Das Leben geht weiter

„Das Leben geht weiter“ ist einer der Sprüche die ich am wenigsten leiden kann. Zum Glück hat niemand es gewagt, mir nach Finlays Tod diesen Spruch an den Kopf zu werfen. Aber ich habe ihn oft gelesen, interessanterweise oft von Leuten die selbst einen schweren Verlust hinter sich haben. „Das Leben geht weiter“ sagen sie dann und meinen damit, dass es für sie eben irgendwie weiter gegangen ist.

Finlays Tod ist jetzt 1 Jahr und 8 Monate her. Und jetzt, seit ein paar Wochen, fühle ich „mein Leben geht weiter“. Direkt nach seinem Tod war es für mich eine Unverschämtheit, eine Gemeinheit, eine Grausamkeit zu sehen, dass das Leben weiter geht. Das Leben anderer Menschen ging einfach so weiter. Auch mein Leben ging weiter – aber es war alles falsch. Und eigentlich hätte es gar nicht weiter gehen sollen. Ich wollte nicht, dass es so weiter geht. Alles hätte stehenbleiben sollen, so wie in meinem Inneren alles still gestanden hat. Aber das hat es nun mal nicht getan. Stattdessen sind irgendwie die Pferde mit mir durchgegangen und ich habe Duncan gekauft – einfach so. Es war schrecklich und schön zugleich. Schön, ihn hier zu haben, dieses wunderbare Pony. Schrecklich, dass Duncan nur zu mir gekommen ist, weil Finlay nicht mehr da ist. Und während meine Seele noch gar nicht mit all dem klar kam, ging das Leben einfach weiter. Irgendwie ohne mich und doch wurde ich mit gezogen, geschubst, gerissen und gezwungen. Aussteigen aus der Situation ging nicht, denn es war ja nichts daran zu ändern, dass mein Pony tot ist. Und auch wenn im Inneren die Zeit stehenbleibt, läuft sie im Außen doch unerbittlich weiter.

Ganz langsam komme ich wieder an, halte wieder Schritt. Werde nicht mehr nur mit geschliffen sondern fühle mich Stück für Stück wieder normal in meinem Leben. Und ich fühle: Mein Leben geht weiter. Auch ohne Finlay. Ich habe mich in der neuen Situation zurecht gefunden und sie ist nicht mehr ganz so falsch.

Vor ein paar Wochen wollte ich Platz auf meinem Handy schaffen und habe den Ordner mit den Finlay-Bildern auf den Computer kopiert. Ich schau sie ja doch nie an. Und dann wollte ich sie vom Handy löschen. Aber das ging nicht. Ich konnte es nicht tun. Dass all diese Fotos da auf meinem Handy sind, fühlt sich ein bisschen so an als könnte ich Finlay in der Hosentasche mit mir herumtragen. Es ist das einzige was mir geblieben ist und obwohl ich nicht hinschauen kann möchte ich doch wissen, dass diese Fotos und Videos da sind. Dass ich jederzeit hinschauen KÖNNTE, wenn ich wollte.

Gleichzeitig passiert etwas mit Duncan und mir. Letztes Jahr, als er noch so klein war, war immer alles ganz offen. Ich hatte keine Ansprüche, ich habe mich einfach überraschen lassen. Jetzt, wo er in der Herde anders behandelt wird und sich mir gegenüber manchmal etwas pubertär gebärdet (sehr selten und sehr mild aber immerhin kommt es vor) habe ich beschlossen, Ansprüche zu stellen. Verhaltensweisen die er nun seit einem Jahr kennt, die ich sorgfältig aufgebaut und viel belohnt habe, die können jetzt einfach mal klappen. Loslaufen wenn ich den Vorderhuf heben will – weil man da einen essbaren Krümel gesehen hat – oder im Roundpen meinen, er könnte die Richtung bestimmen, für so etwas gibt es jetzt schon mal einen Rüffel. Vorher habe ich in großer Ruhe alles nochmal und nochmal und nochmal erkärt, aber jetzt finde ich, er weiß das alles und ist alt genug um es zu tun. Ich lasse mich leiten von dem, was ich bei Gatsby und Diego beobachte, die ebenfalls vermehrt auf ordentliche Einhaltung der Regeln pochen. Wildes Spiel ja, aber außerhalb des Spiels gilt Knigges bzw Diegos Regelwerk für gutes Benehmen. Und das stellt Duncan auch nicht in Frage.

Und dieses andere Verhalten macht auch unsere Beziehung anders. Es ist nun schon mehr eine Art der Zusammenarbeit: wir haben da diese Aufgabe zu erledigen und jeder trägt seinen Teil dazu bei. Ich arbeite grundsätzlich mit meinen Ponys so. Nicht ich bin diejenige, die alles weiß und alles kann. Wir sind es immer beide zusammen. Ich arbeite an meiner Körpersprache und meinem Timing, mein Pony arbeitet an dem was gerade ansteht – ordentlich geführt werden in Duncans Fall, schön piaffieren in Merlins Fall. Es kann uns nur gelingen, wenn wir uns beide Mühe geben. Das ist keine Einbahnstraße. Aber mit so einem kleinen Zwerg wie Duncan es letztes Jahr war, war es eben doch oft eine Einbahnstraße: das musst Du tun um den Keks zu bekommen. Ich habe Duncan natürlich beobachtet und auch gelernt, aber es gab keine gemeinsam zu lösenden Aufgaben zu erledigen.

Duncan fragt nun wirklich fast jeden Tag nach Beschäftigung. Und ich darf kreativ sein: heute spazierengehen, morgen in den Roundpen, übermorgen auf den Reitplatz und dann wieder auf die Wippe. Finde Dinge, die das Pony beschäftigen und ausbilden ohne es körperlich zu überfordern. Finde heraus, welche Dinge bewirken, dass er zufrieden und ausgeglichen ist, sowohl in der Herde als auch mit mir. Wenn das Bespaßungsprogramm stimmt, ist Duncan wunderbar erwachsen, vernünftig und feinfühlig. Hat er aber zu wenig Beschäftigung, wird er nervig und pubertär – mit mir und gegenüber den anderen. Und so arbeiten auch die Ponys gemeinsam daran, ihn bei Laune zu halten. Er spielt mit dem einen bis der keine Lust mehr hat, dann klatschen die Ponys untereinander ab und der nächste ist dran. Wenn er einen nervt, kommt ein anderer und sagt „komm, Duncan, ich spiele mit Dir, lass den mal in Ruhe“. Und ich stehe fasziniert am Fenster und bin einmal mehr glücklich, dass Duncan hier bei uns aufwachsen kann.

Und so geht mein Leben weiter. Ohne Finlay, dafür mit Duncan. Alles ist anders aber es ist auf seine Art genauso gut wie vorher. Nur mit mehr Angst und Unsicherheit. Mehr Fragezeichen über den Gang der Dinge. Weniger Selbstverständlichkeit, dass morgen alles so ist wie heute. Denn auch jetzt kann ich die Zeit nicht anhalten und sagen „so gefällt es mir, es soll so bleiben“. Ich muss aushalten, dass ich nicht weiß, was passieren wird. Wird Duncan wirklich Hengst bleiben können? Wird er irgendwann die anderen attackieren und müssen wir ihn dann kastrieren? Wird er das gut überstehen? Wird alles gut gehen bei den großen Schritten die wir vor uns haben – erste Kutschfahrt (vielleicht schon nächstes Jahr), erstes Reiten (wer weiß wann)? Bleibt er gesund? Wird er sich doch irgendwann in seinem wilden Spiel verletzen?

Das Leben geht weiter – ohne uns zu fragen. Unser Einfluss ist groß und trotzdem klein. Auch wenn ich alles richtig machen sollte, kann mein Pony morgen tot sein. Das habe ich von Finlay gelernt. Mein letzter Ritt mit Finlay auf dem Reitplatz ist noch in meinem Herzen. Oft, wenn ich mit einem meiner Ponys gearbeitet habe, frage ich mich am Ende: kann ich das so stehen lassen? Wenn es das letzte Mal war, dass wir etwas gemeinsam machen konnten, würde ich es dann bereuen? Es hilft mir, zu sehen, ob etwas ungeklärt geblieben ist, ob einer von uns mit schlechter Stimmung vom Platz geht. Das kommt natürlich vor, aber ich versuche es nach Möglichkeit zu vermeiden. Die Vorstellung, es könnte meine letzte Chance sein, motiviert mich, es so gut zu machen, wie es mir möglich ist. An diesem einen Tag war es plötzlich wahr, es war meine letzte Chance – aber das wusste ich da noch nicht. Unser letzter gemeinsamer Ritt war ein guter. Wäre es doof gelaufen, hätte ich noch eine Krauleinheit am Ende einlegen können oder meinem Pony sagen, wie sehr ich es liebe, unabhängig von dem was da heute alles nicht geklappt hat. Das tue ich seit Finlays Tod noch häufiger als vorher. Es ist diese eine Kleinigkeit, die ich heute tun kann um Frieden zu ermöglichen mit den unbekannten Ereignissen von morgen. Denn das Leben geht weiter – so oder so. Und wir werden dazu nicht gefragt. Ein Tag nach dem anderen kommt und geht und dem Leben ist es völlig egal, ob wir mitkommen oder nicht. Ich hoffe, dass mein Leben jetzt mit Duncan weitergeht. So lange wie möglich.

„Das Leben geht weiter“ mag für viele ein tröstender Spruch sein. Für mich ist es eher eine Art Drohung. Aber ich kann es nicht ändern, nur das Beste daraus machen. Und wenn ich eins weiß, dann das: an jenem Tag, an dem ich mich entschieden habe, Duncan zu kaufen, habe ich das Beste draus gemacht. Was für ein Glücksgriff in der dunkelsten Stunde meines Lebens. Jetzt, wo ich wieder angekommen bin in meinem Leben, bedanke ich mich oft bei Duncan dafür, dass er hier ist. Und dann schaut er mich an mit seinen runden Knopfaugen und ich frage mich, was er denkt. Wichtiger ist mir, dass er fühlt, was ich fühle: wir gehören zusammen.

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