Neulich wurde ich gefragt: woran erkennt man ob man ein Pferd so lässt und manche Sachen so akzeptiert oder ob man als Ausbilder noch die Aufgabe hat dem Pferd das beizubringen und ihm zu helfen, gewisse Sachen zu machen oder nicht zu machen?
Was für eine Frage! Ganz schön kompliziert. Und interessant.
Ich würde mal an einem anderen Punkt anfangen wollen: woher weiß ich selbst, ob ich Dinge an mir verändern kann und sollte oder ob ich mich so akzeptiere wie ich bin und alles so lasse? Ich zum Beispiel bin ein Chaot – schon immer gewesen. Allen Versuchen meiner Eltern zum Trotz, das zu ändern, ist es so geblieben. Lasse ich das jetzt so? Ich bin schließlich erwachsen und kann tun und lassen was ich will (zumindest in diesem Bereich). Trotzdem hat ordentlich sein natürlich viele Vorteile. Wie viel Arbeit und Zeit, im Zweifel auch Geld, bin ich bereit zu investieren in eine Veränderung meiner Persönlichkeit, die mich zu einem ordentlichen Menschen machen würde? Vielleicht hängt das auch davon ab, ob es in meinem Umfeld jemanden gibt, der unter meinem Chaos leidet. Grundsätzlich ist es meine eigene Entscheidung, ob ich das ändern möchte oder nicht.
Beim Pferd ist das natürlich anders, da soll der Mensch entscheiden, was er seinem Pferd noch ab- oder antrainieren möchte. Zum Beispiel gibt es Pferde, die lieben es von Natur aus, irgendwo hin zu fahren und in fremdes Gelände zu gehen. Mein Duncan ist so ein Exemplar und auch Diego scheint das gern zu mögen. Auch Duncans Ausreitkumpel macht gern Ausflüge und musste das nicht lernen. Es gibt aber auch Pferde, die das vielleicht nie mögen werden. Und dazwischen jene, die vielleicht lernen können, es zu mögen. Woher weiß ich nun, ob ich ein Exemplar habe, das das lernen kann und will oder eins von denen, die nie Freude daran haben werden? Vielleicht weiß man das vorher gar nicht.
Bei Duncan zum Beispiel bin ich überzeugt, dass er es lieben wird, allein ausreiten zu gehen. Weil er es liebt, draußen unterwegs zu sein. Wenn ich es jetzt schaffe, die Lernschritte so zu gestalten, dass er sich mit mir sicher fühlt und ich mich auf ihm sicher fühle, werden wir einen großen Gewinn daraus ziehen. Wenn ich aber an irgendeinem Punkt nicht mehr weiter kommen sollte, wenn sich doch herausstellt, dass wir das nicht schaffen, dann hole ich mir Rat und Hilfe. Allerdings wird diese Hilfe nicht so aussehen, dass jemand meinem Pferd beibringt, allein raus zu gehen. Diese Hilfe wird so aussehen, dass jemand mir hilft, meinem Pferd zu helfen, entspannter und selbstbewusster zu sein. Ob das dazu führt, dass wir allein ausreiten gehen, werde ich ja dann sehen.
Ich glaube, die Frage danach, was wir einem Pferd an- oder abtrainiern sollten, richtet sich weniger nach dem Inhalt, sondern danach, was wir dafür opfern müssten und wollen. Niemals würde ich mein Pferd (bewusst) so trainieren, dass es zwar tut, was ich möchte, dabei aber in die erlernte Hilflosigkeit rutscht.
Wenn ich aber einen Trainingsweg finde, bei dem mir und meinem Pferd das Üben Spaß macht und wir regelmäßig kleine Erfolge feiern können, dann würde ich alles trainieren wollen, was mir und meinem Pferd sinnvoll erscheint. Vielleicht findet mein Pferd es nicht sinnvoll, mit dem Anhänger in fremdes Gelände zum ausreiten zu fahren. Aber vielleicht mag mein Pferd sehr gern mit einem Kumpel zusammen im Anhänger fahren, irgendwo ankommen, dort schön grasen und dann wieder nach hause fahren (oder laufen). Und wenn es das mag, könnte es ja sein, dass sich mehr daraus entwickelt. Und vielleicht verändert sich ganz klammheimlich Schritt für Schritt sogar der Charakter meines Pferdes, vielleicht entwickelt es einen Hauch von Abenteuerlust, der da vorher nicht war.
Vielleicht, wenn ich dem übereifrigen Spanier nach und nach vermitteln kann, dass seine Bedürfnisse nach Bewegung und Erlebnis erfüllt werden und dass gemeinsame Ruhe auch was schönes ist, wird aus dem Zappelphillip noch ein etwas gelassenerer Typ, der auch mal Freude am gemeinsamen entspannen findet. Oder auch nicht, denn vielleicht ist er einfach so ein Typ, der kein Verständnis dafür hat. Aber ich vertu mir ja nichts, wenn ich weiter überlege und daran arbeite, wie ich mehr Ruhe in so ein Pferd bekomme.
Wir werden aus dem Spanier kein Shetty machen und aus meinem Highlandpony keinen Araber, so viel steht fest. Aus mir wird in meinem Leben ganz sicher kein sehr ordentlicher Mensch mehr. Ich glaube, wenn wir uns verbeißen und dann gar keinen Spaß mehr haben, sondern nur noch trainieren und üben, dann sollten wir es lieber lassen und unser Pferd so nehmen, wie es nun mal ist. So lange Pferd und Mensch gemeinsam Freude haben und jeder mit den kleinen Macken des anderen gut leben kann, besteht keine Notwendigkeit, etwas unbedingt zu verändern. Macken haben wir ja schließlich alle. Und manchmal geht mir der Selbst-Optimierungswahn unserer Zeit gehörig auf den Geist.
Trotzdem kann es natürlich nicht sein, dass ein Pferd sich schlecht benimmt, Leute über den Haufen läuft, oder nicht in der Lage ist, zur Not in einen Anhänger zu steigen und wir schulterzuckend sagen „so ist er eben“.
Vielleicht ist da eine Grenze, die ich ziehen könnte: kein Pferd muss gerne und mit großer Begeisterung Anhänger fahren. Aber ich finde, jedes Pferd sollte in der Lage sein, vernünftig ein- und auszusteigen und im Zweifelsfall transportiert werden können, weil das eine Notwendigkeit darstellen kann. Kein Pferd muss Bodenarbeit lieben und bis zum Exzess verfeinern, aber jedes Pferd sollte sich von A nach B führen lassen. Wenn die Basis da ist, ist der Rest Geschmackssache. Vom Menschen, denn der bestimmt. Aber ein vernünftiger, empathischer Mensch wird sich von seinem Pferd auch mal sagen lassen, was es nicht tun möchte und woran es einfach keine Freude hat.
Einmal hat Arnulf sich auf den Boden gehockt und Diego so dirigiert, dass der sich über Arnulf hinweg gedreht hat – Arnulf saß quasi zwischen den Pferdebeinen. Obwohl Diego dafür viel Lob und Kekse bekam, hat er sich nicht bewegen lassen, den Trick zu wiederholen. Er war ängstlich und angespannt und hat sich geweigert, seinen Menschen noch einmal in diese gefährliche Situation zu bringen. Und also hat Arnulf ihn nicht mehr danach gefragt. Es würde die Beziehung der beiden nicht stärken, sondern eher belasten, weiter an einer Sache zu üben, die Diego als bedrohlich empfindet.
Also könnte das ein weitere Anhaltspunkt sein: würde es unsere Beziehung verbessern, an diesem oder jenem Thema zu arbeiten, oder nicht? Wenn es die Beziehung verschlechtern würde, lässt man es lieber sein. Oder man braucht einen anderen Trainingsweg, der die Beziehung stärkt.
Ein bekannter Pferdetrainer hat einmal ein Pferd verkauft. Er wurde von vielen dafür angefeindet, aber seine Begründung fand ich total einleuchtend: er hatte ein Pferd gesucht, mit dem er auf Shows auftreten kann. Das beinhaltet viel Reisen und Unterbringung in fremden Ställen. Das Pferd, das er hatte, fühlte sich trotz aller Mühe und Training nicht wohl damit und also suchte er ihm ein zu hause, wo das nicht notwendig war und kaufte sich selbst ein Pferd, das Freude an dem hatte, was er tun wollte. Manches ist eben nicht trainierbar. Und obwohl das sicher ein Extrembeispiel ist, ist es nicht so weit von der Realität vieler Freizeitreiter entfernt, wie man meinen möchte. Eine ängstliche Reiterin tut gut daran, kein allzu reaktives Pferd zu haben. Denn Zusammenzucken oder einen kleinen Hüpfer machen steht bei solchen Pferden auf der Tagesordnung und wird auch nur begrenzt abtrainierbar sein. Wenn eine Reiterin dann jedesmal Herzrasen bekommt, ist das keine gute Kombination. Andererseits wird eine hoch energetische Person, die gern viel trabt und galoppiert, nicht glücklich sein mit einem allzu ökonomischen Pferd, das am liebsten im Schritt bleibt. Auch das wird nur begrenzt trainierbar sein.
Ich habe hier schon einmal darüber geschrieben: wir können uns in ein Pferd verlieben und es dann (im Wesentlichen) so nehmen wie es ist und gemeinsam das tun, was beiden Spaß macht. Oder wir suchen uns ein Pferd nach bestimmten Kriterien aus. Beides ist völlig legitim.
Ich bin öfter mal um Rat gefragt worden von Schülerinnen und ich war oft zu optimistisch. Ich habe oft gesagt „klar ist das trainierbar“. Und ich bin überzeugt davon, dass ich recht hatte (bestimmt nicht immer, aber oft). Ich hatte nur die Geduld, Fähigkeiten und Ressourcen der Schülerin überschätzt. Für SIE war es nicht trainierbar. Und also denke ich: die Frage, ob ich meinem Pferd etwas an- oder abtrainieren möchte, richtet sich vielleicht nicht nur danach, ob das für mein Pferd sinnvoll ist, sondern auch danach, ob es für mich machbar ist. Und da sind wir wieder am Anfang: wie viel bin ich bereit zu investieren an Zeit, Geld und Nerven? Und was bekomme ich dafür zurück? Ein „besseres“ Pferd? Oder vielleicht auch ein verbessertes Ich? Was hat mein Pferd davon? Mehr Möglichkeiten für beide? Oder nur Frust ohne Ende?
Diese Fragen muss wohl jeder für sich beantworten, je nach Thema um das es geht. Aber es lohnt sich sicher, immer mal darüber nachzudenken.
Ich geh dann jetzt mal bisschen aufräumen.
He, denke ich beim Lesen, wieso nennt sie mich auf einmal den „übereifrigen Spanier“?
😀
Und dann les ich auch noch „kein allzu kreatives Pferd“, also ich glaub ich brauch Schlaf. Oder Essen. Tut man ja für gewöhnlich beides an einem gleichbleibenden Ort: RUHE!
Na ja, wobei Sauerstoff ja auch immer gut ist. Ich geh schaukeln.
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