Ängste

In meiner Blog-App werden mir immer Themenvorschläge gemacht (von anderen Bloggern). Am Dienstag las ich da „Welche Ängste hast du überwunden und wie?“ und ich dachte nur: gerade jetzt überwinde ich mehr Ängste zum Frühstück als früher das ganze Jahr.

In zwei Wochen ist Finlays Todestag und es geht immer los mit mehr Angst. Angst, dass meinen geliebten Ponys etwas passieren könnte. Und diese Angst schlägt absurde Kapriolen, denkt sich die verrücktesten Szenarien aus. Das sind die Zeiten, zu denen ich alle, die Angst vor irgendwas haben, am besten verstehen kann.

Die Formulierung „die Angst überwinden“ finde ich nicht so gelungen. Als wäre die Angst ein Hindernis, dass man überspringen kann. Erst mal ist doch die Frage: woher kommt diese Angst? Manche Ängste sind ja Warnhinweise, die wir ernst nehmen sollten. Angst, aus zu großer Höhe irgendwo runter zu fallen ist zum Beispiel ein hervorragende Schutzmechanismus. Wenn wir allerdings Angst haben, auf eine Trittleiter zu steigen, weil sie uns so hoch vorkommt, dann wird es unpraktisch. Und so mache ich mir Dienstags, wenn ich allein mit Duncan los fahre immer klar: die Angst kann erst mal bewirken, dass ich beim Vorbereiten des Anhängers besonders sorgfältig hinschaue und dann umsichtig fahre mit meinem wertvollen Pony hinten drin. Dagegen ist nichts einzuwenden. Diese Angst bewirkt auch, dass ich immer weiß, wen ich anrufen kann, wenn etwas sein sollte und mein Handy immer voll geladen habe bevor ich aufbreche. Daran ist nichts auzusetzen.

Dann ist da noch die Frage: wovor genau habe ich eigentlich Angst? Zwei meiner Schülerinnen sind mit ihren Pferden gestürzt. Beide haben jetzt Angst. Die eine davor, dass ihr Pony sich verletzt, die andere davor, dass sie selbst sich verletzt. Das sind beides legitime Befürchtungen. Unter Umständen führen sie zu unterschiedlichen Entscheidungen. Zu Anfang steht aber für beide fest: je geringer die Geschwindigkeit, desto weniger passiert bei einem eventuellen Sturz. Fällt das Pferd aus dem Schritt auf die Nase ist es höchst unwahrscheinlich, dass Mensch oder Tier ernsthaft verletzt werden. Wir können also den Schritt als Startpunkt nehmen zum üben. Beide berichten mir, dass es ihnen hilft, wenn ich ihr Pferd reite und sie zuschauen können. Und ich kann berichten: das eine Pferd ist inzwischen trittsicher und in meinen Augen nicht mehr sturzgefährdet. Das andere ist tatsächlich akut sturzgefährdet. Mit dem arbeite ich so lange im Schritt, bis es sich besser anfühlt, dann trabe ich langsam und schaue, was die Voranzeichen sind bevor ein kleiner Stolperer kommt und pariere frühzeitig wieder durch. Jetzt könnte man sagen: in einem Fall ist die Angst der Reiterin also berechtigt, im anderen nicht. Aber das ist ja schon wieder so ein Wort: „berechtigt“. Als bräuchte man eine Berechtigung für ein Gefühl! Brauche ich eine Berechtigung, meinen Mann zu lieben? Ich würde eher sagen: in einem Fall wird die Angst von einer akuten Gefahr ausgelöst, vor der sie uns schützt. Im anderen Fall wird die Angst von einer Erinnerung ausgelöst und das menschliche Gehirn tut sich schwer damit, zwischen Erinnerung und Gegenwart zu unterscheiden (was völlig normal ist).

Als ich angefangen habe, Duncan zu reiten, war meine größte Angst, dass er sich vor irgendwas erschreckt, einen Hopser zur Seite macht, ich ins Rutschen komme und er dann erst recht Angst bekommt. So ein kleines Pony, so dachte ich, ist ja auch so schnell unter einem raus gehüpft. Ich habe meine Freundin immer sehr bewundert für ihre Fähigkeit, die Seitsprünge ihres Ponys so gelassen auszusitzen. Erst als ich Duncans erste Überraschungsaktion in Form einer 180Grad-Drehung aus dem Stand gut überstanden hatte, wurde ich sicherer. Heute weiß ich: seine Erschreckersprünge sind total harmlos. Neulich hat er sogar einen gemacht als ich mir eben einen Steigbügel hoch geholt hatte um ihn noch zu verstellen. Mein Unterbewusstsein kennt inzwischen den Bewegungsablauf und antizipiert, wie der Sprung ausfallen wird anhand der Körperspannung die Duncan vorher aufbaut. Manche Dinge kann man eben wirklich einfach üben und dann schwindet die Angst von allein.

Ich bin keine mutige Reiterin. Das ist einer der Gründe, warum ich keine Jungpferde anreite: ich finde, ein junges Pferd braucht eine angstfreie Person auf seinem Rücken. Bei meinen eigenen jungen Pferden habe ich es trotzdem selbst gemacht. Weil wir uns so gut kennen und ich das Tempo komplett selbst bestimmen kann. Ich versuche immer, meinen Pferden zu vermitteln, dass die Angst, die ich empfinde, nichts mit dem Trecker, dem Radfahrer, der Plane oder dem Sattel zu tun hat, sondern dass ich Angst vor ihrer Reaktion habe. Ob das ankommt – wer weiß? Aber Pferde können Körpersprache so gut lesen, dass ich überzeugt davon bin dass sie auch das mindestens zu einem Teil verstehen können.

Grundsätzlich geht es auch bei der Angst für mich immer um Häppchen. Wenn ich es schaffe, mir Häppchen vorzunehmen, die auch mit Angst noch machbar sind, dann wird es besser werden und ich werde nach und nach weniger Angst haben. So wie beim Thema Galopp mit Duncan. Zwei Angstthemen schwingen da bei mir mit. Zum einen das Thema Durchgehen: ich bin ich nicht sicher, ob er nicht irgendwann so ins laufen kommt, dass die Bremse doch versagt. Dem begegne ich durch die Wahl des Weges (leicht bergauf und am Ende kommt nichts gefährliches, so dass er zur Not einfach weiter rennen kann bis er nicht mehr kann oder will). Oder ich lasse Arnulf mit Diego vorne weg galoppieren, dann kann ich Diego als Bremsblock verwenden (wohl dem, der so einen klasse Pony-Papa hat!). Die zweite Angst ist die vorm Stürzen, denn tatsächlich bin ich mit Finlay auch einmal gestürzt im Galopp. Dieser Angst begegne ich durch gute Vorbereitung: viel traben auf unebenen Böden und an der Longe galoppieren über unebene Böden. Außerdem hilft auch hier ein leicht bergauf verlaufender Weg. So kann ich das galoppieren aus meiner Sicht „absichern“ und ausprobieren. Die ersten Galoppstrecken, die wir bis jetzt gemacht haben, waren wenige Meter lang. Nur mal antesten. Das Durchparieren üben. Jetzt werde ich mich langsam steigern. Die Angst wird mit reiten, aber sie wird nicht übermächtig werden, weil ich alles gut durchdacht und vorbereitet habe.

An Finlays Tod war nichts durchdacht und vorbereitet. Es lag vielleicht eine Stunde zwischen „wir reiten fröhlich durch den Wald“ und „ich hocke neben meinem toten Pony“. Die Angst, dass das wieder passiert, wird vielleicht immer übermächtig bleiben. Wenn sie kommt, hilft es mir, mir klar zu machen, dass es eine Erinnerung ist und keine Gegenwart. Es hilft mir aber auch, zu wissen, dass niemand etwas hätte dagegen tun können. Niemand hätte etwas anders machen können. Die Situation war nicht gefährlich. Und das bedeutet, es war einfach „Lebensrisiko“. Das ist schrecklich, aber es heißt auch: wenn ich jetzt etwas nicht tue, weil ich Angst habe, senke ich das Risiko eines solchen Unfalls nicht. Was ich aber senke, ist meine Lebensqualität (und die meines Ponys). Wenn ich es nicht schaffe, Dienstags allein los zufahren zum Ausreiten mit meiner Freundin, dann werde ich nicht mit meiner Freundin ausreiten können. Dann würde uns eins der schönsten Highlights der Woche fehlen. Und wann immer ich mich von meinem Duncan eines Tages verabschieden muss, ich will wieder sagen können „Danke für das Abenteuer“. Ich will nicht sagen müssen „tut mir leid, dass es mit mir so langweilig war“. Die Angst fährt mit, überwunden ist sie nicht. Sie sitzt auf dem Beifahrersitz und flüstert mir zu, dass mein Pony bald tot sein könnte. Und dann sage ich ihr: „das weiß ich und ich will meine begrenzte Zeit mit ihm genießen. Komm ruhig mit und beschütze uns vor Dummheiten“.

Hinterlasse einen Kommentar