Neulich bekam ich vielleicht die interessanteste Absage meines Lebens.
Eine Hufpflegekundin teilte mir mit, sie habe sich nun eine andere Hufpflegerin gesucht (so weit, so normal). Begründung: Ihr Pferd steht seit dem Stallwechsel ja so schlecht still (wir hatten Probleme, weil die Stute extrem unruhig war) und sie möchte mir das nicht mehr antun (danke!). Deswegen hat sie sich eine Hufpflegerin gesucht, der das nichts ausmacht.
Und das war der Moment wo ich stutzte. Also anstatt das Problem zu lösen – kurzfristig indem man z.B. einen Kumpel für das Pferd daneben stellt, weil sie nicht allein am Putzplatz stehen will, langfristig durch Training – sucht man sich jemanden, dem das nichts ausmacht.
Ich bin seit 26 Jahren Hufpflegerin. Als ich noch jung und ambitioniert war, war ich oft diejenige, die alles ausgehalten hat. Ich habe mir große Mühe gegeben, jedem noch so hampeligen Pferd die Hufe zu machen. Mein Rücken hat es mir komischerweise nicht gedankt. Aber noch schlimmer: kaum eine Kundin hat es mir je gedankt. Es wurde immer als selbstverständlich hingenommen, dass ICH das Problem löse. Irgendwie war es immer MEIN Problem, das hinzukriegen und ich war viel zu nett. Wenn ich dann doch mal verärgert war, war es oft das letzte Mal, dass ich gerufen wurde, dann wurde ich ersetzt (obwohl man mir vorher versichert hatte, dass man noch nie so zufrieden war und dass niemand anders das Pferd bearbeiten könnte).
Hier kann ich jetzt das Verhalten von der anderen Seite beobachten: die Kundin sucht sich eine Hufpflegerin, die jung und unverbraucht ist und noch glaubt, es sei IHR Problem. Und jetzt wo ich es von dieser Seite sehe, kann ich zwei Dinge sagen: 1. Das eigentliche Problem wird nicht gelöst werden. Die Besitzerin sieht nämlich keinen Anlass, selbst etwas zu tun, so lange jemand anders ihr Problem „löst“ (=ausbadet). 2. Die junge Kollegin wird sicher in einigen Jahren ähnlich dastehen wie ich, sich frustriert von all den Kundenpferden trennen, die nie das Stillstehen und Hufe geben lernen werden, weil es ihnen nie jemand beibringen wird.
Und obwohl ich das ja sogar anbieten würde zu üben, hat mich noch nie jemand dafür gebucht. Stillstehen und Hufe geben kann ja angeblich jedes Pferd (lang genug um einmal husch-husch die Hufe auszukratzen – wenn das Wetter und die Laune stimmt – aber halt leider nicht lang genug um sie professionell zu bearbeiten). Unterrichtsstunden zu bezahlen für so ein Thema ist extrem unsexy, man möchte doch viel lieber etwas Instagram-taugliches üben oder zumindest etwas worauf man im Stall nicht unangenehm angesprochen wird.
Vielleicht haben Pferdebesitzerinnen heutzutage auch keine Vorstellung mehr davon, wie ein Pferd mit guter Grunderziehung sich eigentlich benimmt. Und davon, wie man das erreicht. Aber vor allem gewinne ich mehr und mehr den Eindruck, dass viele gar nicht wissen, wie viel leichter und angenehmer das Leben für ALLE Beteiligten wird, wenn das Pferd weiß, was zu tun ist und Lust hat, es richtig zu machen. Das ist paradox, denn der Markt ist voller Trainer aller möglichen Methoden, trotzdem wirkt es in meiner Freizeitreiter-Blase so, als würden die Pferde immer weniger können, immer weniger bewegt und immer weniger gefordert. Die Konsequenzen tragen letztlich die Pferde, die ständig angemault werden, weil sie nicht tun was sie sollen und gleichzeitig immer dicker und immer kränker werden. Und all die Profis, die an diesen Pferden arbeiten sollen und ihre Gesundheit und Sicherheit dafür aufs Spiel setzen.
Ich liebe meine beiden Jobs, die Hufpflege und das Unterrichten. Aber ich werde mir gestatten, gerade bei der Hufpflege noch mehr auf mich zu achten, ganz besonders nach dieser Absage, die mir endlich ganz klar aufgezeigt hat, wo das Problem liegt. (Nämlich da wo es eigentlich immer liegt: bei der Pferdebesitzerin….) Die Erfahrung hat mich nun endgültig gelernt, dass Pferde, die beim 2. Und 3. Termin nicht still stehen können, das niemals können werden, weil sich niemand darum kümmert.
Ich wünsche meiner jungen Kollegin, dass sie das früher merkt als ich. Wenn kein Hufbearbeiter mehr kommt, weil das Pferd nicht steht, wird die Pferdebesitzerin vielleicht merken, dass SIE es ist, die das Problem lösen muss. Und dass sie dafür eine breite Auswahl an Ausbilderinnen und Methoden findet, wenn sie nur möchte. Und ja: das kann viel Arbeit sein. Arbeit, die dann endlich die Person macht, die sie machen sollte.
Hä?! Ist stillstehen und Hufe geben nicht eine der ersten Sachen, die ein Fohlen lernt?
Hätte ich eins, würd ich dem Kindchen noch beibringen, dass man Leute nicht umrennen darf.
Dann wie „am Halfter gehen“ geht und dass man den Kopf nicht hoch reißt, wenn der Mensch es einem anziehen will.
Anhänger fahren kommt dann in der ungefähr vierten Stunde dran.
Ma ehrlich, das sind doch alles Zivilisationstechniken und -Kenntnisse, die das domestizierte Pferd vom Wildpferd unterscheiden – oder etwa nicht?
Also ich wunder mich.
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