Spieglein Spieglein

Ich war mit meiner Schülerin ein zweites Mal im Dorf um Autos zu üben. Diesmal war ich besser gewappnet und nicht bereit, die Autos im 20cm Abstand am Pferd vorbei sausen zu lassen. Ich hatte also meine Warnweste an und habe meinen üblichen Trick angewandt: das Pferd geht auf dem Bürgersteig (jaja, verboten, ich weiß) und ich gehe auf der Straße – ja, auch verboten, ganz bestimmt. Aber das ist mir echt egal, wenn es für uns alle sicherer ist. Und das ist es, denn die Erfahrung zeigt, dass die Autos für einen Menschen sehr viel eher bremsen und Abstand halten als für ein Pferd (und auch für einen Menschen auf einem Pferd, weil der irgendwie kein Mensch mehr zu sein scheint). Ich sorge dann für viel Platz zwischen mir und dem Pferd, so dass ich nicht von einem kleinen Satz direkt vors Auto geschubst werde. Ok, trotzdem hält niemand 1,5m Abstand, aber immerhin fahren die Autos doch langsamer und die Fahrer*innen passen besser auf (Achtung böses Gendersternchen!). Das Bild in meinem Kopf ist: ich beschütze die anderen Verkehrsteilnehmer vor dem Pferd. Dieses Bild macht eine bessere Ausstrahlung als „halt gefälligst Abstand du (hier beliebiges Schimpfwort einfügen)“. Und ich mache Platz, wo immer sich eine Möglichkeit bietet, aber eben auch nur da.

Ich habe gut zu tun, denn das Pony das ich am Strick habe, möchte irgendwo hin glotzen, neben mir ist Autoverkehr und dann kommt noch eine Brücke, zwei Gullideckel, ein Trecker und zwei Aldi-LKW. Das Pony ist artig, aber eben nur, weil ich ihn manage, seine Aufmerksamkeit immer wieder umlenke, damit er ALLES wahrnimmt und nicht nur das, woran er sich festglotzt. Nebenbei plane ich noch unseren Weg voraus: hier können wir dem Trecker ausweichen, hier können wir einmal abbiegen und Pause machen, hier müssen wir Gullis und die Brücke üben, sobald mal kein Auto mehr kommt. Es läuft gut, die Besitzerin ist selig.

Tags darauf schickt sie mir eine Nachricht, dass es bei ihr wieder nicht geklappt hat, das Pony hatte beim Ausreiten einen kleinen Ausraster wegen EINES Autos (im Dorf ist sie alleine nicht unterwegs). Stellt sich raus: sie hatte den Eindruck gewonnen, ihr Pony hätte gar kein Problem, sondern nur sie selbst. Weil ich so gelassen und entspannt gewirkt habe, meinte sie nun, wenn sie selbst entspannt bleibt, ist ihr Pony völlig unproblematisch.

Äh…. nein.

Ich erzähle Arnulf davon und plötzlich fällt mir auf: Das ist ja eine prima Geschäfts-Masche. Wenn ich den Leuten also erzähle, es läge ja nur an ihnen, dann kann ich die Menschen coachen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag und ihnen immer die Schuld dafür geben, dass es nicht besser wird, anstatt Arbeit in die Ausbildung des Pferdes zu stecken. Wenn ich den Menschen nicht verrate, wie ich das hingekriegt habe, kann ich mich selbst als „Guru“ hinstellen und behaupten, es läge an meiner Atemtechnik und inneren Einstellung. Das hat dann einen schönen Hauch von geheimnisvoll und ist gut für mein Image.

Abends möchte ich mir ein Webinar anschauen. Und plötzlich kommt direkt am Anfang schon dieser Satz „die Pferde spiegeln euch“ (jein) „und wenn ihr selbst gelassen und entspannt seid, wird euer Pferd euch auch vertrauen und überall hin folgen“. Ich klappe den Laptop zu – nein danke. Unsere Herde hier zu hause hat mich diesbezüglich eines Besseren belehrt. Pferde sind Individuen mit einer eigenen Persönlichkeit und eigener Lebenserfahrung. Im Gegensatz zu einem handelsüblichen Spiegel haben sie außerdem das dringende Bedürfnis, zu überleben. Und sie legen ihr Leben nicht einfach in die Hände eines anderen Lebewesens und sagen „passt schon“. Ich meine: wer tut sowas? Selbst wir Menschen tun das unter den extrem kontrollierten Bedingungen einer modernen OP nur sehr ungern. Warum sollte ein Beutetier so etwas tun? Und genau das ist auch meine Beobachtung hier in unserer Herde. Egal, wie gelassen Diego reagiert, die anderen regen sich gelegentlich trotzdem auf. Ja, er gibt Halt und Sicherheit, aber er entscheidet nicht allein, ob etwas gefährlich ist. Gefahren werden von jedem einzelnen Individuum unterschiedlich eingeschätzt, so ist das nunmal. Und vielleicht können wir aufhören, unsere Pferde als seelenlose Spiegel unserer selbst zu sehen, das ist ein dermaßen egozentrisches Weltbild, da graut mir. Wenn ich nur perfekt reite, perfekt sitze, perfekt atme, dann ist mein Pferd auch gleich perfekt.

Ich bleibe dabei: ich bilde lieber die Pferde so gut und solide aus, dass der Mensch nicht perfekt sein muss, denn das wird er – genau wie das Pferd – nie sein. Und ich bilde den Menschen so aus, dass er sein Pferd lesen und verstehen kann, um es dann hilfreich unterstützen zu können. Im Idealfall gelingt es mir, den Menschen so auszubilden, dass der sein Pferd selbst ausbilden kann. Ich wünsche mir einen Menschen, der sein Pferd so sehen kann wie es gerade ist, anstatt jede Regung des Pferdes auf sich selbst zu beziehen. Klar: je gelassener und angstfreier dieser Mensch ist, desto besser wird alles gelingen. Und ein sehr ängstlicher Mensch kann natürlich keine Entscheidungen mehr treffen und keine Führung übernehmen. Also ja, lasst euch coachen, therapieren oder sonstwie unterstützen. Aber lasst euch nicht erzählen, dass das ein angemessener Ersatz für die Ausbildung eures Pferdes ist und dass alles gut sein wird sobald ihr perfekt seid (das wäre ja dann nie). Man kann auch in Situationen, die einem etwas (nicht zu viel) Angst einflößen, noch Verantwortung übernehmen und handlungsfähig bleiben. Auch unter Stress kann man noch den Weg planen, die Umwelt im Blick behalten, klare Signale geben und Prioritäten setzen. Ich bin selten wirklich so gelassen wie ich aussehe, und es hilft mir und meinem Pferd, wenn ich dann ein bisschen so tue als ob. Mein Pferd wird nach und nach die Erfahrung machen, dass es Sinn macht, mit mir in Kommunikation zu bleiben, selbst wenn wir beide Angst haben. Dass ich gute Ideen habe um das Problem zu lösen und nicht so tue als gäbe es kein Problem. Und Gelegentlich wird der Mensch sich vor etwas fürchten, was das Pferd völlig harmlos findet. Vielleicht denkt das Pferd dann „naja, so ein Mensch ist eben auch nur ein Pferd“.

Wenn ihr unbedingt einen Spiegel haben wollt, dann fragt ihn was intelligentes, zum Beispiel „Spieglein Spieglein an der Wand, wie geht es dem Pferd an meiner Hand?“ Mit der Antwort kann man dann wenigstens was sinnvolles anfangen.

Join the Conversation

  1. Avatar von Unbekannt

1 Comment

  1. DANKE! Das war dringend nötig. Und deckt sich mit meinen Erfahrungen der
    letzten 50 Jahre: Nur weil ich nervös bin, ist mein Pferd es noch lange
    nicht. Und nur weil ich weiß, dass etwas harmlos ist, möchte mein Pony
    es trotzdem gern selber sehr aufgeregt schnorchend untersuchen. Oder
    auch nicht, sondern lieber gleich gehen.
    Meine alte Stute, die ich erst drei Jahre habe, die aber ein Goldschatz
    ist, weiß, dass meine Ohren zu klein sind und ich keine Nase habe. Sie
    parkt, guckt ins Gebüsch — dann atmet sie aus, sagt mir Bescheid, das
    sei nur ein Reh, kein Wolf, wir können weitergehen. Danke, Eilidh!
    Denn wir werden nicht perfekt. Wir arrangieren uns alle irgendwie mit
    unseren Pferden, auf diesem oder jenem Level an Selbstbewusstsein und
    Führungsqualität. Meistens funktioniert es ja.
    Danke für den Post!
    Nikola

    Like

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse eine Antwort zu Absender Antwort abbrechen