Spezial-Training

Wie Duncan Euch gestern schon berichtet hat, waren wir mal wieder auf spezieller Übungs-Mission. Manche werden mich deswegen vielleicht belächeln. Ja, ich habe einen ganzen Nachmittag investiert, bin viele Kilometer mit dem Anhänger gefahren und habe Unterricht genommen, in dem ich nichts anderes getan habe, als mein Pony auf- und wieder abzusatteln. Wohlgemerkt: mein sehr, sehr artiges Pony. Mein Pony, das ohne Geschrei, Gezappel und Gerenne an einem völlig fremden Ort vom Anhänger steigt, sich dort anbinden lässt, sich alles antüddeln lässt. Ohne sich viel hin und her zu drehen, zu scharren, zu wiehern oder was es sonst noch so an Optionen gibt (worauf ich schon verdammt stolz bin, ehrlich gesagt). Warum also die Übung? Weil ich ihn gern entspannter hätte. NOCH entspannter.

Auf der Rückfahrt fiel mir im Gespräch mit Arnulf auf, wie meine Vorstellung davon, was es heißt, mit Pferden zu arbeiten, sich von Grund auf verändert hat in den letzten Jahren. Irgendwie ist es in unserer Welt meistens so, dass wir Dinge von den Pferden verlangen. Freundlicher oder weniger freundlich, aber das Pferd soll dieses, jenes oder selles für uns tun. Dabei übersehen wir gerne mal, dass WIR diejenigen sind, die in der Bringschuld sind. WIR haben uns entschieden, ein Pferd zu kaufen. WIR haben entschieden, dass wir dieses Pferd reiten/fahren/longieren/putzen wollen. Und weil wir das Pferd bei uns haben, müssen wir auch dafür sorgen, dass es sich z.B. die Hufe bearbeiten lässt. Es ist nicht der Job des Pferdes, sich die Hufe machen zu lassen, es ist unser Job, das Pferd in die Lage zu versetzen und zu motivieren, sich die Hufe bearbeiten zu lassen. Und glaubt mir, in 25 Jahren als Hufpflegerin habe ich nicht viele Menschen gesehen, die wirklich nach diesem Grundsatz handeln. „Das kannst du jetzt mal machen“, „jetzt halt doch mal still“ und „stell dich nicht so an“ sind Sätze, die uns allzu schnell über die Lippen kommen – ich nehme mich da nicht aus. Wenn ich komme und eine Arbeit zu erledigen habe, werde ich auch kurzfristig erstmal sehen, dass ich diese Arbeit erledigt kriege. Langfristig wäre es die Aufgabe der Besitzerin, dafür zu sorgen, dass ihr Pferd besser steht – was auch immer das im individuellen Fall erfordert. Vielleicht sind es diese Jahre der Hufbearbeitung, die mich nach und nach sensibilisiert haben und in denen ich verstanden habe, wie verdreht und verkehrt unsere Sicht auf diese Dinge ist.

Wenn ich also mit meinem Pony bestimmte Dinge tun will, ist es mein Job, mein Pony darauf vorzubereiten. Und mein Anspruch ist gestiegen: es reicht mir nicht, dass mein Pony sich richtig verhält, ich möchte, dass er sich auch wirklich wohl fühlt. Das wird nicht immer und überall möglich sein und Herausforderungen gehören zum Leben dazu. Aber ich möchte ihn nicht ständig überfordern, nur weil er so artig ist und sich so sehr bemüht. Gerade weil er sich so viel Mühe gibt, alles richtig zu machen, hat er nicht verdient, unter latentem Dauerstress zu stehen. Leider sehen immer noch viele Leute diesen Stress bei ihren Pferden nicht. Das ist keine böse Absicht, sondern mangelnde Ausbildung und zu niedriger Standard. Ich bin nun immerhin so weit, dass ich es sehe. Der nächste Schritt ist, dass ich noch besser lerne, wie ich dem Pferd helfen kann, aus diesem Stress raus zu kommen.

Früher war Wiederholung das Mittel der Wahl. Wiederholen und hoffen, dass das Pferd von allein besser klar kommt. Und natürlich ist das immer noch besser als Druck ausüben oder das Pferd einfach unverhofft und ungeübt in alle möglichen Situationen zu bringen. Aber heutzutage wissen wir so viel mehr über Pferde. Es gibt so tolle Ausbilder rund um den Globus, die uns lehren, wie wir den Pferden helfen können. Wir müssen nicht mehr stumpf wiederholen, wir können aktiv dazu beitragen, die Dinge zu verbessern. Und das ist doch toll! Ja, es erfordert von uns Menschen nochmal mehr Aufmerksamkeit. Nochmal mehr Mitdenken, mehr Mühe geben, mehr lernen. Aber die Belohnung ist ein wirklich entspanntes, zufriedenes und glückliches Pferd und eine Beziehung die viel tiefer geht als alles was wir bisher so kannten.

Heutzutage gibt es für fast alle Themen die passenden Spezialisten. Und dank Internet kann man die auch finden. Man braucht nicht – wie vor 30 Jahren – den einen Reitlehrer vor Ort, der dann alles können soll. Man kann sich den Menschen suchen, der sich mit dem Thema, das man gerade am Wickel hat, ständig beschäftigt und gut auskennt. Und genau das habe ich getan. Während ich bei Alex Zell auf dem Kurs etwas über Balance, Rotationen und Rinderarbeit lernen kann, meinen Sitz und meine Einwirkung verbessere und ganz nebenbei das Hufschuhproblem löse, war ich diesmal bei Jule Liebelt und habe unter ihrer Anleitung Entspannung beim Satteln in fremder Umgebung geübt. Weil ich weiß, dass Jule sich viel mit diesen Dingen auseinandersetzt, viel von Elsa Sinclair gelernt hat und selbst auch Ponys hat, die im Ausdrucksverhalten nicht so weit weg von Duncan sind. Ausbilder, die vorwiegend mit iberischen oder arabischen Pferden zu tun haben, können die Ponys oft nicht gut lesen und kennen sich da nicht so aus. Mein artiges, äußerlich ruhiges Pony zu verstehen, erfordert eine andere Expertise. Das eine ist nicht schlechter als das andere, es ist eine Frage von Spezialisierung. Und heutzutage ist es zum Glück so, dass viele Ausbilder sich stark spezialisiert haben und in ihrem Gebiet richtig, richtig gut sind.

Weder als Ausbilderin noch als Pferdebesitzerin muss ich alles können und wissen. Ich muss nur wissen, wen ich fragen kann und wer mir helfen kann. Aber allem voran muss ich merken, wenn ich ein Problem habe oder etwas für mein Pony noch besser werden könnte. Und noch einen Schritt davor ist es an mir, zu erkennen, dass das MEINE Bringschuld ist. Wenn mein Pony sich nicht so verhält, wie ich das gerne hätte, ist das nicht die Schuld des Ponys. Letztlich, konsequent zu Ende gedacht, ist es immer der Mensch, der in der Verantwortung ist. Das heißt nicht, dass so ein Pony nie Schabernack macht (gerade Ponybesitzerinnen wissen, wie viel Freude manche Ponys daran haben). Aber ich muss erkennen, wann es Schabernack ist und wann es was zu üben oder ein Problem zu lösen gibt. Und ich muss lernen, auch mit dem Schabernack so umzugehen, dass langfristig etwas vernünftiges dabei heraus kommt. Was dieses vernünftige ist – das entscheidet jede Pferdebesitzerin für sich selbst und möglichst im besten Sinne auch für ihr Pony.

Und wenn es gut läuft, dann habe ich nachher ein Pony, das in jeder gegebenen Situation gut klar kommt, entspannt ist und Spaß hat am gemeinsamen Tun. Diese Ponys fallen nicht vom Himmel, es ist unsere Aufgabe, ihnen zu ermöglichen, ihr bestes Selbst zu werden. Und wenn das bedeutet, dass ich satteln in fremder Umgebung übe, dann habe ich mein Geld und meine Zeit gut investiert. Und die Erfahrung lehrt, dass die, die mich jetzt dafür belächeln, in ein paar Jahren neidisch sein werden.

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  1. Avatar von Unbekannt

1 Comment

  1. liebe Lioba, Du bringst es prima auf den Punkt! Besonders ich habe ganz viel von guten Trainern und Pferdemenschen mit speziellen Fähigkeiten/Kenntnissen gelernt, und dafür bin ich heute noch allen sehr, sehr dankbar. Nur ihnen habe ich zu verdanken, dass ich so gut mit meinem Amadeus umgehen kann und nicht bei jedem Problemchen in Panik verfalle. Aufgrund unseres Alters (Amadeus und meinem 🤗) werde ich sicherlich nicht mehr so viel Abenteuer erleben, aber durch all mein Wissen, das ich im Laufe der letzten 10 Jahre „angehäuft“ habe, können wir unsere gemeinsame verbleibende Zeit genießen. Viele Grüße Angelika

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