Der richtige Weg

Eines Tages erhielt ich einen Anruf von einer Dame aus dem fernen Süddeutschland. Sie hatte einige Fragen dazu wie sie ihrem dreijähren süddeutschen Kaltblut das Hufe geben besser beibringen kann. Sie erzählte mir, dass sie langjährige Kutschfahrerin ist und nun dieses junge Pferd einfahren möchte. Im Moment habe sie aber ein paar Probleme mit dem Tier und deswegen hat sie sich eine Trainerin geholt. Diese Trainerin macht „Natural Horsemanship“ (oh dieser unsägliche Begriff!) und hat gesagt, das Pferd soll immer einen halben Meter HINTER dem Menschen gehen und Stimmkommandos sind Quatsch, die benutzt man nicht.
Da fiel meine Kinnlade recht tief. Ich bin immer vorsichtig mit Kritik an Kollegen. Ich sagte also nicht, was ich als erstes dachte, sondern formulierte meine Bedenken ob diese Ausbildungsmethode wohl zu den Zielen der Dame passte. Ein Kutschpferd soll ja nun mal VOR der Kutsche laufen (und somit auch VOR dem Menschen) und natürlich wird fast nirgendwo so viel mit Stimmkommandos gearbeitet wie beim Fahren. Warum sollte sie dem Pferd also erst das komplette Gegenteil von dem beibringen was es später tun soll?
Das ist mein bisher eindeutigstes Beispiel dafür, wie eine Ausbildungsmethode einfach total falsch gewählt sein kann. Ob diese Ausbildungsmethode überhaupt irgendeinen Sinn ergeben hat, lasse ich mal dahingestellt aber definitiv nicht für dieses Pferd und seine Besitzerin. Das kam mir vor als würde man einen Chinesisch-Lehrer engagieren wenn das Kind schlecht in Biologie ist.

Als ich selbst vor 13 Jahren den ersten Trainer sah der mich wirklich beeindruckte, hatte ich Glück: sein System passte perfekt für meinen Merlin. Merlin mag gerne frei arbeiten, immer nah bei mir sein und nicht schneller laufen als ich – bevorzugt noch hinter mir her. Er mag gern selbst probieren und braucht nicht viele Infos von mir dazu außer „besser“ oder „nicht besser“. Und Pause machen ist das allergrößte für ihn. Das passte prima zusammen mit dem Aufbau des Traininssystems das wir dort lernten. Ich habe aber gar nicht gemerkt, dass wir deswegen so gut und so glücklich waren. Ich dachte, das System sei halt so toll. Pustekuchen. Als Finlay dann kam und ich mit ihm nach dem selben System arbeiten wollte, hatte er dazu ziemlich viel eigene Meinung….. (Und mit dieser Meinung hat er ja auch nie hinterm Berg gehalten).
In Wirklichkeit ist es nämlich leider so, dass fast alle Pferdebesitzer sich ein Ausbildungssystem suchen, dass IHNEN gefällt. Weil Ergebnisse dabei rauskommen, die sie schön finden. Oder weil sie den Trainer so toll finden. Oder weil es ihnen einfach erscheint. Weil es gerade in Mode ist oder weil es ihre langjährigen, liebgewonnenen Glaubenssätze bestätigt und sich daher einfach total „richtig“ anfühlt. Weil der entsprechende Ausbilder sowieso schon an den Stall kommt. Oder oder oder.
Sehr selten wird ein Ausbildungssystem danach ausgesucht, ob es zum Pferd passt. Wie sollte das auch gehen – dafür bräuchte man ja jemanden, der alle Ausbildunssysteme kennt und dann das Pferd entsprechend einschätzt und einen berät. Meines Wissen gibt es so jemanden nicht. Und in der Pferdewelt sind ja die meisten Ausbilder auch immer noch überzeugt, dass sie das einzig wahre, richtige System haben.

Dabei ist die Auswahl inzwischen unüberschaubar. Früher, als ich meine Reitkarriere begonnen habe, da wurde „englisch“ geritten. Da gab es Springen, Dressur und Gelände. Außerdem gab es (allerdings nicht in meinem direkten Umfeld), die Westernreiter und dann gab es noch Islandpferdereiter. Alle blieben fein für sich und so war mir das als Jugendliche gar nicht so recht klar dass es diese „anderen“ gab. Heute? Heute gibt es allein schon unter den „Dressur“reitern eine riesige Bandbreite von den Akademikern über die Klassiker und die Légèreté, wobei sich selbst innerhalb dieser Kategorien noch die Köpfe eingeschlagen werden und jeder sein eigenes Ding macht, dann gibt es Working Equitation, eine für mich unüberschaubare Anzahl an Gangpferden und vor allem eine schier wahnsinnige Auswahl an Bodenarbeitslehren, viele unter der unsäglichen „Horsemanship“-Überschrift, die inzwischen so nichtssagend ist wie „alles was man an Halfter und Strick so machen kann“, aber natürlich auch wieder Klassiker, Akademiker, Dual-Aktivierung und allerhand andere Systeme. Und dann gibt es noch die Fraktion der positiv-Verstärker, die sich inzwischen auch schon wieder unterteilt, da blicke ich noch weniger durch.
Mir scheint, es ist in den meisten Fällen Zufall, wohin es einen so verschlägt und oft wird nicht in Frage gestellt, ob das System fürs Pferd passt. Menschen stellen mal fest, das es für SIE nicht passt und wenden sich ab, weil der Trainer nicht nett ist, vielleicht (das hab ich öfter mal gemacht) weil der Trainer das Pferd nicht wertschätzt (das passiert, wenn man ein Strubbelpony mit gruseligem Gebäude zum Unterricht bringt. Da habe ich schon sehr abwertende Dinge gehört und ich habe beschlossen, dass weder ich noch mein Pony uns das antun müssen, völlig egal wie gut der Trainer ist). Oder weil der Trainer zu teuer ist, die Fortschritte scheinbar zu klein oder der Aufwand zu groß.
Aber merken wir auch, wenn es fürs Pferd halt einfach nicht passt? Selten. Ich bin heutzutage überzeugt davon, dass viele Pferde nie ihr volles Potential entfalten, weil die Ausbildungsmethode nicht passt. Ganz einfach ist es oft, sich grob an der Rasse zu orientieren. Da denke ich an den Tinker, von dem ich einmal hörte, der in einem System ausgebildet wurde, dass sehr auf Langsamkeit und Kleinschrittigkeit bedacht war. Eines Tages bewegte der Tinker sich einfach gar nicht mehr. Das ergibt für mich Sinn und ich erkläre meinen Schülern seitdem gern, dass wir auch schauen dürfen, wo Ausbildungsmethoden herkommen und für welche Pferderassen sie ursprünglich gedacht waren. Wer immer Spanier und Lusitanos unterm Hintern hat ist oft gut bedient mit Methoden, die viel Ruhe ins Pferd bringen. Aber Ruhe ist etwas, was so ein Tinker in der Regel nicht erst lernen muss….

Andererseits kann es gefährlich sein, zu schnell ein „Rasseurteil“ zu fällen. Die Unterschiede zwischen Finlay und Duncan machen das nur zu deutlich. Gleiche Rasse, gleiches Geschlecht, sogar von der Arbeit her die gleiche Vorliebe (raus ins Gelände, alles andere ist ziemlich uninteressant). Und dennoch sind sie in der Kommunikation nicht miteinander zu vergleichen.
Finlay war immer im Dialog. Er war der Typ Pferd, dem man zwar nicht ansah was er dachte, aber die Informationen gingen immer wie ein Pingpong-Ball von mir zu ihm. Ich sagte zum Beispiel „lass mal da vorne antraben“. Dann kam von ihm „ok, wo genau, wie schnell, für wie lang und wie soll ich es machen“ oder es kam „nö, wieso? Hab grad keine Lust“. Und dann wartete er auf meine Antwort. Oder es kam von ihm „lass uns mal da vorne antraben“ und dann hatte ich zu antworten.

Duncan hingegen macht das anders. Er sagt nicht so viel – obwohl man ihm das, WAS er sagt, sehr gut ansehen kann. Er ist eher der Typ dem ich sage „lass mal da vorne antraben“ und er sagt „ok“ und dann macht er das. Und dann erwartet er keine weitere Info und fragt auch nicht nach. Die Details interessieren ihn nicht so sehr. Wir machen das dann zusammen. Es reicht ihm, schweigend neben mir her zu laufen. Ja, im Moment stimmt das nicht ganz, weil er immer wieder nach mir haschen muss. Aber das ist kein Dialog, das ist „oh ich hab mich grad nicht im Griff weil ich zwei Jahre alt bin und an Energieüberschuss leide, sorry!“ In den Momenten zwischen dem Haschen ist er still und völlig zufrieden damit, sich die Welt anzuschauen oder seinen Gedanken nachzuhängen.
Er erwartet ein gewisses Grundmaß an Aufmerksamkeit von mir, falls er doch mal ne Frage hat („darf ich mir die Eichel da nehmen?“ oder „hast Du diesen interessanten Äppelhaufen gesehen?“) aber er muss nicht dauernd schnacken.
Nun kann ich mich wieder fragen, wie viel daran an meiner anderen Herangehensweise liegt. Aber die erste Begegnung mit Duncan, damals am Anhänger in Dänemark, lässt mich vermuten, dass es sein Naturell ist. Er ist der Typ Pferd, dem man sagen kann „lass mal traben“ und dann trabt er bis man was anderes sagt. Das wäre weder Merlin noch Finlay jemals in den Sinn gekommen. Aber wer sich auskennt, weiß: das wird in vielen Ausbildungssystemen gelehrt. Dass es manchen Pferden einfach nicht entspricht wird übersehen und schon hat man die ersten Probleme erschaffen, weil man etwas verlangt, was fürs eigene Pferd einfach von Natur aus keinen Sinn ergibt.

Ich habe wahnsinnig Glück gehabt mit dem Kauf von Duncan. Ich wäre zwar total bereit gewesen, etwas mit ihm zu tun, was IHM Spaß macht, was immer es sein mag, aber ich habe offensichtlich ein Pony erwischt, dass meine derzeitigen Wünsche teilt: Kutsche fahren und auf Distanzritt gehen. Das passt zu ihm, da muss man nicht viel reden. Das wäre über die vielen Stunden die man gemeinsam verbringt auch viel zu anstrengend. Wir werden wohl eher zusammen Dinge erleben, als uns zu unterhalten. Ob meine Dressur-Ambitionen bei ihm auf fruchtbaren Boden fallen, wage ich allerdings zu bezweifeln. Das was Merlin und ich so gern zusammen machen, an den Kleinigkeiten feilen, hier noch ein bisschen, da noch ein bisschen, das wird wohl mit Duncan eher nicht stattfinden, scheint mir. Und ja, die Züchterin hat mich gewarnt, denn auch Duncans Vater hat wenig Begeisterung dafür übrig. Sie hat mir erzählt, dass er das zwar kann und macht, aber eigentlich will er nur raus ins Gelände. Mein Glück, dass man viel Dressurarbeit auch im Gelände machen kann. Vielleicht wird bald viel Gras auf unserem Reitplatz wachsen….

Interessant ist für mich aber nun etwas anderes: Derzeit läuft eine Online-Pferdemesse auf der man sich viele Videos von Trainern aus der ganzen Welt anschauen kann. Und dort bin ich auf ein Video von einem amerikanischen Trainer gestoßen, der etwas Bodenarbeit zeigt und erklärt, wie er dem Pferd am Führseil schon die Idee der Zügelhilfen erklärt. Ich sah ihn arbeiten und stellte mal wieder fest, wie viele Methoden und Unterschiede es doch gibt. Und irgendwie machte es „klick“ bei mir und ich dachte „es liegt am Charakter“. Und zwar nicht am Charakter der Menschen, sondern an dem der Pferde. Und meine Bodenarbeit wie ich sie mache passt nicht zu Duncans Charakter. Denn meine Bodenarbeit ist sehr direkt. Ich schaue ihn viel an, wirke viel direkt auf ihn ein. Das passt zu den kommunikativen Typen wie Merlin und Finlay. Aber es passt nicht zu Duncan. Es ist Druck für ihn, mit dem er nicht umgehen kann.

Nebeneinander her gehen ohne groß zu schnacken. Für Merlin ergibt das keinen Sinn, Duncan liebt es.

Ich kenne das von mir selbst. Wenn ich mich mit jemandem unterhalte, kann ich das am besten wenn ich nebenbei eine Beschäftigung habe. Wenn wir spazieren gehen oder absammeln oder Äpfel pflücken, dann komme ich in ein gutes Gespräch. Auch beim Essen funktioniert das gut. Wenn ich aber auf einem Stuhl sitzen und mich nur unterhalten soll, habe ich Schwierigkeiten. Wo schaue ich hin? Was mache ich mit meinen Händen? Und warum sind Stühle eigentlich IMMER unbequem für mich? Das kann schon mal kompliziert werden. Dann kann ich kaum zuhören und bin nur am zappeln.
Ich glaube, Duncan geht es ähnlich. Wenn wir gemeinsam etwas tun, dann ist alles ok. Dann darf ich ihm sagen, was er tun soll. Aber bitte nicht so direkt. Das ist meinem Sensibelchen zu doll. Ja, in dieser Hinsicht ist er ein Sensibelchen.
Nun liegt es an mir, Wege zu finden, die ihm angenehmer sind. Die Auswahl ist groß. Und ich möchte mich immer wieder erinnern, dass ich es nicht zu seiner Aufgabe machen möchte, sein Naturell zu verleugnen und sich an mich anzupassen, sondern dass ich, weil ich die „Große“ in unserer Beziehung bin, mein Ausbildungssystem an mein Pony anpasse. Das mag viele Jahre in Anspruch nehmen, viel Ausprobieren, viel Frust. Aber Finlay hat mich gelehrt, dass Aufgeben keine Option ist. Er hat so lange an mir herumerzogen bis ich verstanden hatte. Jetzt muss ich es selbst tun, denn Duncan ist nicht der Typ, der mir direkten Widerstand bietet. Da war Finlay leichter zu lesen und zu verstehen: wenn ich mir den Sand aus den Augen wischen musste, den er mit seinen Hinterhufen gezielt ins Gesicht geworfen hatte, dann wusste ich: so nicht. Duncan ist da stiller, vielleicht höflicher, vor allem lieber. Ich werde ihn beobachten müssen um zu verstehen, was ihm gefällt und was nicht. Und in meinem Schülerkreis werde ich noch mehr variieren. Noch mehr versuchen, nicht nur das zu finden, was der Mensch gut umsetzen kann, sondern auch das, was zu diesem Pferd passt. Noch mehr im Auge behalten, welche kleinen Nuancen den großen Unterschied machen zwischen Wohlfühlen und unter Druck stehen.
Ja, Pferdeausbildung wird niemals einfacher. Je mehr ich darüber lerne, desto komplizierter wird sie – und das ist eins der vielen schönen Dinge daran.

Und weil ich Zitate-Fan bin, habe ich noch eins das gut dazu passt

„Auch das lauteste Getöse großer Ideale darf uns nicht verwirren und nicht hinden, den einen leisen Ton zu hören, auf den alles ankommt.“ (Werner Heisenberg)

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