Duncan ist fertig mit Trinken. Er steht vor der Pfütze, ich sitze auf seinem Rücken. Sein Ausreitkumpel ist schon wieder losmarschiert. Duncan hingegen bleibt stehen. Als ich ihn treibe, entlastet er ein Hinterbein und bewegt sich keinen Schritt. Ich bekomme Panik: was ist mit ihm?
Ich steige ab und rufe nach meiner Freundin, die umkehrt und zurück kommt. Ich gebe ihr Duncans Zügel und messe erstmal Puls. 76, das ist völlig in Ordnung, dafür dass wir gerade 13 km in flottem Tempo unterwegs waren. Ich kenne diese Werte und heute profitiere ich zum ersten Mal davon. Dann führe ich Duncan ein Stück: lahmt er? Nein. Ich trabe ihn an der Hand, da kommt er auch ganz ok mit. Er läuft wie ein Uhrwerk, weder meine Freundin noch ich können ein Problem erkennen. Aber sein Gesicht sieht müde aus. Also führe ich ein Stück. Wenn es nach ihm ginge, würden wir stehen bleiben, aber es fängt schon an, dunkel zu werden und wir sind zwar nicht an der Straße, aber völlig unbeleuchtet unterwegs. Ich führe ihn 500 Meter, er wirkt ok. Dann kommt der letzte Plattenweg für heute. Vor uns liegen noch knappe 2km und wenn ich eins auf meinem zweiten (und letzten) Distanzritt mit Finlay gelernt habe, dann das: wenn das Pony müde ist, ist Schritt gehen keine gute Option. Also steige ich wieder auf. Aber Duncan drängelt Richtung Gebüsch – eigentlich ein Zeichen dafür dass er Pieschen muss. Aber er lässt sich bitten. Es dauert, ich pfeife (unser Piesch-Signal), ich lasse ihn immer wieder einen Schritt vorgehen. Schließlich macht er tatsächlich eine kleine Pfütze, aber ob er wirklich musste, weiß ich nicht, denn es ist recht wenig, was da kommt. Danach ist er bereit, wieder loszugehen. Er trabt noch einmal wie ein kleines Uhrwerk, gibt sogar nochmal Gas, die Beine können noch laufen.
Mir bleibt nachher nur, mir das alles zu merken und mir Strategien zu überlegen, die ich probieren könnte. Vielleicht wäre es klüger gewesen, ihm 5 Minuten Graspause zu gönnen, das probiere ich beim nächsten mal. Die Frage ist nur, ob er dabei geistig so einschläft, dass er dann gar nicht mehr in Gang kommt. Gleichzeitig erkenne ich mal wieder, was ein Pferd so alles können muss, bevor es auf Distanz- oder Wanderritt gehen kann. Vor gut 2 Jahren war mein Plan, Duncan zu zeigen, dass man sich seine Kräfte einteilen muss. Dass man nie weiß, wie lang der Weg noch wird. Dass es nicht so viel Sinn macht, das ganze Pulver am Anfang zu verschießen. Und mein Plan ging auf: er war besser regulierbar am Anfang unserer Ausritte, weil er wusste: da kommt noch genug zum austoben. Diesen Montag war er aufs Galoppieren aus. Er weiß doch, wie es läuft, wenn wir mit dem Ausreitkumpel unterwegs sind. Und er will laufen, er liebt galoppieren. 13km hat er gut „gezogen“, und dann – plötzlich – war Schluss. Sobald wir Schritt gingen und an der Pfütze angehalten haben, war Ende mit dem Vorwärtsdrang. Oder war es die Tatsache, dass wir schon an zwei Abbiegungen vorbeigeritten waren, die uns auf kürzerem Wege zum Anhänger gebracht hätten? Normalerweise scheint Duncan das ja immer egal zu sein bzw oft habe ich das Gefühl er weiß es nicht. Aber diesmal bin ich nicht sicher – hatte er das auf dem Schirm und meinte, es sei Zeit, zurückzukehren zum Heu? War er verwirrt, weil wir nicht den selben Weg zurück geritten sind, den wir gekommen waren? Oder war es ein taktischer Fehler meinerseits, dass wir bei den schnellen Ritten jetzt so oft ohne Graspause durchgezogen haben – will er deswegen schnell zurück, weil er Hunger hat? Es gibt für mich viele offene Fragen, aber es gibt auch für Duncan etwas zu lernen: manchmal gibt es die Option einer Pause einfach nicht. Manchmal, wenn es dunkel wird, wenn Menschen noch einen Termin haben, wenn man irgendwo im Nirgendwo steht und ein Gewitter aufzieht…. dann gibt es diese Möglichkeit nicht. Dann muss man die Zähne zusammenbeißen und es durchziehen. Kräfte mobilisieren – in diesem Fall eher geistige als körperliche – und weitermachen. Auch das will geübt werden, das habe ich jetzt verstanden. Und ich als Mensch muss entscheiden, wie viel Druck ich machen darf und will. Wie deutlich sage ich meinem Pony, dass wir weiter gehen müssen? Wann akzeptiere ich ein „nein“, auch wenn es dann vielleicht nachher dunkel/spät/kalt/nass wird?
Habe ich die richtige Entscheidung getroffen? Das erfahre ich wohl frühestens beim nächsten Ausritt. Ich habe nur Beobachtungen gesammelt: Als wir dann wieder am Anhänger waren und gekühlt hatten, war Duncans Puls bei 60, er kann also körperlich nicht massiv überfordert gewesen sein. Im Anhänger hat er kaum Heu gefressen, sondern die meiste Zeit gedöst – also muss er SEHR kopfmüde gewesen sein. Als wir nach hause kamen, war er sehr anhänglich. Es war schon dunkel und ich habe ihn direkt zur Weide gebracht. Die anderen Ponys waren noch irgendwo im Paddock unterwegs, ich habe den Weidezaun aufgemacht, aber Duncan ist die ganze Zeit bei mir geblieben und nicht zum Gras gelaufen, ich habe ihn dann hin begleitet. Da wir ihm noch eine Abschwitzdecke übergelegt hatten, kamen wir eine Stunde später nochmal (ich hatte Arnulf gebeten, mit aufs Pony zu gucken), da kam Duncan uns unaufgefordert entgegen. Seine Muskeln waren weich, er freute ich über Äpfel und wirkte gesund und munter. Auch als ich eine weitere knappe Stunde später wiederkam um die Decke abzunehmen, war er ganz er selbst und bestens gelaunt. Was auch immer das alles bedeutet: in irgendeiner Form krank oder köperlich „kaputt“ war mein Pony wohl nicht. Im Gegenteil: tags drauf war er bestens gelaunt und bereit für weitere gemeinsame Aktivitäten.
Es ist nicht der erste Ausritt, bei dem ich fürchtete, ihn überfordert zu haben. Auch dieses mal zeigt sich wieder: nach diesen Ausritten ist Duncan mir besonders zugewandt. Auch am Tag danach sucht er den Kontakt zu mir mehr und deutlicher als sonst. Woraus ich folgere, dass er es toll fand. Richtig auspowern, an Grenzen stoßen, über sich hinauswachsen. Das scheint Duncan zu lieben! So ein Pony hatte ich noch nie. Wie ich am besten damit umgehe, muss ich jetzt wohl lernen, durch vorsichtiges Ausprobieren und beobachten, Rücksprache halten mit dem Pony, meiner Freundin, meinem Mann und dem einen oder anderen erfahrenen Pferdemenschen.
Die gute Nachricht: Pubertät scheint vorerst wieder vorbei zu sein, Duncan war wieder ganz er selbst, aufmerksam, artig und gut im Gleichgewicht. Juhuuu!