Reitweisen

Neben der Frage, was ich eigentlich unterrichte werde ich natürlich auch immer mal wieder gefragt, nach welcher Reitweise ich reite. Oha. Ich kann diese Frage leider nicht beantworten. Gelernt habe ich damals im Reitverein die „Schulpferd-Version“ der FN-Reiterei. Es gab und gibt schlimmere Versionen dieser Reiterei, in unserem Schulbetrieb war es immerhin extrem selten, dass mal Ausbinder, Dreieckszügel oder ähnliches zum Einsatz kamen, lediglich das Martingal war allgegenwärtig. Ich glaube auch rückblickend, dass meine damalige Reitlehrerin Renate schon viel „Horsemanship“ hatte – für die damaligen Verhältnisse und Umstände. Sie hat immer mal wieder Pferde vor dem Schlachter gerettet und als Schulpferde eingesetzt. Außerdem hatte sie ein Händchen dafür, diese Pferde dann erfolgreich an Reitschüler zu vermitteln. Genauso kam ich ja auch zu meinem ersten eigenen Pferd, ein Warmblut-Wallach namens „Wurzel“. Obwohl Wurzel in Rasse und Exterieur zur FN-Reiterei gepasst hätte, hatte er – zu seinem und meinem Glück – nicht den Charakter, der für diese Reitweise gebraucht wird. Die FN-Reiterei kommt aus dem Militär und noch heute berufen sich ihre Anhänger oft auf die H.Dv.12, also die Heeresdienstvorschrift.

Haarige, eigensinnige Ponys, wie sie besonders aus Großbritannien zu uns kommen, gibt es in der H.Dv.12 nicht. Für solche Tiere wurde dieses Standardwerk nicht geschrieben. Struppige, hungrige, humorvolle Ponys kommen auch auf den Stichen der alten Meister nicht vor, auf die sich so viele „klassische“ Reiteweisen beziehen. Sie werden nicht im Stierkampf eingesetzt und zum Springreiten sind sie auch nur begrenzt geeignet.

Und da haben wir schon das Problem: keine der hierzulande üblichen Reitweisen ist zugeschnitten auf Ponys wie Merlin oder Duncan. Selbst Diego (Friese-Tinker-Mix) fällt da völlig raus. Er ist genau genommen viel mehr ein Wagenpferd als ein Reitpferd: Lange geradeaus laufen, große Schritte machen. Der Galopp wird vor der Kutsche nicht wirklich gebraucht, der ist sehr mittelmäßig. Schritt und Trab gleichen das mit Raumgriff und Takt wieder aus. Und genau das ist es auch, was Diego gern tut. Wenn er den Horizont sieht, scheint er zu sagen: da geht es hin. Seinen bisher einzigen kleinen Distanzritt erledigte er (im Gegensatz zu Finlay) fast ohne Training in spielerischer Leichtigkeit, obwohl der mit Arnulf ja durchaus auch Gewicht zu tragen hat. Wenn man allerdings auf dem Platz mit ihm arbeiten möchte, muss man ihn schon gut motivieren. Er macht zwar alles, aber die Sinnlosigkeit des Unterfangens steht ihm ins Gesicht geschrieben und er macht es nur uns zu liebe. Dass er es auch für seine Gesundheit braucht, weiß er ja nicht. In guten Momenten mag er sich dann schon mal präsentieren und hübsch machen, aber sein Lebensinhalt ist das nicht.

Bei Merlin – Rasse unbekannt – passt der Charakter so gar nicht zum Körper. Sein langer Rücken, der schon in jungen Jahren anfing durch zu hängen (auch dank meiner mangelnden Reitkünste, aber darauf komme ich gleich noch), seine kurzen Beine und die breite Brust lassen ihn aussehen wie jemand, der landwirtschaftliche Arbeiten erledigt. In seinem Kopf aber ist er ein Dressurpferd. Hier ein Detail und dort noch eins, ein Kringel, ein Seitengang, eine Wendung. Sich präsentieren und Freude haben am Applaus, das ist seine Welt. In den entsprechenden Händen wäre er vielleicht sogar ein Showpferd geworden. Ausreiten hingegen ist ihm zuwider. Früher hat mir das niemand geglaubt aber inzwischen habe ich ein paar Leute getroffen, die ähnlich gestrickte Pferde haben. Was soll das, den Hof zu verlassen, wenn man dann eh wieder kommt? Und die Arbeit auf dem Platz ist ja zu Ende wenn man es richtig gemacht hat – das geht beim Ausritt gar nicht. Man muss die ganze Strecke wieder nach hause laufen – nein danke.

Merlin hat mit mir einige Reitweisen durch probiert. Nachdem klar war, dass ich mich bei der FN nicht zu hause fühle, schnupperte ich zunächst in die akademische Reitkunst hinein. Auch bei einer Schülerin von Philippe Karl habe ich mal 2 oder 3 Unterrichtsstunden genommen, eine bei einer Anja-Beran-Schülerin. Aber keine der Reitweisen hat mich wirklich gepackt und – was für mich das wichtigste war – ich hatte nie das Gefühl dass es zu Merlin wirklich passt. Merlin war immer im Energiesparmodus. Und dann traf ich Honza Blaha und wir hatten unsere Art gefunden. Das war Merlins Welt: viel Bodenarbeit, alles ohne Zaumzeug, reiten immer nur in kurzen Sequenzen mit langen Pausen. Die Motivation stieg und stieg. Dennoch: das was Honza uns beim Reiten lehrte, war für mein Pony körperlich gesehen falsch. Sein Rücken wurde nicht schöner, obwohl alles andere sich deutlich verbesserte. So endete meine Zeit bei Honza nach 7 Jahren und die Suche ging wieder los.

Wir landeten bei Alex Zell und der Altcalifornischen Reitweise. Dankenswerter Weise ist Alex ein Pferdemensch, der sich selbst stetig weiter entwickelt und so konnte ich durch ihn auch noch in das eine oder andere Thema hineinschauen. Nun stieß ich aber wieder auf die ganz realen Probleme der Reitunterrichtswelt: Alex fand Süddeutschland plötzlich schöner als den Norden und zog weg. Ein gelegentlicher Kurs ist gut und schön, aber mein Merlin hatte mir bereits signalisiert, dass er zu alt ist dafür, sich zu leicht stresst (was früher nie der Fall war) weil er sich allein in fremder Umgebung einfach nicht mehr sicher fühlt. Und so war 2019 unser letzter Kurs. Und nun stehe ich wieder ohne Reitlehrer da. Es ist schwer, meinen Ansprüchen gerecht zu werden. Ich habe so viele Fragezeichen im Kopf und fast jeder, der eine bestimmte Reitweise lehrt, empfindet die seine als die richtige und hat gute Begründungen dafür, meist ohne die Begründungen der anderen wirklich zu kennen. Außerdem erwarte ich, dass man sich auf meine Ponys und ihre Art einlässt und ich selbst bin nicht mit so vielen Menschen wirklich kompatibel. Humorloser Unterricht – von dem gibt es unglaublich viel – schreckt mich von vornherein ab, genauso wie Guru-Gehabe. In 22 Jahren Tätigkeit als Hufpflegerin habe ich vor allem eins gelernt: andere Methoden haben auch Erfolge vorzuweisen. Jeder prahlt mit seinen Erfolgen, jeder kehrt die Misserfolge unter den Tisch oder gibt anderen die Schuld dafür. Aber ich bin sicher, jeder hat beides: Erfolge und Misserfolge. Und ich bin überzeugt, dass das vor allem daran liegt, das jede Methode für einige Pferde gut passt und für andere nicht. Rasse, Alter, Charakter, Vorgeschichte und eventuelle gesundheitliche Schwierigkeiten sind da zu berücksichtigen. Natürlich muss es aber auch für den Menschen passen, der das alles umsetzen soll – ist jemand pedantisch oder verspielt, ängstlich oder sehr von sich überzeugt, beweglich oder nicht, erfahren oder Anfänger, groß im Vergleich zum eigenen Pferd oder klein….. . Es muss auch für die Gegebenheiten am Stall passen (ist ein großer Platz da, eine Reithalle, gutes Ausreitgelände?) und dann muss eben auch der entsprechende Ausbilder in greifbarer Nähe sein (heute manchmal digital) und die Chemie zwischen Ausbilder, Reiter und Pferd muss stimmen. Bei so vielen Wenns und Abers ist die scheinbar große Auswahl plötzlich ganz schön klein!

Jetzt möchte ich langsam anfangen, Duncan reiterlich auszubilden und ich stehe eigentlich vor einer unlösbaren Aufgabe. Denn das Highlandpony ist nicht für eine Reitweise gezüchtet worden. Das Highlandpony („the versatile breed“ – also die vielseitige Rasse) ist darauf ausgelegt, quasi alles mit zu machen, was man ihm anträgt. Fahren, Dressur reiten oder Western, Springen, Wander- und Distanzreiten genauso wie Bodenarbeit in allen Facetten. Der Schotte an sich kann also alles ein bisschen, wird aber nirgendswo im „großen Sport“ auftauchen (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel). Ein „dafür ist der gezüchtet“ gibt es insofern bei Duncan nicht. (Hirsche aus den Bergen tragen ist gerade im Flachland Schleswig-Holsteins eben auch eher selten gefragt).

Mein kleiner Schotte hat ja schon sehr klar geäußert, wie er sich das Leben mit mir vorstellt: alles was ihn wirklich interessiert, findet jenseits der Grundstücksgrenze statt. Raus, raus, raus, flott und lang und immer wieder auf neuen Wegen.

Aber etwas Dressurarbeit auf dem Platz muss schon sein, das gehört zu einer vernünftigen Ausbildung einfach dazu und es macht mir selbst zu viel Spaß um es sein zu lassen. Nur: was wollen wir da genau tun? Vor ein paar Jahren war ich da recht entspannt, alle Reitweisen wollen doch im Grunde das Gleiche, dachte ich. Korrekte Biegung, das Pferd soll „über den Rücken“ laufen und sich erst mal vorwärts-abwärts dehnen. Oh, das war aber weit gefehlt. Die Liste an Möglichkeiten ist viel länger. Vorwärts-Abwärts – das war Finlays letzte Lektion für mich – kann bei einem vorhandlastigen Pferd zur Katastrophe führen. Biegung kann der falsche Weg sein und was „über den Rücken“ bedeutet kann sich je nach Reitweise ganz schön unterscheiden.

Nur eins haben alle Reitweisen gemeinsam: keine erschließt sich dem Pferd von selbst. Die Hilfen, die ich von oben gebe sind (vielleicht mit Ausnahme der Gewichtshilfen) alle erlernt und ergeben ohne vorangegangene Erklärung für das Pferd keinen Sinn. Im Gelände hat Duncan gelernt, mich geradeaus im Schritt und im Trab zu tragen wie es sich eben ergibt. Er schwankt nicht mehr beim laufen, er kann bergauf und bergab mein Gewicht mitnehmen und ich kann lenken und bremsen. Jetzt möchte ich aber anfangen, auf dem Platz zu reiten und da bleibt mir nichts übrig, als mich zu entscheiden. Ein Plan muss her, wie wir zumindest am Anfang mal die Hilfen etablieren. Mein Pony hat dabei die selben Fragen wie ich: welches Tempo ist das richtige, welche Kopfhaltung ist die beste (jetzt für den Moment) und wie kommt man um die Kurven von denen es auf dem Reitplatz so viele gibt? Mit Merlin und Diego kann ich frei herum spielen und alles mögliche versuchen, so wie jemand der lesen kann, alle möglichen Bücher lesen kann. Aber Duncan hat keine Ahnung vom lesen und wir brauchen eine gemeinsame Ebene, damit es nicht bei „lenken und bremsen“ bleibt, sondern gymnastizierende Arbeit wird.

Also entscheide ich mich – leise seufzend – für ein Konzept, damit wir anfangen können, uns zu verständigen.

Vielleicht – in meinem Fall sogar sehr wahrscheinlich – werde ich irgendwann irgendwohin umschwenken. Ich kenne mich. Aber dann wird Duncan eine Basis haben, auf die er zurück greifen kann. Und da er flexibel ist – so wie mein Merlin es sein Leben lang war – wird er mitgehen, wenn Dinge sich ändern. Wird neugierig fragen, was wir jetzt anders machen. Wird mit mir ausprobieren und experimentieren. Und ich hoffe, dass er mir dazu genauso ehrlich Rückmeldung gibt wie mein Finlay es getan hat, der sein Leben damit verbrachte, Dinge in Frage zu stellen die ich zu wissen glaubte.

Und ich werde versuchen, mich nicht verrückt zu machen. Immer im Kopf zu behalten, dass alles was ich freundlich, mit Bedacht und mit gutem Blick aufs Pony tue, ihm nicht schaden wird – auch wenn immer wieder Gurus auftauchen, die uns erzählen wollen, dass wir unser Pferd mit der falschen Reitweise quasi umbringen. Dann schaue ich wieder in die Distanzreiterwelt und erkenne: wer mit Sinn und Verstand reitet, kommt gut ohne die perfekte Piaffe durchs Leben. Obwohl ich natürlich sehr gern diese perfekte Piaffe mitnehme, wenn Duncan sie mir eines Tages schenken möchte.

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2 Kommentare

  1. Da hab ich eine Frage:
    Der Galopp wird vor der Kutsche nicht wirklich gebraucht — warum eigentlich nicht?
    Verliert man ein Pferd im Galopp mit Kutsche hinten dran schneller aus der Kontrolle oder was ist der Grund?

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    1. Naja man kann schon auch im Galopp fahren, es ist nur über lange Strecken nicht wirklich angenehm fürs Pferd, weil es ja immer „ins Geschirr springt“ und dadurch kein gleichmäßiger Zug entsteht. Somit zieht es sich im Trab einfach viel leichter und angenehmer. So habe ich jedenfalls die Begründung verstanden, bin ja aber auch kein Profi.

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