Als ich noch ein Kind war hat mein Großonkel mir ein Buch geschenkt. Kein neu gekauftes, sondern eins aus seinen Beständen, aus seiner Zeit bei der Kavallerie. Müselers Reitlehre in der Ausgabe von 1938. Mit seinem zerschlissenen Einband und den abgerundeten Ecken ist es für mich doch immer ein ganz besonderes Buch – eine Art Zeitzeuge in meinem Bücherregal.
Das Buch beginnt mit dem Kapitel „Die Ausbildung des Reiters“. Und widmet sich dann den Fragen „Wie lernt der Reiter sitzen?“, „Wie lernt der Reiter fühlen?“ und „Wie lernt der Reiter einwirken?“
Schon die Reihenfolge dieser drei Fragen sagt einiges aus. Sitzen lernen, das haben wir zu meiner Zeit noch an der Longe getan in der denkbar ungünstigsten Art und Weise („Hände ruhig!“, „Schultern zurück!“, „Absatz tief!“). Heute gebe ich natürlich im Reitunterricht auch Hinweise, wie eine Reiterin besser sitzen kann, aber ich kann trotzdem nur jeder empfehlen, sich auch separat mit ihrem Sitz zu beschäftigen. Ich bin da keine Expertin, aber es gibt viele Ausbilder, die sich genau darauf spezialisiert haben und die auch neben dem Pferd gute Angebote wie Yoga, Pilates etc haben. Sitzen lernt man nicht einmal und ist dann fertig damit. Sitzen übt man ein Leben lang.
Wie lernt der Reiter fühlen? Tja, da sind wir heute oft im Nachteil. Denn Fühlen lernt man vor allem im Vergleich und dafür bräuchte man verschiedene Reitpferde. Die meisten Frauen, die ich unterrichte, reiten immer ein und dasselbe Pferd. Das Gefühl auf diesem Pferd hat ihr Körper als „normal“ abgespeichert. Da wird es schwierig, ein neues Bewegungsbild zu bekommen. Wann immer sich euch die Gelegenheit bietet, mal ein anderes Pferd zu reiten, nehmt sie wahr. Und sei es nur 10 Minuten im Schritt: für den Körper ist es eine wertvolle Erfahrung, ein wichtiger Vergleich, um dann besser wahrzunehmen, was das eigene Pferd wohl für Besonderheiten, Schiefen oder Steifigkeiten mitbringt.
Und wie lernt der Reiter einwirken? Auch hier sind wir wieder sehr im Nachteil. Zu Müselers Zeiten lernten die Reiter auf vernünftig ausgebildeten Schulpferden. Heute sind zumindest jene Frauen, mit denen ich zu tun habe, selbst Pferdebesitzerinnen. Reitschulen mit gut ausgebildeten Pferden sind sehr selten. Wenn aber das eigene Pferd noch nicht viel weiter ausgebildet ist, als die Reiterin oben drauf, dann wird der Weg um ein vielfaches schwieriger. Denn eine Reiterin, die das Zielbild nicht im Kopf und Körper hat, weil sie es noch nie geritten ist, sitzt jetzt auf einem Pferd, dem es ganz genauso geht. Beide kämpfen mit ihren körperlichen Schwierigkeiten: die Reiterin kommt meist aus einem bewegungsarmen Alltag im Büro, das Pferd hat das eine oder andere Zipperlein und lebt ebenfalls sehr bewegungsarm (Offenstall hin oder her).
Natürlich kommen Reiterin und Pferd trotzdem voran, wenn sie dranbleiben und üben, guten Unterricht bekommen und sich weiterbilden. Dennoch glaube ich, dass die Ausbildung von Reitern heute deutlich länger dauert als damals, zu Müselers Zeiten.
Denn selbst die, die jede Woche Unterricht nehmen und viel reiten, äußern immer dasselbe Problem – und selbst Müseler wusste das schon. Er schreibt: „Es liegt nun der Gedanke nahe, dass der Reiter zunächst die einzelnen „Einwirkungen“ für sich allein ausprobiert, um dann, wenn er mit ihnen vertraut ist, „Hilfen“ geben zu können. Zu Pferde ist das in dieser Form meist leider nicht möglich, weil das Pferd auf Einwirkungen nur dann vernünftig reagieren kann, wenn mehrere von ihnen in solcher Zusammenstellung gegeben werden, dass sie als „Hilfen“ für das Pferd verständlich sind. Wollte man z.B. die Wirkung des „Annehmens“ der Zügel für sich allein ausprobieren, ohne die zum Verständnis für das Pferd notwendigen Ergänzungen der Kreuz- und Schenkeleinwirkungen mit dem richtig abgemessenen Nachdruck gleichzeitig vorzunehmen, dann wüsste das Pferd nicht, was es machen sollte.“
Kurz und gut: man muss halt immer so viele Dinge gleichzeitig tun. Und im richtigen Moment aufhören, sie zu tun. Und dann soll man noch fühlen, was das Pferd tut. Und das Atmen nicht vergessen.
Deswegen starte ich in meine neue Mission: zu versuchen, die Dinge etwas mehr auseinanderzunehmen, damit Reiterinnen die Möglichkeit haben, einzelne Bausteine zu üben, um sie anschließend zusammenzusetzen.
Darum soll mein Duncan gelegentlich als Lehrpferd zur Verfügung stehen – er muss dafür auch gar nicht perfekt ausgebildet sein, sondern nur mal die Möglichkeit bieten, etwas zu erfühlen oder zu üben. Auch Diego wird hoffentlich bald wieder als Lehrpferd arbeiten können, sobald die nötige Fitness wieder hergestellt ist. Da ich beide von unten „fernsteuern“ kann, bleibt für die Reiterin mehr Zeit zum fühlen.
Außerdem habe ich mir vorgenommen, die Themen weiter herunterzubrechen. Ich möchte Workshops OHNE Pferd anbieten, der erste wird zum Thema „Timing und Rhythmus“ sein. Wer in meinem „Versuchskaninchendurchlauf“ dabei sein will, schreibt mich gerne an!
Heute haben wir viel bessere Lehrmethoden als Herr Müseler vor über 80 Jahren, denn wir wissen mehr über Pferdeverhalten und auch mehr darüber, wie der Mensch lernt. Nur das Reiten ist nicht einfacher geworden, das will – genau wie damals – gelernt und geübt werden und fertig ist man damit nie. Nicht umsonst heißt der kürzeste Reiterwitz „Ich kann´s“.