„Wir haben ja Zeit“ sagen viele meiner Schülerinnen. Sie meinen damit, dass sie sich und ihrem Pferd keinen Druck machen wollen. Dass es für sie völlig in Ordnung ist, wenn die Ausbildung des Pferdes an irgendeinem Punkt länger dauert als gedacht. Dass sie gern Rücksicht nehmen auf ihren vierbeinigen Freund. Lauter gute Sachen.
Neulich sagte Maren Diehl dann in einem Podcast sinngemäß „bei uns Freizeitreitern ist die Zeit ja immer der limitierende Faktor“. Ich stutze. Wieso, wir haben doch so viel Zeit? Dann dachte ich an Fergus the horse und den Artikel den ich damals über einen ihrer wunderbaren Cartoons geschrieben habe. „Wir haben Zeit“, sagen meine Schülerinnen und meinen damit, dass wir alle wissen, dass es 10 Jahre braucht um aus einem Fohlen ein gutes 10jähriges Pferd zu machen. Und dennoch birgt der Satz „wir haben ja Zeit“ so viele Gefahren. Weil er ganz schnell zur Ausrede wird. Das Pony ist etwas zu mopsig? Jaaaa, aber zu schnell soll er ja jetzt auch nicht abnehmen, da lassen wir uns lieber Zeit. Wenn es so gemeint ist und umgesetzt wird, wie es gesagt wird: fein. Wenn es aber in Wirklichkeit bedeutet „ich hab jetzt echt keine Lust mich darum zu kümmern und hoffe, dass das Problem sich auf magische Art und Weise von selbst erledigt, wenn ich es nur lang genug ignoriere“, dann ist das nicht so gut.
„Wir haben ja Zeit“ – wofür genau? Das ist eben die Frage. Ja, klar müssen Duncan und ich noch nicht auf dem Reitplatz traben und im Gelände müssen wir noch nicht galoppieren. Wir haben ja noch Zeit, er ist ja noch jung. Wir müssen noch nicht allein ausreiten gehen können, er ist ja noch unerfahren. Das ist völlig korrekt. Aber es ist eben NICHT gleichbedeutend mit „wir denken da noch nicht dran, bereiten nichts vor und schieben die Themen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag auf die lange Bank“. Es bedeutet: ich überlege schon mal, was ich vorbereitend üben kann, welche Fähigkeiten uns fehlen und wie die kleinen Schritte zu diesen Zielen aussehen können.
Ich bin nun seit 24 Jahren als Hufpflegerin tätig. Ich habe viele, viele Pferde gesehen und viermal so viele Hufe. Gute und schlechte. Und ich schaue zurück und denke darüber nach, welche Pferde gute Hufe haben und welche schlechte. So im Schnitt. Gefühlt – ohne wissenschaftliche Analyse dahinter. Gute Hufe sehe ich häufig da, wo Pferdebesitzer ein Konzept haben. Sich kümmern. Um Fütterung, Haltung, Bewegung, Gesundheit. Sich fortbilden. Sich den Problemen stellen. Die schlechten Hufe sehe ich oft da, wo das nicht der Fall ist. Ich meine das überhaupt nicht vorwurfsvoll. Hier in meinem eigenen Stall steht der kleine Caruso und ist unterbeschäftigt und auch nicht immer perfekt versorgt mit seinem Sommerekzem, seinen winterlichen Hautproblemen, seinen teilweise löchrigen Hufen. Wenn ich ihn dann anschaue, möchte ich ins Internet gehen und ein Wundermittel kaufen (manchmal tu ich das auch). Aber ehrlich gesagt: das hilft nicht. Weil kein Wundermittel der Welt wirken kann, wenn man es nur 3 mal anwendet und dann 4 Wochen lang vergisst. Und das ist halt die Krux an der Sache – egal worum es geht. Trainieren, Hufe in Schuss bringen, abnehmen, etwas neues lernen, Verhaltensweisen verändern – das alles funktioniert nur mit diesem elendigen „Dranbleiben“. Das ist verdammt ärgerlich, anstrengend und nervig. Weil wir ja genau dafür dann oft doch keine Zeit haben. Und ironischer weise sagen wir dann manchmal „wir haben ja Zeit“ – und meinen das Gegenteil. Mir hilft oft ein kleiner Trick: regelmäßig (!) ein bisschen was machen ist besser als nichts machen. Und so habe ich den Donnerstag zum „Hufe schmieren“- Tag auserkoren. Das ist dann ein Tag in der Woche, an dem alle meine Ponys etwas Pflege gegen eventuelle Strahlprobleme oder ähnliches bekommen. Auch Caruso. Und wenn ich den dann schon mal in der Hand habe, schaue ich automatisch auf seine Haut und mache da auch noch was drauf. Und schon ist alles etwas besser gepflegt, das ist doch mal ein Anfang. Und weil ich es durch diese Regelmäßigkeit etwas mehr auf dem Schirm habe, greife ich oft automatisch auch zwischendurch mal zum Pflegemittel und achte akribischer darauf, dass die Ekzemerdecke jeden Abend aufs Pony kommt.
Was noch vor diesem Anfang kommt ist etwas, was mir unheimlich wichtig ist (und wovon manche mir nachsagen, ich sei recht gut darin): Ehrlichkeit zu sich selbst. Wirklich mal erforschen, was man sich da so zurecht denkt. Und ob „wir haben ja Zeit“ vielleicht eine kleine Ausrede ist. Ob „wir haben ja Zeit“ bedeutet „ich habe keine Lust“ oder „ich habe Angst“ oder „ich weiß nicht wie das geht“.
Ich erinnere mich schmunzelnd an eine Schülerin, deren Pferd gern mit dem Huf scharrte um ein Leckerli zu bekommen. Sie erklärte mir, wie sie versucht, ihrem Pferd das abzugewöhnen (indem sie wartet, bis das Pferd aufhört mit scharren und dann das Leckerli gibt). Ich für meinen Teil erklärte ihr, dass ihr Pferd damit lediglich einen Ablauf lernt (erst scharren, dann den Huf abstellen, dann Keks kassieren). Ich erklärte ihr, wie es besser ginge. Sie schaute mich stumm an und ich fügte hinzu „in Wirklichkeit stört es dich einfach gar nicht genug, um daran etwas zu ändern“. Dann lachten wir beide und das Thema war vom Tisch. Und das ist völlig in Ordnung (weil durch das Scharren in diesem Fall niemand zu Schaden kam). So wie es für mich völlig in Ordnung ist, wenn Duncan unterwegs in einem gewissen Rahmen „förstert“. Und wenn jemand mir sagt „ich mag kein Dressur-Reiten“, dann bittesehr. Die einzige Reiterpflicht ist dann, andere Wege zu finden, dem Pferd zu helfen mit der Balance und Tragfähigkeit. Das geht auch ohne Dressur-Reiten – wirklich. Aber nur wenn wir das ehrlich aussprechen, können wir uns dann um so ein Alternativ-Programm bemühen.
Und so fordere ich meine Leserinnen alle mal auf, sich selbst, ganz leise und heimlich, die Frage zu stellen, was das wohl bedeutet „wir haben Zeit“ (oder was immer Ihr sonst so zu Euch selbst sagt). Ihr müsst es ja niemandem erzählen. Aber wenn Ihr das mal tut und die entsprechende Antwort findet und dann auch Handlungen daraus ableitet, dann wird die Welt für Euch und Euer Pferd ein bisschen besser werden – versprochen.
Hallo zuselfee,
Diese Sätze haben mich sehr aufhorchen lassen:
Und wenn jemand mir sagt „ich mag kein Dressur-Reiten“, dann bittesehr. Die einzige Reiterpflicht ist dann, andere Wege zu finden, dem Pferd zu helfen mit der Balance und Tragfähigkeit. Das geht auch ohne Dressur-Reiten – wirklich. Aber nur wenn wir das ehrlich aussprechen, können wir uns dann um so ein Alternativ-Programm bemühen.
Magst Du mir etwas über „Alternativ Programme“ erzählen?
Viele Grüße von der neugierigen
Silvia – Bylgia
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Hallo Silvia, im Grunde geht es immer darum, die Balance und die Rumpfstabilität zu fördern. Also z.B. Bergauf- und bergab gehen (geführt oder geritten), longieren am Hang, Treppe, Wippe (bitte korrekt ausgeführt, hier empfehle ich Nina Steigerwald), Balance-Pads, Stufentraining, hochgelegte Stangen im Schritt usw usf. Die Auswahl ist groß und man kann da sehr kreativ werden.
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Danke für deine Tipps!
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