Lücken

Vielleicht ist mein Ausbildungsstil etwas anders als der anderer Leute. Ich merke das dann, wenn ich ohne Plan und Konzept zu einer Schülerin komme und wir uns dann ratlos ansehen, weil die Schülerin auch keine Idee hat, was wir heute machen. Dann werfe ich einen Vorschlag in den Raum, der mir so spontan einfällt und mit erstaunlicher Häufigkeit treffe ich zielsicher ein Wespennest oder wie ich es lieber formuliere, ich mache ein Fass auf. Denn plötzlich zeigt sich eine Lücke – in der Ausbildung des Pferdes oder der Reiterin – und wir verbringen die Stunde (manchmal auch mehrere) mit dem Schließen dieser Lücke.

Im Gegensatz zu Ausbildern, die ein klares Ziel haben, die ein System unterrichten, das Schritt für Schritt aufeinander aufbaut bis das Ziel erreicht ist, sehe ich meine Aufgabe darin, Menschen und Pferde auf ihrem eigenen Weg zu begleiten, wohin er auch führen mag. Mir ist es ziemlich egal, was die beiden gern zusammen unternehmen. Ich habe für die beiden kein festgelegtes Ziel, außer dass sie gesund und glücklich eine schöne Zeit miteinander haben. Ich helfe, wo ich helfen kann und wenn ich es nicht kann, sage ich das. So einfach ist das. Und so schwer, denn darum kann ich nie so recht antworten wenn ich gefragt werde, was ich unterrichte. Vielleicht antworte ich nächstes Mal „ich schließe Lücken“.

Manchmal denke ich an Analphabeten. Es gibt ja tatsächlich in Deutschland eine beträchtliche Zahl an Menschen, die nicht (richtig) lesen und schreiben können. In Anbetracht von 9 Jahren Schulpflicht ist das unfassbar, aber es ist wahr. Und diese Menschen sind oft Meister darin, nicht aufzufliegen. Sie haben Tricks und Kniffe entwickelt, um die Lücke in ihrer Ausbildung zu kaschieren. Das ist sehr anstrengend und auch nicht unbegrenzt möglich, funktioniert aber bis zu einem gewissen Grad – zu einem enormen Preis in Form von psychischer Belastung einerseits und andererseits natürlich der Tatsache, dass solche Menschen weit unter ihrem eigentlichen Potential bleiben.

Und so geht es auch vielen Pferden – und Reitern! – denen an der Basis Wissen fehlt. Wie eine Schülerin, die seit Jahren reitet und mir nach der Stunde sagt, ich sei die erste gewesen, die ihr erklärt hat, wie man korrekt treibt. Wie all jene Schülerinnen, die zwar von korrekter Biegung träumen aber gar nicht wissen, was ihr Pferd dafür tun muss und woran sie merken, ob es sich wirklich biegt – weil es ihnen nie jemand gesagt hat. Und genau so geht es vielen, vielen Pferden. Pferden die nie gelernt haben, wie man mit Reiter elegant um eine Ecke kommt. Pferden, die ein Hinterbein nicht richtig wahrnehmen und nicht richtig in ihr Körpergefühl integriert haben. Pferden, die nicht verstanden haben, was die Hilfen, die man ihnen gibt, eigentlich bedeuten.

Lücken füllen ist etwas, was mir großen Spaß macht. Wenn Reiter und Pferd plötzlich strahlen, weil der Groschen, der vielleicht seit vielen Jahren fest hing, gefallen ist (wie neulich, als meine Schülerin sagte „da quäle ich mich 20 Jahre damit und dann kommst du und schon klappt es“). Oft ist die Lösung ganz einfach. Es muss einem nur mal jemand wirklich erklären. Aber wie die Analphabeten verstecken sowohl meine Schülerinnen als auch die Pferde oft die Lücken lieber, als nachzufragen. Schade! Denn das ist doch keine Schande – im Gegenteil. Eine Schande ist es dann, wenn ein Lehrer nicht antworten kann oder den Schüler als dumm abstempelt. Getreu dem Motto „dumme Fragen gibt es nicht, nur dumme Antworten“. Wenn ich als Lehrerin etwas nicht beantworten kann ist es wiederum meine Neugierde, die geweckt wird und ich kann mich selbst auf die Suche nach Antworten machen.

Lücken schließen ist etwas, was ich jetzt gerade mit Duncan mache. Denn ich finde einige Lücken. Und ich finde, dass einige Probleme die wir haben, in solchen Lücken begründet sind. Da ich beim longieren nicht 100% klar war, wo die Longe „zu Ende“ ist, also wo ich die Grenze setze, wie weit Duncan raus gehen kann, ist beim spazieren gehen eben auch nicht ganz klar wo der Strick zu Ende ist. Da ich beim Wippen immer nur „Kopf tief“ belohnt habe, gibt es keine Option den Kopf höher zu nehmen. Da ich beim Rückwärts immer nach ein, zwei Schritten zufrieden war, hat er nicht die Idee, länger oder energischer rückwärts zu gehen. Und weil ich immer das Stimmkommando dazu gegeben habe, ist eben doch nicht ganz klar, wie die Zügelhilfe dazu ist und wie er darauf reagieren soll. Was wiederum mit da rein spielt, dass er beim spazieren gehen nicht klar hat, wo der Strick zu Ende ist.

Lücken sind nichts schlimmes, sondern Lernchancen. Verbesserungsmöglichkeiten. Und oft bringt das Schließen einer Lücke uns so viel weiter als das üben einer neuen Lektion. Wenn ich jetzt die Zeit nutze, in der ich Duncan noch nicht reiten kann, um möglichst viele Lücken zu schließen, habe ich ein ganz sauberes, stabiles Fundament. Ein Pony, was sich wirklich gut auskennt und weiß, wie die Dinge im Zusammensein mit dem Menschen laufen. Und dann hat mein kleiner Ritter vielen älteren Pferden, bei denen sich niemand um die Schließung der Informationslücken gekümmert hat, einiges voraus.

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