Symptome

Diego geht es gut. Seine Blutwerte sind alle wieder in der Norm bis auf einen Zinkmangel, den wir jetzt noch in den Griff kriegen müssen. In ein paar Wochen machen wir ein (hoffentlich) abschließendes Blutbild und ich hoffe sehr, dass wir dann endgültig einen Haken hinter die Sache machen können. Im Moment zeigt Diego sich wieder so, wie wir ihn kennen: mit gutem Appetit, aktiv, gut gelaunt und motiviert, etwas zu erleben und zu tun. Den Fellwechsel hat er – wie jedes Jahr – fix nebenbei erledigt und glänzt wieder wie eine Speckschwarte.

Ich denke zurück an seine Symptome und frage mich, ob ich früher hätte reagieren können. Natürlich mache ich mir im Nachhinein Vorwürfe, das tut man wahrscheinlich immer. Ich weiß inzwischen, dass ich das so oder so tue, egal, ob ich etwas hätte besser machen können oder nicht. Deswegen versuche ich, die dahinterstehende Emotion abzukoppeln von dem, was mein Verstand darüber denkt. Hätte ich es früher wissen können? Keine Ahnung. Ich hatte noch nie ein Pferd mit so einer Erkrankung (und wir wissen ja auch noch nicht mal, was es nun genau war. Die Vermutung ist, dass sich irgendwo im Körper ein Abszess gebildet hatte). Ich hätte auf jeden Fall früher Fieber messen und den Ruhepuls checken können. Aber wir waren komplett auf die Zähne fixiert, weil alles damit anfing, dass Diego schlechter Heu gefressen hat und seine Schneidezähne schief waren. Das ist vielleich etwas, was ich mir vorwerfen kann: dass ich zu lange noch an der Zahn-Idee festgehalten habe. Nachdem die Zähne gemacht worden und für unauffällig erklärt worden waren, hätte ich vielleicht direkt mal in eine andere Richtung schauen sollen. Der zweite Zahnbearbeiter, der da war, hatte uns ja gefragt, ob wir mal ein Blutbild gemacht haben. Und ich habe geantwortet, dass ich so viele Blutbilder habe machen lassen und nie was dabei raus kam, so dass ich jetzt eigentlich nicht mehr ins Blaue hinein ein Blutbild machen will. Hätte ich aber in diesem Fall mal machen sollen. So wird man eben schlauer. Wahrscheinlich werde ich in den nächsten Jahren wieder viele Blutbilder machen lassen und es wird nix bei rumkommen. Denn das nächste kranke Pferd wird wieder etwas ganz anderes haben, weil das Leben eben so ist.

Ich höre ja auch viele Geschichten von kranken Pferden und Diagnosen. Irgendwann denkt man vielleicht, man hat alles schon mal gehört. Ich kann mich aber an keine Geschichte erinnern, die sich so anhörte wie Diegos.

Ich glaube, das größte Problem war, dass die Symptome nicht konstant da waren. Diego hatte viele gute Tage, an denen er gut gefressen hat. Tage, an denen wir ganz normal ausreiten waren. Er hatte Lust, zu laufen, ist freiwillig in den Anhänger gestiegen und wirkte völlig normal. Und dann kamen wieder schlechte Tage. Das hat es schwierig gemacht, das Ganze zu überblicken. Und ich glaube, dadurch habe ich es auch nicht ernst genug genommen.

Jetzt kann ich zum ersten Mal beobachten, dass auch mein Mann ein „Helikopter-Gen“ hat. Dass auch er schnell mal Panik bekommt, ob es seinem geliebten Pferd gut geht. Er lächelt ja sonst gern mal über die übervorsichtigen „Pferde-Muttis“. Aber diesmal hat es sein Pferd getroffen und schon sieht die Welt anders aus. Und das ist etwas, was ich unbedingt (wieder) mitnehme aus dieser Erfahrung: das eigene Gefühl trügt, in die eine oder andere Richtung. Und es braucht den Blick von außen, objektiv messbare Daten (wie viel Heu hat Diego heute gefressen? Das war in letzter Zeit das Maß aller Dinge) und jemanden, der nicht persönlich betroffen ist. Und das sowohl in die eine Richtung bei der Frage „wie krank ist mein Pferd eigentlich?“ als auch in die andere Richtung „wie gesund ist mein Pferd jetzt wieder?“. Denn jetzt, wo Diego wieder fit ist und wir auch die offizielle, tierärztliche Genehmigung zum Antrainieren haben, finde ich es wichtig, nicht wie das Kaninchen vor der Schlange zu hocken und ihn ewig weiter zu schonen. Mit seinen nunmehr 21 Jahren baut Diego ja auch nicht mehr so schnell Muskeln auf wie ein Jungspund. Er braucht jetzt viel Training, um wieder richtig fit zu werden und die beste Jahreszeit dafür ist genau jetzt. Also runter von der Bremse und rauf aufs Gas.

Aber ich sehe auch, wie viele kleine Verhaltensweisen wieder da sind, die sich vorher nach und nach verändert hatten. Er steht wieder öfter am Stalltor. Er drängelt wieder mehr (keine angenehme Verhaltensweise, aber eine, die er eben immer zeigt). Er wandert wieder mehr und flotter herum. Das sind die Dinge, die sich verändert hatten, ohne dass wir es so recht gemerkt haben. Erst jetzt, wo es wieder so ist wie vorher, fällt es uns auf. Ich dachte, mit 21 wird ein Pferd eben auch älter. Aber bei Diego ist es nicht das Alter gewesen. Und das ist etwas, was ich auch schon öfter im Kundenkreis erlebt habe – dass man zu schnell dabei ist, Symptome einfach aufs Alter zu schieben. Das schreibe ich mir (wieder mal) hinter die Ohren.

Und dann ist es Zeit, das alles hinter uns zu lassen und das Leben wieder zu genießen. Auch das finde ich total wichtig. Denn für Diego ist alles wieder in Ordnung und es macht ihm keine Freude, wenn wir nur auf ihm herumschauen und panisch nach neuen Problemen suchen. Eigentlich ist also alles wie immer, die Wahrheit liegt in der Mitte. Viel Spaß bei der ewigen, erfolglosen Suche danach.

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2 Comments

  1. Liebe Lioba, es ist schön zu lesen, dass Diego wieder gesund ist! Du schreibst völlig zu recht, dass es manchmal schwer ist, zu erkennen was einem geliebten Tier fehlt, weil … es kann ja nicht sagen, was mit ihm los ist 😢.
    Zum Glück ist es jetzt vorbei und ihr könnt wieder zusammen ausreiten und Spaß haben.
    Ihr Beide habt schon viel Erfahrung und kennt euch mit vielen Dingen aus. Das ist ein großer Vorteil, besonders für eure Fellnasen.
    Liebe Grüße Angelika

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