mein Mädchen war heilfroh, dass ich nach der ersten Runde schon etwas entspannter war als am Anfang, so dass ich nur zusammengezuckt bin.

Dann weiter auf den bekannten Wegen. Als es wieder auf den Reitweg rechts parallel zum Hauptweg ging, ist diesmal meine Begleitung vorneweg gegangen. Damit ihr Mädchen besser gucken kann, wo die Matschlöcher sind. Und damit die beiden das Tempo bestimmen können und ich nicht wieder zu schnell bin. Also ich wäre ja weiterhin gern flotter unterwegs gewesen, aber ich bin ja ein Ritter und nehme Rücksicht. Mein Mädchen hat sich allerdings zum zweiten Mal gefragt, ob es nicht doch sinnvoller wäre, wenn wir allein starten. Denn Rücksicht ist fein, wenn man einfach nur mit Freunden unterwegs ist. Aber wenn man sich einer Strecke stellen möchte, die einem selbst Höchstleistung abverlangt, ist es doch wohl besser, wenn man keine Rücksicht nehmen muss, sondern das eigene Optimal-Tempo finden kann. Nur: weder sie noch ich wissen bisher, was dieses Optimal-Tempo eigentlich wäre! Aber es ist ja auch unser allererster Distanzritt gewesen und wir werden hoffentlich noch viele Gelegenheiten haben, um mehr Erfahrung zu sammeln.
Die Strecke wich nun von der ersten Runde ab und für meine kleine Begleitung wurde es stellenweise ganz schön schwierig. Die kleinen, zugewachsenen Pfade sind für uns Pferde schön zu laufen, aber die Räder vom rollenden Sessel sind weit auseinander und fahren dann mitten durchs „Gemüse“. An sich nicht groß problematisch, aber der rollende Sessel darf nicht zu sehr zur Seite kippen, da muss man schon aufpassen. Deswegen sind wir viel Schritt gegangen, wo ich noch sehr gut hätte traben können.

Am Ende des kleinen Pfades steht ein Monster im Gebüsch (irgendsoein großes Metalldings), vor dem hat das Flitzepony sich so erschreckt, dass sie eine scharfe Abbiegung mitten in den Wald genommen hat und ihr Mädchen absteigen musste, um alles wieder zu sortieren. Das war unser Stichwort, wieder die Führung zu übernehmen. Ich fand das Monster zwar auch etwas gruselig, bin ja aber schon ein paarmal dort gewesen und bin daher mutig weitergegangen. Ein Stück durch die Felder und dann – das weiß ich ja nun schon – kommt der Gruselhof. Der Gruselhof, den alle Pferde, mit denen ich bisher dort war, gruselig finden. Und den ich noch nie allein geschafft habe. Mein Mädchen musste immer absteigen, weil ich einfach zu viel Grusel hatte. Aber diesmal bin ich einfach weitermarschiert. Habe die Verantwortung übernommen und meinem Mädchen geglaubt, die mir von oben versichert hat, dass sie auch gut mit aufpasst. Oooooh sie war so stolz auf mich! Wie ich ohne Zögern und Zaudern, ohne großes Gucken oder Zucken über diesen ganzen Hof gegangen bin wie so ein ganz Großer. Richtig doll stolz war sie.
Direkt nach dem Hof kamen wir an einem Kontrollposten vorbei. Die sind auf Distanzritten dazu da, festzustellen ob auch wirklich jeder die ganze Runde reitet. Man könnte ja theoretisch heimlich abkürzen! Deswegen stehen an manchen Stellen Menschen mit langen Listen, die abhaken, ob alle Teilnehmer an ihnen vorbeigekommen sind. Dann über die kleine Straße auf den schönen Plattenweg. Dort wollten wir wieder traben, aber von hinten kam ein anderer Teilnehmer – einer von denen, die die 61km geritten sind. Und wir wussten: der ist schneller als wir und möchte überholen. Also haben wir gewartet, bis er überholt hatte und sind noch im Schritt geblieben, bis er außer Sichtweite war. Dann sind wir munter weiter getrabt und mein Mädchen hat dem Mädchen vom Flitzepony erzählt, dass dieser Plattenweg eine unserer ersten längeren Galoppstrecken war. Ach, Erinnerungen sind was Tolles!
Meine kleine Begleitung war irgendwie nicht so gut drauf und mein Mädchen hat gefragt, ob eine kleine Graspause sie wohl aufmuntern würde. Schließlich erging der Beschluss, das zu versuchen. Also haben wir an einer schönen Stelle kurz angehalten. Mein Mädchen ist allerdings nicht abgestiegen, ich durfte mit Gebiss ein bisschen Gras futtern, das kann ich inzwischen ganz gut. Das Flitzepony hat also auch 3 Minuten Gras getankt – es soll ja schließlich allen gut gehen auf der Strecke! Und tatsächlich war sie danach etwas besser drauf. Weiter ging es im Trab.
Wieder rein in den Wald und hier am Parkplatz zwischen den Autos durch. Moment mal! Das ist doch der Parkplatz wo sonst unsere Wackelkiste steht! Warum soll ich denn weiterlaufen? Mädchen, da stimmt doch was nicht! Aber mein Mädchen hat nur gelacht und gesagt, dass wir noch 14 Kilometer vor uns haben. Ach so, naja, egal, ich bin noch fit. Noch ein bisschen Trab, dann kamen wir wieder auf die Schotterstrecke. Weil meine Flitzepony-Begleitung ja so klein ist und winzige Hüfchen hat, sind große Steine für sie ein viel größeres Problem als für mich. Deswegen hatten die Mädchen vereinbart, diese Strecke diesmal für eine geführte Schrittpause zu nutzen. Sind also beide abgestiegen und haben uns geführt. Mein Mädchen hat auf ihrem Handy den Status aktualisiert, wo ganz viele Leute uns quasi live verfolgt haben, während ich müde hinter ihr her geschlurft bin. Mir fiel nun nämlich doch auf, dass ich bereits 28km auf der Uhr hatte und vielleicht nicht mehr ganz so taufrisch war. Wie wir da so entlangschlurfen und vor uns hin träumen
WAS IST DAS?
Hab ich mich doch schon wieder erschreckt! Und mein Mädchen, anderweitig abgelenkt, hat einfach die Zügel losgelassen. Ich hab zwei Galoppsprünge gemacht und dann festgestellt, dass das erschreckende von hinten einfach nur zwei andere Teilnehmer waren, die angetrabt kamen. Ach soooooo, na dann kann ich mir ja auch schnell einen Happen Gras nehmen, wenn sich diese Gelegenheit schon so anbietet. Mein Mädchen hat die Zügel wieder eingesammelt und wir haben Platz gemacht für die beiden Überholer. Dann ging es in Ruhe weiter. Bei der nächsten Bank ist mein Mädchen wieder aufgestiegen und als der Schotter endlich zu Ende war, ging es wieder in den Trab. Ach, da ist ja noch so ein Kontrollpunkt. Und an jedem Kontrollpunkt gibt es Wasser für uns. Ich mochte aber nichts trinken. Also weiter, auf die lange Gerade mit den Pfützen. Mädchen, ich hab Durst! Mein Mädchen meinte, das kann doch gar nicht sein, ich hätte ja das Wasser eben abgelehnt. Aber ich hab mich durchgesetzt, 3 Pfützen getestet (igitt! Da schwamm was Öliges drin!) und schließlich an einer von den leckeren großen angehalten und ordentlich getrunken. Und so hat mein Mädchen sich eine weitere Lern-Notiz gemacht: jede Pfütze zum Trinken nutzen! Denn fremdes Leitungswasser aus fiesen schwarzen Bottichen finde ich einfach nicht lecker genug. Jetzt überlegt sie, wie sie es machen soll, wenn auf der Strecke keine Pfützen sind. Trinken ist schließlich total wichtig, wenn man so viel schwitzt!

Immer munter weiter im Trab Richtung Dorf. Dann im Dorf ist mein Mädchen nochmal abgestiegen. Ihr taten die Knie und die Fußgelenke weh und sie musste auch dringend was essen, da dachte sie sich, das kann sie auch zu Fuß machen. Wir waren beide ordentlich kopfmüde aber immer noch gut gelaunt. Nur noch 4km! Also wieder rauf und weiter traben. Ich hab auch noch ein klitzekleines Stück Galopp rausgeschlagen, weil das Flitzepony nämlich plötzlich sehr viel flitziger wurde – schließlich kannten wir die Strecke jetzt und es war klar, dass es Richtung Camp geht! Und mein Mädchen hat wieder darüber nachgedacht, dass die richtige Strategie für mich jetzt eigentlich ein schöner Galopp wäre, um den Kopf nochmal aufzuwecken und die letzten Meter schnell hinter uns zu bringen. Je mehr sie darüber nachgedacht hat, desto mehr glaubt sie, dass alleine starten das Mittel der Wahl wäre. Das gilt es auszuprobieren! Nur trauen müssen wir uns das halt…
Am Ende sind wir dann wieder im Schritt gegangen, damit unser Puls schonmal runterkommt. So fand unser glorreicher Zieleinlauf in großer Gemütsruhe statt – mein Mädchen mit baumelnden Beinen und ich am baumelnden Zügel. Das ändert aber nichts daran, dass wir stolz sind wie Bolle: 41km haben wir geschafft! In einer Gesamt-Reitzeit von 301 Minuten, das bedeutet, wir haben Tempo 7,3 geschafft und sind damit in der Wertung (Tempo 8 war die Grenze, wir hätten also noch fast eine halbe Stunde länger brauchen dürfen).

Juhuuuuu!
Jetzt aber schnell absatteln und futtern und trinken.
Nur, dass der Tag noch nicht zu Ende war!
Denn plötzlich kam das eine Fangirl mit einem Doping-Kit! Und zwar genau das Fangirl, dass mir anfangs einen Keks gegeben hatte – ihr erinnert euch? Nun wurde mir plötzlich Blut abgezapft (das macht mir ja zum Glück nichts aus) und die Menschen haben mit viel Papier hantiert. Mein Equidenpass musste gecheckt werden, der Personalausweis von meinem Mädchen wurde gecheckt und mein Mädchen hat nur gestaunt. Doping? Wir? Dann fiel ihr der Keks ein. Und sie hat sofort den Verdacht geäußert, dass hier jemand die Konkurrenz ausschalten will. Weil ich halt so ein tolles Pony bin und den anderen sicher noch gefährlich werde im Laufe meiner Karriere als Distanzpferd! Ich persönlich glaube ja, die haben mich zur Doping-Kontrolle ausgewählt, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass so ein kleiner, handlicher Kerl wie ich, der so harmlos aussieht, so eine Strecke überhaupt so lässig bewältigen kann. Und danach noch so gut aussieht!

Naja, in Wirklichkeit war es wohl Zufall, dass es ausgerechnet uns erwischt hat. Aber lustig war es schon, direkt auf dem ersten Ritt! Ergebnisse werden wir keine bekommen, das wurde uns schon gesagt. Man bekommt nämlich nur dann eine Mitteilung, wenn etwas gefunden wurde. Und wenn nicht doch was in dem Keks war…. Haben wir natürlich nicht gedopt. Warum auch? Erstens haben wir keinen Ehrgeiz, etwas zu gewinnen und zweitens haben wir das überhaupt nicht nötig, weil ich es voll drauf habe.

So, nun war aber wirklich Ruhe. Ich durfte in meinen Paddock mit meiner Decke, habe „Wasser mit Geschmack“ bekommen und hatte Pause bis zur Nachuntersuchung. Dann noch einmal zur Tierärztin, ein letztes Mal Puls messen, abgrabbeln ,vortraben (mein Mädchen hat gejammert, dass ihre Waden sooo weh tun – ich hingegen bin genauso schön getrabt wie am Anfang. Gut, dass man nicht disqualifiziert wird, wenn der MENSCH lahmt!). Noch eine Runde A und 1 in die Checkkarte eintragen und mein Mädchen war hoch zufrieden. Genau so soll eine Checkkarte aussehen, dann weiß man, dass das Pferd gut über die Strecke gekommen ist und nicht überfordert war.



Auch meine Begleitung hat ihre Nachuntersuchung gut bestanden, so dass es dann zur Siegerehrung gehen konnte. Die konnte ich von meinem Logenplatz in meinem Paddock genau beobachten. Mein Mädchen und ich waren ja in der Reiter-Gruppe. Dort sind 11 Pferde gestartet und wir haben mit Stolz den 10. Platz belegt. Meine kleine Flitzepony-Begleitung hingegen, die in der Fahrergruppe gewertet wurde, hat sogar den 2. Platz gemacht (weil es da nämlich nur 2 Starter waren). Ich war ganz stolz auf uns alle und hab mich sehr gefreut, dass man bei der Vergabe der Preise an uns Ponys gedacht hat. Eine schöne grüne Futterschüssel haben wir bekommen, Leckerlies und eine schöne Plakette als Erinnerung.

Und so ging der Tag zu Ende, ich durfte in die Wackelkiste klettern, mein Paddock wurde abgebaut und ab ging es nach Hause, wo ich meinen Kumpels ganz stolz und ausgiebig von diesem wunderbaren, ereignisreichen Tag erzählt habe.
Mädchen, das machen wir bald wieder, ja?
Euer Distanzpony Sir Duncan Dhu of Nakel