Galopp

Der Wind pfeift in meinem Helm. Padadamm, Padadamm, Padadamm machen Duncans Hufe unter mir. Er liebt galoppieren! Ich hatte noch nie ein so lauffreudiges Pony wie ihn. Mein kleiner Ritter fühlt sich stark und trittsicher an. Meine Angst, dass er stolpern und stürzen könnte, wie es Finlay mal passiert ist, ist nicht mehr so groß wie zu Anfang. Aber noch habe ich die Zügel kurz, damit sein Kopf oben bleibt. Rhythmisch gehen meine Hände mit vor, damit er trotzdem keinen Kontakt am Gebiss hat, so lange er sich so verhält, dass ich mich sicher fühle.

Padadamm, Padadamm, Padadamm
Meine Beine fühlen sich strapaziert an. Das Pony ist breiter geworden und ich glaube ich muss deswegen jetzt die Bügelriemen kürzer stellen. Irgendwie ist alles anders seit dem letzten Wachstumsschub. Andererseits kann ich jetzt auch mal von unten aufsteigen, ohne dass der Sattel mir komplett entgegen kommt. Er liegt durch die breiter Auflagefläche stabiler. Ich muss daran danken, meiner Sattel-Beraterin ein Foto zu schicken zum Checkup.

Padadamm, Padadamm, Padadamm geht es weiter. Ich hatte irgendwie vergessen, dass es anstrengend sein kann, im leichten Sitz zu galoppieren. Meine Fitness! Herrje.

Padadamm, Padadamm, Padadamm immer wenn Duncan beschleunigt, kommt die Angst: wird er zu irgendeinem Zeitpunkt beschließen, dass er mal zeigen könnte, WIE SCHNELL er rennen kann? Es reicht mir, das im Paddock zu sehen. Ich muss das wirklich nicht erleben, wenn ich drauf sitze. Aber ich weiß auch: am ehesten kann ich solche Eskapaden verhindern, wenn ich ihn ausgiebig galoppieren lasse und nicht zu viel bremse. Er wird sicher noch deutlich schneller galoppieren können mit etwas Training und mehr Mut von meiner Seite.

Padadamm, Padadamm, Padadamm da vorne ist der große Weg, wir müssen durchparieren. Der Bremsweg ist jetzt nicht mehr so lang, Duncans Übermut hat sich gelegt. Ich freue mich, dass er so viel Energie hat und dass die Anstrengung von letzter Woche ihn anscheinend nicht abgeschreckt, sondern eher angespornt hat.

Ein Blick auf die App verrät mir später, dass unsere Höchstgeschwindigkeit bei knapp 15 km/h lag. Erstaunlich, wie schnell sich etwas anfühlen kann, was man nicht (mehr) gewöhnt ist! Und wie lang mir die Galoppstrecke vorkam, dabei waren es nur ungefähr 500 Meter. Und am Ende des Ausritts sind wir insgesamt auf 1,1 km Galopp gekommen.

Ein knappes Jahr ist es her, dass Duncan und ich den gleichmäßigen Trab über längere Strecke für uns entdeckt haben. Jetzt also Galopp. Duncan ist – so wie Finlay damals auch – der Meinung, dass ich zu spät dran bin. Ich wollte mit dem Galopp bis nach seinem 5. Geburtstag warten. Aber wenn mein Pony so unbedingt findet, dass er so weit ist, verlasse ich mich auf ihn. Er ist – ebenfalls wie Finlay – kein Typ, der sich selbst überfordert. Er achtet auf sich, das habe ich jetzt 4 Jahre lang beobachten können. Er kennt seinen Körper und weiß, was er da tut, davon bin ich überzeugt. Und ich will ihm nicht den Spaß vermiesen indem ich ewig bremse.

In den letzten Wochen fühlt Duncan sich unbesiegbar. Er ist gewachsen, er ist kräftiger geworden, er hat jede Herausfoderung gemeistert und selbst als er müde war, war das für ihn anscheinend völlig ok. Er erinnert mich ganz schwer an jene Jugendliche, die offensichtlich endlos Energie haben, sich vor nichts fürchten und erst dann zufrieden sind, wenn sie sich selbst bis ans Limit gepusht haben.

Heute wird mein Ritter 5 Jahre alt. Wie sehr habe ich auf diesen Tag gewartet, den Tag an dem er den größten Teil des Erwachsen-werdens geschafft hat. Klar, bisschen was kommt schon noch. Vielleicht überrascht er mich auch und kriegt nochmal so richtig spätpubertäre Anfälle. Aber im Moment – obwohl er durchaus Pubertät hat – ist er einfach super. Ja, er hat ein paar merkwürdige Ideen. Aber wir zwei kennen uns jetzt so gut und haben so viel Spaß mit- und aneinander, dass uns das nicht ernsthaft erschüttert. Gelegentlich mache ich mir Sorgen, ob die eine oder andere Verhaltensweise (wie völlig unmotiviertes Abbiegen irgendwohin) eine tiefere Bedeutung hat, aber so lange mein Pony fröhlich in den Anhänger steigt und beim Ausreiten fröhlich vorneweg durch fremdes Gelände saust, denke ich, das passt schon so. Der darf auch mal ne komische Idee haben in seinem Alter. Und er macht insgesamt alles so toll! Er wirkt manchmal etwas größenwahnsinnig, aber auch das ist ja irgendwie für Jugendliche normal.

Damals, als mein kleiner Jährling hier eingezogen ist, hatte ich so eine vage Vorstellung davon, wie es mal werden könnte. Und so ganz grob gesehen stimmt die vielleicht auch, diese Vorstellung. Aber irgendwie auch nicht, denn die Realität ist noch viel besser als in meiner Vorstellung. Ich hätte nicht zu träumen gewagt, dass ich ein Pony bekomme, was so perfekt zu mir und meinen Bedürfnissen passt. Wo gibt es das schon, diese Mischung aus Bewegungsfreude und dem Willen zur Strecke gepaart mit dem rechten Maß an innerer Ruhe und Gemütlichkeit, damit es mir nicht zu doll wird? Ich bin so eine anspruchsvolle Reiterin, habe schnell Angst, möchte aber trotzdem viel erleben. Ich bin nicht leicht zufrieden zu stellen. Aber dieser kleine Ritter, der ist so nah an der Perfektion wie es wohl möglich ist. Und die Sorge, er könnte zu klein sein für mich, ist vollständig von mir abgefallen, seit ich wieder und wieder fühle, mit welcher unglaublichen Leichtigkeit er mich trägt – bergauf oder bergab, im Schritt, Trab oder Galopp oder mit beginnender Kadenz auf dem Reitplatz. Wie unglaublich leicht ihm alles fällt durch seinen kompakten Körperbau, sein gutes Körpergefühl und seine gut gewinkelte Hinterhand. Und wie viel Lust er immer hat: noch ein Abenteuer, noch ein Ausflug, nochmal los ziehen und wenn es mal zu viel war, dann reicht ein Tag Pause bis es ihn wieder packt und er wieder los will. Kurz gesagt: er ist der Hammer. Und dabei wird er heute erst 5 Jahre alt. Wenn er so weiter macht, wage ich kaum, mir vorzustellen, was in 5 Jahren möglich sein könnte. So lang er nur bei mir bleibt, gesund und munter, stehen uns ganz sicher noch viele wundervolle gemeinsame Stunden bevor. Darauf eine Möhre! (oder eher ein paar mehr). Happy Birthday, mein wundervoller Ritter in glänzender Rüstung!

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