Wut

Eins meiner Lieblings-Profile auf Facebook ist „Follow the Rabbit“. Es ist das Profil einer Distanzreiterin mit einem Highlandpony. Sie berichtet dort sehr regelmäßig von all ihren Ritten aber auch von Training und Alltag. Manchmal macht es mir Angst, das zu lesen, besonders im Winter….. denn „Rabbit“, ihre mittlerweile 18jährige Highlandponystute, ist extrem gut trainiert (bis zu 80km in Eintagesritten und 100km an zwei Tagen finde ich schon sehr, sehr beeindruckend). Und ein trainiertes Highlandpony ist vor allem eins: stark. Und lauffreudig. Und diese Stute ist auch geneigt, mal richtig loszulegen, wenn sie Energieüberschuss hat – und nach der Beschreibung würde ich sagen, sie legt sehr viel mehr los als mein kleiner Duncan, der im Grunde ja doch freundlicherweise davon zu überzeugen ist, nochmal kurz hinzuhören.

Direkt nach meinem Ausritt am Freitag (Duncan berichtete darüber) schrieb diese Reiterin von einem Ritt, der wohl so war wie meiner (oder schlimmer). Ich kommentierte, wie es mir ergangen war und dass meine Wut mir geholfen hat, weiterzureiten ansatt in Angst zu versinken. Und da schreibt mir doch irgendsoeine oberschlaue (hier beliebiges Schimpfwort einfügen) drunter „man sollte mit einem Pferd niemals wütend werden“.

Ah. Danke. Ich hab mich kurz geärgert und dann gedacht: Blog-Artikel! Wie nett von ihr, mir ein Thema zu spendieren. In diesem Fall trifft mich der Kommentar nicht persönlich, denn ich empfinde meine Wut nach wie vor als völlig gerechtfertigt. Duncan hatte einfach keine Lust, mir zuzuhören. Er hatte keine Schmerzen, keine Angst, kein sonstiges Problem und er wusste, was er tun sollte. Er hatte seinen Dickkopf und ja, man hätte das auch ohne Wut so reiten können (und ich hätte ohne Wut technisch gesehen nichts anders gemacht) aber mir hat die Wut geholfen, denn ohne die Wut hätte die Angst mich vielleicht überwältigt. Und dann kommt da eine mir völlig fremde Person auf einem Profil das ihr nicht gehört und meint, mich belehren zu müssen.

Schlimmer finde ich daran den Gedanken, was das mit mir machen würde, wenn ich mich tatsächlich verunsichern ließe. Was, wenn ich ihr das glauben würde? „Man sollte nie wütend werden mit einem Pferd“. Ja, grundsätzlich ist das richtig. Checken, warum das Pferd sich so verhält (oft genug aus einem echten Problem heraus) sollte immer an erster Stelle stehen. Aber wenn ich sicher bin, dass da kein Problem ist, dann darf ich auch mal meckern. Gerade so ein pubertierendes Pony sucht ja auch Grenzen. Und wenn ich dabei wütend bin, dann finde ich das authentisch. Wenn diese Wut dann bewirkt, dass ich mit körperlichen Strafen auf mein Pony losgehe, dann ist das natürlich nicht ok. Wenn mir aber jemand sagt „niemals wütend sein“ dann ist derjenige entweder selbst ein Zen-Mönch oder eine Art Übermensch (herzlichen Glückwunsch). Oder aber – und das kommt mir sehr viel wahrscheinlicher vor – dieser Mensch genügt seinen eigenen Ansprüchen selbst nicht bzw ist nicht ganz ehrlich mit sich selbst. Könnte ja sein…. Vielleicht hat diese Person auch eine andere Definition von „Wut“ und setzt das Gefühl gleich mit aggressivem Verhalten. Dann empfehle ich etwas Fortbildung zum Thema Emotionen.

Ich habe schon das eine oder andere Mal geschrieben, wie blöd ich es finde, dass gefühlt alles in der Pferdewelt von irgendwem verboten wird. Bisher habe ich mich da vor allem auf Reitweisen bezogen aber ich merke gerade, dass das ja auch in allen anderen Bereichen gilt. Zum Beispiel eben hier: niemals wütend werden. Und wenn ich jetzt mit diesem Anspruch zum Pferd gehe, habe ich ein Problem. Denn die Wut, die kommt irgendwann. Jeder Mensch hat seine eigene Schwelle, aber ich kenne niemanden, der noch nie wütend auf das eigene Pferd war. (Klar, auf Instagram sind viele solcher Menschen – haha) Und wenn ich dann nicht wütend sein DARF, was mache ich denn dann mit dieser Wut?

Anstatt nie wütend zu werden, sollten wir uns lieber überlegen, was wir tun, wenn wir wütend sind. Ich kann mein Pony herzhaft anbrüllen (was meinem Pony ziemlich egal ist, manch anderen nicht, das muss man rausfinden), aber ich darf nicht draufhauen wie eine Irre. Ich kann am Zügel ziehen wenn er rennt, aber ich muss auch wieder nachgeben können. Ich kann schimpfen wie ein Rohrspatz, aber ich muss ihn auch wieder loben können wenn er sich dann zusammenreißt und bemüht. Ich lobe ihn und ich gebe nach OBWOHL und WÄHREND ich wütend bin. Das muss ich können, nützt nix, denn mein Pony braucht die Rückmeldung, wann sein Verhalten erwünscht ist, auch wenn mir dabei Qualm aus den Ohren steigt.

Auch wenn ich wütend bin, muss ich die Bedürfnisse meines Ponys im Blick behalten. Heißt aber nicht, dass ich nicht wütend bin!

Außerdem lebe ich von vornherein authentisch mit meinen Ponys. Ich tue nicht so, als hätte ich keine Angst. Ich tue nicht so, als wüsste ich alles. Ich tue nicht so, als wäre ich nie wütend. Die wissen das doch eh. Das Lesen unserer Körpersprache ist doch DIE Fähigkeit unserer Pferde. Warum soll ich also so tun als ob? Das macht mich doch unglaubwürdig. Und Pferde tun das ja auch nicht. Sie kommunzieren: ich hab Angst, aber ich tu das jetzt trotzdem. Ich hab darauf keine Lust, ich tu das nur für einen Keks. Oder Duncan am Freitag: ich will schneller und ich bin nur deinetwegen überhaupt noch im Trab. Und wenn sie mal wütend aufeinander sind, dann streiten sie sich – durchaus auch körperlich. Ein gut sozialisiertes Pferd wird sein Gegenüber dabei aber nicht verletzen. Da wird mal gebissen, das gibt einen blauen Fleck, oder mal getreten, aber eben nicht in Verletzungsabsicht. Hauptsächlich wird gedroht, mit gebleckten Zähnen aufeinander zu gerannt, der Hintern hingedreht oder ähnliches. Auch geschrieen wird da durchaus mal, gerade bei Hengsten und Stuten. Wenn man dann das akute Problem gelöst hat, geht man sich kurz aus dem Weg und nachher geht´s wieder. Das ist doch völlig normal und gar kein Problem.

Unter der Wut braucht es eben eine stabile, gute Beziehung. Wenn wir eine gute Beziehung haben, dann hält die auch mal was aus. Die hält mal aus, dass einer wütend ist, ehrlich. Ein selbstbewusstes Pferd kann das ertragen und gibt im Zweifel auch kontra. Ein weniger selbstbewusstes kann es auch ertragen, wird vielleicht kurz verschreckt sein und einen Moment brauchen um sich zu beruhigen (dann muss ich meine Wut gut genug im Griff haben um in der Zeit ruhig zu sein und zu atmen WÄHREND ich wütend bin). Ausnahmen sind hier die traumatisierten Pferde (von denen es natürlich leider viel zu viele gibt). Ok, bei denen werde ich aber auch selten wütend (denn die haben für blödes Verhalten ja gute Gründe und ich bin da um zu helfen), und wenn dann muss ich meine Wut eben angemessen ausdrücken oder einfach weggehen. Wenn ich weiß, dass ich sonst vielleicht etwas tue, was ich hinterher bereue, ist weggehen die bessere Option. Aber auch umgekehrt kann es sein: Mein Finlay hat – besonders in der Pubertät – sich öfter mal einen Sport daraus gemacht, mich wütend zu machen. Er hat es geliebt, einen Streit vom Zaun zu brechen und war danach ganz zufrieden und glücklich. Das hat sich zum Glück verwachsen…

Wut kann auch etwas gutes sein. In meinem Fall wäre ich ohne Wut vielleicht abgestiegen oder nur Schritt geritten. Durch meinen Ärger war ich wild entschlossen, dass mein Pony jetzt arbeiten und laufen soll. Andererseits hat mir auch geholfen, dass meine Mitreiterinnen angefangen haben, zu singen. Sie hatten auf Tiktok dieses herrliche Video gefunden und so waren wir bald alle am singen und ich hatte Zeit in meinem Kopf einen besseren Reim zu suchen, was mich gut abgelenkt hat von Angst und Wut. Gleichzeitig finde ich singen oder reimen immer so praktisch, weil es einen Rhythmus vorgibt, den man dann reiten kann.

Probier´s mal mit Gemütlichkeit
mit Ruhe und Gemütlichkeit
und schalt doch einfach einen Gang zurück
denn wenn Du einfach weiterrennst
und nichtmal mehr die Hilfen kennst
dann hast du bei den Keksen auch kein Glück

(Und das ist, wie wir alle wissen, für Duncan die Höchststrafe)

Wenn sich 2 Pferde (oder auch Hunde) in einer Gruppe streiten, geht manchmal ein rangniedriges Tier dazwischen und macht ein bisschen Clownerei, um die Situation zu entschärfen. In einem Video habe ich dieses Verhalten neulich sogar bei Katzen gesehen. Finlay hat es öfter mal gezeigt, wenn es in unserer Herde Streit gab und auch bei Caruso habe ich es schon beobachtet. Einen kleinen Clown in der Gruppe zu haben, kann helfen, Wut abzumildern und Situationen zu entschärfen. Dieses Verhalten können wir uns abschauen und auch bei uns selbst anwenden, wenn wir noch genug Humor in uns tragen, um das zu schaffen. Meine Freundin tut mir diesen Gefallen gelegentlich und auch ich habe das schon für sie getan. Jetzt haben wir also ein neues Lied und ich hoffe einfach, dass es nicht so viele Gelegenheiten gibt, es zu singen. Denn ganz ehrlich: Wut ist ok, aber kein schönes Gefühl. Viel schöner ist doch dieses Gefühl, wenn das Pony einen so anplinkert und einfach nur süß und liebenswert ist. Dann fühle ich auch ganz viel – und freue mich, dass ich alle Emotionen in ihrer Fülle erleben kann und keine davon unterdrücken muss. Und übrigens achte ich auch dann darauf, meine Liebe angemessen und pferdegerecht auszudrücken, genau wie meine Wut.

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  1. Avatar von Vorgärtnerin

1 Comment

  1. Ich könnte mir vorstellen, dass das Problem solcher Menschen tiefer liegt.
    Wenn sie in ihrer Kindheit erlebt haben, dass Wut = Abbruch aller Beziehungen, (Stubenarrest, Liebesentzug, Papa war danach weg…), dann vermeiden sie um jeden Preis, dass es zu solchen Emotionen kommt. Es hat vielleicht gar nichts mit ihnen zu tun gehabt, aber sie haben verinnerlicht, dass Wut ganzganz schlimm ist.
    Aus solchen Kindern werden Erwachsene ohne belastbare Streitkultur.

    Oder aber, Variante zwei, sie sehen mit verklärtem Blick auf die Welt und Tiere (und ebenso kleine Kinder) als unfehlbare Wesen.
    Dann ist es klar: der Fehler liegt immer bei dir, und deine Wut ist unberechtigt, und an deinem Gegenüber darfst du sie auf gar keinen Fall auslassen.

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