Distanzreiten

Distanzreiter sagen gern „jedes normal gerittene Pferd kann einen Einführungsritt laufen“. Auf der Seite des VDD ist das zum Glück etwas vorsichtiger formuliert, dort steht „Ein gesundes Pferd oder Pony, was regelmäßig 3-4 mal in der Woche gearbeitet wird, sollte einen Einführungsritt/Fahrt von 25-40 km schadlos überstehen.“ (Quelle)

Ein Blick in meinen Kundenkreis lässt da bei mir sofort die Frage aufkommen: was heißt „gearbeitet“? Denn viele meiner Schülerinnen machen viel Handarbeit, Bodenarbeit aller Art, reiten viel Schritt. Längere Zeit traben oder gar galoppieren tun viele gar nicht – aus verschiedenen Gründen. Und beim Ausreiten hapert es hier in Schleswig-Holstein häufig an geeigneten Wegen – wer längere Trab- oder gar Galoppstrecken vor der Haustür hat, kann sich glücklich schätzen. Hier bei uns im Gelände vor Ort ist das schon sehr schwierig, da müsste ich viel Asphalt traben (was ich mit Einlagen in den Hufschuhen durchaus machen würde) und dann hoffen, dass mir nicht allzu viele Autos/Fahrräder/Spaziergänger/Trecker entgegen kommen, so dass ich nicht dauernd durchparieren muss. Die Strecken die wir reiten und das Training das wir machen ist für uns nur möglich weil wir den Luxus eines Anhängers und Zugfahrzeugs haben und also in anderes Gelände fahren können.

Der Einführungsritt, den wir 2018 mit Finlay geritten sind, war jeweils mit T8 ausgeschrieben (8min pro km, also 7,5km/h). Was habe ich vorher gerechnet und mit Equilab die Gangarten getrackt: wie viel Trab müssen wir schaffen, damit wir innerhalb dieser Zeit bleiben? Mir erschien das schwierig. Geritten sind wir nachher tatsächlich deutlich flotter, wir waren mit Tempo 7 unterwegs (8,5km/h). Aber zum Anfang unseres Trainings konnte ich mir das kaum vorstellen, denn Finlay war im Schritt extrem langsam.

Duncan schafft im Schritt 5,5km/h (das wäre T11) und im Trab 11,5km/h (entspricht ca T5). Wenn ich über die damals ausgeschriebenen 28km in Tempo 8 reiten wollte, müsste ich also 14km traben (das dauert 70min) und 14km im Schritt reiten (dauert 154min), um in den vorgeschriebenen 224min ins Ziel zu kommen. Die beiden Einführungsritte, die ich mit Finlay geritten bin, waren jeweils ohne Pause ausgeschrieben, die Strecke wurde also an einem Stück geritten. Mit so einer Rechnung bin ich damals ins Training gestartet um zu wissen, was wir können müssen.

Der Ritt, bei dem ich jetzt geholfen habe, war mit T9 ausgeschrieben und hatte eine 40minütige Pause, das ist wesentlich gemütlicher.

Aber es geht auch noch um ganz andere Dinge auf so einem Ritt: das Pferd muss ja erstmal zum Veranstaltungsort kommen, also sich verladen lassen und entspannt fahren. Am Veranstaltungsort wird in der Regel keine Box zur Verfügung gestellt, sondern man baut sich selbst einen Paddock: das Pferd muss also zaunsicher sein und sollte sich nicht endlos aufregen über alles, was es dort zu sehen gibt. Dann stehen mindestens 2, im Falle einer Pause sogar 3 tierärztliche Untersuchungen an. Ins Maul fassen, das Auge anschauen, Hautfalte ziehen, abhören, Muskulatur abtasten, vortraben. Auf dem Ritt, bei dem ich geholfen habe, waren 3 oder 4 Pferde, die bei der dritten Untersuchung dieser Art sehr ungnädig waren. Ich war verwundert, dass ihnen zum einen trotzdem einen guten Gesamteindruck attestiert wurde und dass zum anderen nur eine Besitzerin kommentierte „das müssen wir wohl mal üben“. Ich hätte mir gewünscht, dass das Thema angesprochen wird und die Reiterinnen in die Pflicht genommen werden, herauszufinden, was das Problem ist. Hatten die Pferde zu viel Stress, waren sie zu müde oder war es einfach die wiederholte Konfrontation mit der Tierärztin? Wenn ein Pferd so deutliche Gegenwehr zeigt, darf das in meinen Augen nicht kommentarlos hingenommen werden – auch wenn für den Moment die Lösung darin besteht, dem Pferd zu sagen, dass das jetzt sein muss.

Neben diesen Dingen müssen die Pferde auch damit zurechtkommen, im Gelände anderen Pferden zu begegnen, überholt zu werden und selbst zu überholen. Sie müssen durch fremdes Gelände laufen in dem man nie weiß, ob hinter der nächsten Kurve eine Rinderweide, ein Matschloch oder gestapelte Heulage-Ballen mit flatternder Plane lauern. Das Wetter spielt dabei natürlich auch seine Rolle – ist es heiß und mückig, windig und regnerisch oder mild und sonnig?

Und als ob das nicht genug wäre, müssen die Pferde auch noch damit leben, dass ihr Mensch sicher eine gewisse Aufregung mitbringt und im Start/Ziel-Bereich eine etwas wuselige Grund-Atmosphäre herrscht.

Kurz und gut: es wäre wünschenswert, dass jedes Reitpferd die Grundkondition für einen Einführungsritt hat. Und diese Grundkondition rein körperlich herzustellen, ist auch nicht so ein großes Hexenwerk, erfordert aber etwas Planung, Zeit und Engagement. Aber all das Drumherum will geübt und überlebt werden. Und ich persönlich würde nicht wollen, dass mein Pferd alles auf einmal zum ersten mal wuppen muss. Ihr wisst schon: ich mag alles üben.

Ich hoffe ich habe Euch jetzt nicht abgeschreckt und Ihr seid noch dabei. Denn so ein Ziel vor Augen zu haben, kann ein wunderbarer Ansporn sein. Eine Liste an Dingen, die gehen müssen, ein Trainingsziel für die körperliche und mentale Fitness. Auch auf diesem Distanzritt ist mir wieder aufgefallen, wie freundlich die Atmosphäre ist. Niemand tritt mit großem Ehrgeiz an und alle sind sehr hilfsbereit untereinander. Ich erinnere mich noch an unseren allerersten Ritt, den wir bestritten haben ohne jemals vorher auf einem Distanzritt gewesen zu sein. Checkkarten, Vortraben, Trossen – wir hatten keine Ahnung von nix. Wir sind damals zur Meldestelle marschiert, haben gesagt „wir sind die die von nix ne Ahnung haben“ und wurden wunderbar durch den Ablauf des Rittes geleitet. Es gab wertvolle Tipps gratis und niemand hat uns belächelt oder von oben herab belehrt. Ich kann also jeden Freizeitreiter nur ermutigen, so ein Abenteuer mal in Angriff zu nehmen. Mit Finlay habe ich damals im Januar 2018 den Entschluss gefasst, das wagen zu wollen und bin im September auf den Ritt gegangen. Das ganze Jahr hatte ich diese Vision vor Augen und ich kann euch sagen: oft bin ich nur deswegen überhaupt aufs Pferd gestiegen. Auch mal abends, bei immer noch 32° im halbdunkeln. Und es hat sich gelohnt, denn das Vergnügen liegt ja nicht nur bei dem einen Tag an dem man den Distanzritt bewältigt, sondern in all den kleinen Zielen, die man vorher erreicht, all den Fortschritten, die man sieht. Und ganz nebenbei lernt man sein Pferd noch viel besser kennen und beobachten. Ob es jetzt ein Distanzritt oder etwas anderes ist: ich wünsche mir, dass mehr Pferde mit ihren Menschen mal solche Unternehmungen wagen. Schon die Vorbereitungen für so ein kleines Abenteuer bringen Pferd und Mensch voran, sowohl in der Beziehung zueinander als auch was die Fitness angeht. Also traut Euch, da gibt es noch so viel zu entdecken!

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