Ehrgeiz

Derzeit schlagen die Wellen in Social media wieder hoch. Auf der Messe, die neuerdings „Passion Pferd“ heißt, gab es eine Podiumsdiskussion, die anscheinend etwas …. sagen wir „merkwürdig“ war.

Die Profi-Sportreiterfraktion scheint sich dort (mal wieder) nicht mit Ruhm bekleckert zu haben, was die Ansichten über das Pferdewohl angeht. Hier soll es aber nicht um diese Podiumsdiskussion gehen (die wir anscheinend eh alle nicht mehr zu Gesicht bekommen werden, weil sie von clipmyhorse gelöscht wurde. Mein Eindruck ist, man bekommt doch langsam Angst vor den „bösen“ Freizeitreitern und das ist in meinen Augen auch gut so…..)

Worum geht es mir wenn ich das höre? Um den Ehrgeiz. Ich bin eine recht ehrgeizlose Person und kann mir nicht vorstellen, mein ganzes Leben danach zu richten, eine Weltmeisterschaft zu gewinnen oder zu Olympia zu fahren. Lass mal. Und trotzdem: als ich an Diegos Bein im Sommer eine leichte Schwellung fühlte, habe ich den geplanten Ausritt NICHT abgesagt. Warum? Weil niemand außer mir diese Schwellung gefühlt hat (bilde ich mir bestimmt nur ein) und weil er keinerlei Schmerzen angezeigt hat. Ich dachte also, dass dieser schon lange geplante und schon zweimal verschobene Ausritt jetzt endlich stattfinden kann. Am Ende des Rittes hat Diego dann gelahmt und wenn ich gekonnt hätte, hätte ich mich selbst in den Allerwertesten gebissen.

Und das war noch nicht mal Ehrgeiz, denn zu gewinnen gab es ja nix. Es war eigentlich so eine Art Bequemlichkeit: nicht nochmal umplanen. Nicht nochmal unserer Mitreiterin absagen. Den extra freigenommenen Tag jetzt auch wirklich dafür nutzen. Tja, schade wenn man doof ist.

Aber ich möchte sagen, ich habe daraus etwas gelernt und das bezieht sich auf diese Podiumsdiskussion. Da sitzen die ehrgeizigen Sportreiter. Die wollen gewinnen (wogegen zunächst nichts einzuwenden ist). Die arbeiten hart und diszipliniert dafür. Die haben Sponsoren im Nacken, die natürlich wollen, dass das Pferd startet und möglichst gewinnt. Viel, viel Geld ist im Spiel. Und so sehr ich es verabscheue, kann ich verstehen, dass der eine oder andere denkt „ich hab so viel geopfert, jetzt kann dieses Pferd sich doch kurz zusammenreißen und das machen“. Und das Pferd macht, weil (diese) Pferde nunmal so sind (die, die das nicht machen, kommen nicht in den großen Sport). Alle anderen Reiter in dieser Riege tun das gleiche. So normalisieren sich Dinge einfach, Menschen sind so. Wir glauben, wenn alles das machen ist es ok. Und dann den Schritt zurück zu treten und anzuerkennen, dass es wissenschaftliche Untersuchungen gibt, die ganz klar belegen, dass das NICHT ok ist, das ist schwer, wenn so viel daran hängt. Da gibt es psychologisch sehr interessante Phänomene, mein „Liebling“ ist die „sunken cost fallacy“. Wenn man schon viel investiert hat (Zeit, Geld, Arbeit), möchte man das nicht alles wegwerfen. Man ist dann bereit, so weiterzumachen und es sich schönzureden. Wie viel hat ein Spitzensportler bereits für sein Ziel geopfert? Im Zweifel sein ganzes Leben. Und jetzt soll man das einfach wegwerfen, „nur“ wegen eines Pferdes? Nein, das möchte so ein menschliches Gehirn nicht. So wie ich bei dem geplanten Ausritt, den ich nicht noch einmal absagen und verschieben wollte. Ich denke, fast niemand von uns ist frei davon.

Darum ist es in meinen Augen sinnlos, im großen Sport einzig und allein an das Gewissen der Reiter zu appellieren. Was wir ALLE brauchen, sind Regeln, denen wir uns unterwerfen, sobald es um Wettkampf geht (z.B. im Distanzssport die einfache Regel wie hoch der Puls sein darf und im FN-Turniersport die einfache Regel wie fest der Nasenriemen sein darf). Und im privaten Bereich denke ich, wir brauchen ALLE Kontrollinstanzen in Form von kompetenten Personen, denen wir das Recht einräumen, uns zu stoppen, wenn wir übertreiben.

Eine Teilnehmerin der Transgermania (ich hatte hier etwas darüber geschrieben) schreibt auf ihrem Blog „Distanzfahren mit Dara“ folgendes dazu: Also- was macht ethisch korrektes fahren/reiten aus? Für mich- rückblickend vom Sofa zu Hause- das Pferd/Pony extrem gut beobachten und minimalste Veränderungen sehen und interpretieren. Meiner Meinung nach, wenn die Tierärzte etwas entdecken dann habe ich als Verantwortliche meist vorher schon etwas übersehen (ausser bei einer akuten Lahmheit wegen auf den Stein getreten oder akuter Unfall oder so). Das ist das Eine. Das andere aber ist denke ich der Faktor Mensch und Wettkampf. Wie schaffe ich es, nicht ins „Wettkampffieber“ zu kommen und damit Warnzeichen evt zu übersehen? Mir hat meine Trosserin und meine Mitreiter/Fahrer geholfen, immer wieder zu überlegen ob alles gut ist oder doch besser für den Tag beendet werden sollte. Niemals meinen persönlichen Ehrgeiz vor das Pferdewohl stellen. An Grenzen- aber nicht drüber gehen. Ich zumindest werde da sicherlich noch sehr lange und sehr viel weiter drüber nachdenken.

Die Rücksprache mit Gleichgesinnten – und zwar nicht solchen, die um jeden Preis gewinnen wollen, sondern denen, die sich ebenfalls um das Wohl ihrer Pferde Gedanken machen und die genauso hinschauen wie man selbst – kann uns helfen, unseren eigenen moralischen Kompass nicht im Eifer des Gefechts zu verlieren.

Was im großen Sport passieren muss, damit das Pferdewohl beachtet wird, weiß ich nicht. Ich persönlich finde, mit Tieren und Kindern darf es niemals um so viel Geld gehen. Aber das ist nur meine Meinung und nur ein kleiner Teil der Lösung. Es bräuchte sicher dringend ein ganz klares Regelwerk, das dann auch ganz klar eingehalten wird. Menschen, die die Macht bekommen, Reiter abzuklingeln und rauszuwinken und die nicht befürchten müssen, dafür in irgendeiner Form bestraft zu werden. Das wäre sicher das Mindestmaß und noch nicht mal das ist im großen Sport derzeit gegeben. Daher bleibt in meinen Augen für mich zweierlei zu tun: weiterhin den großen Sport komplett boykottieren, der FN so wenig Geld zu geben wie möglich (an ein, zwei Stellen kann ich es nicht ganz vermeiden) und gleichzeitig bei mir selbst vor der Haustür zu fegen, immer wieder und immer wieder. Meine Freunde, Lehrer und auch meine Schüler zu ermuntern, mir zu sagen wenn etwas nicht ok ist. Mich selbst zu hinterfragen und zu beobachten wo ich mein Pferd fordern darf und es ihm gut tut und wo es zu viel war. Das wird passieren (und ist auch schon passiert) und es ist nicht schlimm, wenn das ab und zu so ist. Wenn wir eine gute Beziehung haben, mein Pferd und ich, dann wird es mir so etwas verzeihen können. Mein Job ist, es zu merken und anzuerkennen und beim nächsten Mal besser zu reagieren.

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