Blau-gelb

Wenn ich eine neue Reitschülerin und ihr Pferd kennenlerne, frage ich ja immer auch, was die beiden so zusammen machen. Und bei einigen kommt dann unter anderem „Equikinetic“. Bisher wusste ich darüber nur wenig. Naja, von Dualaktivierung hatte ich natürlich schon mal gehört und ich wusste, dass es bei den blau-gelben Gassen um die zwei Farben geht, die Pferde am besten sehen und unterscheiden können. Ich wusste auch, dass Michael Geitner auf Facebook seine Methode bewirbt mit den Worten „mach diese eine Übung und hab ein fittes Pferd“. Was ich mich frage: wenn ich bei 100 Reiterinnen, die ich treffe, von einer gewissen Zahl erfahre, dass sie Equikinetic machen und wenn ich dann im Durchschnitt keinerlei Unterschied in der Bemuskelung der Pferde sehe, was ist da falsch gelaufen?  Kann natürlich sein, dass das System falsch angewendet wird. Daher entschloss ich mich, mir das Training mal live und in Farbe vom Original vorführen zu lassen – Fortbildung hat schließlich noch keinem geschadet. Also hab ich mir frei genommen und bin zum  „Equiday“ gefahren. Dort habe ich mir einen Tag von Michael Geitner persönlich erklären lassen, worum es geht und wie das alles funktioniert. Eine gut organisierte Veranstaltung, bei der Michael Geitner und Alexandra Schmid mit verschiedenen Pferden und ziemlich viel Theorie die verschiedenen Trainingsarten erklären, die sie anbieten. Beide zeigen einen exzellenten Umgang mit den Pferden. Michael Geitner spricht viel darüber, wie er sich in den letzten Jahren diesbezüglich weiterentwickelt hat, wie viel kulanter er geworden ist und wie wenig er heutzutage von „Dominanz“ hält. Wichtig ist ihm, dass man sich auf das Pferd konzentriert und Alexandra Schmid demonstriert das auch: wenn sie mit dem Pferd arbeitet, ist ihr Mikrofon ausgeschaltet. Sie lässt Michael Geitner sprechen und wenn der sie etwas fragt, nimmt sie sich auch die Zeit zu sagen „Moment“ und erst die Arbeit mit dem Pferd zu beenden. Das finde ich vorbildlich und sehr sympathisch.

In der Equikinetic läuft das Pferd eine vorgegebene Zeit auf einem vorgegebenen Kreis. Ist das eigentlich schon alles? Dabei soll es sich nach innen stellen und biegen. Wie man das nun wirklich praktisch erreicht bzw wie das Endbild im Geitner-System aussehen soll, wird für mich in den Demos leider nicht ganz klar, aber es ist ja auch nur ein Demo-Tag und kein Kurs. Also lausche ich genau auf die Gespräche um und mit Michael Geitner. Ich höre, wie er in der Pause zu einer Dame sagt „wenn man das lang genug macht, wird das Pferd sich stellen und biegen, egal wie viele Fehler der Mensch macht, weil die Kreislinie ja vorgegeben ist“. Und ich glaube, genau da liegt der Hase im berühmten Pfeffer.

Immer wieder wird betont, man solle mal 3 Monate nicht reiten und nur jeden zweiten Tag Equikinetic machen, das bringe erstaunliche Erfolge. Jede andere Aktivität, die man dazwischen einbaue, berge die Gefahr, diese Erfolge zunichte zu machen. Ich frage mich, ob der Erfolg der Trainingsmethode nicht so sehr an dem liegt, was getan wird, sondern an dem, was nicht getan wird. 3 Monate ohne Sattel und Reiter wird vielen Pferden ganz sicher helfen, ihren Rücken wieder aufzubauen – nämlich z.B. all jenen Pferden, die einen unpassenden Sattel haben (leider ein sehr weit verbreitetes Problem, auch bei denen, die den Sattler regelmäßig da haben… ).

In einem Teil des blau-gelben Trainingssystems werden dann Gummimatten vorgestellt, über die die Pferde laufen. Die Erklärung ist, dass auf unsicheren Untergründen von alleine eine Geraderichtung im Pferd stattfindet, weil die Hinterhand bemüht ist, der Vorhand genau zu folgen, um kein Risiko einzugehen. Diese Information war mir neu, leuchtet aber total ein. Die Hinterhand läuft in die selbe Spur wie die Vorhand, denn diese hat schon Informationen gesendet darüber, wie die Bodenverhältnisse sind. An dieser Stelle muss ich ein bisschen lachen, denn wenn es um unsichere Bodenverhältnisse geht, brauche ich keine Gummimatte zu kaufen. Wie wäre es mit etwas Matsch, einem kleinen Berg, rutschigem Gras oder einer Pfütze? Findet sich kostenlos im Gelände und macht Pferd und Mensch mehr Spaß. Wenn die gegebene Erklärung stimmt, ist mir jetzt auch klar, warum unebene und schwierige Böden die Gymnastizierung des Pferdes so gut fördern.

In der Pause sehe ich mir den Pferdeschädel samt Atlas und Axis an, den Alexandra Schmid zuvor gezeigt hatte. Ich frage mich, wie die drei Teile zusammengehören und bin etwas beschämt, dass ich mich daran nicht erinnere. Schade, dass ich am Infostand auch von den anwesenden Trainerinnen keine Antwort auf meine Frage bekomme, eine Grafik oder eine Beschriftung an den Knochen hätten mir geholfen. Extra nach Alexandra suchen möchte ich jetzt nicht, ich weiß ja, dass mein Mann es mir zu hause anhand seiner vielen  Anatomie-Bücher zeigen kann.

Ich treffe eine frühere Hufpflegekundin mit ihren Töchtern – wow, sind die groß geworden (oder ich so alt?)! Wir sprechen darüber, wie erstaunlich es ist, dass 8 Minuten Training so viel bringen soll und das Pferd danach angeblich so dringend einen Pausentag braucht. Eine der beiden jungen Frauen sagt „wahrscheinlich bringt jedes Konzept erstaunliche Erfolge, wenn man es 3 Monate lang jeden zweiten Tag macht. Mach doch mal 3 Monate lang jeden 2. Tag Verladetraining, da wirst du auch staunen.“ Was für ein wahrer Satz.

Vielleicht ist das das Erfolgsgeheimnis hinter der Equikinetic: wenn der Druck groß genug ist, weil das Pferd z.B. ein gesundheitliches Problem hat, und der  Mensch das wirklich durchzieht, dann hilft das auch. Wenn ein Mensch jeden zweiten Tag 8 Minuten Sport macht, wird das bei den untrainierten, den schiefen und den total steifen Menschen eine Menge bringen. Wer allerdings sowieso viermal in der Woche eine Stunde Sport macht, wird kaum davon profitieren (es sei denn es ist eine ganz andere Art von Sport als sonst).

In der abschließenden Fragerunde staune ich, dass Michael Geitner seinen Zuschauern immer noch erklären muss, warum ein Sperriemen eine blöde Idee ist. Auf dem Heimweg denke ich noch über Gespräche nach, die ich in der Pause gehört habe: für manche war es anscheinend eine neue Information, dass es einen Unterschied zwischen dem rechten und dem linken Auge des Pferdes gibt – ich dachte, das weiß inzwischen nun wirklich jeder. Die Leute, die zu mir kommen, sind zum Glück etwas weiter. Sie haben sich in der Regel schon sehr viele Gedanken gemacht, sie reiten sehr viel besser und vor allem pferdefreundlicher als der „Otto-Normal-Reiter“ und sie beobachten ihre Pferde mit Argusaugen. Sie haben ständig den Sattler, den Osteopathen oder die Physiotherapeutin da und geben sich eine Menge Mühe, ihrem Pferd ein abwechslungsreiches Training zu bieten. Sie lesen Bücher, besuchen Kurse und machen sich haufenweise Gedanken. Ich bin dankbar für jede einzelne meiner Schülerinnen, die mit so viel Herzblut dabei sind!

Aus dem Equiday nehme ich einige Ideen und Anregungen mit und ich bin froh, dass Michael Geitner Gutes tut für die Pferdewelt. Er ist ein hervorragender Vermittler seiner Methode und seiner Werkzeuge und weiß genau, was er tut.

Später, als ich für Diego den 8m-Kreis aufgebaue und diesen Zirkel in unser reguläres Doppellongen-Trainng integriere, verstehe ich einen weiteren Punkt: in der Equikinetic wird nach Zeit trainiert. Das bedeutet, der Mensch entscheidet nicht, wann es gut war und man die Übung beenden sollte – die Uhr entscheidet, wann Pause ist. Das war einer meiner größten Kritikpunkte an dem System, aber inzwischen halte ich es für schlau. Denn sehr viele Menschen erkennen gar nicht zuverlässig, wann ein Pferd gut läuft (oder besser läuft als zuvor). Sie können also kaum herausfinden, wann sie loben und Pause machen müssten. In der Equikinetic wird das Lernen dem Pferd überlassen. Man sagt ihm quasi „eine Minute Mühe geben, dann Pause machen, das ganze 8 mal“. Das ist überschaubar, das Pferd wird motiviert sein, und mitzumachen. Dadurch wird es automatisch besser, dadurch wiederum motivierter. Die blauen und gelben Gassen und Hütchen machen die Aufgabe deutlich sichtbar und das Pferd kann auch selbst einschätzen, wie gut es das geschafft hat.

Und ich gestehe, dass auch ich merke, wie unrund meine Zirkel sind. Ein genau abgemessener, vorgegebener Kreis kommt mir nicht rund vor – das kann ja nur bedeuten, dass ich vorher irgendwelche Ovale longiert habe, die ich für Kreise hielt. Ich nehme mir also fest vor, noch viel öfter Dinge aufzubauen und dabei auch genauer nachzumessen. Zum Glück ist die Auswahl ja groß.

Fürs Pferd hat man also jetzt alles sichtbar und selbsterklärend gemacht. Jetzt könnte man auch noch eine kleine Matte hinzufügen, auf der der Mensch steht, damit der sich nicht mehr ständig vom Pferd durch die Gegend schieben lässt. „Positionsarbeit“ nennt Michael Geitner das und es ist ihm enorm wichtig. Doch wo ist das Hilfsmaterial für die Menschen? Blau und gelb sind ja nun schon besetzt aber wenn es demnächst eine orange-grüne Matte zu kaufen gibt, auf der Menschen stehen sollen, damit sie ihre Position halten, dann wisst ihr wer sie erfunden hat……

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