Gestürzt

In all den Jahren, die Duncan und ich zusammen sind, hat er mich nie verletzt. Bis er neulich im vollen Galopp durchgegangen ist und selbst in der Kurve den Halt verlor, so dass wir uns beide am Boden wieder fanden. Er war sofort wieder hoch und kam mit einer Schürfwunde davon, während ich mit Kopf und Daumen gebremst habe. Eine Beule (danke an meinen Helm, sonst hätte mein Kopf wohl anders ausgesehen!) und einen verstauchten Daumen später wird es Zeit, nochmal nachzudenken, was da passiert ist und warum.

Unfälle passieren, das ist ja oft die Ausrede derer, die nicht so viel von Sicherheitsmaßnahmen halten. Ein Restrisiko bleibt, egal wie sehr wir uns absichern. Und ein Pferd bleibt eben immer ein Pferd. Als ich angefangen habe, Duncan zu reiten, habe ich nicht nur meinen Helm, sondern auch meine Schutzweste im Gelände immer an. Wo ziehe ich die Grenze? Zum Beispiel bei einer Airbag-Weste. Aus praktischen Gründen möchte ich mit so einer Weste nicht reiten, denn ich würde garantiert beim ständigen Auf- und Absteigen im Gelände auch ständig vergessen, die Sicherung dran oder abzumachen. Während der Helm bei unserem Sturz meinen Kopf gerettet hat, hätte es für meinen Daumen keine Schutzkleidung gegeben. Irgendwo ist man immer verletzlich.

Eine andere Sicherheitsmaßnahme wird jetzt aber wieder Einzug halten bei uns: ich werde vorerst mit Duncan nur noch mit Gebiss ins Gelände gehen. Der allergrößte Sicherheitsfaktor im Umgang mit dem Pferd ist aber immer die Ausbildung von Pferd und Mensch. Meine Pferde sollen bitte fit genug sein, um viele meiner Fehler ausbügeln zu können, aber ich muss auch fit genug sein um möglichst wenige Fehler zu machen und um meinen Pferden im Zweifel helfen zu können. So dass ein Unfall erst dann passiert, wenn mehrere Fehler auf beiden Seiten passiert sind und somit sehr unwahrscheinlich wird.

Der Unfall, den wir hatten, war eigentlich ein Klassiker mit einer kleinen Besonderheit.  Der Klassiker war: ich habe viele Voranzeichen nicht beachtet. Die Besonderheit war, dass ich mal wieder ein neues Pony habe. Der Duncan, den ich letzten Winter hatte, ist einem neuen Duncan gewichen und das hätte ich zwar vorher schon merken können, aber ich habe es nicht realisiert. Der „neue“ Duncan ist kräftiger und geht mit überschüssiger Energie anders um als der „alte“. Es so wie Elsa zu mir sagte: lern dein Pferd kennen, und wenn du ein junges Pferd hast, dann lernst du es 17 mal neu kennen…..

Der „neue“ Duncan hat plötzlich die Angewohnheit, sich vor Dingen angeblich zu fürchten, die er kennt und die harmlos sind. Was mir nicht klar war: dem „neuen“ Duncan hilft es nicht, zwei Stunden flotten Schritt zu gehen, um seinen Übermut los zu werden. Letztes Jahr war das die beste Methode um wieder Ruhe ins Pony zu bringen. Diesen Winter scheint es eine sehr geeignete Methode zu sein, um ihn wütend zu machen. Ich hätte es ahnen können, aber ich hab es halt nicht geschnallt. Ich hab auch nicht geschnallt, dass da was anders ist als sonst, als er plötzlich auf dem Heimweg beschleunigt hat. Für viele Pferde ist das ja normal, aber für Duncan so gar nicht. Als der dann, als wir zu Fuß unterwegs waren, neben mir einen kleinen Hüpfer machte, hätte ich eine neue Chance gehabt, zu ahnen, dass etwas anders ist als sonst. Und das Gefühl, dass er mir an der Rinderkoppel gab, hat mich zwar absteigen lassen, aber ich war mir sicher, danach wieder aufsteigen zu können.

Außerdem war ich mir ja immer sicher, dass er niemals durchgehen wird, wenn Diego vor ihm herläuft. Ihr seht: da habe ich mich in vielen Punkten getäuscht. Ich habe Annahmen getroffen, anstatt hinzuschauen und die Realität zu sehen.

Dann kam noch ein weiterer Faktor dazu: die Angst. Ich habe immer geglaubt, ich reite besser OHNE Angst. Stellt sich raus, dass das so nicht ganz stimmt. Ein bisschen Sorge hätte dazu geführt, dass ich nicht wieder aufgestiegen wäre. Und obwohl ich nicht sicher weiß, ob ich Duncan vom Boden aus hätte halten können, wäre er doch dann zumindest ohne mich gestürzt, was mir einiges erspart hätte. Ein bisschen MEHR Angst hätte mir also ganz gut getan! Anscheinend werde ich ohne Angst sofort unvorsichtig, das wusste ich auch nicht.

Viele Faktoren haben also dazu geführt, dass es so gekommen ist, wie es dann gekommen ist. Interessant finde ich die Reaktionen um mich herum. Die einen meinen, dass ein 6,5 jähriges Pferd mal durchgeht ist ganz normal. Die anderen finden es sehr beunruhigend, dass sogar ein so entspanntes Modell wie mein Duncan durchgeht, schließlich ist er kein Araber! Was viele aus eigener Erfahrung kennen ist das Kopfkino, das man danach oft hat.

Auch Lösungsansätze sind unterschiedlich. Eine Freundin meinte nur ganz trocken „viele Distanzreiter stellen ihre Pferde über Winter ja einfach auf die Koppel und machen gar nichts mit ihnen, die wissen wohl schon, warum….“. Aber von der Highlandpony-Reiterin aus England weiß ich, dass sie regelmäßig reiten muss, weil ihre Angst sonst so überhandnimmt, dass sie auf ihr (noch deutlich energischeres) Pony nicht mehr aufsteigen würde.  Meine Freundin verspricht mir, mich an sein Verhalten zu erinnern, wenn ich auf einem längeren Ritt meine, er wäre müde. Wenn es nach ihr ginge, würden wir jetzt einfach jeden Tag 15 km reiten, dann wäre mein Ritter auch zufrieden. Leider hat man ja im Leben auch noch andere Dinge zu tun als auszureiten….

Ich hingegen denke vom Verstand her, dass ich jetzt ebenso gut allein ausreiten gehen könnte, da sich ja gezeigt hat, dass die Anwesenheit eines anderen Pferdes ihn nicht am durchgehen hindert. Aber das ist natürlich nur eine Schlussfolgerung, die der Verstand zieht, das Gefühl geht da nicht mit. Und jetzt überlege ich, wie ich das Kribbeln aus meinem Pony kriege ohne Gefahr für Leib und Leben.

Andererseits denke ich an die 44km Distanzritt, die ich reiten möchte. Und ich weiß: Finlay hätte das nicht so einfach gekonnt. Duncan kann das ziemlich sicher einfach so abliefern. Er hat eben diese Energie und den Willen ins Weite. Er möchte laufen, laufen, laufen und hat Freude daran, Kilometer zu machen. Das eine kann man vielleicht nicht ohne das andere kriegen. Trotzdem hoffe ich, dass der ganz große Übermut sich verwächst und ich eine passende Strategie finde. Denn noch ist der Winter nicht vorbei, bis die Pferde von selbst wieder ruhiger werden, geht noch Zeit ins Land. Und nach dem Sommer kommt ja auch wieder ein Winter, der überstanden werden will.

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