Machbar

Neulich war ich bei einer Kundin mit einem unfassbar fetten Shetty. Sie erklärte mir, dass sie es nicht mehr schafft, dem kleinen Pony die Fressbremse auf zu ziehen, er ist einfach schneller als sie.

Jetzt könnte ich eine Grundsatzdiskussion anfangen und wären wir hier bei Facebook oder Instagram könnte ich wetten, dass jemand lang und breit erklärt, wie scheiße das doch alles ist, dass eine Fressbremse keine Lösung ist, das Pony grundsätzlich eine andere Haltung und Fütterung und natürlich tonnenweise Sport braucht. In diesem Falle: meldet Euch gern, der Kleine sucht tatsächlich ein neues zu hause.

Jetzt gerade im Moment geht es aber darum, eine machbare Lösung zu finden. Sofort. Also habe ich kurz mein Gehirn geschwungen und mir dann einen Trick ausgedacht, wie sie die Fressbremse doch drauf bekommt. Ich hoffe, er funktioniert und sie kann schlimmeres verhindern, das wäre gut.

Eigentlich wollte ich heute über Finlays Todestag schreiben. Wie in den vergangenen Jahren, aber nachdem ich drei mal neu angefangen hatte, musste ich fest stellen dass es da nicht wirklich was zu schreiben gibt. Der Todestag bringt für mich im Vorlauf immer ein paar mehr Ängste und ein paar fiese Erinnerungen, aber der Tag selbst ist dieses Jahr nicht so ein großes Problem. Ich habe mich daran gewöhnt, dass Finlay nicht mehr hier ist und ich liebe meinen kleinen Duncan, meinen Herzensreparateur. Den beobachte ich mit Argusaugen und fürchte immerzu, ihm könnte auch etwas schlimmes passieren, aber ich lerne, auch damit zu leben und umzugehen. Ich vermisse Finlay heute nicht mehr als an anderen Tagen und viel mehr gibt es dazu gar nicht zu sagen.

Oder eben doch. Denn mein Duncan ist ja nun auch zum ersten Mal etwas zu rund um die Mitte und müsste dringend mehr Sport machen. Dazu haben wir ja einen „Sommerreitplatz“, der vormittags noch halb beschattet ist und dadurch dass es sich eigentlich um ein Stück Wiese handelt sowieso kühler und weniger staubig ist als der Sandplatz. Jetzt, wo der Sommerreitplatz einmal runter gefressen ist, ist er als Reitplatz nutzbar. Heute vormittag wäre also der passende Moment gewesen um los zu legen mit fröhlichem Longentraining dort oben. Aber es ging nicht. Weil heute Finlays Todestag ist und weil Duncan sich dort oben letztes Jahr einmal los gerissen hat. Und mein Kopf diese Dinge fiese zusammensetzt und mein Pony über den Strick fallen und sich das Bein brechen sieht. Und heute komme ich nicht dagegen an. Ich habe mir überlegt, wie ich es runter brechen kann, damit ich es trotzdem schaffe, aber dann habe ich kapituliert: heute nicht. Ich brauche einen anderen Tag um mit der Arbeit dort oben anzufangen. Möglichst einen, an dem Arnulf da ist und mir zur Not helfen kann. Denn obwohl er damals meinen Finlay auch nicht retten konnte: er war da und hat geholfen. Ich war nicht allein.

Und als ich entschieden hatte, heute nicht auf den Sommerreitplatz zu gehen, da fiel mir wieder ein, dass ich ja schon lange was über Machbarkeit schreiben wollte. Weil ich manchmal denke, ich klinge wie so eine perfekte Pferdefrau. Das bin ich nicht – und will auch nicht so klingen. Diese Pferdefrauen, die ihre 4 Pferde jeden Tag alle putzen (was? Haben die sonst nix zu tun?), alle jeden Tag nach Plan trainieren, ständig Futterrationen berechnen, Sättel anpassen lassen, den Osteopathen da haben, Blutbilder machen lassen oder wasweißich. Diese Pferdefrauen, die das alles neben Vollzeitjob, zwei Kindern und Hund erledigen. Die nicht schlafen oder essen müssen (anscheinend, denn sonst wüsste ich nicht, wie das alles gehen soll). Und die leider noch nicht mal so wirken als würden sie mir das Blaue vom Himmel runter lügen.

Ich bin so nicht. Ich bin die, deren Energie nie reicht und die immer nur das nötigste schafft. Die immer nur nach Priorität arbeiten kann, bei der immer eine Sache liegen bleibt, damit eine dringendere erledigt werden kann. Und manchmal ist es vielleicht ein Vorteil, dass ich so bin, weil ich ständig nach Machbarkeit schaue. Mein Mann hat einmal gesagt, ich sei wie eine Wühlmaus, die alles andere beiseite schaufelt um sich auf das zu konzentrieren was sie jetzt gerade machen will. Und das brauchen auch meine Schülerinnen so oft, die sich von all diesen Wunderfrauen erzählen lassen, wie es richtig ginge. Das fette Shetty, mit dem dieser Text begann, braucht: eine andere Haltung, täglich ausreichend Bewegung durch den Menschen, eine Rationsberechnung und ein Blutbild, jede Menge Erziehung und Ausbildung, alle 4 Wochen Hufpflege (um nur mal das gröbste zu nennen). Das könnte ich meiner Kundin so sagen. Würde aber nix nützen, denn das weiß sie bereits. Sie weiß auch, dass es so nicht weiter geht. Aber einen neuen Besitzer backen kann halt auch niemand. Also suchen wir nach machbaren Lösungen, bis ein neues zu hause gefunden ist. (Wer hat eigentlich Bock auf Kutsche fahren? Das würde der Kleine sicher großartig machen!)

Eine machbare Lösung jetzt, hier und heute ist mehr wert als ein Luftschloss der Perfektion. Gleichzeitig müssen wir wissen, wann „machbar“ ein fauler Kompromiss wird. Da geht´s dann wieder um die Ehrlichkeit zu sich selbst.

Es gibt viele Grenzen, warum Dinge jetzt gerade nicht machbar sind. Geld, Zeit oder weil ein Mensch vielleicht gerade krank ist oder umzieht. Aber auch, wie heute in meinem Fall, Angst. Oder Unwissenheit, etwas noch nicht können. Dann ist wieder die Frage nach dem Häppchen und „was kann ich jetzt, hier und heute sinnvolles tun“.

Oft denke ich das auch beim Reiten. Na klar wäre es toll, wenn alle meine Schülerinnen fühlen würden, was ich da erkläre. Wäre toll, wenn sie das alle gleich umsetzen könnten. Aber dann wäre ich ja auch gar nicht mehr gut genug, um sie zu unterrichten. Dann müsste ich ja im Umkehrschluss alles sofort verstehen, was mein Reitlehrer mir sagt. Und plötzlich hätten wir eine Welt voller perfekter Reiter. Irgendwas stimmt an dieser Rechnung nicht.

In Wirklichkeit schaue ich halt, was machbar ist. Und wenn eine Schülerin sagt, sie möchte Seitengänge reiten, aber es klappt immer irgendwie nicht, dann schauen wir doch vielleicht erst mal, ob sie die Seitengänge schon gut führen kann. Und wenn wir sehen, dass da noch Verbesserungspotential ist, dann wissen wir beide: das mit dem Reiten wird noch nicht so klappen. Beim Reiten schauen wir dann lieber nach anderen Dingen, nach machbaren.

Das ist alles nicht perfekt und oft nicht social-media-tauglich. Aber die Realität.

Und da schließt sich irgendwie der Kreis zu Finlays Todestag. Das, was ich in den letzten Wochen fühle und erlebe, ist nicht mehr „dramatisch“ genug für social media. Aber eben doch dramatisch genug, dass für mich etwas heute nicht machbar ist und ich eine Aufgabe gefunden habe darin, es machbar zu machen. Häppchenweise, von einem machbaren Schritt zum anderen. Ganz ohne Perfektion, großen Durchbruch oder jubelndes Publikum im Hintergrund, wahrscheinlich mit Rückschritten, Faulheitspausen und Ausreden meinerseits und Fehlern. Aber eben: machbar.

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  1. Avatar von Vorgärtnerin

1 Comment

  1. „Und plötzlich hätten wir eine Welt voller perfekter Reiter.“
    Hab keine Angst davor: ihr perfekten Reiter hättet ja immer noch Pferde unterm Sattel, und es gibt Gründe, warum es „perfekt“ und nicht „pferdfekt“ heißt 😀 😀 😀

    He, Duncan: ich red da nicht über dich! Du bist na-tür-lich! die GROßE Ausnahme.

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